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Titel
Kommunalka und Penthouse. Stadt und Stadtgesellschaft im postsowjetischen Moskau


Autor(en)
Gdaniec, Cordula
Reihe
Zeithorizonte 10
Erschienen
Münster 2005: LIT Verlag
Anzahl Seiten
224 S.
Preis
€ 25,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Silke Steets, Insitut für Soziologie, Technische Universität Darmstadt

Die Stadtforschung über Osteuropa ist seit den 1990er-Jahren maßgeblich durch die These des Historikers Karl Schlögel geprägt: Er spricht von einer „Wiederentdeckung der Städte“, während allerorten deren Verlust beklagt wird.[1] Osteuropäischen Städten kommt seiner Meinung nach die Rolle zu, einen Rahmen für neue Formen der Identitätsfindung im Prozess der Transformation dieser östlichen Länder Europas bereitzustellen. Dies erfolgt im Rückgriff auf historische Muster und Narrative, lässt aber außer Acht, dass damit ein städtischer Integrationsmodus greift, der zunächst auch Verdrängung bestehender sozialer Milieus voraussetzt. In deren Folge errichten bspw. in Russlands Städten punktuell so genannte „Neue Russen“ [2] innerstädtische gated communities und prägen in der Folge einen neuen Stadtraumtypus post-sozialistischer Art, wie er sich ebenso in westlichen Städten zu erkennen gibt. Des Weiteren erfolgt auch ein Rückgriff auf das Modell und die symbolischen wie architektonischen Repräsentationen der europäischen Stadt. Und schließlich werden osteuropäische Städte parallel zu diesen Entwicklungen mit einer Mixtur aus „Turbokapitalismus“ und „poststalinistischer Planwirtschaft“ konfrontiert. Moskau ist ein zentraler Referenzpunkt, an dem sich überlagernde Stadtentwicklungsprozesse exemplarisch nicht nur emphatisch, sondern auch empirisch untersucht werden können.

Für die präzisere Beschreibung dieser komplexen Entwicklungsdynamiken leistet die Studie der durch die britische Stadt- und Sozialgeografie geprägten Cordula Gdaniec am Fall Moskaus einen wichtigen Beitrag. Gdaniec nimmt in ihrem Dissertationsprojekt den Wandel von Stadtlandschaft und Stadtgesellschaft im postsowjetischen Moskau in den Blick. In der sehr kenntnis- und detailreichen Arbeit gelingt es ihr, die vielfältigen Brüche dieses Wandlungsprozesses zu Tage zu fördern und zu einem besseren „Verständnis“ von Moskau beizutragen (S. 9). Gdaniec beobachtet Moskau bei vielen Besuchen und Aufenthalten über einen Zeitraum von 14 Jahren, wobei sich ihre empirischen Erhebungen auf die Zeit zwischen 1995 und 1999 konzentrieren. Dieser – für ein Dissertationsprojekt ungewöhnlich – lange Untersuchungszeitraum ist ein großer Pluspunkt der Arbeit.

Im Zentrum der Betrachtung einer sich wandelnden Stadtlandschaft und Stadtgesellschaft stehen Moskaus Suche nach einer neuen Identität innerhalb regionaler und globaler Zusammenhänge sowie eine sehr spezifische Form der Gentrifizierung. Gdaniec analysiert diese Prozesse anhand der Umwandlung der Kommunalki (der unter Stalin eingeführten Gemeinschaftswohnungen, die teils bis heute weiterbestehen) in Luxuswohnungen oder Penthouses für die so genannten „Neuen Reichen“. Sie zeigt dies exemplarisch anhand des Stadtviertels Ostoschenka, das zentrumsnah (das heißt in Moskau: innerhalb des Gartenrings) südwestlich des Kremls an den großen Fluss der Stadt, an die Moskwa angrenzt.

