B. Wedemeyer-Kolwe, Körperkultur

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Titel
"Der neue Mensch". Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik


Autor(en)
Wedemeyer-Kolwe, Bernd
Erschienen
Anzahl Seiten
519 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Becker, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Der Speisezettel war beherrscht vom „Prinzip der Spannung, Dehnung, Lockerheit: erst Obst oder Salat, dann Gemüse, Kartoffeln, Reis oder Nudeln, dann Nachspeise“. Das Essen selbst wurde im „Eßrhythmus“ durchgeführt: „Heben der Gabel mit dem Einatmungsimpuls, während des Kauens ruht die Gabel auf dem Teller, nach dem Herunterschlucken wird ausgeatmet.“ (S. 116) In der Schule Schlaffhorst-Andersen sollte jede Lebensäußerung vom Prinzip der Rhythmik durchdrungen sein. Wenn die Gymnastik nicht nur Körperertüchtigung war, sondern den ganzen Menschen neu formte, lag es nahe, soziale Laboratorien zu schaffen, in denen die gesamte Lebenspraxis auf der Basis körperphilosophischer und zivilisationstheoretischer Grundannahmen umgemodelt wurde. Mit dieser Zielsetzung traten im Deutschland der klassischen Moderne zahlreiche Schulen, Bünde und Kolonien der so genannten „Körperkulturbewegung“ an, die sich als ‚dritte Säule’ der Leibesübungen neben Turnen und Sport etablierte. Bernd Wedemeyer-Kolwe hat sie zum Gegenstand seiner Göttinger Habilitationsschrift von 2002 gemacht. Der Autor gehört zu jenen Sporthistorikern, die ihre Arbeit prononciert in den Kontext der allgemeinen Geschichte stellen. Anknüpfungspunkte bieten ihm hierbei vor allem die Körpergeschichte und die kulturhistorische Frage nach den Konzepten für einen Neuen Menschen, die im Kaiserreich und in der Weimarer Republik breit diskutiert worden sind.

Für die Körperkulturbewegung war der Neue Mensch selbstverständlich in erster Linie dadurch gekennzeichnet, dass er ein neues Verhältnis zu seinem Körper entwickelte. Der Körper war aus seiner Knechtschaft zu befreien. Was diese Knechtschaft bewirkt hatte, war allerdings strittig. Die einen verwiesen auf die Körperfeindschaft des Christentums, die anderen auf die Zwänge, die das Leben in der modernen Industriegesellschaft mit sich brachte. Wohin der Weg der Befreiung führen sollte – und welche Mittel sich für die Befreiung eigneten –, wurde in ebenso unterschiedlicher Weise thematisiert. Der Begriff „Körperkulturbewegung“ deckt eine ungeheure Vielfalt von Positionen ab, die sich teils diametral gegenüberstanden, teils aber auch ergänzten und überlappten. Um zumindest eine grobe Ordnung in diese Wirrnis hineinzubringen, unterscheidet Wedemeyer-Kolwe vier Ansätze: erstens die „harmonische Gymnastik“, die dem sinnstiftenden Prinzip „Rhythmus“ folgte; zweitens die asiatische Übungspraxis, die auf spirituelle Erfahrungen zielte; drittens die Freikörperkultur, die sich von „Licht und Luft“ eine „Heilung“ aller zivilisatorischen Übel erhoffte; viertens die Bodybuilding- und Fitnessbewegung, die sich an „Kraft und Schönheit“ orientierte. Jedem dieser Ansätze ist ein Hauptkapitel des Buches gewidmet, das die Entwicklung vom Kaiserreich bis zum Ende der Weimarer Republik nachzeichnet. Dabei steht die Organisationsgeschichte im Vordergrund. Wedemeyer-Kolwe hat große Mengen bisher unbekannter Quellen erschlossen, um einen möglichst lückenlosen Überblick über den gesamten ‚Betrieb’ der entsprechenden Schulen, Heime und Freizeitanlagen zu geben. Dabei sind ihm schöne Entdeckungen gelungen. Auch manch Skurriles hat er zu Tage gefördert – das oben zitierte Beispiel aus der Hausordnung der Schule Schlaffhorst-Andersen ist nur ein Beispiel unter vielen. Auffällig ist, dass die Organisationsform ‚Verein’, die im Turnen und Sport dominierte, von den Anhängern der Körperkultur nur selten gewählt wurde. Geeigneter erschienen lockere Zusammenschlüsse wie Bünde oder Freizeittreffs; genauso beliebt waren aber auch kommerziell betriebene Heime und Schulen. Die Zahl der hiervon erreichten Menschen wird für das Kaiserreich auf etliche zehntausend, für die Weimarer Republik auf etliche Hunderttausend veranschlagt – wenn nicht sogar die Millionengrenze überschritten wurde. Aus welchen sozialen Gruppen sich die Jünger der Körperkultur rekrutierten, wird ebenfalls untersucht. Wedemeyer-Kolwe bestätigt hier den Befund, dass die Körperkulturbewegung ebenso wie der angelsächsische Wettkampfsport im Untersuchungszeitraum vor allem im „neuen Mittelstand“ Anhänger mobilisierte.

