P. Jordan u.a. (Hrsg.): Transcarpathia - Bridgehead or Peripherie?

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Titel
Transcarpathia - Bridgehead or Periphery?. Geopolitical and Economic Aspects and Perspectives of a Ukrainian Region


Herausgeber
Jordan, Peter; Klemencic, Mladen
Reihe
Wiener Osteuropa Studien 16
Erschienen
Frankfurt am Main 2004: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
335 S.
Preis
€ 56, 50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Steffi Franke, Universität Leipzig, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO)

Mit seiner wechselvollen Geschichte vereint Transkarpatien zentrale Merkmale, die sowohl in Forschungsdiskussionen als auch im politischen Diskurs schlagwortartig der Region Ostmitteleuropa zugeschrieben werden: ethnischer und religiöser Pluralismus, Kontaktzone von Ost- und West, Durchdringungsraum konkurrierender Imperien, Schauplatz für die kriegerische Austragung ebenjener Konkurrenz, tendenzielle Marginalisierung am Rande der großen Herrschaftsräume Europas und Heimat der so genannten kleinen Völker.[1] Die Karpatenregion wurde vor diesem Hintergrund auch zur Namenspatronin einer Euroregion, die die Grenzregionen von fünf ostmitteleuropäischen Staaten vereint.[2] Der vorliegende Band konzentriert sich auf eine administrative Einheit, für die sich aufgrund ihrer exponierten Lage im äußersten Westen des ukrainischen Staates und ihrer geografischen Koordinaten innerhalb Europas besondere Konsequenzen und Perspektiven aus der sowie auf die Osterweiterung der Europäischen Union ergeben. Die geopolitische Funktion der Region im neu geordneten Europa liegt auf der Hand.

Ein multidisziplinäres Team von dreizehn Wissenschaftlern/innen [3] aus sieben Staaten war an der Erarbeitung des Bandes beteiligt. Die sozioökonomischen, geopolitischen, historischen und ethnischen Kennzeichen der Region wurden in das Zentrum der Betrachtung gestellt. Entsprechend sind die Studien nach einer grundlegenden Einführung in sechs Teile gegliedert, die der Verantwortung einzelner Autoren zugeschrieben werden können: ethnische Struktur, Geschichte, Wirtschaft, Umwelt, die Nachbarschaft der Region und geopolitische Aspekte. Dabei wird vielfältiges Datenmaterial aufbereitet, das auch in einem umfangreichen Anhang in Tabellen, Diagrammen, Karten und Fotografien vorgestellt wird. Das Buch kann so zu einer wichtigen Grundlage für die weitere Forschung zu dieser Region Europas werden. Es ist kein leichtes Unterfangen, sich die komplizierten und vielfach überlappenden historischen Entwicklungen in Transkarpatien zugänglich zu machen. Die Autoren stellen sich dieser Aufgabe. Ihr Schlagen von Sichtschneisen durch ein geschichts-, identitäts- und geopolitisch heftig umstrittenes Feld ist mutig und verdient Anerkennung.

Der Problemhorizont der Studien reicht über die Grenzen der administrativen Region (Oblast) Transkarpatien hinaus: die Erweiterung der Europäischen Union und der damit verbundene Wandel des Kontinents, insbesondere der veränderte Charakter der Grenzen, die die Staaten innerhalb und außerhalb der Union voneinander trennen. Da das Manuskript vor der EU-Erweiterung abgeschlossen war, konnte der seither voranschreitende Wandel nur prognostisch erfasst werden. Deutlich sind die Warnungen vor einem neuen „Eisernen Vorhang“, der die Regionen außerhalb der vergrößerten Union noch stärker marginalisieren würde als dies ohnehin durch die historische Konstellationen der Fall ist, vor allem im Zusammenhang mit den verschärften Regelungen der Schengen-Außengrenze und der Verweigerung von Beitrittsperspektiven für die postsowjetischen Staaten. Dagegen betonen die Autoren die zentrale Lage Transkarpatiens, vor allem im geopolitischen Sinne.