Pass- und Detailgenaue Ethnografien des Urbanen haben in den vergangenen Jahren gerade in postsozialistischen Transformationsprozessen eine erhöhte Aufmerksamkeit erfahren.[3] Die Zersplitterung des urbanen Sozialraumes im Zuge der zivilgesellschaftlichen Befreiung erklärt sich durch die Entgrenzung ihrer wieder- und neugewonnenen Sozial-, Arbeits- und Interaktionsbezüge. Doch diese binnenstaatlichen Neuordnungen gehen parallel zu vielschichtigen, entfesselt sich vollziehenden Globalisierungseffekten, die gerade vertraute Stadträume und ihre Sozialordnungen einer Neuformierung und symbolischen Neucodierung unterziehen. Um diese komplexe und komplizierte urbane Situation adäquat zu beschreiben und zu erfassen, lassen sich seit einigen Jahren insbesondere in ehemals sozialistischen sowie sich rasch transformierenden Regionen und Städten vermehrt Rückgriffe auf ethnografische Analysemethoden beobachten. Diese analytische Zugangsperspektive liefert nicht nur Aufschlüsse über neue Narrative des Städtischen und soziale Praktiken der Wiederaneignung von Orten unter neuen Vorzeichen: Ethnografische Fallstudien, teilnehmende Beobachtungen sowie lebensweltliche Analysen können passfähiger den Wandel von Bedeutungsstrukturen von sich äußerst rasch transformierenden Stadtkulturen zu Tage fördern. Dem Mikrokosmos „Stadt“ wurde nicht zuletzt dadurch die Rolle zuteil, oftmals unerwartete Antworten auf den Formenreichtum der Verortungen von urbanen postsozialistischen Teilkulturen zu geben. Mittels „follow the case“-Verfahren [4] war es vielfach auch möglich, Bewertungen und Bedeutungen von Orten und sozialen Kontexten in transnationalen Migrationsnetzwerken besser zu verstehen. Die Ethnografie verhalf somit der Geografie zu einem vielschichtigen Verständnis von materialen wie imaginierten aber ebenso wirkungsmächtigen Grenzen, Begrenzungen und Raumstrukturen.

Obwohl die ethnografische Untersuchung des Ostoschenka-Viertels (dazu später ausführlich) den empirischen Kern der Arbeit ausmacht, ist es Gdaniec’ Ziel, eine „anthropology of the city“ [5] zu schreiben, das heißt, die Stadt Moskau selbst zum Gegenstand der Untersuchung zu machen. Anders als viele ethnografische Studien in Städten, die eine abgrenzbare, überschaubare und in sich homogene Gemeinschaft in einem Stadtviertel in den Blick nehmen – wie dies beispielsweise viele Studien in der Tradition der Chicago School of Urban Sociology tun – steht bei Gdaniec das im Mittelpunkt, was Rolf Lindner die Kultur oder den Habitus der Stadt genannt hat.[6] Ein solches Vorgehen impliziert einen Raumbegriff, der über den Containerraum (eines Stadtviertels) hinausgeht und vielfältige Bezüge auf räumlichen Ebenen unterschiedlicher „scales“ (von global über national, regional bis hin zu lokal) ermöglicht, denn das Spezifische einer Stadt oder eines Ortes zeigt sich (so man keine Vergleichstudie macht) in der Art, wie „global flows“ und „local cultures“ dort zusammenkommen.[7]

Gdaniec wählt den physischen Raum der Stadt als Ausgangspunkt ihrer Untersuchung, denn sie möchte die räumlichen Auswirkungen der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Transformationsprozesse im postsowjetischen Moskau sichtbar machen. Sie diskutiert die Vor- und Nachteile verschiedener Raumkonzepte und entscheidet sich schließlich für die Begriffe „Stadtlandschaft“ und „Stadt als Text“ als theoretische Eckpfeiler, um auf ihren Gegenstand – Moskau – zugreifen zu können. Dies ist vor dem Hintergrund ihres methodischen Instrumentariums, welches stark auf die Wahrnehmung des städtischen Raumes und auf die Dokumentation baulicher Veränderungen abzielt – durchaus sinnvoll. Gleichzeitig stellen die gewählten Begriffe – verglichen mit einem relationalen Raumbegriff [8] eine theoretische Verengung oder – anders formuliert – eine (womöglich zu starke) Konzentration auf die Wahrnehmungsebene der Stadt dar. Wie Gdaniec richtig feststellt, bedarf die Untersuchung eines komplexen Gegenstandes wie einer geschichtsträchtigen und global bedeutsamen 10-Millionen-Einwohnerstadt eines komplexen methodischen Instrumentariums. Gdaniec wählt – in der Tradition der Stadtethnologie – ein interdisziplinäres Vorgehen: Sie unternimmt Wahrnehmungsspaziergänge, dokumentiert die Stadt über Feldnotizen und Fotos, führt Interviews mit lokalen Expert/innen für Stadtplanung und mit Bewohner/innen und analysiert Dokumente, Karten und Literatur. Das empirische Herzstück der Arbeit bildet eine detaillierte Kartografie des Ostoschenka-Viertels hinsichtlich der Bauzeit und des Zustandes der dort stehenden Gebäude, ihrer gegenwärtigen Nutzung und einer Einschätzung ihres Prestiges.

