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Titel
Konfession im Dorf. Westeuropäische Erfahrungen im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Dietrich, Tobias
Reihe
Industrielle Welt 65
Erschienen
Köln 2004: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
512 S.
Preis
€ 54,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Hirschfeld, Institut für Geschichte und Historische Landesforschung, Hochschule Vechta

Sozial- und mentalitätsgeschichtliche Studien haben in den letzten Jahren Hochkonjunktur. Auf den ersten Blick scheint sich Tobias Dietrichs 2002 an der Universität Trier abgeschlossene Dissertation in diesen „mainstream“ der vielfach entstehenden Milieustudien einzuordnen, zumal sie die Verflechtung der beiden großen Konfessionen mit dem Dorf als sozialer Raum zwischen 1802 und 1914 thematisiert. Umso mehr sorgt Dietrich zunächst mit der These für Verwunderung, dass „Milieubegriff und -verständnis zumindest für eine konfessionsgeschichtliche Mikroanalyse verworfen werden“ (S. 22) müssten.

Weniger überraschend erscheint dies, wenn man das neuere Erklärungsmodell des Münsteraner Arbeitskreises für kirchliche Zeitgeschichte, einem der Schrittmacher der katholischen Milieuforschung, genauer ansieht. Dort wird nämlich explizit darauf hingewiesen, dass die Ausprägung eines katholischen Milieus unbedingt die „Existenz eines ausreichend großen Anteils von Katholiken in der jeweiligen Gesamtbevölkerung“ [1] voraussetzt. Letzteres ist etwa in der gleichwohl auf lokaler Ebene angesetzten Pilotstudie von Antonius Liedhegener über Katholiken und Protestanten in Münster und Bochum [2] der Fall, ebenso in der – von Dietrich allerdings nicht berücksichtigten – Dissertation von Peter Exner [3], in der drei westfälische Dörfer im 20. Jahrhundert vergleichend in den Blick genommen werden. Dass selbst in letzterer Arbeit zutreffend die Milieutheorie herangezogen und konfessionelle Mikromilieus konstatiert werden konnten, liegt nicht zuletzt daran, dass dort im Ursprung monokonfessionelle Dörfer untersucht werden.

Dietrich hingegen hat seine lokalen Fallbeispiele bewusst konfessionell heterogen gewählt und eröffnet damit ein bisher unerforschtes Kapitel in der Verknüpfung von Sozialgeschichte und Konfessionalität. Exemplarisch zieht er neun Dörfer heran – jeweils drei in der preußischen Rheinprovinz (Hunsrück und Westerwald), im nördlichen Elsass und im Schweizer Kanton Thurgau gelegen –, in denen sich zum Teil die Katholiken, zum Teil die Protestanten leicht in der Mehrheit befinden, in denen sich die Mehrheitsverhältnisse während des relativ langen Untersuchungszeitraums – von der Säkularisation bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs – aber auch teilweise umgekehrt haben.

Vor der Folie dieser einerseits fehlenden Vorherrschaft und andererseits nicht vorhandenen Diasporasituation einer einzigen Konfession in den untersuchten Dorfgemeinschaften verwundert die zentrale These Dietrichs kaum, dass „die Konfession die zweite Geige“ (S. 13) gespielt habe, während ein von Sozial- und Wirtschaftsfaktoren bestimmtes Miteinander den Alltag an erster Stelle bestimmte. Dietrich bezeichnet dieses sich als „roter Faden“ durch die Studie ziehende Spannungsfeld treffend mit dem Begriffspaar Kooperation und Konfessionsspannungen. Zur Analyse dieser Dialektik hat Dietrich eine wahre Fülle an Quellen aus über 30 staatlichen und kirchlichen Archiven – auf der Kommunal- und Landesebene – zusammengetragen, die es ihm ermöglichen, tief in die alltäglichen Probleme vor Ort vorzustoßen.

Sein umfangreiches Quellenkorpus vermag er auf der Folie des Forschungsstands geschickt und mit Leichtigkeit einzusetzen, wenn es um die Rekonstruktion der Alltagsgeschichte in den ausgewählten lokalen Fallbeispielen geht.

So stellt Dietrich in einem ersten Schritt „Konfession als Legitimitäts- und Identitätsmerkmal“ (S. 93-171) heraus, worunter er vornehmlich die Pfarrer und deren Selbstverständnis fasst. Ein zweites großes Kapitel steht unter dem Aspekt des Handelns von Protestanten und Katholiken im kirchlichen Alltag allgemein (S. 175-280). Im dritten Teil geht er auf spezifische konfessionelle Strukturmomente im Handeln ein (S. 283-392). Insgesamt gibt es von der Konfession der Hebammen, über das Sexual- und Heiratsverhalten der Bevölkerung, bis hin zur Beichtmoral der Katholiken kaum einen Bereich des täglichen Lebens, der nicht angesprochen wird. Erscheint dieses filigran gestaltete Kaleidoskop schon durchaus beeindruckend, so bleibt fraglich, ob sich die einzelnen Mosaiksteine immer zu einem Bild zusammenfügen wollen. Zumindest ist an etlichen Stellen erkennbar, dass Dietrich insofern nachhilft, als er Einzelfälle generalisiert.

