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Titel
Dante Alighieri als nationales Symbol Italiens (1793-1915).


Autor(en)
Schulze, Thies
Reihe
Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 109
Erschienen
Tübingen 2005: Max Niemeyer Verlag
Anzahl Seiten
275 S.
Preis
€ 42,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Riccardo Bavaj, Westfälisches Institut für Regionalgeschichte, Münster

„L’Italia è fatta, restano a fare gli italiani.“ Diese vielzitierte Sentenz, die Massimo D’Azeglio zugeschrieben wird, zielt ins Zentrum eines Grundproblems des italienischen Nationalstaats nach seiner Begründung von 1861/70. Italien war geschaffen, doch mangelte es an Italienern. Nicht viele Bewohner der italienischen Halbinsel hatten sich im 19. Jahrhundert über ihre lokale und regionale Verwurzelung hinaus ein nationales Bewusstsein angeeignet. Dies galt es erst zu schaffen: mit Mythen und Symbolen, Denkmälern und Festen, mit Populär- und Hochkultur. Auf der Piazza wie in der Schule musste sich das nationale Narrativ manifestieren, musste die Geschichte von der italienischen Nation erzählt und an nationale Heroen in Politik und Kultur erinnert werden.

Zu den wichtigsten Symbolgestalten im kulturellen Risorgimento zählt sicherlich Dante Alighieri, der im 19. Jahrhundert zur zentralen Referenzgröße des nationalen Diskurses avancierte. Sowohl nach als auch vor der staatlichen Einigung rekurrierte die intellektuelle und politische Elite Italiens auf den berühmten Dichter des Trecento, um auf dem Wege einer nationalzentrierten Deutung seines Werkes wie auch seines Lebens aus verschiedenen regionalen eine gemeinsame nationale Identität zu stiften, um aus heterogener Vielheit eine homogene Einheit zu schaffen. Jener erkennbar mit der napoleonischen Eroberung Italiens seit 1796 einsetzende Prozess der Konstruktion eines italienischen Nationalbewusstseins, dem sowohl eine romantisch-idealistische als auch eine nüchtern-pragmatische Dimension eignete, bildete den ideologischen Hintergrund, vor dem die umstürzenden Ereignisse der Jahre 1859/60 zu Italiens Einheit führten. Zentraler Bestandteil der Konstruktion nationaler Identität war die Konstitution eines nationalen Gedächtnisraumes, also die im Zeichen einer italienischen Meistererzählung sinnstiftende Aktualisierung bedeutender Erinnerungsorte – so wie die nationale Funktionalisierung des „Luogo della Memoria“ Dante.

Mit seiner Dissertation über den risorgimentalen Dante-Kult im „langen 19. Jahrhundert“ hat Thies Schulze eine Längsschnittuntersuchung vorgelegt, welche die zahlreichen Detailstudien zu der Danterezeption und den Dantefeiern im Risorgimento synthetisiert und auf der Basis akribischer Archivstudien ergänzt. Seine mehr durch empirischen Detailreichtum als durch theoretische Reflexionen beeindruckende Darstellung fügt sich in die Reihe neuerer Abhandlungen zum italienischen Nationbuilding ein, ohne die Anregungen der kulturalistischen Forschungen Alberto Mario Bantis dezidiert aufzugreifen, geschweige denn weiterzuentwickeln.

Schulze geht es darum, „die Entstehung und Fortentwicklung des Kultes um den Florentiner Dichter nachzuvollziehen“ und die „Funktionsweise des nationalen Symbols Dante“ verständlich zu machen, also zu zeigen, auf welche Weise Teile der Bevölkerung durch die öffentliche Zelebrierung des Dante-Kults für die Nationalbewegung gewonnen werden konnten (S. 8). Er präsentiert daher nicht nur – wenn auch hauptsächlich – eine Beschreibung des Elitendiskurses, sondern nimmt mit Schulpolitik und Alltagskultur auch die Massen in den Blick. Während er zu Recht konzediert, dass die Wirkung von Monumenten auf die breite Bevölkerung „eine nur schwer einzuschätzende Größe bleibt“ (S. 9), bemüht er sich darum, die Sphäre der Elitenforschung zu transzendieren, indem er unterschiedliche Quellengattungen heranzieht: von zum Teil mehrfach edierten Werken der literarischen und wissenschaftlichen Hochkultur eines Vincenzo Monti, Ugo Foscolo, Cesare Balbo, Alessandro Manzoni, Giosuè Carducci oder Gabriele D’Annunzio über staatliche Umfragen zum Bildungswesen bis hin zu bildlichen Darstellungen und Ansichtskarten. Wer also vom „iconic turn“ gepackt wurde oder sich auch schon vorher für Bilder in der Geschichte interessiert hat, kommt auf seine Kosten. In einem schön aufbereiteten Abbildungsteil kann man sich von einigen Untersuchungsobjekten selbst ein Bild machen: so etwa von Ugo Zannonis Dante-Denkmal in Verona oder von einer Postkarte der Società Dantesca Italiana.

