C. Rak: Erfahrung des deutsch-französischen Krieges

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Titel
Krieg, Nation und Konfession. Die Erfahrung des deutsch-französischen Krieges von 1870/71


Autor(en)
Rak, Christian
Reihe
Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 97
Erschienen
Paderborn 2004: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
455 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Becker, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Als während des Frankreichfeldzugs 1870/71 Diakonissen in ein von Jesuiten besorgtes Lazarett eingeteilt wurden, nahmen die evangelischen Pflegerinnen „die beiden obern Stockwerke gleich in Beschlag“. Aber auch die Jesuiten waren nicht faul: „Wir okkupirten, was wir konnten, nämlich die untern Sääle [sic!] und haben sie auch behauptet bis zum Schluß.“ (S. 391) Dieser Kommentar eines Lazarettgeistlichen der SJ, in seiner kriegerischen Terminologie nicht ohne unfreiwillige Komik, macht die Wirksamkeit eines konfessionellen Gegensatzes auch im Bereich der geistlichen und pflegerischen Betreuung der deutschen Soldaten des dritten Einigungskrieges in pointierter Weise anschaulich. So martialisch wurde dieser Gegensatz allerdings zum Glück nur selten ausgetragen; im Großen und Ganzen verlief die Zusammenarbeit von evangelischen und katholischen Stellen relativ reibungslos. Diese praktische Seite ist aber nur ein Nebenaspekt in der Dissertation von Christian Rak, die ihr Hauptaugenmerk vielmehr auf die Ebene der Deutung und intellektuellen Verarbeitung des Krieges richtet. Die Feldgeistlichen beider Konfessionen, deren reichliche Zeugnisse aus Kriegs- und Nachkriegszeit von Rak gründlich und umsichtig ausgewertet werden, sind dabei ein dankbarer Gegenstand: Eine ihrer wichtigsten Aufgaben bestand in der permanenten Interpretation des Krieges für Truppe und Heimat. Die Geistlichen sollten Rat erteilen, und sie sollten das Geschehen mit religiösen Grundannahmen in Einklang bringen.

Das methodische Werkzeug, mit dem Rak sich seinem Gegenstand nähert, entnimmt er dem Theoriearsenal des Tübinger Sonderforschungsbereichs „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“, in dem seine von Dieter Langewiesche betreute Arbeit entstanden ist. In Abgrenzung vom Terminus des ‚Erlebens’, der sich mit subjektiven Emotionen und Authentizität verbindet, rekurriert der Tübinger Erfahrungsbegriff auf die wahrnehmungssteuernde Wirkung von vorab existierenden kulturellen Mustern. Schlüsselt man den Begriff genauer auf, erweist er sich als ein Konglomerat von Theorien, die in den letzten Jahren die Historischen Kulturwissenschaften beherrscht haben: Konstruktivismus, Historische Semantik, Deutungskulturanalyse, Historische Wissenssoziologie. All dies wird nun in den Terminus „Erfahrung“ hineindefiniert, wird als „Erfahrungsgeschichte“ aufgelegt. Für Rak spielt insbesondere der Aspekt der kommunikativ hergestellten Realitätskonstruktion eine wichtige Rolle. Vor diesem Hintergrund unterscheidet er verschiedene Kommunikationssituationen, in denen die Feldgeistlichen den Krieg deuteten. Besonders wichtig ist für ihn der Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Äußerungen sowie zwischen im und nach dem Krieg formulierten Deutungen. Jeder Leser, der die sehr spezifische Definition des Tübinger Erfahrungsbegriffs nicht kennt, wird an dieser Stelle fragen, in welcher Äußerungsform denn die „eigentliche“ Kriegserfahrung zum Ausdruck kommt – vielleicht wäre es doch besser gewesen, von vornherein von Deutungen und Realitätskonstruktionen zu sprechen, um diese Irritation zu vermeiden. Rak geht solchen Schwierigkeiten aus dem Weg, indem er den Erfahrungsbegriff im analytischen Hauptteil seiner Arbeit praktisch gar nicht mehr explizit verwendet.

Die Auseinandersetzung mit der Forschung zur Deutungsgeschichte der Einigungskriege wird von Rak dort aufgenommen, wo er eine zu geringe Beachtung des Faktors „Konfession“ feststellt. Die insgesamt 350 Feldgeistlichen, deren Kriegsdeutungen er rekonstruiert, sind das Vehikel, das es möglich machen soll, mehr Licht in dieses Dunkel zu bringen. Wie unterschieden sich die Interpretationen von Katholiken und Protestanten? Wie veränderten sich diese Interpretationen im Zeitverlauf? Besondere Brisanz erhalten diese Fragen dadurch, dass dem deutsch-französischen Krieg fast unmittelbar der Kulturkampf in Preußen und im Deutschen Reich folgte. Der Streit um die Haltung zu Nation und Nationalismus musste auf dem nationalpolitisch brisanten Feld der Kriegsdeutung seine Spuren hinterlassen. Folglich bildet der Nationsbegriff den Schwerpunkt in Raks Untersuchung.