Beispielsweise wird etwas vorschnell die These von der katholischen Inferiorität in wirtschaftlichen Belangen zu widerlegen versucht, indem als Beweis u.a. eine insgesamt höhere Zahl der Telefonanschlüsse bei den Katholiken in den allerdings prozentual mehrheitlich protestantischen Thurgauer Dörfern im Jahre 1902 konstatiert wird (S. 86).

Ähnlich verhält es sich mit der Quantifizierung der Konfession von Kindern aus Mischehen. Ist es hilfreich, für eines der untersuchten Dörfer für 1861 eine Zahl von 70 Prozent evangelisch getaufter Kinder von in Mischehen lebenden katholischen Müttern (S. 307) zu konstatieren und dieses Faktum absolut zu setzen? Es stellt sich also die Frage, ob Verallgemeinerungen entsprechender Fakten Aussagekraft für den Untersuchungsraum oder sogar darüber besitzen und inwieweit die aus den Quellen punktuell gewonnenen Erkenntnisse sich für den gesamten Zeitraum der Studie eruieren lassen?

Diese kritischen Anfragen machen zwei Schwächen von Dietrichs Zugriff deutlich. Zum einen setzt er unweigerlich eine gewisse Scheuklappenperspektive auf, wenn er primär das Handeln der Individuen vor Ort aus den Quellen darlegt, ohne dabei die unweigerliche Vernetzung jeder Mikroeebene mit der Makro- und Mesoebene näher in Betracht zu ziehen. Zwar wird die Frage nach der Bedeutung der staatlichen und kirchlichen Obrigkeit für die Dorfbewohner mehrfach gestellt, jedoch erschöpft sich die Antwort stets in der Relativierung von deren Bedeutung. Auf diese Weise wird jegliche mögliche Existenz eines Zentrum-Peripherie-Konflikts als wesentliches Erklärungsmuster für einen Milieubildungsprozess [4] von vornherein ausgeklammert.

Zum anderen resultiert eine gewisse Unschärfe der Erkenntnisse aus der fehlenden zeitlichen Konturierung von Dietrichs Arbeit. Hier stehen Beispiele zu Alltagsphänomenen aus den 1820er-Jahren oft neben Beispielen aus den 1890er-Jahren, ohne Zäsuren und Epochengrenzen hinreichend zu verdeutlichen. Sollte z.B. der Übergang vom aufgeklärten zum streng ultramontanen Priesterbild während des 19. Jahrhunderts nicht auch auf der lokalen Ebene dezidiert herauszuarbeiten sein und zu einem differenzierteren Gesamtbild führen können?

Mit diesen Monita sollen jedoch keineswegs die unzweifelhaften Stärken des Bandes in Abrede gestellt werden, zu denen in erster Linie die konsequente Verfolgung des gewählten Ansatzes und die stringent durchgehaltene Diskussion der Ausgangsthese gehört. Insgesamt vermag Dietrich auch überzeugend und mit Erkenntnisgewinn für jeden Leser zu belegen, dass die Kooperation auf der Mikroebene im 19. Jahrhundert kontinuierlich konfessionelle Spannungsmomente übertraf. Aber dieser Befund gilt eben nur für die lokale Ebene jener Mikrokosmen, die von einer – cum grano salis – konfessionellen Parität bestimmt waren, weshalb das Fallbeispiel letztlich nur bedingt geeignet erscheint, um „Luft aus den immer praller gefüllten Lungen abzulassen, die die Konfessionalismuskonstruktion beleben“ (S. 403).

Anmerkungen:
[1] Arbeitskreis für kirchliche Zeitgeschichte, Münster, Konfession und Cleavages im 19. Jahrhundert, in: Horstmann, Johannes; Liedhegener, Antonius (Hgg.), Konfession, Milieu, Moderne. Konzeptionelle Positionen und Kontroversen zur Geschichte von Katholizismus und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert (Veröffentlichungen der Katholischen Akademie Schwerte 47), Schwerte 2001, S. 97-143, hier insbes. S. 121.
[2] Liedhegener, Antonius, Christentum und Urbanisierung. Katholiken und Protestanten in Münster und Bochum (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte 77), Paderborn 1997.
[3] Exner, Peter, Ländliche Gesellschaft und Landwirtschaft in Westfalen 1919-1969 (Forschungen zur Regionalgeschichte 20), Paderborn 1997.
[4] Wie Anm. 1, S. 116.