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Titel
Wirtschaftswunder und Mangelwirtschaft. Zur Produktion einer Erfolgsgeschichte in der deutschen Geschichtskultur


Autor(en)
Krüger, Kai
Reihe
Public History – Angewandte Geschichte 4
Anzahl Seiten
412 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Kühberger, Universität Salzburg

Mit seiner Dissertation „Wirtschaftswunder und Mangelwirtschaft“ greift Kai Krüger ein bisher weitgehend vernachlässigtes Thema für den Geschichtsunterricht auf und kann so anhand einer Schulbuchanalyse einen beträchtlichen Beitrag zur geschichtsdidaktischen Diskussion liefern. Entgegen der derzeit gängigen Trends in der geschichtsdidaktischen Schulbuchforschung, die vor allem durch feinschnittige Analysen von Aspekten des historischen Lernens geprägt ist[1], entscheidet sich Krüger für eine andere Perspektive, indem er sich auch auf die inhaltliche Dimension einlässt. Er fragt nach der Darstellung der wirtschaftsgeschichtlichen Verläufe im Nachkriegsdeutschland in Ost und West in aktuellen deutschen Geschichtsschulbüchern und katapultiert sich damit in ein unruhiges Gewässer. Für Krüger ist die Ausgangslage ideologisch durchtränkt, die Beiträge der Wirtschaftspädagogik über weite Strecken unreflektiert und die Einsichten der neueren Wirtschaftsgeschichte werden bislang weitgehend ignoriert. Die Fragen, die ihn dabei umtreiben, bündelt er so: „Stellen die Schulbücher die Erkenntnisse der wirtschaftshistorischen Forschung dar und erklären sie damit historische Veränderungen? Versuchen die Schulbücher, multiperspektivische und kontroverse Narrationen anzubieten? Werden die historischen Erzählungen mit paradigmatischen Theorien und gesellschaftlichen Akteuren in Verbindung gebracht, um das Verständnis aktueller Diskussionen zu fördern? Animieren die Schulbücher zur politischen Meinungsäußerung?“ (S. 12f.).

Es ist also ein weites Feld, das er beackert. Doch – und so viel kann an dieser Stelle bereits angemerkt werden – geht man als Leser trotzdem nicht in den verschiedenen Ansätzen und Hinweisen zu ganz unterschiedlichen Diskurssträngen der Wirtschaftsgeschichte und Geschichtsdidaktik unter. Krüger strukturiert die Arbeit klug, erläutert seine methodischen Schritte und vertieft an den richtigen Stellen das Wissen, sodass man der aufgebauten Argumentation gut folgen kann. Er vergisst dabei auch nicht, auf erwartbare handwerkliche Momente einzugehen, wie etwa auf die Darlegung eines in vielen Punkten überraschenden Forschungsstandes. Die dort diskutierten Forschungsarbeiten werden dabei nicht nur vorgestellt, sondern auch bewertet. An manchen Stellen mag man zwar aufgrund des gewählten Darstellungsduktus schmunzeln, wie etwa dort, wo Krüger einer Dissertation an einer renommierten deutschen Universität ob der undifferenzierten Forschungsleistung die Würde abspricht (S. 110), doch entzieht sich seine Darstellung dadurch dem oftmals trockenen Tal der Repetition von bereits in Teilen bekannten Forschungseinsichten. Er entwickelt nachvollziehbar aus den Defiziten und Einsichten der vorgestellten Literatur sein methodisches Instrumentarium, um die von ihm untersuchten 36 Geschichtsschulbücher fachlich und fachdidaktisch zu befragen. Neuartig – und dem ist sich Krüger durchaus bewusst – ist es, auch die Lösungsbände heranzuziehen, um die Intentionen der Schulbuchgestalter/innen besser ableiten zu können.

Einen vertiefenden Exkurs zur fachlichen Triftigkeit stellen die als „Metamorphosen“ bezeichneten Quellennutzungsmodi der Schulbücher dar, die Krüger nachzeichnet. Er rekonstruiert die Herkunft der Quellen und den Weg, wie sie in die Schulbücher gelangt sind bzw. inwiefern sie dort (un)zulässig verändert wurden. Er hebt hervor, dass 64 Quellen in 26 Schulbüchern hinsichtlich ihrer „Vergangenheitserfahrung“ grundlegend abgeändert oder zweifelhaft bis falsch interpretiert wurden (S. 339).

Die kategoriale Analyse selbst lehnt sich konsequent an aktuelle Diskussionen an. Krüger spitzt die bereits herausgearbeiteten kategorialen Optionen der geschichtsdidaktischen Forschung zum „reflektierten Geschichtsbewusstsein“ für seine Fragen zu und führt sie weiter. Dazu greift er insbesondere auf die Tiefenanalysen der Darstellungen zurück, wie sie bei Waltraud Schreiber sowie Christoph Kühberger und Dirk Mellies entworfen und angewandt wurden, um einen kategorialen Zugriff, wie er bereits bei Jörn Rüsen vorstrukturiert war, für sein Forschungsinteresse umzusetzen.[2] Die für die Kategorien entwickelten Codes webt Krüger dicht in seine Besprechungen der einzelnen Geschichtsschulbücher ein. So hat es zwar vordergründig den Anschein, dass es sich bei der Darlegung der relevanten Momente der untersuchten Schulbücher um einen althergebrachten hermeneutischen Zugang handelt, doch durch die sichtbar gemachte Bewertungsstruktur (Codierungen) im argumentativen Text erweitert er die gewonnenen Einsichten intersubjektiv.

