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Titel
Das Neue Hoyerswerda. Ideenhaushalt, Aufbau und Diskurs der zweiten sozialistischen Stadt der DDR


Autor(en)
Richter, Felix
Erschienen
Berlin 2020: Urbanophil
Anzahl Seiten
365 S., 110 Fotografien, Pläne und Entwürfe
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jannik Noeske, Bauhaus-Universität Weimar

„Wir bauen eine neue Stadt // die soll die allerschönste sein“, ließ Paul Hindemith im Jahr 1930 einen Kinderchor singen und hüllte damit den Traum neuer, kollektiv erbauter Städte in ein musikalisches Gewand. Zwar haben auch feudale und kapitalistische Gesellschaften utopische Neustadt-Vorstellungen und reale Neustädte hervorgebracht, aber die Errichtung von Städten vom Reißbrett ist eng verbunden mit der Vorstellung vom Aufbau des Sozialismus, wie zum Beispiel in den Industriestädten in der Sowjetunion. Auch in der DDR entstanden – in den meisten Fällen zwar angeschlossen an bestehende Siedlungsstrukturen – neue Städte. Dazu gehören Eisenhüttenstadt, Schwedt, Halle-Neustadt oder eben Hoyerswerda.[1]

Was von der Utopie noch übrig blieb, fragt sich Felix Richter in seiner kürzlich in Buchform erschienenen Dissertation über Ideenhauhalt, Aufbau und Diskurs des „Neuen Hoyerswerda“. Das Buch ist der zweite Titel des jungen Urbanophil-Verlags, der aus dem gleichnamigen urbanistischen Blog hervorgegangen ist.[2] Mit einer anspruchsvollen Buchgrafik und der Prämisse, „neue Blicke auf den DDR-Städtebau“ (S. 7) zu ermöglichen, reiht es sich ein in eine Liste jüngerer Publikationen zu Städtebau, Architektur und Kunst der DDR[3], die mit einer zeitgemäßen Gestaltung und ungewohnten Betrachtungsweisen für eine neue Generation der DDR-Forschung stehen.

Richters Studie widmet sich also der zweiten Neustadt auf dem Gebiet der DDR. Die Arbeit ist durch zwei Dinge motiviert: Einerseits sei, so Richter, der Aufbau des Neuen Hoyerswerda eine eklatante Lücke in der Städtebauhistoriografie über die DDR, die mit dem Buch geschlossen werde. Zweitens handelt es sich bei der Studie um den Versuch einer Neudeutung der städtebaulichen Entwicklungslinien in der DDR, vertäut am Konzept einer „ersten“ und „zweiten Moderne“ (S. 19ff.). Mit dem Begriff der zweiten Moderne, Ulrich Becks Risikogesellschaft von 1986 entlehnt[4], erläutert Richter eine reflexive, post-utopische Wende im DDR-Städtebau (inklusive Architektur und Kunst im öffentlichen Raum), die er ungefähr auf das Jahr 1966 datiert.

Nach einer, dem Charakter einer Qualifikationsarbeit entsprechend, ausführlichen Einleitung legt Richter insbesondere den „Ideenhaushalt“ (S. 26) dar, der mit dem Aufbau der Neustadt verbunden ist. Neben dem rein Materiellen spielen also Kommentare, Zeitzeug/innenberichte, Pressemeldungen und propagandistisches Material eine gewichtige Rolle. So sind es vor allem die teilweise offen, teilweise verdeckt ausgetragenen Auseinandersetzungen um Charakter und Zukunft der Stadt, die das Buch lesenswert machen. Insbesondere das Werk der Schriftstellerin Brigitte Reimann („Kann man in Hoyerswerda küssen?“, S. 8) gibt erfrischende Einblicke und kontrastiert das Bild der grauen, leblosen Industriestadt.

