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Titel
Fashioning Socialism. Clothing, Politics and Consumer Culture in East Germany


Autor(en)
Stitziel, Judd
Erschienen
Oxford 2005: Berg Publishers
Anzahl Seiten
XII, 260 S.
Preis
$29.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Haustein, Institut für Geschichtswissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin

Wer sich schon immer gefragt hat, ob es Mode im Sozialismus der DDR gab, dem sei das 2005 erschienene Buch von Judd Stitziel empfohlen. Diese kenntnis- und materialreiche Studie untersucht den Zeitraum von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1971, wobei die 1950er-Jahre im Vordergrund des Forschungsinteresses stehen. "Fashioning Socialism" rekonstruiert exemplarisch Ideal und Wirklichkeit der ostdeutschen Konsumgesellschaft. Die Quellen des Autors umfassen offizielle normative Unterlagen aus der Regierung, Industrie und dem Handel, zeitgenössische Publikationen wie Modezeitschriften, narrative Interviews sowie Bild- und Tonmaterial aus der DDR.

In der Einleitung definiert Stitziel Bekleidung neben Essen und Trinken als drittes Grundbedarfsgut, das wesentlich durch gesellschaftliche Diskurse und Debatten bestimmt wird. Diese sollen in seinem Buch aus der Perspektive der Institutionen- und Diktaturgeschichte, der Wirtschaftsgeschichte sowie einer kulturgeschichtlich inspirierten Sozialgeschichte beleuchtet werden. Die These des Autors ist, dass die DDR in den frühen 1950er-Jahren eine von nationalsozialistischen Mode-Hinterlassenschaften und zeitgenössischen westlichen Standards unterscheidbare sozialistische Mode kreieren wollte. Hierbei geht Stitziel folgenden Fragen nach. War die DDR ein Laboratorium in Sachen Mode? War sie dabei erfolgreich, und welche politischen und gesellschaftlichen Akteure beförderten oder behinderten die Modeentwicklung? Welche wirtschaftlichen Widersprüche taten sich dabei auf? Welche Rolle spielten die politischen Krisen in der DDR?

Die Studie gliedert sich in sieben Teile. Im ersten Kapitel untersucht Stitziel die wirtschaftlich-kulturellen Wechselbeziehungen in der Konsumpolitik während der 1950er-Jahre. Den SED-Funktionären war bewusst, dass Mode eine kulturelle Superstruktur darstellte, die auf ökonomischer Basis errichtet werden muss. Aufgrund der zentralen Bedeutung der 1950er- und 1960er-Jahre für die Legitimierung der DDR als Staat, ließen die herrschenden Sozialisten in der Mode konkurrierende Konzepte zu. Eines der Konzepte befasste sich beispielsweise mit dem Problem, wie ein sich auf Gleichheitsprinzipien berufender Staat ein Konsumsegment entwickeln kann, das zwangsläufig auf sozialen, alters- und geschlechtsspezifischen Unterschieden basieren musste. Ein anderes Konzept entwickelten die SED-Funktionäre über die Natur der Grundbedürfnisse der sozialistischen Menschen. Wie der Autor deutlich macht, begannen in der DDR Lernprozesse, die von den gesellschaftlichen Debatten um Mode angestoßen wurden. Besonders wirkten jedoch die innenpolitischen Krisen auf die Konsumpolitik der SED zurück: Arbeiter erkämpften sich in den Juniaufständen 1953 ein verbessertes Konsumgüterangebot.

Im zweiten Kapitel erörtert Stitziel Fragen der Produktion, Verteilung und Planung. Erkenntnisleitend ist hierbei für den Autor die Frage nach den Möglichkeiten der Modeentwicklung und den Gründen für das schlechte Angebot von Bekleidung und Gebrauchsgütern. Stitziel verweist darauf, dass die in der DDR auftretenden und sie prägenden Strukturprobleme in der Produktionslogik des Wirtschaftssystems begründet lagen. Dennoch fehlte es in der DDR nicht an politischem Willen, den Modesektor zu einer eigenen Branche zu entwickeln. Eine erste wichtige Zäsur war 1952 die Gründung des Instituts für Bekleidungskultur, das 1957 in das Deutsche Modeinstitut umgewandelt wurde. Modeschaffende und Funktionäre entwarfen dort die erste offizielle Modelinie der DDR. Ab März 1961 sorgte zudem das Institut für Bedarfsforschung für die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Bedürfnissen der Menschen. Damit folgte es internationalen Trends in der Konsumforschung. Die Anstrengungen des Staates, eine sozialistische Alternative zur westlichen Welt zu entwerfen und die ästhetische Dimension der Bekleidung für wirtschaftliche und politische Zwecke zu instrumentalisieren, werden im dritten Kapitel diskutiert. Mode in der DDR balancierte zwischen internationalen Entwicklungen auf dem Weltmarkt einerseits und Erfordernissen der Planwirtschaft andererseits. In diesem Spannungsverhältnis entstand Mode, die in einigen Bildern im Kapitel abgedruckt ist. Ob ‚Blaumann’, rustikales Dirndl, elegante Abendkleidung oder Garderobe für die Konfektionsgröße 46 aufwärts – all diese Variationen gab es auch in der DDR. Das Modeinstitut der DDR orientierte sich an der Pariser Haute Couture, was nicht allen im Land gefiel. Beispielsweise kritisierte die SED-Frauenkommission von Frankfurt an der Oder die Mode-Entwürfe als unangemessen für die arbeitende Frau.

