J. Behrends: Die erfundene Freundschaft

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Titel
Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR (1944-1957)


Autor(en)
Behrends, Jan C.
Reihe
Zeithistorische Studien 32
Erschienen
Köln 2005: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
450 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ragna Boden, Marburg

Freundschaft, ursprünglich eine Verbindung zwischen Individuen, lässt sich als Metapher auf ganze Völker übertragen und wird damit entpersonalisiert zur „Völkerfreundschaft“. Dieses Schlagwort war ebenso wie das der „Verbrüderung“ ein Kennzeichen der Propaganda im sogenannten Ostblock. Gemäß der Hierarchie des „Sowjetimperiums“ stellte die UdSSR das Zentrum der Völkerfreundschaft dar. In Osteuropa war die vermeintlich natürliche und freiwillige freundschaftliche Beziehung zur Sowjetunion als emotionales Fundament ihrer politischen, wirtschaftlichen, kulturellen – und im Notfall auch militärischen – Dominanz gedacht. Die Funktion des von Moskau aus verordneten Freundschaftsdiskurses scheint klar auf der Hand zu liegen: ein möglichst einheitliches, positives Bild zu schaffen, es in den Bevölkerungen schnell und dauerhaft zu verankern um damit die Vormachtstellung Moskaus legitimieren bzw. die jeweilige Bevölkerung sogar sowjetisieren zu können.

Wie klar die Ziele in Moskau gegenüber den Funktionären in den „Bruderländern“ SBZ/DDR und Polen benannt wurden, wie der Freundschaftstopos erfunden, umgesetzt und zum Teil auch, wie er rezipiert wurde, darüber gibt die Potsdamer Dissertation von Jan C. Behrends Aufschluss. Behrends konzentriert sich dabei auf die Jahre der Formierung und die von ihm als solche identifizierte Hochzeit des Freundschaftsdiskurses 1945-1956. In diese Zeit fiel die Aufgabe, die ehemalige Feind- und dann Besatzungsmacht für den Großteil der Bevölkerungen in einen Freund umzudeuten. Ähnlich wie die Besatzungsmächte in den Westzonen sah die UdSSR im Osten die Lösung in einer „Umerziehung“, die hier allerdings, so Behrends, mit der „Absicht, den öffentlichen Raum total zu durchherrschen“ verbunden gewesen sei. (S. 16) Folgerichtig verortet er seine Untersuchung im Rahmen der Diktaturforschung, der transnationalen Propagandageschichte und ganz allgemein der Geschichte der Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert (S. 11). Die Arbeit bietet somit eine notwendige Ergänzung sowohl zu bisherigen Studien über die machtpolitische Seite bei der Errichtung sowjetischer Herrschaft wie die von O’Sullivan und Hilger, als auch eine komplementäre Sichtweise zur amerikanischen Propaganda, die Hixson untersucht hat. [1]

Behrends’ Studie ist chronologisch aufgebaut und unterscheidet zwischen den Phasen der Erfindung und dem Bestehen der „Großen Freundschaft“. Sie werden eingerahmt von den eher kursorisch betrachteten Zeiträumen des Zweiten Weltkrieges sowie den Jahren 1957-1989, die als Stagnationszeit summarisch behandelt werden. Methodisch schöpft Behrends aus der Sozial- und Kulturgeschichte, sein Datenmaterial stammt für die sowjetische Seite aus dem Bestand der Allunionsorganisation für kulturelle Verbindungen (VOKS) aus Moskau, für die deutsche und polnische jeweils aus den Archiven der Freundschaftsgesellschaften, aus dem Archiv für neue Akten (AAN) in Warschau sowie den polnischen Staatsarchiven in Krakau und Lublin. Darüber hinaus hat der Autor Printmedien ausgewertet, während er andere Massenmedien wie Funk und Film – vermutlich aus arbeitsökonomischen Gründen – auslässt.

Im ersten Kapitel schildert Behrends die Kriegsereignisse und das kommunistische Exil als Ausgangsvoraussetzungen der folgenden Propagandabemühungen. Zwischen diesen beiden Bezugspunkten musste sich die Werbung für die UdSSR einrichten: einerseits den Erfahrungen der Bevölkerungen mit der Roten Armee als Kriegsgegner beziehungsweise Befreier, andererseits der Loyalität der polnischen und deutschen Kommunisten, die in Moskau geschult worden waren. Das folgende Kapitel ist dem zentralen Inhalt aller Propaganda mit Bezug zur Sowjetunion gewidmet: der UdSSR als idealem Ort. Da die sowjetische Wirklichkeit in den späten 1940er und der ersten Hälfte der 1950er-Jahre weit von einem Idealbild entfernt war (woran sich bis zum Ende der sozialistischen Supermacht auch wenig änderte), musste eine Utopie als Folie herhalten. An ihr sollten sich die SBZ/DDR und Polen orientieren.

Die Phase der „Erfindung der Freundschaft“ (1944-1949) ist Thema des dritten Kapitels. In dieser Zeit entstanden als vermittelnde Institutionen in Polen und Deutschland die Freundschaftsgesellschaften. Inhaltlich wurde entsprechend den unterschiedlichen Gegebenheiten in den Zielländern für Polen ein Panslawismus zum verbindenden Element mit Moskau stilisiert, für die SBZ/DDR der Antifaschismus instrumentalisiert.

