Cover
Titel
Anger. The Conflicted History of an Emotion


Autor(en)
Rosenwein, Barbara H.
Reihe
Vices and Virtues
Erschienen
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
£ 20.00; € 25,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sophia Wagemann, Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig

Die Emotionsgeschichte verzeichnet seit etwa den 2000er-Jahren einen deutlichen Anstieg an Publikationen. Bettina Hitzer nahm 2011 eine Bestandsaufnahme vor und akzentuierte dabei zwei Zugänge der Emotionsgeschichte, die sich jedoch nicht gegenseitig ausschließen: zum einen die Befragung der Kategorie der Gefühle selbst, zum anderen die Fokussierung auf einzelne, spezifische Gefühle.[1] Einer der Zugänge ist hierbei das von der Mediävistin Barbara Rosenwein entworfene Konzept der Emotional Communities, das sie als „groups that share the same […] norms and values about emotional behavior and even about feelings themselves“ (S. 3) beschreibt. Diese Gemeinschaften sind zumeist quer zu Zugehörigkeitsgefügen wie Klasse oder Geschlecht situiert und können auch parallel, überlappend und zeitgleich zu anderen Gefühlsgemeinschaften stehen.[2]

In ihrem nun erschienenen Buch Anger verbindet Rosenwein die beiden von Hitzer herausgearbeiteten Stoßrichtungen, indem sie eine Geschichte der Wut schreibt und dabei den Umgang mit Emotionen allgemein darlegt. Dabei geht es Rosenwein weniger um eine Definition als um Wut als vielfältige Kategorie: „The more facets of anger we see, the better we can understand, feel, and know what to do with our own.” (S. 143) Hierfür schlägt sie einen großen Bogen von den Lehren des Buddha im 5. Jahrhundert vor Christus bis zum Women’s March 2017. Durch diese Diversifizierung und Historisierung von Wut soll eine Reflexion über ihre eigene Wut und diejenige des/der Leser/in angestoßen sowie zum Blick über die eigene Gefühlsgemeinschaft hinaus eingeladen werden (S. 6). Die Hauptthese ist, dass Wut zu unterschiedlichen Zeiten auch sehr unterschiedlich bewertet worden sei und das Spektrum dabei von Ablehnung bis hin zur aktuellen „Begeisterung“ für Wut reiche. Ihr Ziel ist es, durch das Wissen um die Verschiedenartigkeit von Wut in Emotional Communities mehr Austausch und Kompromissbereitschaft zwischen ihnen anzuregen.

Zunächst werden Strömungen in den Blick genommen, die Wut ablehnen. Die Autorin verweist auf den Buddhismus, in dessen Kontext Wut als eine Form des Hasses interpretiert wird (S. 10–23), auf den Stoizismus, der Wut als etwas begreift, das die Vernunft verunreinigt und die Selbstkontrolle beeinträchtigt (S. 24–38), wie eine Krankheit zu therapieren sei (Neostoiker, S. 44–52) oder als Begründung für Gewalt diene (S. 65). Der zweite Teil widmet sich der moralischen Bewertung von Gefühlen. Sowohl Aristoteles als auch christliche Gelehrte hielten Wut für gerechtfertigt, sobald sie als Reaktion auf eine moralisch verwerfliche Situation auftrat. Gefühle fungierten auch für einige Vertreter des Naturrechts als Mittel der Beurteilung von Beziehungen. Ihnen zufolge bildeten die „richtigen“ Gefühle einen moralischen Kompass, der die Gesellschaft aufrechterhalte (18. Jahrhundert). Da Wut als Reaktion auf eine Ehrverletzung angebracht war, blieb sie immer an die gesellschaftliche Stellung eines Individuums gekoppelt. Dies begründete vergeschlechtlichte Zuschreibungen von Emotionen sowie rassistische und klassistische Motive. So wurden etwa nur weißen Grundbesitzer/innen moralisch erhabene Emotionen zugesprochen; als grundsätzlich ungezügelt wurde im 18. Jahrhundert dagegen die Wut unterer Klassen, Krimineller und Afroamerikaner/innen erachtet (S. 125).