Der Hauptteil des Buches gliedert sich in drei Abschnitte: Der erste ist dem Aufbau in der „ersten Moderne“ gewidmet und betrachtet den Städtebau aus ökonomisch-administrativer, aus funktionalräumlicher sowie aus sozialräumlicher Sicht. Richter beschreibt die planerischen Grundlagen und Entstehungsgeschichte des Neuen Hoyerswerda genau wie die chaotische, „hochgradig unreflektierte“ (S. 46) Anfangszeit, die auch von Delinquenz, Alkoholkonsum und Prostitution geprägt war. Ab Mitte der 1950er-Jahre wurden die Baustelle und das Leben in Hoyerswerda systematisch unter Leitung des bekannten Architekten Richard Paulick geordnet. Einen besonderen Stellenwert in dem Abschnitt nimmt dabei auch die kulturelle Stadtentwicklung ein. Hier schildert Richter, wie der Aufbau des Stadtzentrums mit kulturellen und gesellschaftlichen Einrichtungen dem Wohnungsbau hintangestellt wurde. Der Darstellung von Feiern, Ritualen und einem inszenierten Alltag räumt Richter ein weiteres und sehr produktives Kapitel ein.

Im darauffolgenden Kapitel, das als Bindeglied zu verstehen ist, geht es vor allem um die normativ-politischen Sichtweisen auf Hoyerswerda, um politische Praktiken, publizistische Kritik und mediale Gegenstrategien der SED insbesondere zwischen 1956 und 1966. Es werden in erster Linie die Auseinandersetzungen zwischen der Schriftstellerin Brigitte Reimann, der Staatsführung, der Bauakademie und der DDR-Presse geschildert.

Der letzte Abschnitt des Hauptteils widmet sich der Zeit nach 1966, der Richter den Verlust des Utopischen attestiert und die durch eine Suche nach „Identifikation“ und „Heimat“ geprägt sei. Die Berücksichtigung von Kritik und eine entsprechende Anpassung der Planung stünden für eine „reflexive Kurskorrektur“ (S. 242) im DDR-Städtebau. In diesen Jahren sei durch Verdichtung, Funktionsmischung, Eigenheim- und Kleingartenbau sowie differenzierte architektonische und künstlerische Arbeiten versucht worden, die Stadt attraktiver zu gestalten. Dieser Zeit spricht Richter den Verlust utopischer Bezüge und eine allgemeine „Entzeitlichung“ (S. 285ff.) zu, genau wie die Herausbildung asymmetrischer Machtinteraktionen und eine von Heimatdiskussionen geprägte allgemein post-utopische Stadtidentität.

Das Abschlusskapitel ist von großer Bedeutung für das Buch: Hier gelingt es dem Autor, die vielfältigen Betrachtungsweisen zu einer kohärenten Deutung zu vereinen. Richters Betrachtungsrahmen sind nämlich genau wie seine Quellenkenntnis sehr breit aufgestellt, das Unterfangen ist entsprechend ambitioniert: Neben der baugeschichtlichen Studie unternimmt der Autor eine Deutung des DDR-Städtebaus und seiner politischen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen und einer „diskursanalytischen“ (S. 27) Betrachtung der zahlreichen Stimmen zum Aufbau Hoyerswerdas, zum Beispiel in der wohlgemerkt staatlich zensierten DDR-Presse. Wer das Buch von vorne bis hinten gelesen hat, wird zwar einiges bereits Gesagtes wiederfinden, allerdings hilft dieses Kapitel ungemein, die zahlreichen Deutungszugänge nochmal zu überblicken.

Die Leistung Richters ist in jedem Fall beachtlich. Trotzdem werden Schwächen in der Argumentation augenfällig: Die Analyse des Ideenhaushalts unter anderem von Staat und Partei ist dabei eine Gratwanderung, die Richter nicht immer gelingt. So kommt es, dass er das Konzept des industrialisierten Wohnungsbaus zuvorderst als sozial egalisierendes Bauprinzip darstellt (S. 141ff.), während die bauökonomische Rationalisierung scheinbar in den Hintergrund tritt. Ähnliches lässt sich für die Argumentation für verdichtete Wohnkomplexe in den 1970er-Jahren feststellen (S. 249f.). Auch hier gaben wahrscheinlich viel mehr günstigere Erschließungsmöglichkeiten der Stadttechnik und des Verkehrs den Ausschlag; die angestrebte „Urbanität durch Dichte“, so der von Richter entliehene westdeutsche Begriff, diente möglicherweise eher der nachträglichen Rechtfertigung des Gebauten. An einigen Stellen hätte man sich eine genauere Auseinandersetzung mit der Frage gewünscht, ob der dargestellte Ideenhaushalt als Motivation für den Aufbau Hoyerswerdas oder eher als ex-post-Legitimation für streng rationalisierte Planung und Konstruktion diente.

