F. Becker (Hg.): Politik der Rasse

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Titel
Rassenmischehen - Mischlinge - Rassentrennung. Zur Politik der Rasse im deutschen Kolonialreich


Herausgeber
Becker, Frank
Reihe
Beiträge zur Europäischen Überseegeschichte 90
Erschienen
Stuttgart 2004: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
378 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Weidert, Bollendorf

Der auf eine Münsteraner Tagung über „Rassenpolitik in den Kolonien des deutschen Kaiserreiches“ zurückgehende Band thematisiert auf der breiten Basis von 16 wissenschaftlichen Artikeln eine immer noch randständige Thematik der deutschen Kolonialhistoriografie.

Die luzide Einleitung des Herausgebers beschreibt die Schwierigkeiten bei der historischen Untersuchung von Rassekonzepten und der Einordnung in den größeren Kontext der nationalstaatlichen Entwicklung Deutschlands. Zudem behandelt er die Frage nach Kontinuitätslinien und -brüchen hin zur nationalsozialistischen Rassenpolitik.

Nach der Einleitung folgen drei Artikel, die aus einer allgemeineren Perspektive grundlegende Elemente und ideologische Voraussetzungen des kolonialen Rassekonzeptes vorstellen. Horst Gründer bietet eine kritische Verortung des Rassismus im Rahmen der deutschen Kolonialideologie, wobei er zugleich ‚den Rassismus’ aufbricht und durch die Einteilung in vier differente Rassismen einer unzulässigen Homogenisierung des Begriffes entgegenwirkt. Der anschließende Beitrag von Michael Schubert wirft einen Blick auf den publizistischen und parlamentarischen Kolonialdiskurs über Afrika und die damit verbundenen Wahrnehmung der indigenen Bevölkerung, wobei Schubert zwei idealtypische Grundformen rassistischer Argumentation ausmacht, die zum einen einer sozialdarwinistischen, zum anderen einer kulturideologischen Stoßrichtung verpflichtet waren und sich je nach kolonialer Situation ablösten. Die genaue Analyse der im evangelischen Missionsmilieu virulenten Rassismen von Thorsten Altena ergänzt und beschließt diesen um Abgrenzung und Spezifizierung des Rassebegriffs bemühten Block. Christoph Marx versucht sich anschließend ebenfalls an einer Typologisierung und stellt die verschiedenen Arten von Siedlerkolonien in Afrika und ihre Verbindungen zu Formen der Herrschaft und des Rassismus in das Zentrum seines Beitrages.

Im Mittelpunkt des Beitrages von Jürgen Zimmerer steht die Frage nach der Struktur von Herrschaft in einer rassischen Privilegiengesellschaft. Am Beispiel des Umgangs mit der indigenen Bevölkerung in Deutsch-Südwestafrika betont er die Bedeutung der Wechselwirkung zwischen europäischen rassenideologischen Vorstellungen und machtpolitischen Überlegungen in der kolonialen Situation. Gerade in dieser Struktur der Herrschaftspraxis sieht Zimmerer Parallelen und nicht zu leugnende Ähnlichkeiten zur nationalsozialistischen Verwaltungspraxis in besetzten Gebieten; koloniale Herrschaft ist für ihn keine Einbahnstraße hin zur NS-Herrschaft, sondern eine Art von „kulturellen Reservoir“, aus dem sich die Nationalsozialisten bedienen konnten. In der Argumentation Zimmerers liegt unverkennbar der Wunsch nach einer Modifikation der oftmals vorgetragenen wissenschaftlichen Reserviertheit [1] gegenüber der Betonung von Kontinuitätslinien und Zusammenhängen zwischen diesen beiden Phänomenen der neueren deutschen Geschichte. In der epochenübergreifenden Betrachtung der Errichtung einer „rassischen Privilegiengesellschaft“ sieht der Autor die Möglichkeit die eurozentrische Sicht auf Kolonialherrschaft aufzubrechen und damit eine zentrale Forderung der ‚Postcolonial Studies’ in die historiografische Tat umzusetzen.