Rosenwein behandelt im dritten Teil die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Wut. In vier Unterkapiteln geht sie auf frühe medizinische Vorstellungen, laborbasierte neurowissenschaftliche Forschung, sozialkonstruktivistische Ansätze und die heutige politische Inanspruchnahme von Wut ein. Rosenwein hebt auf den Einfluss des Individuums auf seine Emotionen ab, die im Zuge der Lokalisierung von Emotionen im Gehirn nicht mehr möglich war. Galten ungefähr vom 3. bis zum 15. Jahrhundert Emotionen in der Gestalt von Flüssigkeiten im Körper als regulierbar durch bestimmte Handlungsweisen, liefen Emotionen in der Deutung der Zeitgenoss/innen seit etwa dem 16. und 17. Jahrhundert zunehmend automatisch ab und wurden messbar. Die sich auf Darwin beziehenden neurowissenschaftlichen Zugänge der Basic Emotions und Psychological Constructionists versuchen Emotionen sowohl in Gehirnscans als auch anhand von sechs grundlegenden emotionalen Gesichtsausdrücken zu bestimmen (S. 146f.). Rosenwein kritisiert verallgemeinernde Tendenzen und betont nicht-statische Aspekte der Zugänge zu Emotionen durchweg als positiv, etwa den Fokus der Psychological Constructionists, die das Gehirn als kontinuierlich lernend konzipieren. Der Konstruktivismus seit den 1980er-Jahren helfe, die sich verändernden gesellschaftlichen Verknüpfungen von Wut (etwa mit Aggression) zu hinterfragen. Sie spricht sich gegen verabsolutierende Aussagen aus und für Mikrostudien, um sich der komplexen Wandelbarkeit von Emotionen anzunähern.

Rosenwein versucht zu zeigen, dass Wut seit etwa der Jahrhundertwende um 1800 nicht länger als schädlich oder unschicklich gilt. Wut habe sich seither zunehmend zu einer gerechtfertigten Reaktion auf Unrecht gewandelt. So deklarierte etwa Rousseau Wut gegen Ungerechtigkeit nicht nur als Recht, sondern gar als Pflicht; während der Französischen Revolution wurde „just anger“ im Namen des Volkes zu einer zentralen, von vielen aufklärerischen Denkern vertretenen Idee (S. 177). Laut Rosenwein kulminiert das aktuelle (wütende) Streben gegen Unrecht in einem oberflächlichen Kampf um politische Sichtbarkeit. Dadurch würden die unterschiedlichen politischen Inhalte und Differenzen aus dem Blick geraten (S. 193–195). Das Problem sei, dass sich jede/r, der/die wütend gegen Ungerechtigkeiten kämpfe, im Recht fühle, jedoch mit der jeweiligen Wut Unterschiedliches meine. Daraus schließt sie, dass man von einer explosiven Wut absehen solle, um Kompromisse einzugehen. Es sei notwendig, ein Bewusstsein für die Nuancen der Wut zu entwickeln, um die eigene Wut kontinuierlich zu reflektieren und anzupassen. Dennoch wäre statt der versöhnlich anmutenden These des Eingehens auf andere Gefühlsgemeinschaften (S. 192–200) eine stärkere Positionierung beziehungsweise inhaltliche Vertiefung in Bezug auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Wut marginalisierter Gruppen wünschenswert. So scheint es wenig zielführend, auf die jüngst etwa von Sibel Schick[3], Teresa Bücker[4] oder Soraya Chemaly[5] vertretene These, dass Wut angesichts sozialer Ungerechtigkeiten und gruppenbezogener Diskriminierung dringend notwendig sei, mit der Forderung nach Verständnis und Respekt für andere Gefühlsgemeinschaften zu antworten. Auch wenn die genannten Autorinnen Rosenweins These einer Aufwertung der Wut bestätigen, indem sie auf das Potenzial und die Notwendigkeit der Anerkennung feministischer Wut hinweisen, widersprechen sie gleichzeitig Rosenweins Befund, dass diese Anerkennung heutzutage bereits gegeben sei.