Im nationalen Dante-Diskurs des 19. Jahrhunderts gingen philologische und weltanschauliche Interessen teils Hand in Hand, teils konkurrierten politische mit literarisch-historisierenden Interpretationen. Nach dem Verständnis der risorgimentalen Literaturkritik war Dante sowohl der Schöpfer der italienischen Sprache als auch ein Verfechter von Italiens staatlicher Unabhängigkeit, ein tapferer Kämpfer in der Schlacht von Campaldino (1289) sowie ein Politiker, der sich für die innere Einheit von Florenz stark gemacht hat. Dabei kann Schulze überzeugend nachweisen, dass die Dante-Rezeption nicht nur politischen Einflüssen unterlag und Neoghibellinen, Neoguelfen und Irredentisten gleichermaßen aus dem Autorität verleihenden Sprachschatz und Wissensreservoir des Dichters schöpften, sondern dass der Dante-Kult auch regionale Besonderheiten aufwies. Plausibel gliedert er daher einzelne Kapitel seiner chronologisch vorgehenden Untersuchung nach verschiedenen Regionen, um regionale Spezifika, aber auch nationale Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.

Nicht ganz so plausibel wirkt dagegen die Begründung des Endpunktes von Schulzes Langzeitbetrachtung. Mag das Jahr 1915 mit dem Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg vielleicht prima vista einleuchten, klingt die nähere Erklärung weniger überzeugend. Dass Dante, obgleich „weiterhin als italienischer Erinnerungsort bedeutsam“, nach 1915 nicht mehr „als nationales Symbol begriffen und erlebt wurde“ (S. 11), ist nicht unmittelbar nachzuvollziehen. Schulze selbst formuliert am Ende seiner Studie das Desiderat, die „Wirkung Dantes als nationales Symbol“ in der Zwischenkriegszeit zu beleuchten. Schließlich habe erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das philologische Interesse an Dantes Werk „eindeutigen Vorrang“ vor dem politischen gewonnen (S. 220). Erst dann wäre also mit der Ablösung des nationalzentrierten Dante-Diskurses eine inhaltlich begründete Zäsur zu setzen. Gerade für kulturgeschichtliche Untersuchungen scheinen solch liebgewonnene Periodisierungen wie das „lange 19. Jahrhundert“ nicht immer geeignet zu sein.

Nur unzureichend beantwortet Schulze zudem die selbst gestellte Frage nach den Grenzen risorgimentaler Ausdeutungen von Leben und Werk des Dichters. Mit fortschreitender Lektüre kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass die Phantasie der Interpretationsinstanzen ebenso wie ihr Deutungsspielraum beinahe grenzenlos war, dass also Hobsbawms missverständliche Rede von der „invention of tradition“ in diesem Fall fast wörtlich zu nehmen ist. Denn „interpretationsbedürftig“ und verschieden auslegbar waren nicht nur Dantes Allegorien, wie der Autor schreibt, sondern auch seine „moralischen Urteile“ und vermeintlich „konkreten politischen Vorstellungen“ (S. 6). Alles in allem aber informiert Schulzes flüssig geschriebene und gut lektorierte Darstellung ebenso eingehend wie zuverlässig über die Konjunkturen und Facetten des risorgimentalen Dante-Kultes von der Französischen Revolution bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs in Politik und Kultur, Gelehrten- und Alltagswelt. Auch angesichts der zahlreichen längeren, sinnvoll ausgewählten Zitate, die neben Bekanntem aus dem Risorgimentokanon von Mazzini bis Gioberti auch viel Entlegenes gebündelt präsentieren, bietet die Untersuchung eine Fundgrube für jeden, der an der Geistes- und Kulturgeschichte Italiens im 19. Jahrhundert, seinem kulturellen Gedächtnis und seinen Wissensbeständen interessiert ist.