Mit der letztlich suizidal verlaufende Irrfahrt eines Chinesen zwischen der Kapkolonie und Südwestafrika befasst sich Jan Henning Böttger und betont die Paradoxie rassisch motivierter und auf dem Stereotyp der „gelben Gefahr“ beruhender kolonialer Exklusionsmechanismen, wobei er vor allem diskurs- und sprachtheoretische Überlegungen in seine Interpretation einbezieht. Der Rechtshistoriker Harald Sippel stellt die staatlichen legislativen und administrativen Maßnahmen gegen die ‚rassische Vermischung’ von Europäern und Afrikanerinnen in Deutsch-Südwest in das Zentrum seines Beitrages. Sippel gelingt es dabei in seinem Artikel die Interdependenzen zwischen Gesetzgebung, der administrativen Umsetzung und der dadurch reklamierten Klassifizierungshoheit über die Abkömmlinge aus ‚Rassenmischehen’ aufzuzeigen. Das damit verbundene Verhältnis der unbedingten Subordination der Indigenen unter die Vertreter der europäischen Kolonialmacht wurde legal geordnet und zugleich gesellschaftlich zementiert.

Eine geschlechterhistorische Perspektive auf die koloniale Situation wagt Katharina Walgenbach. Sie analysiert am Beispiel der Aktivitäten des „Deutschkolonialen Frauenbundes“ und seines Organs „Kolonie und Heimat“ die Wahrnehmung und Konstruktion kolonialer Weiblichkeit und Männlichkeit und hebt dabei die Bedeutung dieses institutionellen Akteurs für die „Produktion rassenpolitischer Diskurse und Ordnungsmuster“ hervor. Den Frauen kam ein zentrale Rolle bei der Generierung einer neuen ‚südwestafrikanischen Identität’ und der Repräsentation einer zu schützenden ‚weißen Identität’ zu. Frank Becker untersucht in seinem auf Vergleich angelegten Artikel die Rolle der von den konfessionellen Missionen getragenen „Bastardheime“ und ihrer Bewertung zwischen den Positionen einer sozialen Notwendigkeit und als Ausdruck einer konfessionellen Konkurrenz in Übersee. In einem aufschlussreichen Aufsatz befasst sich Kathrin Roller, in Orientierung am foucaultschen Paradigma der Biopolitik, mit Nachwirkungen rassischer Wertungen in Bezug auf ‚gemischrassige’ Nachkommenschaft. Roller konzentriert sich dabei auf Familiengeschichten und weist nach, wie sich die Biomacht in die Körper(-wahrnehmungen) und die subjektiven Selbstentwürfe von Individuen einschreibt. Die Bedingtheiten des Subjekts, die in einer kolonialen Situation ihre grundlegende Prägungen und Zuschreibungen erhalten haben, setzen sich über Generationen fort, wobei sie dem Prozess einer stetigen Neubewertung und Erweiterung unterworfen sind.

Der Germanist Medardus Brehl untersucht am Beispiel der deutschen kolonialen Literatur zum ‚Hererokrieg’ in Deutsch-Südwestafrika die dort vorfindlichen Repräsentationen des ‚Mischlings’. Brehl hebt die charakteristischen Sprachmuster hervor und stellt die Form des Sprechens über individuelle und kollektive Identitäten heraus. Bei der Frage nach der Bedeutung des ‚Mischlings’ ergibt sich eine ‚diskursive Leerstelle’; auch das Schweigen über diese Personen verweist auf eine implizite Anwesenheit.

Der informative Artikel von Marc Schindler-Bondiguel über die Mischlingsfrage in Französisch-Indochina, indem er besonders auf die Wechselwirkungen philantrophischer Ansätze, republikanischer Kolonialpolitik und europäischer Assimilationsstrategien eingeht, erscheint wie ein Fremdkörper im Gesamtkorpus der Artikel. Warum dieser Beitrag in einem ansonsten auf die Betrachtung der deutschen Kolonien (mit unverhältnismäßiger Betonung der Verhältnisse in Deutsch-Südwestafrika) ausgerichteten Sammelband auftaucht, obwohl er keinen komparatistischen Standpunkt unter Einbezug der ‚deutschen kolonialen Verhältnisse’ einnimmt, klärt auch die Einleitung nicht.

Thoralf Klein befasst sich in seinem Aufsatz mit Konstruktionen des ‚Eingeborenen’ und den damit verbundenen kolonialen Segregationen im chinesischen Kiautschou. Anhand dreier Fallbeispiele weist er die Heterogenität und Komplexität des Diskurses über die ethnisch Anderen in dieser Kolonie nach. Er betont zudem, dass der hier favorisierte koloniale Rassebegriff nicht konstant war und zur genauen Bestimmung seines Gehaltes eine parallele Berücksichtigung ‚rassischer’, kultureller und sozialer Komponenten notwendig ist.