Der Betrachtungszeitraum verliert sich irgendwo in den 1980er-Jahren. Eine wenigstens knappe Darstellung der Wendejahre von Friedlicher Revolution bis zu den rassistischen Ausschreitungen im Jahr 1991, die immer noch eng mit der Wahrnehmung der Stadt verknüpft sind, wäre angesichts der methodischen Herangehensweise angebracht gewesen.

Positiv hervorzuheben ist – neben der Einbettung in internationale städtebauliche Diskurse – die Auseinandersetzung mit der Frage, ob es sich bei Hoyerswerda eher um einen Sonderfall, um eine teilweise paradigmatische Erscheinung oder doch um eine Kristallisation der „sozialistischen Stadt“ im Allgemeinen handelt. Wenngleich sich die Antwort hierauf häufig in einem Einerseits-Andererseits erschöpft, sollten zukünftige Forscher/innen die hier aufgeworfenen Fragen ernst nehmen und weiter nach Wegen suchen, sie zu beantworten.

Es bleibt eine umfassende Hoyerswerda-Studie: Wer sich in Zukunft mit der Berg- und Energie-Arbeiterstadt beschäftigen will, kommt nicht an dem Buch vorbei. Die DDR-Städtebauforschung kann es – trotz kleinerer methodischer Ungereimtheiten – aber auch als Impuls lesen, neue Begriffe und Periodisierungen zu prüfen und möglicherweise bestehende Setzungen zu überdenken. Und: Nicht nur aufgrund der sorgfältig recherchierten und ausgewählten Abbildungen sieht es einfach sehr gut aus.

Anmerkungen:
[1] Im Vergleich zu anderen DDR-Neustädten wurde das Beispiel Hoyerswerda ungleich seltener historiografisch gewürdigt. Doch nicht nur die „Grundlagenforschung“ (S. 14) Richters ist bemerkenswert, sondern insbesondere der Versuch einer reflektierten Einordnung der Fallstudie in die Städtebaugeschichte der DDR sowie die methodologische Innovation auf diesem Gebiet. Dies fällt insbesondere im Vergleich auf: Neustadtstudien waren entweder vor allem geprägt durch die eher isolierte Erforschung einzelner Städte (z.B. Philipp Springer, Verbaute Träume. Herrschaft, Stadtentwicklung und Alltag in der sozialistischen Industriestadt Schwedt, Berlin 2006) oder eher deskriptiv-architekturhistorisch (z.B. Elisabeth Knauer-Romani, Eisenhüttenstadt und die Idealstadt des 20. Jahrhunderts. Weimar 2000) angelegt. Bisweilen haben sie auch aktuelle städtebaulich-stadtsoziologische Inwertsetzungen vor Augen und sind damit nicht ohne ihren Entstehungskontext zu verstehen (z.B. Peer Pasternack, 50 Jahre Streitfall Halle-Neustadt. Idee und Experiment. Lebensort und Provokation, Halle/Saale 2014, das auch Debatten zu aktuellen Herausforderungen des Stadtteils und Blicke in die Zukunft enthält).
[2]http://www.urbanophil.net/ (26.02.2021).
[3] Wie zum Beispiel Publikationen der Weimarer Reihe „Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR“ des ebenfalls Weimarer Verlags MBooks, der Leipziger Verlage Spector Books und Sphere Publishers oder des Architekturfotografen Martin Maleschka bei DOM Publishers.
[4] Wenngleich sich Richter direkt auf Begrifflichkeiten aus Ulrich Becks Buch über die Risikogesellschaft bezieht, erkennt er Schwierigkeiten an, die Erkenntnisse, die sich auf demokratisch-kapitalistische Gesellschaften beziehen, auf den Staatssozialismus zu übertragen.

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Veröffentlicht am
02.03.2021
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