I. Heinemann u.a. (Hrsg.): Wissenschaft - Planung - Vertreibung

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Titel
Wissenschaft - Planung - Vertreibung. Neuordnungskonzepte und Umsiedlungspolitik im 20. Jahrhundert


Herausgeber
Heinemann, Isabel; Wagner, Patrick
Reihe
Beiträge zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1
Erschienen
Stuttgart 2006: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
222 S.
Preis
€ 36,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mathias Beer, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen

In den späten 1990er-Jahren setzten innerhalb der einzelnen Fächer verstärkte Bemühungen ein, sich mit der jüngeren Geschichte der eigenen Disziplin auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt standen dabei das Verhältnis von Wissenschaft und Politik sowie insbesondere Fragen nach der Rolle der Wissenschaften, ihrer Institutionen und einzelner Wissenschaftler während des Nationalsozialismus. Die Ergebnisse der breit angelegten neueren Forschungen zeichnen das Bild eines komplexen Kollaborationsverhältnisses zwischen Politik und allen Fachwissenschaften. Sie charakterisieren die Selbstmobilisierung vieler deutscher Wissenschaftler für die Interessen des Regimes als ein dominantes Verhaltensmuster. Und schließlich verdeutlichen sie die Notwendigkeit, den Rahmen der historiographisch, ideengeschichtlich oder biographisch angelegten Analysen sowohl für die Zeit vor 1933 als auch nach 1945 auszuweiten.

In diesem Zusammenhang ist ein im Jahr 2000 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gestartetes umfassendes Vorhaben zu sehen. Es zielt darauf ab, die Geschichte der DFG im Zeitraum zwischen 1920 und 1970 kritisch aufzuarbeiten. Den Kern von insgesamt 18 Einzelprojekten bilden Untersuchungen zu den von der DFG geförderten Wissenschaftsfeldern. Erste Ergebnisse liegen bereits in einer Monographie vor.[1] Hinzu kommt eine Reihe von Konferenzen. Sie dienen dazu, die DFG-Geschichte in weitere Kontexte der Zeit- und Wissenschaftsgeschichte einzubetten. Auf eine solche Tagung geht der vorliegende Band zurück. Er eröffnet die eigens ins Leben gerufene Reihe „Beiträge zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft“.[2] Die international besetzte Tagung im Juni 2002 zur Geschichte des „Generalplans Ost“ – 60 Jahre, nachdem der Berliner Agrarwissenschaftler Konrad Meyer den Entwurf dazu vorgelegt hatte – bildete den Ausgangspunkt für Überlegungen, wie die Erkenntnisse zur Rolle der DFG beim „Generalplan Ost“ publiziert werden sollten. Sie mündeten zum einen in eine Ausstellung, die 2006 auf Wanderschaft gegangen ist[3]; zum anderen entstand der vorliegende Sammelband.

Der „Generalplan Ost“ bildet lediglich den Ausgangs- und Referenzpunkt des Bandes. In einem erweiterten Zugriff und in Fortentwicklung der Tagungsergebnisse von 2002 fragen die sieben Beiträge anhand von geographisch, politisch und zeitlich unterschiedlichen Fallbeispielen nach dem Verhältnis von Wissenschaft, Planung, Experten und der Politik der „ethnischen Säuberungen“ im 20. Jahrhundert. Die NS-Umsiedlungspolitik wird in diesen Kontext eingebettet; es werden gedankliche und praktische Querverbindungen verfolgt. Die Autorinnen und Autoren sind durch eigene einschlägige Publikationen zu der Thematik ausgewiesen, aus denen sie in ihren Beiträgen überwiegend schöpfen. Sie fragen nach dem Einfluss von Wissenschaftlern und Planern und loten die Grenzen dieses Einflusses bei der praktischen Umsetzung von Umsiedlungen aus. Der erweiterte Blick und Bezugsrahmen schafft die Basis, von der aus Gemeinsamkeiten und zugleich Charakteristika der jeweiligen wissenschaftlichen Expertise vergleichend aufgezeigt werden sollen. Im Mittelpunkt stehen dabei schon allein quantitativ betrachtet die nationalsozialistische Umsiedlungspolitik, ihre wissenschaftlichen Grundlagen und deren praktische Umsetzung.