Getreu der Einsicht in das Wechselspiel von Identität und Alterität wird die Konstruktion der deutschen Nationalidentität im Kontrast zum Feindbild Frankreich entwickelt. Darüber hinaus spielen aber auch Diskursbereiche wie die Zeichnung des deutschen Soldaten, die Haltung zu Militär und Militarismus sowie die Beurteilung von eigener und fremder Konfession eine wichtige Rolle. Da die meisten dieser Themenfelder von der Forschung schon wiederholt beleuchtet worden sind, sucht Rak sein Heil in der Differenzierung: Immer wieder weist er darauf hin, dass die Deutungen je nach individuellem Fall und Äußerungskontext unterschiedlich ausfielen. Betrachtet man die Unterschiede genauer, die letztlich herausgearbeitet werden, ist die Enttäuschung allerdings groß. Bei der Differenzierung zwischen privaten und öffentlichen Äußerungen wird vor allem darauf abgehoben, dass kritische Bemerkungen hinsichtlich des Verhaltens deutscher Soldaten oder Kommandostellen, die etwa in privaten Korrespondenzen auftauchen, in öffentlichen Verlautbarungen weitgehend fehlen; der Vergleich auf der Zeitachse ergibt, dass mit wachsendem Abstand vom Geschehen der Trend zur Beschönigung zunimmt. Solche Abweichungen fallen doch wohl gering ins Gewicht gegenüber den Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten auf der Ebene der wirklich fundamentalen Aussagen zu Kriegführung und Nationsbildung. An einem Beispiel sei dies verdeutlicht. Den entscheidenden Unterschied zwischen den Deutungskulturen der beiden Konfessionen erblickt Rak darin, dass die Protestanten den Krieg als ein Strafgericht Gottes über den Katholizismus, die Katholiken hingegen als ein Strafgericht über ein vom wahren Katholizismus abgefallenes Volk interpretierten. Dass die Katholiken die konfessionelle Zuspitzung der protestantischen Deutung nicht akzeptierten und es stattdessen vorzogen, zwischen einem wahren und einem falschen Katholizismus zu unterscheiden, kann nicht überraschen. Beide Konfessionen, und das scheint viel bedeutsamer, brachten den Erfolg oder Misserfolg im Krieg aber nicht mit (im weiteren Sinne) militärischen Faktoren, sondern mit substantiellen Nationaleigenschaften in Verbindung. Es wurde die Existenz eines Nationalgeistes, einer nationalen Mentalität und Sittlichkeit unterstellt, die für alle Geschicke dieses Volkes verantwortlich war. Ein solches Denken in der Ordnung nationaler Kollektivsubjekte ist insgesamt bereits tief vom Nationalismus durchdrungen. Nicht der akzidentielle Unterschied, sondern die substanzielle Gemeinsamkeit ist es, die den Historiker verblüfft – eine Gemeinsamkeit übrigens, die sich gerade bei diesem Topos bis in die Deutung des Ersten Weltkriegs fortsetzen sollte.

Auch Rak kann nicht umhin, immer wieder auch Gemeinsamkeiten im Kriegskommentar von Protestanten und Katholiken zu konstatieren (S. 161, 322, 382). Das gute Einvernehmen unter den Feldgeistlichen in der praktischen Arbeit setzte sich in vielen Punkten auch ins Weltanschauliche hinein fort. Für beide Gruppen war der Krieg der große Einheitsstifter, verhielten sich die französischen Freischärler wie Kriminelle, gereichte es den Franzosen zur Schande, dass schwarze Kolonialsoldaten in ihren Reihen kämpften. Oft waren die Unterschiede, wenn es überhaupt nennenswerte gab, zwischen den verschiedenen Fraktionen innerhalb des evangelischen Lagers (Lutheraner, Reformierte, Unierte, Orthodoxe, Pietisten, Protestantenvereinler usw.) sogar größer als diejenigen zwischen Protestanten und Katholiken. Umso weniger kann die These überzeugen, dass in der deutschen Kriegsdeutung ein regelrechter konfessioneller Graben geklafft habe. Die einleitenden Passagen des Buches wecken hier mit weit ausgreifenden Behauptungen Erwartungen, die die konkrete Analyse nicht zu erfüllen vermag. Grundsätzlich erscheint es merkwürdig, dass ein Buch, dessen gesamte Denkbewegung auf Spezifizierung und Differenzierung abzielt, unter einem Titel erscheint, der den eigentlichen Gegenstand der Untersuchung: die Feldgeistlichen, gar nicht benennt, sich stattdessen aber in Pauschalisierungen ergeht. Eine geschickter gewählte Einkleidung hätte die zahlreichen Stärken des Buches sicherlich viel besser zur Geltung gebracht. Zu den Feldgeistlichen von 1870/71, einer wichtigen Gruppe in der Deutungswelt des Krieges, hat es bisher noch keine systematische Untersuchung gegeben. Rak leistet hier Pionierarbeit. Seine Recherchen sind gründlich und umfassend, die einzelnen Texte werden sorgfältig interpretiert. Der Zusammenhang zwischen Krieg, Nationalismus und Religion in der Ära der Einigungskriege ist ohne Frage ein Thema, zu dem noch Klärungsbedarf besteht; detaillierte empirische Studien sind nach wie vor Mangelware. Jetzt liegt eine solche Studie vor, die trotz der oben genannten Kritikpunkte in vielerlei Hinsicht beeindruckt.