Auf dieser Basis fußte die Propaganda der „Großen Freundschaft“, die Behrends in den Jahren 1949-1955 verortet (Kapitel 4). Mit der Festigung des „Ostblocks“ und dem Vordringen des Kommunismus auch in Asien (China, Korea, Indochina) wurde das Ziel nun weiter gesteckt. Für die internationale Öffentlichkeit sollte ein Bild der Geschlossenheit des „sowjetischen Blocks“ erzeugt werden: „Von der DDR bis zur Volksrepublik China reichte die [...] Diskursgemeinschaft“ (S. 215). Inhaltlich blieb diese Periode sehr stark auf die Vermittlung des „Führerbildes“ von Stalin als Übervater beschränkt. Anhand der Feiern zu Stalins 70. Geburtstag, von architektonischen Projekten wie dem Kulturpalast und der Stalinallee, den Tourneen des Alexandrov-Musikensembles der sowjetischen Armee, das die Befreier bzw. Besatzer von einer kulturellen Seite darstellen sollte, und verordneten Freundschaftsmonaten stellt Behrends konkrete Kampagnen exemplarisch vor.

Ausgelöst durch die Systemkrisen in der DDR und in Polen 1953/56 kam es auch zur Krise der Freundschaft mit Moskau (Kapitel 5). Hier wurde die Brüchigkeit der vielbeschworenen positiven Beziehung zur Sowjetunion offenbar. Was übrig blieb, beschreibt Behrends als den „langen Herbst“ der Freundschaft (Kapitel 6), den er überblicksartig umreißt. Resümierend stellt Behrends fest, dass es keinen Generalplan zur Sowjetisierung gegeben hat. Einem durchschlagenden Erfolg der Propaganda stand zudem dreierlei im Wege: Erstens die Wirkmächtigkeit des kollektiven Gedächtnisses, welches die negativen Besatzungserfahrungen nicht vergessen mochte, zweitens die fehlenden Erfolge in der Gegenwart und damit das dauernde Abgleiten in die Utopie und drittens die einseitige Orientierung der Propaganda am politischen Auftrag statt an den Rezipienten.

Insgesamt bietet die Arbeit einen detaillierten Einblick in die Zielsetzungen und Methodik – weniger die Rezeption, wie Behrends selbst anmerkt (S. 282) – sowjetischer Propaganda für die UdSSR. Gerade im Vergleich zwischen den beiden Nachbarn DDR und Polen mit ihren sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen kann Behrends die gemeinsamen Grundmuster sowie die jeweiligen Besonderheiten aufzeigen. Der von ihm gewählte Zeitraum ist deshalb aufschlußreich, weil er die Formierungsphase und damit die grundsätzlichen Debatten umfasst. Hierzu wäre unter Umständen noch die Einbeziehung von russischen Parteisakten der VKP(b)/KPdSU interessant gewesen. Wichtig ist daneben Behrends’ Hinweis auf die stimulierende Rolle der westlichen Propaganda, insbesondere aus den USA, die die östliche Propaganda nicht selten zur Reaktion und somit in eine defensive Rolle zwang.

Detailkritik kann sich zum einen auf die Definition des Terminus der „repräsentativen Öffentlichkeit“ beziehen, den Behrends durchgängig verwendet, für den er jedoch nur ein abstraktes „Kommunikationssystem“ als Deutung anbietet (S. 14). Zum anderen ist zu ergänzen, dass mit der SSOD (Sojuz Sovetskich obščestv družby i kul’turnoj svjazi s zarubežnymi stranami) als Nachfolgeorganisation der VOKS auch weiterhin ein institutioneller Anknüpfungspunkt für die Freundschaftsgesellschaften in der Sowjetunion bestand. Schließlich wäre noch ein Sachindex hilfreich gewesen, um die unterschiedlichen Medien, Themen und Institutionen über Zeiten und Staatsgrenzen hinweg verfolgen zu können. Die materialreiche und gut geschriebene Arbeit bietet jedoch eine hervorragende Grundlage für die Beschäftigung mit sowjetischer Propaganda und ihrer Vermittlung in den Satellitenstaaten.

[1] O’Sullivan, Donal, Stalins „Cordon Sanitaire“. Die sowjetische Osteuropapolitik und die Reaktionen des Westens 1939–1949, Paderborn 2003; O’Sullivan, Donal, Die Sowjetunion, der Kalte Krieg und das internationale System 1945-1953, in: Stefan Plaggenborg (Hg.), Handbuch der Geschichte Rußlands, Bd. 5/I, Stuttgart 2002, S. 131-173; Andreas Hilger (Hg.), Diktaturdurchsetzung: Instrumente und Methoden der kommunistischen Machtsicherung in der SBZ/DDR, 1945-1955, Dresden 2001; Hixson, Walter L., Parting the Curtain. Propaganda, Culture and the Cold War, 1945-61, London 1997.

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Veröffentlicht am
25.09.2006
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