In einen ideen- und kulturgeschichtlichen Kontext gehört die Frage nach dem Neuen Menschen, die von allen Organisationen einvernehmlich gestellt – und in höchst unterschiedlicher Weise beantwortet wurde. Als Quelle stehen hier neben den programmatischen Schriften von Schulhäuptern vor allem Zeitschriften zur Verfügung. Jede noch so kleine Schule, so hat es den Anschein, legte sich ein Mitteilungsblatt zu, um die eigene Weltanschauung zu verlautbaren und sich damit an der epochalen Diskussion um das ‚richtige Leben’ und die Zukunft des Menschen zu beteiligen. Die Argumente und Deutungsmuster, die dabei verwendet wurden, lassen sich am besten als ein ‚Bastelset’ beschreiben, dessen einzelne Bestandteile fast beliebig miteinander kombiniert werden konnten. Naturromantik und Zivilisationsmüdigkeit, Vegetarismus und Abstinenz, Sozialismus und Rassenkunde, Sonnenkult und Runenglaube, Buddhismus und Leistungsdenken verschwisterten sich in den ungewöhnlichsten Konstellationen. Die vier Hauptströmungen, die Wedemeyer-Kolwe identifiziert, lassen sich also nur mit großer Vorsicht auf ein bestimmtes Weltbild festlegen; allenfalls die Dominanz einer bestimmten intellektuellen Ausrichtung ist zu konstatieren. Unter diesem Vorbehalt gilt, dass die Gymnastikbewegung den Menschen an seine eigentliche, naturhafte Lebenssphäre zurückbinden wollte, indem sie die Rhythmen der Natur zum Maßstab für sein Tun machte; die fernöstlich orientierten Schulen propagierten einen Menschen, der sich durch Bewegungstechniken und Autosuggestion die verloren gegangene Erfahrung von Transzendenz zurückeroberte; die Anhänger der Freikörperkultur wollten durch eine veränderte Einstellung zum Körper die Dekadenz der abendländischen Zivilisation überwinden; die Kraftsportler sahen in der Fitness den Schlüssel für ein langes, erfolgreiches und glückliches Leben in der rational organisierten modernen Gesellschaft. All diese Grundoptionen konnten sich überdies noch mit verschiedenen politischen Ausrichtungen verknüpfen – zumeist reichte das Spektrum von der linken Sozialreform bis zu völkischen Ideologien.

