A. E. Eckl: "S'ist ein übles Land hier"

Cover
Titel
"S'ist ein übles Land hier". Zur Historiographie eines umstrittenen Kolonialkrieges. Tagebuchaufzeichnungen aus dem Herero-Krieg in Deutsch-Südwestafrika 1904 von Georg Hillebrecht und Franz Ritter von Epp


Autor(en)
Eckl, Andreas E.
Reihe
History, Cultural traditions and innovations in Southern Africa 22
Erschienen
Anzahl Seiten
302 S., 23 s/w Fot., 1 Faltkart.
Preis
€ 34,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefanie Michels, Institut für Afrikanistik, Universität zu Köln

Den Hauptteil des hier zu besprechenden Buches machen zwei Soldatentagebücher aus. Diesen stellt Eckl ein umfangreiches Vorwort voran. Es trägt den Titel: „Zur Historiographie eines umstrittenen Kolonialkrieges“ und ist eine modifizierte Version des Vortrags, den Eckl 2004 in Windhoek auf der Konferenz: „Decontaminating the Namibian Past“ hielt. Deren geschichtspolitische Agenda samt Eckls Beitrag, ist jüngst von Christoph Marx zwar polemisch, aber dennoch trefflich, aufgezeigt worden.[1]

Eckl widmet sein Buch allen Herero und deutschsprachigen Namibiern „im Bemühen um gegenseitige Verständigung und ein Zusammenleben in Respekt und Achtung“. Er vertritt dezidiert, dass die Verwendung der Begriffe „Völkermord“ und „Genozid“ dies erschwere. Interessanterweise jedoch, machten gerade Herero diesen für ihre erinnerungspolitische Praxis erfolgreich fruchtbar. Bereits 1990, im Jahr der Unabhängigkeit Namibias, forderten sie auf dieser Grundlage in Form einer juristischen Klage Wiedergutmachung. Während des jährlich im August stattfindenden Herero-Tages wird der Vernichtungsbefehl von Trothas an der Spitze der Prozession geführt. Eckl verbannt den Hinweis auf deren fehlende Perspektive in eine Fußnote (FN 126, S. 54). Er greift stattdessen die „akademische Geschichtsschreibung“ an, die er mit dem DDR-Historiker Drechsler, sowie den gegenwärtigen Protagonisten Jan-Bart Gewald und Jürgen Zimmerer personalisiert. Diese stellt er als „tendenziös“ dar und zwar sowohl „in ihrem unkritischen Umgang mit Quellentexten und Fachliteratur“ als auch „durch ihre Art und Weise der Auswertung, Interpretation und Darstellung“ (S. 17). Schuld daran sei die „eurozentristische Perspektive“ (S. 16), die sie einnähmen. Ein erstaunlicher Vorwurf, gerade an Gewald, der schließlich die Herero in den Mittelpunkt seiner sozio-politischen Analyse stellte.[2] Eurozentristisch ist für Eckl allerdings, den kolonialen Völkermord in den Kontext des Holocausts und damit deutscher Geschichte zu stellen, statt ihn ausschließlich auf die namibische Geschichte zu beziehen. Somit ist sein Anliegen eigentlich auf der erinnerungs- und versöhnungspolitischen Ebene anzusiedeln. Er argumentiert jedoch auf der analytischen Ebene und versucht nachzuweisen, dass nicht ordentlich mit Quellen gearbeitet worden wäre. Das Übermaß an Akribie ersetzt denn auch eine klare Gegendarstellung Eckls. Schließlich kommt auch er zu dem Schluss, dass von Trotha die Vernichtung der Herero billigend in Kauf genommen habe, allerdings, so schränkt er ein, nur als „eines von verschiedenen Mitteln“ (S. 38, 41). Eckl verbindet dann seine Kritik an der Quellenbasis der „akademischen Geschichtsschreibung“ mit der angeblich versäumten Auswertung von Soldatentagebüchern. Eine breitere Quellenbasis würde zu einer „differenzierteren Wahrnehmung“ führen (S. 40). Damit suggeriert er, das bisher vorherrschende Bild sei auf der Grundlage dubioser Quellen entstanden – ein Eindruck, den er insgesamt zu untermauern versucht. Die von ihm publizierten Tagebücher sollen nun eine andere Sicht auf die Ereignisse werfen und richten sich gegen eine „kollektive Verurteilung […], die Widerspruch vor allem von Seiten der Namibia-Deutschen hervorrufen muß“ (ebd.).

Wenden wir uns dazu den Tagebüchern selbst zu:

Der erste Text stammt von Oberarzt Georg Hillebrecht (1874-1944), der im Juli 1904 nach Swakopmund kam, von dort zum Waterberg marschierte und diesen am 1. August 1904 – wenige Tage vor der berüchtigten Schlacht – erreichte. Es wird ergänzt durch einige Fotografien und Briefe an seine Familie und einen Regimentskameraden, die Hillebrecht selbst beilegte. Für die genozidale Phase weist sein Tagebuch eine von Eckl nicht näher problematisierte Lücke auf (vom 4.8. bis 21.10.1904), die nur durch einige Briefe ergänzt wird. Vom 6. bis 22. November wurde er beim Feldzug gegen die Nama eingesetzt. Dabei erkrankte er so schwer an Typhus, dass er Deutsch-Südwestafrika (DSWA) verlassen musste. Wie Eckl erwähnt, und wie es im Tagebuch mehrfach wiederholt wird, schrieb Hillebrecht vor allem für seine Familie in Deutschland. Bereits während er in DSWA weilte, sandte er ihnen seine Aufzeichnungen zu. Das maschinenschriftliche Manuskript, auf dem die Veröffentlichung beruht, wurde 1975 von Hillebrechts Tochter vorgenommen und das Original vernichtet. Entsprechend ist das Tagebuch in Inhalt und Stil sehr persönlich gehalten und vermittelt über weite Strecken ein Globetrotter-Gefühl unter allerdings extremeren Bedingungen.