Die Konzentration auf die administrative Region ist dabei sicher auch eine forschungspragmatische Entscheidung gewesen, denn bereits bei der Darstellung der wechselnden historischen Bezeichnungen für diese Region und ihre geografischen Zugehörigkeiten wird der proteische Charakter des Gegenstandes deutlich.[4] Vor der Integration in die ukrainische Teilrepublik der UdSSR nach 1945 war die Region als Podkarpatská Rus’ seit 1920 – nach den Pariser Vorortverträgen – Teil der Tschechoslowakei. Vor 1920 und zwischen 1938 und 1944 gehörte sie zu Ungarn als Kárpatálja oder Vorkarpaten. Im historischen Ungarn durchlief die Region als Ungarische Rus’ oder Rutenföld und für eine sehr kurze Periode 1918 als autonomes Gebiet Rus’ka Krajna eine wechselhafte Geschichte. Die historische Bezeichnung „Ruthenien“ (Marchia Ruthenorum) wird ebenfalls auf Transkarpatien angewendet, meist bezieht er sich aber auf ein größeres Gebiet und wird für den hier untersuchten Bezirk als Carpatho-Ruthenien konkretisiert, erfuhr aber ebenfalls zahlreiche Abwandlungen beispielsweise als Vorkarpaten-Russland oder Carpato-Russland. Vor 1918 bestand das Gebiet nicht als administrative Region, besaß aber innerhalb der Länder der Stefanskrone eine „eigenständige Identität“ (S. 26, 74f.), die sich aus der Geschichte und dem Selbstbild ihrer Bewohner/innen, der Ruthenen, speiste, die allein in der deutschen Sprache unter zahlreichen Namen firmieren.[5] Die Herkunft dieser ethnischen Gemeinschaft, ihre Abgrenzung von anderen slawischen Gruppen und die Bestimmung ihrer Identität ist, ähnlich der Bestimmung des geografischen Bereichs, komplex und bis heute umstritten.[6] Nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867 war die Region Magyarisierungsbestrebungen ausgesetzt, die ruthenische Bevölkerung emigrierte zwischen 1880 und 1914 massenweise wegen der miserablen wirtschaftlichen Lage, vor allem in die USA, gleichzeitig wanderte eine größere Zahl chassidischer Juden aus Galizien ein. Die ruthenische Unabhängigkeitsbewegung entschied sich nach 1918 für die Vereinigung mit dem neuen tschechoslowakischen Staat, der ihnen Autonomie zugesagt hatte, dieses Versprechen aber nicht einlöste. Für eine kurze Phase vom Herbst 1938 bis zum März 1939 profitierte diese Bewegung von der Auflösung der Tschechoslowakei im Gefolge des Münchener Abkommens: Die Ruthenen erhielten mit der Carpato-Ukraine eine eigenständige Provinz. Nach dem 1. Wiener Schiedsspruch vom November 1938 beendete die ungarische Besetzung im März 1939 diesen Zustand, denn auch unter den neuen Bedingungen wurden Autonomiezusagen nicht umgesetzt. Die sowjetische Eroberung des Gebiets 1944 konnte sich auf die russophilen kommunistischen Gruppen in Transkarpatien stützen, die Region wurde Teil der Sowjet-Ukraine. Die der Kollaboration mit dem Nazi-Regime für schuldig befundene ungarische und deutsche Minderheit des Gebiets wurde zu großen Teilen deportiert. Gleichzeitig versuchten die neuen staatlichen Machthaber zur Untermauerung der ukrainisch-slawischen Identität die Transkarpatenbewohner/innen ethnisch und religiös zu „homogenisieren“, verboten die calvinistische und die griechisch-katholische Kirche, erklärten die Ruthenen zu Ukrainern und illegalisierten ruthenische Identitätsbekundungen. Die jüdische Bevölkerung war durch die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten ausgelöscht worden.