Roland Samulski wagt einen Blick auf das polynesische Samoa; genauer: die dort herrschenden Vorstellungen und Besonderheiten im Hinblick auf ‚Rassenmischung’ und die daraus resultierende Versuche von kolonialstaatlicher Seite Einfluss auf Formen des legalen und extralegalen Zusammenlebens zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten zu nehmen. Der Autor wertet dabei, neben den Bemerkungen und Verordnungen der Gouverneure Solf und Schultz-Ewerth, die deutschen Reichstagsdebatten und Aussagen der belletristischen Kolonialliteratur aus. Samulski kommt zu dem Fazit, dass bei der Beurteilung der samoanischen Situation die Besonderheiten dieser Kolonie unbedingt mit einbezogen werden müssen und dass der dort herrschende Rassismus sich letztlich als Konglomerat ‚südseeromantischer’, offen diskriminierender und dezidiert machtpolitischer Motive erwies. Den Abschluss des Bandes bilden Überlegungen des Germanisten Alexander Honold zur Rolle und Bedeutung des „Exoten und seines Publikums“. Honold stellt anhand der Formen kolonialer Völkerschauen nicht nur die unterschiedlichen Formen dieser Präsentationen des Anderen vor, den „Übergang vom ‚zoologischen’ zu einem veritablen ‚Menschengarten’“ (S. 363), sondern analysiert zudem die damit verbundenen Blickregime zwischen Betrachtendem und Betrachtetem.

Der hier besprochene Sammelband ist ein Gewinn für die historische Beschäftigung mit Formen ‚rassischer’ Zuschreibung und Segregation in den reichsdeutschen Kolonien. Er bietet einen hervorragenden Einblick in eine immer noch allzu wenig erforschte Seite des reichsdeutschen Kolonialregimes, weshalb ihm aktuell der Status eines Grundlagenwerkes zugestanden werden kann. Ein großes Plus des Buches ist die Tatsache, dass hier akademisch etablierte Forscher zu Wort kommen und zugleich dem wissenschaftlichen Nachwuchs eine Chance eingeräumt wird, die Ergebnisse seiner Arbeit zu präsentieren, ohne dass damit ein ‚Verflachung’ der durchweg fachlich anspruchsvollen Artikel verbunden wäre. Die weitestgehende Beschränkung auf die Rassepolitik im Zusammenhang mit den deutschen Kolonien ist dabei als eine positive Reduktion anzusehen und bedient in passender Weise das Desiderat der deutschen Forschung nach einer breiteren Analyse des Faktors ‚Rasse’ und seiner mannigfaltigen Erscheinungsformen und Nuancen im heimatlichen und überseeischen Kolonialmilieu. Die Fokussierung auf Deutsch-Südwestafrika ist durchaus angebracht und entspricht offensichtlich einer momentanen Grundtendenz der deutschsprachigen Kolonialhistoriografie. Die Artikel widersetzen sich in ihren Analysen durchweg der Vorstellung einer homogenen, gesamtkolonialen Rassekonzeption und weisen durch die Beachtung der jeweils unterschiedlichen sozialen, kulturellen und politischen Gegebenheiten vor Ort eindrucksvoll nach, wie heterogen die deutschkolonialen Rassendiskurse und die daraus resultierenden Konstruktionen des ethnisch Eigenen und Anderen waren.

Die hier versuchte multiperspektivische Aufarbeitung des kolonialen Rassekonstrukts und seiner realpolitischen Konsequenzen geschieht dabei auch auf der Grundlage kulturwissenschaftlicher Forschungsparadigmen, wobei die fast gänzliche Missachtung von Ansätzen aus dem Umfeld der ‚Postcolonial Studies’ – der Beitrag von Jürgen Zimmerer sei hier als Ausnahme genannt – als Verweis darauf verstanden werden kann, dass die deutschsprachige Historiografie hier noch einen nicht zu leugnenden Nachholbedarf besitzt.

Die durch diesen Band dokumentierte Zusammenarbeit von Geschichtswissenschaft, Germanistik, historischer Pädagogik und Rechtsgeschichte ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Beschäftigung mit der Kategorie ‚Rasse’ heute einer methodischen Öffnung über die Grenzen der sozialwissenschaftlich und kulturwissenschaftlich orientierten HistorikerInnenzunft bedarf. Positiv zu erwähnen ist auch die didaktisch kluge Gliederung des Bandes, dessen erste Beiträge sich einer gewissen ‚Makroperspektive’ bedienen und dadurch einen leichteren Zugang zu den folgenden, thematisch enger gehaltenen Spezialstudien bieten.

Anmerkung:
[1] Zuletzt bei Kundrus, Birthe, Von Windhoek nach Nürnberg? Koloniale „Mischehenverbote“ und die nationalsozialistische Rassengesetzgebung, in: Dies. (Hg.), Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Imperialismus, Frankfurt am Main 2003, S. 110-113.