Bei Franz Ritter von Epp (1868-1946) handelt es sich um einen Militär und NS-Politiker, der für die Verschmelzung von kolonialer zu nationalsozialistischer Politik steht. Stellvertretend für viele Berufsoffiziere aus dem Kaiserreich war er in den kolonialen Kriegen in China und DSWA sowie 1919 als Freikorpsführer an der Niederschlagung der Räterepublik beteiligt. Er hielt sich vom 1.3.1904 bis Juli 1906 in DSWA auf. Das Tagebuch ist allerdings nur bis 2.11.1904 veröffentlicht, da zu diesem Zeitpunkt seine aktive Kriegsteilnahme endete. Grundlage für die Publikation ist eine – wie Eckl schreibt – weitgehend unveränderte Abschrift des Originals von unbekannter Hand, die sich im Bundesarchiv Koblenz befindet. Epps Aufzeichnungen sind fast stenografisch und ähneln militärischen Lageberichten, die ab und an durch kleinere Aufsätze unterbrochen werden.

Beide Tagebücher belegen, dass es eine deutsche Vernichtungspolitik gegeben hat und zwar nach dem 11. August bis Oktober 1904 (vgl. Hillebrecht, S. 182; Epp, S. 284-288). Sie bestätigen somit die gängige Interpretation der historischen Ereignisse, die Eckl im Vorwort so scharf angreift. Nicht nur das Blaubuch, das Generalstabswerk, der Vernichtungsbefehl, die Berichte von Missionaren, sondern eben auch die Soldatentagebücher lassen an der historischen Realität eines deutschen Vernichtungswillens keinen Zweifel.[3] Unbestritten ist auch, dass es einigen Tausenden von Herero dennoch gelang zu überleben – teils durch Flucht auf englisches Gebiet, teils auf deutschem Gebiet. Auch hierin sind sich „akademische Geschichtsschreibung“ und die Tagebücher von Hillebrecht und Epp einig. Der absolute Machtanspruch der Deutschen war in der Realität nicht absolut durchsetzbar.[4]

Die durch Eckl wieder aktualisierte Völkermorddebatte reicht jedoch weit über Namibia, ja über die gesamte Kolonialgeschichte, hinaus und wirft Fragen auf nach der Aufgabe von „akademischer Geschichtsschreibung“. Eckl argumentiert in der Tradition des Historismus distanzierend-analytisch. Geschichtsschreibung kann jedoch nicht objektiv Sachverhalte feststellen, sondern ist Teil der politischen und epistemischen Kultur, in der sie entsteht. Von daher kann auch die Historiografie selber als ein spezifisches Medium des Erinnerns aufgefasst werden. Dem Historiker kommt die Aufgabe zu, wissenschaftliche Erkenntnisse verstehbar zu machen. Der Begriff „Völkermord“ ist ein solcher Versuch für die Ereignisse, die sich 1904 im heutigen Namibia zugetragen haben. Die große Herausforderung ist, dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleichzeitig mit der subjektiven Seite zu denken. Gesine Krüger hat gezeigt, wie ein Dialog von Soldatentagebüchern und Herero-Texten zu einer differenzierten Wahrnehmung führen kann, ohne auf den Begriff Völkermord zu verzichten.[5] Eckl muss sich den Vorwurf gefallen lassen, einseitig eine Siedlerperspektive einzunehmen, zu ähnlich ist seine Gegenrede deren Argumentation in Stil und Intention.[6]

Anmerkungen:
[1] Marx, Christoph, Entsorgen und Entseuchen. Zur Diskussionskultur in der derzeitigen namibischen Historiographie – eine Polemik, in: Melber, Henning (Hg.), Genozid und Gedenken. Namibisch-deutsche Geschichte und Gegenwart, Frankfurt am Main 2005, S. 141-162.
[2] Gewald, Jan-Bart, Herero Heroes. A Socio-Political History of the Herero of Namibia 1890-1923, Oxford 1999.
[3] Jüngst: Hull, Isabel, Absolute Destruction. Military culture and the practices of war in imperial Germany, Ithaca 2005, die sich auf viele Tagebücher stützt, u.a. das von Trotha.
[4] Vgl. Zimmerer, Jürgen, Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia, Münster 2001.
[5] Krüger, Gesine, Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907, Göttingen 1999.
[6] Z.B. „Befunde und Berichte zu deutschen Kolonialgeschichte“ 8 (Völkische Ansprüche und Erwartungen; Das Land unserer Väter; Abwegige Begründungen und rechtliche Sachverhalte), hg. v. „Internationalen Arbeitskreis für kolonialwissenschaftliche Forschung", Windhoek, Namibia.

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Veröffentlicht am
03.02.2006
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