Aus dieser vielfach verflochtenen und von Brüchen gekennzeichneten Geschichte folgen für die Aufarbeitung der ethnischen Struktur dieser Region erhebliche Schwierigkeiten: nationale und ethnische Zuschreibungen sind weit davon entfernt, analytisch verwendbar zu sein, tragen sie in sich doch immer identitäts- und geschichtspolitische Konfliktlinien. Freiwillige oder zwangsweise Assimilation muss ebenso berücksichtigt werden wie die Prägung der Volkszählungen durch die jeweiligen historischen Rahmenbedingungen und die Perspektive der Erhebung. Diese Schwierigkeit wird in einer der Studien teilweise reflektiert. In der eigentlichen Präsentation und Auflistung der Zahlen für die Darstellung von ethnischen Zugehörigkeiten rückt diese Problematisierung allerdings in den Hintergrund. Besonders deutlich wird dies im Fall der Ruthenen – deren umstrittene Definition bereits oben angesprochen wurde – und am Beispiel der Roma, die nicht linguistisch oder religiös identifiziert werden (können), wie dies bei den anderen ethnischen Gruppen gehandhabt wurde. Insgesamt wäre eine stärkere Kontextualisierung der herangezogenen Quellen und deren Kritik wünschenswert gewesen, zumal die Bereitstellung von Datenmaterial ein wesentlicher Schwerpunkt des Buches ist und zusätzlichen Nachdruck durch dessen Visualisierung im Anhang gewinnt.

Der umfangreiche Abschnitt zur sozioökonomischen Situation der Region ist streng genommen eine Studie zur gesamtukrainischen Wirtschaft: allein auf den letzten zehn des insgesamt 80 Seiten umfassenden Teils werden die explizit für Transkarpatien geltenden wirtschaftlichen Merkmale beschrieben. Die Charakterisierung der ukrainischen Wirtschaft nach 1991 ist unbenommen profund und detailreich. Die hier untersuchte Region zählt zu den am wenigsten entwickelten Regionen des Landes, was vor allem auf die geringe Industrialisierung, die Folgen der Strukturreform in der Landwirtschaft und die defizitäre Infrastruktur zurückzuführen ist. Folgen sind in einer mangelnden Anbindung an benachbarte Staaten aber auch in das ukrainische Verkehrs- und Energienetz zu sehen. Diese Marginalisierung kennzeichnet die Region seit Jahrhunderten. Allein seine touristische Erschließung als landschaftlich und kulturell einzigartiges Gebiet scheint den Autoren eine Perspektive des von der sozialistischen Industrialisierung nicht durchgängig erfassten Gebietes zu sein.

Dem knapp gehaltenen Teil zu ökologischen Problemfeldern folgt die Beschreibung der Grenzlage der Region und den damit verbundenen Nachbarschaften. Aus ungarischer, slowakischer, polnischer und rumänischer Perspektive werden zentrale Aspekte der jeweiligen Grenzregionen betrachtet. Die Karpaten-Euroregion wird in einem kurzen Abschnitt gestreift. Ähnlich wie im Teil zur ethnischen Struktur erhält die ungarische Perspektive den größten Raum. In diesem Unterabschnitt, in dem die persönliche Perspektive des vermutlich in diesem Bereich selbst als Akteur auftretenden Autors immer wieder durchscheint, wird ein Problem des Bandes besonders deutlich: die Verantwortlichkeit für einzelne Teilbereiche ist zwar im Vorwort umrissen, wird für die einzelnen Abschnitte nicht transparent, da Autorennamen für die einzelnen Studien fehlen. Mitunter leidet auch die Verständlichkeit des Textes unter einem offensichtlich nicht muttersprachlich redigiertem Englisch. Vor allem aus der ungarischen und der slowakischen Sicht werden Konfliktfelder der jeweiligen Grenze geschildert, insbesondere illegale Migration und Grenzschmuggel, und damit die Grenze eher kriminalisiert als dies aus polnischer Sicht getan wird, die die strategische Bedeutung der Nachbarschaft betont.

Die Einschätzung des Autors, dass ungarische Politiker/innen bislang die Grenzproblematik auch vor dem Hintergrund der Osterweiterung der EU ausgeblendet hätten, ist allerdings relativierungsbedürftig, wenn man die ungarischen Bemühungen in Betracht zieht, die Einführung der Schengen-Regelungen vor allem für die Auslandsungarn abzufedern. Auch kann die slowakische Visapolitik, die frühzeitig und rigide die EU-Regelungen umsetzte, nicht unumstritten als prognostische Grundlage für die Auswirkungen an der gesamten neuen EU-Außengrenze herangezogen werden, da beispielsweise die davon abweichenden polnischen und ungarischen Versuche der Entschärfung der Situation die Relevanz unterschiedlicher nationaler Strategien im Umgang mit supranationalen Anforderungen deutlich machen.[7]

Bei der Einschätzung der geopolitischen Funktion der Region betonen die Autoren ihren Charakter als Tor von Ost- nach Mitteleuropa und warnen vor den Gefahren des neuen Grenzregimes für die Entwicklungspotentiale des Bezirks. In diesem Zusammenhang wird die ukrainische Außenpolitik als neutral gekennzeichnet, was allerdings eine Kohärenz nahe legt, die andere Autoren [8] infrage stellen.