Was Krüger jedoch nicht macht und wohin sich der Standard der geschichtsdidaktischen Schulbuchanalysen im deutschsprachigen Raum angesichts der immer verfeinerten qualitativen Zugänge entwickelt, ist, die Interrater-Reliabilität mittels eines Koeffizienten quantitativ auszuweisen.[3] Auch die Lehrpläne werden als normative Grundlagen der Schulbücher lediglich auszugsweise und isoliert berücksichtigt (S. 125f.), wären es hingegen sicherlich wert gewesen, auf die Ergebnisse der Schulbücher rückgebunden zu werden.

Konsequent kritisiert Krüger jedoch die desaströsen, weit vom fachlichen Diskurs abgekommenen Schulbuchnarrative zur deutschen Wirtschaftsgeschichte, die ein veraltetes Masternarrativ samt der dabei aktivierten ideologischen Verbrämung aufrechterhalten, einzelne Akteure überbewerten (zum Beispiel Ludwig Erhard) und damit bereits seit Längerem widerlegte Mythen reproduzieren.[4] Dies trifft entlang der vorgelegten Analysen sowohl auf die Darstellung der Nachkriegsjahre in der Bundesrepublik als auch in der DDR zu. Dieser Umstand kombiniert sich aus geschichtsdidaktischer Sicht ungünstig mit der Präsentation der Inhalte in objektivistisch wirkenden, anonymisierten Schulbuchtexten, die sich gegen Kritik immunisieren und vorspiegeln, die richtigen Interpretationen vorzulegen, ohne Kritikfähigkeit bei den Lernenden im Fach Geschichte zu befördern. „Planwirtschaft“ und „soziale Marktwirtschaft“ wären – so die implizite Forderung der Arbeit – entlang der wirtschaftshistorischen Literatur ganz neu zu erzählen und für eine kritische Reflexion durch die Schüler/innen aufzubereiten.

In Summe handelt es sich bei dem Buch um eine auffallend differenzierte Arbeit, die es wert ist, nicht nur hinsichtlich der wirtschaftshistorischen Ausrichtungen von Geschichtsschulbüchern gelesen zu werden, sondern insbesondere auch um die gesetzten und erprobten Stimuli zur Konzeption einer tiefenstrukturellen Codierstrategie zur Erfassung von Geschichtsdarstellungen nachzuvollziehen. Krügers Anregungen, wie die nach wie vor verbreiteten ethnozentrischen Interpretationen der (deutsch-)deutschen Wirtschaftsgeschichte aufgebrochen werden könnten, um damit auch gegenwärtige Herausforderungen der Wirtschaftspolitik thematisieren zu können, wären es wert, in einer neuen Generation von Geschichtsschulbüchern aufgenommen zu werden.

Anmerkungen:
[1] Christoph Bramann u.a. (Hrsg.), Historisch Denken lernen mit Schulbüchern, Frankfurt am Main 2018; Christoph Kühberger u.a. (Hrsg.), Das Geschichtsschulbuch. Lernen – Lehren – Forschen, Münster 2019.
[2] Waltraud Schreiber u.a., Analyse von Schulbüchern als Grundlage empirischer Geschichtsdidaktik, Stuttgart 2013; Christoph Kühberger / Dirk Mellies (Hrsg.), Inventing the EU. Zur De-Konstruktion von „fertigen Geschichten“ über die EU in deutschen, polnischen und österreichischen Schulgeschichtsbüchern, Schwalbach/Taunus 2009. An dieser Stelle sei angemerkt, dass Krüger die Projektpublikation „Inventing the EU“ fälschlicherweise vielfach als „Kühberger“ zitiert, obwohl diese gemeinsam mit Dirk Mellies herausgegeben wurde. Auch an anderen Stellen werden die tatsächlichen Autor/innen der Beiträge teils unterschlagen, zum Beispiel verweist Krüger auf die kategoriale Konzeption zur narrativen Triftigkeit (S. 135), für die eigentlich Martin Nitsche verantwortlich zeichnet.
[3] Vgl. Christoph Bramann, Arbeitsaufträge und Kompetenzen. Geschichtsschulbücher im Kontext einer fachspezifischen Aufgabenkultur, in: Christoph Kühberger u.a. (Hrsg.), Das Geschichtsschulbuch, S. 161–184, insb. S. 167f. Vgl. auch Wolfgang Buchberger, Historisches Lernen mit schriftlichen Quellen. Eine kategoriale Schulbuchanalyse österreichischer Lehrwerke der Primar- und Sekundarstufe, Innsbruck 2020.
[4] Zu ähnlichen Befunden anderer Schulbuchanalysen vgl. auch Roland Bernhard u.a. (Hrsg.), Myths in German-language Textbooks. Their Influence on Historical Accounts from the Battle of Marathon to the Élysée Treaty, Braunschweig 2019.

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Veröffentlicht am
01.10.2020
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