U. Schneider: Der unsichtbare Zweite

Cover
Titel
Der unsichtbare Zweite. Die Berufsgeschichte des Lektors im literarischen Verlag


Autor(en)
Schneider, Ute
Erschienen
Göttingen 2005: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
399 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Siegfried Lokatis, Historisches Institut, Universität Potsdam

Die Lektüre dieses Buches ist ein klares Muss für Buchhistoriker, Germanisten und alle, die sich um den Zustand der Literatur sorgen: ein Blick in die Eingeweide der Literaturproduktion. Hier erfährt man zum Beispiel, wie viele Manuskripte alljährlich bei den Belletristik-Verlagen eintreffen und ob sie dort vor der Ablehnung oder zumindest vor der Publikation gelesen wurden – was, wie zu befürchten war, anscheinend kaum noch der Fall ist. Der Lektor ist leider eine bedrohte Spezies. Wer schon einmal in bestimmten wissenschaftlichen Verlagen publiziert hat, mag sich sogar fragen, ob es diesen Beruf überhaupt noch gibt. Hier ist mit der Ablehnungsentscheidung eine wichtige Lektoratsfunktion ausgelagert: ohne Druckkostenzuschuss kein Buch.

Auch im literarischen Verlag, um den es in Ute Schneiders umgearbeiteter Habilitationsschrift ausschließlich geht, dringen der Literaturagent und der „freie Lektor“ unaufhaltsam vor. Doch im Literaturverlag gilt es nach wie vor zwischen angebotenen Manuskripten eine verantwortliche Auswahl zu treffen. Einerseits hängt die Entscheidung an der Absatzprognose, andererseits geht es im günstigen Fall auch um das kulturelle Kapital, also um so vage Größen wie das literarische Niveau und die Autorenpflege. Welche Qualifikationen ein in dieses Dilemma geworfener literarischer Lektor besitzen sollte, bzw. in verschiedenen Phasen des 20. Jahrhunderts besessen hat, dieser Frage nach allgemeinen Kennzeichen eines die moderne deutsche Literaturgeschichte prägenden Berufsbildes ist die Autorin zugleich mit bemerkenswerter Gründlichkeit, mit methodischem Einfallsreichtum und in einer dem Thema angemessenen leserfreundlichen Darstellung nachgegangen.

Die ersten Belletristik-Lektoren lassen sich, wie die Autorin zeigt, zumindest unter dieser Bezeichnung erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts nachweisen, als hervorragende Prototypen wie Moritz Heimann und Christian Morgenstern, der bei Cassirer Robert Walser betreute, die von Samuel Fischer kreierte zeittypische Spezies der Kulturverleger (Eugen Diederichs, Anton Kippenberg, Georg Müller usw.) zu entlasten begannen, um schon bald auf diskrete Weise das Profil solcher Verlage zu bestimmen. Den Ruhm freilich, daher der Titel „Der unsichtbare Zweite“, heimste in der Regel der Verleger ein. Eine typische undankbare Rollenverteilung: für die Ablehnungen ist der Lektor zuständig, die Kompetenz für die sympathieträchtige Produktionsentscheidung behält sich der Verleger vor – für den Lektor eine stetige Quelle der Frustration. Typisch für die frühe „Institutionalisierungsphase“ des Berufes ist der fehlende akademische Abschluss, der durch persönliche Ausstrahlung, literarische Aura und die entsprechenden Empfehlungen ersetzt wurde. Weiterführende Einzelstudien zur Entstehung des Lektorenberufes könnten zum Beispiel einen vergleichenden Blick auf den französischen Romanverlag im 19. Jahrhundert werfen oder die konstitutive Rolle jüdischer Milieus berücksichtigen.

Ein deutlicher Professionalisierungsschub erfolgte in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Lektorenfunktion ist seitdem nicht mehr an herausragende Personen gebunden, sondern sie gilt, wie u.a. aus Stellenanzeigen hervorgeht, als ein unverzichtbarer Bestandteil der großen Belletristikverlage. Obwohl auch in Lexikonartikeln und Fachzeitschriften immer häufiger auf den Beruf des Lektors eingegangen wurde, erschien in der Bundesrepublik erst in den 1980er-Jahren eine der Lektorenqualifikation gewidmete Monografie.[1] Insgesamt ging der Trend einerseits in Richtung einer nicht mehr bloß reagierenden, sondern aktiv das Verlagsprogramm planenden, in großen Buchreihen denkenden Rolle des Lektors. Einerseits wurde seine Stellung im Verlag zugunsten der Marketingstrategen ausgehöhlt, andererseits führte die zunehmende Konzernbildung auch zu einer tendenziellen Degradierung und Abdankung des Privatverlegers, des „sichtbaren Ersten“, während sich unter ihm die öffentlich sichtbare Position des Cheflektors herausgebildet hatte.

Es überrascht, dass im „Dritten Reich“ keine professionelle Weiterentwicklung zu beobachten ist. Gestärkt wurde – siehe Peter Suhrkamp im S. Fischer-Verlag – im Einzelfall die Stellung von Lektoren, deren Verleger emigrieren mussten, außerdem bedienten sich nationalsozialistische Zensurstellen des Begriffs und bezeichneten ihre Gutachter als „Lektoren“. Inwieweit, ähnlich wie später in der DDR, die Wahrnehmung einer politischen Vor-Vorzensur-Funktion auch in der NS-Zeit für das Berufsbild konstitutiv wurde, bedarf noch genauerer Untersuchungen, die allerdings auf bisher nicht geöffnete Verlagsarchive angewiesen wären.

Hervorzuheben ist die Untersuchung der legendären Lektorenaufstände um 1968, als bei Verlagen wie Luchterhand und Suhrkamp das kapitalismuskritische Programm ernst genommen und der Führungsanspruch des Verlegers in Frage gestellt wurde. Die Autorin kann lange Seiten mit der Beschreibung von Fällen füllen, in denen Lektoren aus politischem Protest den Verlag wechselten oder gar neue Verlage (März-Verlag, Verlag der Autoren) gründeten.

Besonders im Hinblick auf dieses Thema bleibt zu bedauern, dass die Autorin aus Gründen methodischer Stringenz auf Zeitzeugen-Interviews verzichtet hat. Insgesamt ist ein beeindruckendes und zu weiteren Forschungen anregendes Panorama entstanden, das das gesamte 20. Jahrhundert umgreift. Bleibt zu hoffen, dass es irgendwann auch noch eine Geschichte des Lektorenberufs im 21. Jahrhundert geben wird.

[1] Röhring, Helmut, Wie ein Buch entsteht. Eine Einführung in den modernen Buchverlag, Darmstadt 1983.

Redaktion
Veröffentlicht am
26.04.2006
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag