J.-A. Bösenberg: Die Aktuelle Kamera (1952-1990)

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Titel
Die Aktuelle Kamera (1952-1990). Lenkungsmechanismen im Fernsehen der DDR


Autor(en)
Bösenberg, Jost-Arend
Reihe
Veröffentlichungen des Deutschen Rundfunkarchivs 38
Erschienen
Anzahl Seiten
346 S., zzgl. 1 CD-ROM
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Heimann, Speyer

Die Arbeit von Jost-Arend Bösenberg, einem Schüler Bernd Sösemanns, reiht sich ein in jüngere Monografien zur staatlichen Medienlenkung in der DDR. [1] Die hier gewählte Konzentration auf die zentrale Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens ist dabei in mehrfacher Hinsicht zu begrüßen. Zur „AK“, so das Insider-Kürzel für die „Aktuelle Kamera“, nimmt Bösenberg ältere Forschungsergebnisse auf und verdichtet seine umfangreiche und sorgfältige Recherche in den einschlägigen Archiven (vor allem im Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam und im Bundesarchiv Berlin) zu einer exemplarischen Analyse der Mechanismen der staatlichen Einflussnahme auf die DDR-Medien. Der „AK“-Redaktionskomplex lieferte seit Beginn des DDR-Fernsehbetriebs 1952 bis Ende November 1989 bis auf wenige aber signifikante Pausen kontinuierlich „Nachrichten aus der politischen Weltsicht des SED-Politbüros“ (S. 11), so dass dem Forschenden auch hinsichtlich des Überlieferungskorpus der ausgestrahlten Sendungen genügend Material zur Verfügung stand. Schließlich führte der Autor aufschlussreiche Interviews mit leitenden Fernsehmitarbeitern, die auf der beigefügten CD-ROM dokumentiert sind.

Es bleibt zunächst festzuhalten, dass das Medium Nachrichtensendung in der DDR vom Autor in seiner komplexen produktionstechnischen und ästhetischen Gestalt adäquat behandelt wird. So wird gezeigt, dass nicht nur die inhaltliche Ausrichtung der Nachrichten und Kommentare immer unter einer engen Kontrolle des medienpolitischen Apparates der SED entwickelt wurde, sondern dieser auch das optischen Erscheinungsbild der AK bestimmte und bei der Nutzung von Bildquellen kaum redaktionelle Freiräume zugestand. Zudem werden in einem Teilkapitel Aspekte der technischen Entwicklung des Fernsehbetriebs deutlich, die darauf hinweisen, wie die „AK“ zeitversetzt ihre Sendungsproduktion an das westliche Niveau anzupassen suchte (S. 106ff.).

Bösenberg arbeitet die Topografie der gelenkten informationspolitischen Mechanismen und ihre inneren Veränderungen während der Kernphase der DDR-Geschichte heraus. Zahlreiche Schaubilder und Tabellen unterstützen die klare Gliederung der Untersuchung und unterstreichen ihren Wert als Nachschlagewerk zum medienpolitischen Apparat der DDR im Televisionssektor, das zu Ergänzungen und Erweiterungen anregt. [2] Wenngleich die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ vom inneren Zirkel des Politbüros vor allem in den 1980er-Jahren praktisch vollständig politisch funktionalisiert wurde, betont der Autor auch, dass sich das ostdeutsche Medium Fernsehen insgesamt keineswegs darauf reduzieren lässt.

Bezogen auf seinen Gegenstand interessieren den Autor die „inner workings“ und personalen Konstellationen, die Motive der Fernsehverantwortlichen und die politischen Zwänge, die den Medienbetrieb solange am Laufen gehalten haben, bis die revolutionären Ereignisse 1989/90 das DDR-System zur Implosion brachten. Interessant ist etwa das Procedere der Tagesplanung, das sich zwischen der „AK“-Chefredaktion und dem Bereich Agitation im SED-Zentralkomitee abspielte, und das Bösenberg aus den Zeitzeugeninterviews rekonstruiert hat (S. 128ff.). Dabei zeigt sich, dass die „Funktionäre der Arbeiterklasse“, als die sich die Redakteure verstanden, Lenkende und Gelenkte zugleich waren, die – zumindest in den Interviews – durchaus gelegentlich mit ihrer Rolle haderten. Zaghafte Ansätze von Nonkonformismus unter Chefredakteur Ulrich Meier, auch berechtigter Widerspruch waren freilich nicht vorgesehen. Im Januar 1984 wurde Meier in den Sportbereich des DDR-Fernsehens versetzt (S. 127ff.).