Der Leitfrage nach den Zusammenhängen zwischen wissenschaftlicher Expertise, Planungsvorgängen und politischer Praxis bei Großprojekten des 20. Jahrhunderts, die auf eine demographische, ökonomische und soziale Neuordnung durch „ethnische Säuberung“ zielten, geht der Band in drei Schritten nach. Einleitend und in einem breiten Aufriss der Quellen zu Planungsutopien der Moderne schildern Gabriele Metzler und Dirk van Laak den Aufstieg der modernen Sozialwissenschaften – und mit ihnen der Experten. Dabei unterstreichen sie die katalytische Wirkung, die dem Ersten Weltkrieg in diesem Prozess zukam. Es folgen drei Beiträge zur nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Der Rolle der DFG-geförderten Wissenschaftler für die Genese des „Generalplans Ost“ geht Isabel Heinemann nach. Damit und durch den Ausblick auf die Nachkriegskarrieren einiger Experten gelingt es ihr, die bisherigen einschlägigen Forschungsergebnisse zu ergänzen. Uwe Mai konzentriert sich in seinem Beitrag auf die nationalsozialistischen Neuordnungsprogramme für den ländlichen Raum des „Altreichs“ zwischen 1933 und 1945. Gewissermaßen das Pendant dazu liefert Christoph Dieckmann. Für den Zeitraum 1941–1944 analysiert er Anspruch und Ergebnis der deutschen Siedlungspolitik im besetzten Litauen.

Der abschließende Teil des Bandes vereint drei weitere Beiträge. Vor dem Hintergrund einer noch unbefriedigenden Forschungs- und Quellenlage beleuchtet Michael G. Esch die Planungen und Argumentationsstränge von „Experten“, die im Rahmen eines nationalstaatlich begründeten Konzeptes und beeinflusst von der deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik am Ende des Zweiten Weltkriegs zur Umsiedlung und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Polen und den Ostgebieten des Deutschen Reiches geführt haben. Jörg Baberowski schildert in einem Überblick und ansatzweise auch vergleichend mit der nationalsozialistischen Umsiedlungs- und Vernichtungspolitik die ethnische Neuvermessung der Sowjetunion insbesondere durch die Wellen „ethnischer Säuberungen“ seit der Mitte der 1930er-Jahre und bis zum Tode Stalins. Eine Darstellung der Zwangsumsiedlungen in Südafrika während der Apartheid in den Jahren 1960 bis 1985 und der Rolle insbesondere der afrikaansen Ethnologie dabei liefert Christoph Marx in seinem Beitrag. Ein Literaturverzeichnis, das die zitierten Titel aller Aufsätze umfasst, beschließt den Band.

Tagungs- und Sammelbände sind ein fester Bestandteil des Großprojektes zur Erforschung der DFG-Geschichte. Sie sind das Ergebnis von (oft noch im Fluss befindlichen) Diskussionen und wollen zugleich Diskussionen anregen. Das gelingt dem vorliegenden Band. Lediglich drei Aspekte sollen hervorgehoben werden: Mit dem letzten Beitrag ist der Hinweis auf die Verengung der meisten historiographischen Auseinandersetzungen mit dem 20. Jahrhundert als einer Epoche der europäischen Genozide und Zwangsmigrationen verbunden. Damit macht der Band auf ein Defizit der bisherigen Forschung, ihren Eurozentrismus, aufmerksam. Die neuen Ergebnisse der Kolonialismusforschung unterstreichen dieses Defizit. Zweitens offenbaren die Beiträge des Bandes ein breites Spektrum an Selbstinstrumentalisierungen von Wissenschaft und Wissenschaftlern. Sie heben sich damit wohltuend von der lange Zeit üblichen Schwarz-Weiß-Malerei bei der Beurteilung des Verhaltens von Wissenschaftlern insgesamt und während des Nationalsozialismus im Besonderen ab. Schließlich nimmt der Band die von Martin Broszat in den 1980er-Jahren vorgebrachte Forderung nach einer Historisierung des Nationalsozialismus ernst. Die Siedlungs-, Umsiedlungs- und Vertreibungspolitik des NS-Regimes wird hier in einen breiteren Kontext eingebettet, wodurch ihre Besonderheiten umso deutlicher hervorstechen. Dies wird sicher auch ein geeigneter Weg sein, um auf vergleichender Basis der wichtigen, im Band nur gestreiften Frage nachzugehen, unter welchen Voraussetzungen Umsiedlungspolitik die Schwelle hin zu systematischer Tötungspolitik, zum Genozid, überschreitet.

Anmerkungen:
[1] Unger, Corinna, Ostforschung in Westdeutschland. Die Erforschung des europäischen Ostens und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (1945–1975), Stuttgart 2007.
[2] Siehe auch: Eckart, Wolfgang U. (Hrsg.), Man, Medicine and the State. The Human Body as an Object of Government Sponsored Medical Research in the 20th Century, Stuttgart 2006 (rezensiert von Michael Hau: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-009>); Zimmermann, Michael (Hrsg.), Zwischen Erziehung und Vernichtung. Zigeunerpolitik und Zigeunerforschung im Europa des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2007.
[3] Vgl. (<http://www.dfg.de/generalplan-ost/index.html>).

Redaktion
Veröffentlicht am
26.10.2007
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