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Titel
Die deutsche Yangtse-Patrouille. Deutsche Kanonenbootpolitik in China im Zeitalter des Imperialismus 1900-1914


Autor(en)
Eberspächer, Cord
Reihe
Kleine Schriftenreihe zur Militär- und Marinegeschichte 8
Erschienen
Anzahl Seiten
372 S.
Preis
€ 33,50
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Jürgen Angelow, Historisches Institut, Universität Potsdam

Mit seiner Veröffentlichung zur deutschen Yangtse-Patrouille hat der Historiker und Sinologe Cord Eberspächer eine Feldstudie zur Funktionsweise der Kanonenbootpolitik im System informell imperialistischer Herrschaft sowie zum Dienstbetrieb deutscher Kanonenboote in China vorgelegt. Die Studie basiert auf der Hamburger Dissertation des Autors, sie behandelt den Stoff chronologisch-narrativ, in einem traditionellen politikgeschichtlichen Zugriff, und kann auf eine solide Basis bisher unveröffentlichter Archivquellen verweisen.

Die Tatsache, dass deutsche Kriegsschiffe vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Yangtse patrouillierten, ist heute kaum mehr bekannt. Obwohl der Yangtse immer stärker ins Blickfeld deutscher imperialistischer Interessen gerückt war, hat sich dies kaum in entsprechenden Forschungen niedergeschlagen. Statt dessen wandten sich Studien zur deutschen Chinapolitik im imperialistischen Zeitalter eher dem deutschen Pachtgebiet Kiautschou zu. Auch im Bereich der Imperialismus-Forschung gibt es zwar viele kontroverse Veröffentlichungen, kaum aber profunde, regionale Untersuchungen, die dem Phänomen Imperialismus in seinem alltäglichen Funktionieren etwas detaillierter nachgehen würden. Gerade hierin liegt der besondere Wert der vorgelegten Studie, die sich – neben vielen, vielleicht zu vielen, anderen Aspekten - auf die Analyse vor allem der politisch-diplomatischen Szenerie und weniger der militärischen Aktivitäten konzentriert.

Neben dem Osmanischen Imperium war das halbabhängige China der Haupttummelplatz informell-imperialistischer Aktivitäten der Großmächte vor 1914. Die in dieser Region ausgeübte Kanonenbootpolitik wird im Sinne Anthony Prestons und John Majors (1971) - ganz herkömmlich - als die „Verwendung militärischer Mittel zur Erlangung diplomatischer oder politischer Ziele in Friedenszeiten“ definiert. Dennoch bleibt die Einbettung der Kanonenbootpolitik in das System des informellen Imperialismus im besonderen und den Imperialismusdiskurs im allgemeinen etwas unscharf, da – unter Rückgriff auf das etwas antiquierte Konzept vom "Freihandelsimperialismus" - die vielfältigen, komplizierten Verbindungen zu handels- oder finanzpolitischen Aktivitäten des Deutschen Reiches in China zu wenig berücksichtigt werden. Ebenso hätte die Abgrenzung formeller und informeller Herrschaftstechniken stärker beachtet und die Frage beantwortet werden müssen, ob die Präsenz der Kanonenboote als Prestigefaktor und Symbol der Gewaltbereitschaft hinreichte oder ob - und wenn ja, in welchem Maße - die Anwendung von Gewalt tatsächlich notwendig war, um imperialistische Interessen durchzusetzen.

Dennoch erfährt der Leser, dass informell-imperialistische Herrschaft letztlich nicht ohne militärische Machtmittel auskam, wie immer diese auch eingesetzt wurden, wenn sie von einiger Stabilität sein sollte. Er erhält gleichzeitig einen hervorragenden Einblick in die vielfältigen internen und externen Spannungsfelder, denen sie ausgesetzt war. Da waren im konkreten Fall die Interessen der deutschen Marineleitung genauso zu berücksichtigen, wie die der deutschen Konsule, die zwischen Marine und Residenten eine zum Teil unangenehme Vermittlerposition innehatten. Genauso werden die Kontakte zu den Kaufleuten beleuchtet, die das Unternehmen mit Anlehnungsbereitschaft und Enttäuschung gleichermaßen quittierten, da nicht alle ihre Wünsche berücksichtigt wurden. Nicht zu reden von den Chinesen, die die Aktivitäten der deutschen Kriegsschiffe zu begrenzen suchten und in der Öffentlichkeit zunehmend kritisch begleiteten oder gar zu den Vertretern der rivalisierenden europäischen Großmächte – allen voran den Briten.

Die Veröffentlichung stützt sich vor allem auf deutsche Archivquellen und zeitgenössische Literatur, zieht aber die gesamte Forschungsliteratur zur Thematik im weitesten Sinne heran, darunter auch – und hier liegt ein weiterer Vorzug - chinesischsprachige Veröffentlichungen. Da Cord Eberspächer einige Zurückhaltung bei der Formulierung weiterführender Gedanken übt und sehr stark auf das empirische Material fixiert bleibt, das zu oft lediglich referiert wird - bis hin zur Darstellung winziger, im Grunde unwichtiger Details – bleiben dem Leser weitergehende Schlüsse und Fragestellungen überlassen. Bereits Einleitung und Zusammenfassung verraten das Hauptdefizit der Studie: Sie enthält zu wenig Ordnung in der theoretischen Problemanalyse und inhaltlichen Fokussierung: Soll es ein Beitrag zur Geschichte des deutsch-chinesischen Verhältnisses sein, indem für die imperialistische Ära eine wichtige Facette imperialistischer Einflussnahme und der Stellenwert der deutschen Chinapolitik im Spannungsfeld rivalisierender Machtzentren (Auswärtiges Amt und Marineleitung) beschrieben wird? Ist es eine militärgeschichtliche Studie, die mit dem Blick auf das Machtinstrument der Kanonenboote in Friedenszeiten einen im Grunde militärgeschichtlichen Gegenstand berührt, aber die militärischen Aktionen weitgehend ausblendet? Ist es ein Beitrag zur Geschichte des Imperialismus, weil sie am Beispiel der deutschen Militärpatrouille auf dem Yangtse Einsichten in informelle Herrschaft vermittelt ohne das Phänomen Imperialismus genauer unter die Lupe zu nehmen? Oder handelt es sich um eine marinegeschichtliche Studie, die sehr viele interessante Details zum Alltag, zu technischen, sozialen und kulturellen Aspekten der Kaiserlichen Marine im frühen 20. Jahrhundert bereithält, ohne Marinegeschichte systematischer zu betreiben? Ein bisschen von allem, bleibt die vorgelegte Studie zu kaleidoskopartig und beziehungslos. Die nach chronologischen Gesichtspunkten vorgenommene Gliederung ist nur ein daraus resultierendes Problem. Natürlich wäre eine strikt an Sachthemen orientierte Gliederung und eine entsprechende Beschränkung auf wenige Leitfragen viel vorteilhafter gewesen.

Dennoch wird der am Gegenstand interessierte Leser bei Cord Eberspächer viel Wissenswertes über die deutsche Chinapolitik im imperialistischen Zeitalter erfahren. Zudem ist das Buch gut lesbar und mit 50 zum großen Teil bisher unveröffentlichten Abbildungen hervorragend illustriert. Eine Klappkarte lässt den Verlauf des Yangtse und seiner Nebenarme transparent werden. Ein Namens- und Ortsregister rundet die informative und insgesamt weiterführende Studie ab.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.11.2006
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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