Bösenberg zeigt an Fallbeispielen aber auch, wie der Apparat und seine Akteure auf Eruptionen in der DDR-Geschichte reagierten. In der Folge der Massenerhebungen und Proteste im Juni 1953 wurde die „AK“ gar für 17 Monate schlicht aus dem Programm genommen und im „Neuen Kurs“ durch gefälligere, respektive politisch weniger indoktrinierende Sendungen zeitweilig ersetzt. Hier konstatiert Bösenberg einen „medienpolitischen Lernschock“ unter den Fernsehverantwortlichen im Parteiapparat und im Staatlichen Rundfunkkomitee und als dessen Folge „die eigentliche Geburtsstunde der Fernseh-Nachrichten in der DDR“ (S. 231ff.). Den zuständigen SED-Funktionären im ZK kann Einsicht denn auch nicht gänzlich abgesprochen werden: So wies Albert Norden auf der dritten Pressekonferenz des ZK 1959 dem Fernsehen die Rolle als „Hauptinstrument“ der Umgestaltung in der DDR zu und forderte Flexibilität in der politisch-ökonomischen Belehrung, die ohne unterhaltende Elemente nicht erfolgreich sein könne (S. 53f.).

Beim Mauerbau 1961 und in den Folgemonaten funktionierte die Nachrichtensendung dann ganz im Sinne der Parteiführung: Mit einem umfangreichen Sonderprogramm demonstrierte die „AK“ ihre „operative Wirksamkeit“ als Herrschaftsinstrument von Bedeutung, zumal das DDR-Fernsehen Anfang der 1960er Jahre zu einem Massenmedium geworden war „Es lenkte die Meinungs- und Willensbildung eines Teils der Bevölkerung, indem Vorgaben mittels Fernsehübertragung einen besonders schnellen und authentischen Charakter aufwiesen.“ (S. 239) Die ARD-Gremien entschieden wohl auch angesichts dieses medienpolitischen Erfolgs im Sinne des DDR-Systems, die „Tagesschau“ fortan auch sonntags ausstrahlen zu lassen (der 13. August 1961 war ein Sonntag).

Im Weiteren zeichnet Bösenberg wichtige Änderungen nach dem 11. ZK-Plenum 1965 und die Auswirkungen der Programmreform nach dem Machtwechsel zu Erich Honecker nach. Diese Kapitel verweisen insgesamt auf die Begrenztheit der Reformen. So blieben beispielsweise Themen wie Flüchtlinge und Versorgungsmängel tabu, und es gab das explizite Verbot, Funktionäre ohne vorherige Anmeldung vor laufender Kamera anzusprechen und zu befragen (S. 249).

Die Problemkreise, die die Untersuchung auffächert, sind bislang unterschiedlich intensiv untersucht worden. Hinsichtlich der Wirkungen der staatlich gelenkten Nachrichten kommt Bösenberg wie schon Christa Braumann zu dem Schluss, dass die „Aktuelle Kamera“ im Grunde nur das „gesellschaftliche Aktiv“ ansprach. [3] Und selbst bei diesen treuesten Zuschauern traten am Ende erhebliche Kommunikationsstörungen auf. Der Autor verweist auf die Nöte der Meinungsforscher mit diesem faktischen Spartenfernsehen.

In Bezug auf die Genese und die Bedingungen der medienpolitischen Kontrolle in der DDR, die Strukturen dirigistischer Eingriffe und das journalistische Selbstverständnis konnte Bösenbergs Analyse an Forschungsarbeiten anknüpfen. Doch er erweiterte sie um einige Aspekte. So wird z.B. die Einrichtung einer SED-„Kreisleitung“ im Fernsehen im Mai 1984 skizziert, wie sie in wichtigen Industriekombinaten, Universitäten und Ministerien installiert waren. Damit wurde die Verbindung des Sendezentrums „Adlershof“ zum ZK noch weiter verkürzt und die ideologische Schulung der Mitarbeiter gestrafft. Denn auch beim Fernsehen befanden sich SED-Mitglieder nie in der Mehrzahl.

Leider vermeidet Bösenberg hier eine weitergehende Kontextualisierung. Dabei geschah die Installation einer eigenen SED-Kreisleitung beim Fernsehen nicht unabhängig von den Maßnahmen einer zweiten „Programmreform“, die seit Anfang der 1980er-Jahre umgesetzt wurden, und die auf Veränderungen im westdeutschen Fernsehen reagierte. Vor diesem Hintergrund ist die von Bösenberg festgestellte ideologische Erstarrung im Nachrichtenblock der „AK“ besonders aufschlussreich.

Insgesamt leistet Jost-Arend Bösenbergs Untersuchung der "Aktuellen Kamera" einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung des ostdeutschen Mediensystems.

Anmerkungen:
[1] So z.B. Holzweißig, Gunter, Die schärfste Waffe der Partei. Eine Mediengeschichte der DDR, Köln 2002.
[2] Zu erwarten sind diese vom laufenden DFG-Forschungsprojekt zur Programmgeschichte des DDR-Fernsehens an den Universitäten Halle, Leipzig, der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam; vgl. http://www.ddr-fernsehen.de/
[3] Vgl. Braumann, Christa, Fernsehforschung zwischen Parteilichkeit und Objektivität. Zur Zuschauerforschung in der ehemaligen DDR, in: Rundfunk und Fernsehen 42, 4 (1994), S. 524-541.

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Veröffentlicht am
04.01.2006
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