Es ist dem breiten historischen Rahmen der Arbeit geschuldet, dass sie kaum auf die Mechanismen eingeht, die zur Herausbildung stabiler Emotional Communities führen. Hier wäre ein Blick in kulturwissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Emotionen produktiv gewesen, wie sie etwa Sara Ahmed vertritt.[6] Ahmed thematisiert, dass erst gesellschaftlich anerkannte Gruppen, die auf Emotionen anderer herabschauen, Emotional Communities voneinander abgrenzen und so verhindern, dass deren Wut ernstgenommen wird. Rosenweins Schlussfolgerung, alle müssten über ihre Community hinausblicken, greift daher zu kurz. Die Konsequenz kann nicht sein, Wut hinter sich zu lassen, sondern vielmehr zu fragen, wessen Wut (aus welchen Gründen und von wem) diskreditiert wird. Anderenfalls wird die Assoziation von Wut als irrational reproduziert, die gerade in Bezug auf marginalisierte Gruppen dazu führt, deren Anliegen zu ignorieren. Wut sollte stattdessen selbst als inhaltlich wertvoll verstanden werden.

Dennoch löst Rosenwein ein, was sie verspricht – sie zeigt unterschiedliche Wutkonzepte auf und regt dadurch einen Reflexionsprozess über das eigene Alltagsverständnis von Wut an. Dabei fehlt allerdings oftmals ein gewisser roter Faden. So interessant die zahlreichen Querverweise und ideengeschichtlichen Rückblenden sind, so verwirrend sind sie an einigen Stellen. Zudem gelingt es ihr nicht durchgängig, stereotype Zuschreibungen offenzulegen. So dienen Bezüge auf den (ja außerordentlich vielgestaltigen) Buddhismus oder einzelne außereuropäische Fallstudien vielfach eher als rohe Gegenentwürfe zu westlichen Konzepten und unterminieren Rosenweins Bemühung, Emotionsgemeinschaften quer zu anderen Zugehörigkeiten zu konzipieren. Dies bedeutet jedoch im Umkehrschluss, dass Rosenwein eine Grundlage legt für Arbeiten, die spezifische Emotionsgemeinschaften herausarbeiten und rekontextualisieren. Emotionsforschung kann – sofern sie detailliert und in Mikrostudien vollzogen wird – auch für innerhalb von Communities geprägte Emotionen Unterschiede und Wandlungsprozesse herausarbeiten. Zudem bereitet Rosenwein den Boden für Studien, die wandelnde Bewertungen von Wut nicht nur chronologisch in den Blick nehmen, sondern darüber hinaus auch parallel ablaufende Abgrenzungsbewegungen zwischen und innerhalb dieser Gemeinschaften erforschen.

Anmerkungen:
[1] Bettina Hitzer, Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen, in: H-Soz-Kult, 23.11.2011, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2011-11-001 (03.02.2021).
[2] Barbara H. Rosenwein, Emotional Communities in the Early Middle Ages, Ithaca 2006.
[3] Sibel Schick, Wut normalisieren, in: Neues Deutschland, 08.07.2020, https://www.neues-deutschland.de/artikel/1138869.emotionen-und-politik-wut-normalisieren.html (03.02.2021).
[4] Teresa Bücker, Ist es radikal, wütend zu sein?, in: Süddeutsche Zeitung, 05.05.2020, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/freie-radikale-die-ideenkolumne/wut-feminismus-88440 (03.02.2021).
[5] Soraya Chemaly, Speak Out! Die Kraft weiblicher Wut, 2. Aufl., Berlin 2020 (1. Aufl. 2018).
[6] Sara Ahmed, The Cultural Politics of Emotion, Edinburgh 2014.

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Veröffentlicht am
25.02.2021
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