In Kapitel vier und fünf untersucht Stitziel die Wechselbeziehungen von Ökonomie und Politik. Von den drei wirtschaftlichen Faktoren Preis, Wert und Qualität kam dem Preis der Bekleidungsstücke wiederum eine zentrale Bedeutung für die Akzeptanz der SED durch die Bevölkerung zu. Kleidungsstücke, die wegen Qualitätsmängeln nicht den Ansprüchen der Bevölkerung entsprachen und deshalb Ladenhüter waren, wurden bereits ab Mitte der 1950er-Jahre in Billigwarenläden preisgesenkt verkauft. Um die Überplanbestände zu nutzen, wurden Saisonschlussverkäufe, Saisonausverkäufe und Wühltische eingeführt. In Kapitel sechs analysiert Stitziel die Paradoxien der sozialistischen Planwirtschaft und Konsumkultur. Auf der einen Seite musste – wie in Kapitel vier und fünf herausgearbeitet – der Überschuss bestimmter Waren, die kaum nachgefragt wurden, verringert werden. Auf der anderen Seite wollten die Parteifunktionäre bereits in den frühen 1950er-Jahren hochwertige Luxuskleidung für Besserverdienende herstellen und verkaufen, um damit neue Distinktionsmöglichkeiten für die Käuferinnen und Käufer im Lande zu schaffen. In Berlin entstanden die ersten Modeboutiquen und Exquisitläden. Letzten Endes wollte der Staat vom Verkauf der Luxusmode profitieren. Diese Vorstellungen vom gehobenen Bekleidungskonsum sollten in das Konzept der Verkaufskultur, dem Herzstück der idealen sozialistischen Bekleidungskultur passen.

Im abschließenden siebten Kapitel wendet sich Stitziel den in der Bevölkerung existierenden Konsumpraktiken zu, und er bilanziert das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Konsum in der DDR war demnach ein konstitutives Kriterium der schwindenden Akzeptanz des Staates, der sozialistische Konsumgewohnheiten durchsetzen wollte. Die Bevölkerung boykottierte schlechte Bekleidung, die aus weniger hochwertigen Fasern gefertigt war. Außerdem entwickelten die Bürger Netzwerke und Unterstützungsbeziehungen, um an gewünschte Waren heranzukommen. Viele Leute kritisierten die Missstände im Bekleidungsangebot und schrieben empörte Briefe an die Redaktion der Verbrauchersendung "Prisma", die im DDR-Fernsehen lief. Diese Meinungsäußerungen können als eine Ersatz-Öffentlichkeit in der Sphäre des Konsums gelten. Hier lagen aber auch die Grenzen der Kritik: Der Konsum und die Verweigerung zu konsumieren blieb in der DDR die einzige Möglichkeit, Unzufriedenheit oder Übereinstimmung mit dem System auszudrücken.

„Fashioning Socialism“ von Judd Stitziel hätte noch profitieren können, wenn der Autor das Feld der Mode etwas stärker an die laufenden Forschungsdiskussionen angebunden hätte. Das vom Potsdamer Historiker Thomas Lindenberger mit entwickelte Konzept von Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur wäre dabei sicher hilfreich gewesen. Ähnliches gilt für die von der Kulturwissenschaftlerin Ina Merkel geprägte Denkfigur von der DDR-Konsumkultur in Abgrenzung zur westdeutschen Konsumgesellschaft.[1] Hier wäre eine mutige These des Autors zu den gemeinsamen und unterschiedlichen Kennzeichen der deutsch-deutschen Modeentwicklung in den 1950er-Jahren wünschenswert gewesen. Trotz dieser kleinen Kritikpunkte wird „Fashioning Socialism“ unser Wissen über die Konsumgeschichte der DDR weiter vertiefen.

Anmerkung:
[1] Lindenberger, Thomas, Die Diktatur der Grenzen. Zur Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln 1999, S. 13-44. Merkel, Ina, Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR, Wien 1999, S. 24-29.

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25.09.2007
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