Das Potential der Grenzregion, das aus der Nachbarschaft zur erweiterten Europäischen Union resultiere und durch den veränderten Charakter der Grenze bedroht sei, wird auch in der kurzen Konklusion der Forschungsergebnisse nochmals unterstrichen. Allerdings steht die optimistische Einschätzung des Entwicklungspotentials Transkarpatiens der bedrückenden Bilanz der wirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklung entgegen, die sich aus den Teilstudien ergibt. Eine ausführlichere Zusammenfassung, die die stark deskriptiv orientierten Teilstudien analytisch aufbereitet, wäre wünschenswert gewesen.

Im vorliegenden Buch wird der Versuch unternommen, die hochkomplexe Struktur des Untersuchungsgegenstandes mit historischen Analysen und vor allem mithilfe sozialwissenschaftlich generierter Daten zu erfassen. So besitzt der Band das Potential eines Nachschlagewerks für Daten zu Wirtschaft, Geschichte, ethnischer Struktur und politischen Aspekten der Region. Allerdings müssen die Quellen dabei an einigen Stellen genauer Prüfung und Kritik unterzogen werden. Erschwert wird dies durch die mangelnde Kennzeichnung der Autorenschaft und die Zuordnung der Daten zu deren eigenen Primärstudien oder aufbereiteten Untersuchungen. Gleichwohl sei der Band jenen empfohlen, die nach einer detaillierten Analyse der untersuchten Region suchen, einer Region die als Beispielfall ostmitteleuropäischer Konstellationen vor und nach der Erweiterung der Europäischen Union zwischen Inklusion und Exklusion entlang sich verändernder Grenzen gelten kann.

Anmerkungen:
[1] vgl. unter anderem: Schorkowitz, Dittmar, Ostmitteleuropa als geschichtsregionale Konstruktion. Stand einer Debatte, Tagungsbericht zur Jahrestagung 2005 des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig (GWZO) am 27./28.10.2005 in Leipzig, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=987.>
[2] Ungarn, Polen, Rumänien, Slowakei, Ukraine.
[3] Die namentlich in der Einleitung genannt werden.
[4] S. 19 und S. 23ff..
[5] Rusniaken, Russynen, Karpato-Ukrainer, Karpatorussen, Karpatenrussinen, Ungarnrussinen usw.
[6] Dabei kann bei der Bestimmung und Zuordnung der ruthenischen Sprache, über die diese Gruppe zumeist identifiziert wird, grob unterschieden werden zwischen 1. einem russophilen Ansatz, der ruthenisch als Dialekt des so genannten Kleinrussischen definiert, welches wiederum als einer von drei Dialekten des Russischen bestimmt wird, 2. einem ukrainophilen Ansatz, der Ukrainisch und Russisch als verschiedene Sprachen versteht und das Ruthenische ersterem zuordnet und 3. einem russinophilen Ansatz, der das Ruthenische als eine von vier eigenständigen slawischen Sprachen einstuft. Diese sprachhistorischen und systematischen Überlegungen, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts ausgearbeitet wurden, sind identitäts- und nationalitätenpolitisch eng an die jeweiligen Interessen der Akteure gebunden.
[7] Kazmierkiewicz, Piotr (Hg.), The Visegrad States between Schengen and Neighbourhood, Institute of Public Affairs Warsaw, Migration and Eastern Policy Programme, 2005.
[8] Vgl. Kuzio, Taras, EU and Ukraine. A turning point in 2004? Occasional Paper No 47/2003 des European Union Institute for Security Studies, Paris 2003. Kuzio spricht vom “multivectorism” der ukrainischen Außenpolitik.

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28.07.2006
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