Den Abschluss der Studie bildet ein Kapitel, das die weitere Entwicklung der Körperkulturbewegung unter den Bedingungen des Dritten Reiches skizziert. Je höher der Organisationsgrad der einzelnen Bünde war, desto stärker waren sie der Gefahr der Gleichschaltung durch die neuen NS-Organisationen ausgesetzt; gerade den lockeren Zusammenschlüssen gelang es in einigen Fällen, die Hitlerära unbeschadet zu überstehen. Bemerkenswert ist auch, dass nicht nur Schulen, die abweichende Weltanschauungen formulierten, vom Staat drangsaliert wurden, sondern oft gerade jene, die der NS-Ideologie relativ nahe standen – in ihnen sahen die Nationalsozialisten offenbar eine unliebsame Konkurrenz im eigenen Lager. Das Deutungsmonopol über Volk, Rasse und Vererbung musste gewahrt bleiben. Insgesamt gingen viele Konzepte der Körperkulturbewegung in das breit gefächerte Angebot ein, das der NS-Staat im Bereich der Leibeserziehung – und ihrer Ideologie – präsentierte. Für die Körperkulturbewegung war dies einerseits ein (fragwürdiger) Erfolg, weil ihre Vorstellungen nun, vom totalitären Staat unterstützt, eine viel größere Wirkung in der Gesellschaft entfalteten. Andererseits lag hierin aber auch die Gefahr, dass die Ideen der Bewegung zu einem Allgemeingut verwässert wurden. Die einzelnen Bünde und Schulen drohten dadurch ihre Existenzberechtigung zu verlieren.

Ein Buch, das so viele Stränge der historischen Forschung zusammenbinden will, muss sich daran messen lassen, ob es diese Komplexität tatsächlich bewältigt. Im Großen und Ganzen ist der Versuch als gelungen zu bezeichnen – im Rahmen dessen, was eine Monografie zu leisten vermag. Dennoch sind auch einige Abstriche zu machen. Die Verknüpfung mit der Ideengeschichte wird oft nur durch Schlagworte und „name-dropping“ hergestellt, ohne dass eine differenzierte Analyse erfolgte. Obwohl die Körpergeschichte ausdrücklich als Bezugspunkt firmiert, werden ihre theoretisch-methodischen Vorgaben nur sehr wenig beachtet. Wenig überzeugend ist auch der Versuch, den gesamten Ideenkosmos der Körperkulturbewegung auf bürgerliche Einstellungen und Mentalitäten zurückzuführen. Auch wenn sich die Anhängerschaft der einschlägigen Organisationen weitgehend aus dem neuen Mittelstand rekrutierte, ist es kurzschlüssig, in allen programmatischen Entwürfen nur bürgerliche Denkmuster am Werk zu sehen. Sicherlich hat es etwas mit Aufklärung und rationaler Weltbeherrschung zu tun, wenn auch der Körper permanent kontrolliert und in seiner Gesundheit und Funktionstüchtigkeit verbessert werden soll. Die Zwecke und Zielsetzungen, die sich mit diesen Maßnahmen verbinden, sind aber höchst unterschiedlich und weisen deutlich über das hinaus, was die sozial- und mentalitätsgeschichtliche Forschung der letzten Dekaden über bürgerliche Weltbilder, Normen und Werte zu Tage gefördert hat. Im Hinblick auf die Entwürfe für einen Neuen Menschen, die in der Körperkulturbewegung entwickelt werden, ist das Etikett ‚bürgerlich’ wohl eher dazu angetan, deren innovatives Potential zu verdecken. Was den Gesamteindruck darüber hinaus schmälert, sind viele sprachliche Unebenheiten. Dazu gehören etliche Kasusfehler, aber auch Stilblüten wie die folgenden: Hans Surén ist eine „außerseiterische [sic] Persönlichkeit“ (S. 416); „FKKler“ erweitern ihre „Glaubensvorstellungen“ um das „Verdikt der Nacktheit“ (S. 271); „Körperpraktiken“ werden mit einem „körpertheoretischen Überbau unterfüttert“ (S. 427).