Die Auswertung ihrer Daten führt Gdaniec zu folgenden Ergebnissen: Das gegenwärtige Moskau ist geprägt von einer wachsenden sozialräumlichen und gesellschaftlichen Polarisierung, was vor dem Hintergrund der sowjetischen Vergangenheit der Stadt zu der keineswegs banalen Einsicht führt, dass Moskau auf dem besten Wege ist, eine „normal city“ (Khazanov zit. in Gdaniec, S. 185) nach westlichem Vorbild zu werden. Dies trifft auf eine sich (langsam) entwickelnde Konsum- und Dienstleistungskultur in der Stadt ebenso zu wie auf die Rolle des Historischen im Stadtbild. Genau wie in Berlin, London oder Paris wird auch das Moskauer Stadtzentrum für touristische Zwecke „aufgewertet“. Wichtiges Kapital ist in diesem Zusammenhang die mannigfaltige Geschichte der Stadt.

Ostoschenka stellt sich in diesem Kontext als ein innerstädtisches Viertel dar, welches mit radikalen Prozessen der Aufwertung konfrontiert ist. Hier zeigt sich der Zusammenstoß zwischen neuen Lebensstilen und den Raumbedürfnissen der neuen Aufsteiger. Gleichsam gibt sich dadurch auch ein neues Muster der Stadt und ihrer Entwicklung zu erkennen: Verslumung und Aufwertung vollziehen sich in Ostoschenka direkt nebeneinander, wie auch im Alltag Praktiken ruraler Herkunft denen der neuen Elitenkulturen gegenüberstehen. Dennoch beobachtet Gdaniec neben Normalisierungs-, Spreizungs- und Angleichungsprozessen auch etwas spezifisch Moskauerisches, nämlich eine spezifische Art der Gentrifizierung.

Während in westlichen Städten die Aufwertung eines Stadtviertel in der Regel über den Zuzug von jungen Leuten aus der Mittelschicht beginnt, die in kreativen Berufen arbeiten und einen künstlerischen Lebensstil pflegen [9], unterscheiden sich die „Aufwerter“ im Ostoschenka-Viertel von der Ursprungsbevölkerung allein durch ihren absoluten Reichtum (S. 172ff.). Was in Moskau fehlt, ist die symbolische Ebene der Gentrifizierung, welche das Bild eines Stadtviertels oft so nachhaltig verändert. In Moskau bilden die Wohnungen der neureichen Russen wirkliche Inseln innerhalb des alten Stadtzentrums, die zwar im Kontrast zu den alten, heruntergekommenen Häusern der direkten Nachbarschaft stehen, aber räumlich völlig von ihnen abgeschlossen sind. Sie bilden einen eigenen, abgeschlossenen und verinselten Stadtraum, eine Mischung alter und neuer Bewohner innerhalb des Stadtviertels findet nicht statt. Der Anthropologe Sergej Oushakine bezeichnet den Konsumstil der Neuen Russen als Quantität des Stils: je teurer, desto besser. Er führt dies unter anderem zurück auf ein generelles Fehlen einer vielfältigen postsowjetischen Symbolproduktion, die den neuen russischen Konsumstil auch mit distinktiven Merkmalen ausstatten könnte; stattdessen herrscht eine „Culture of Symbolic Shortage“.[10] Und dieser Mangel an neuen symbolischen Distinktionsangeboten wird in Gdaniec’ Studie über das Ostoschenka-Viertel auf einer städtischen Ebene deutlich.

Die lesenswerte und sehr materialreiche Studie von Cordula Gdaniec weist eine Schwäche auf: Der Dramaturgie und Darstellung der Arbeit hätte es vermutlich besser getan, das eigentliche Fallstudienkapitel stärker ins Zentrum der Arbeit zu rücken und von ihm ausgehend all jene Aspekte zu entwickeln, die richtigerweise eingehend beleuchtet werden. So liest man erst einmal rund 140 Seiten zum theoretischen Rahmen der Arbeit (klar!), aber auch zur postsowjetischen Situation Moskaus, zur Entstehung des Immobilienmarktes, zur veränderten Rolle der Stadtplanung, zu Architektur und Kunst in der Stadt. Exemplarisch wird dies dann am Fallbeispiel des Ostoschenka-Viertels belegt, wobei dieses Gefahr läuft den Charakter einer Illustration zu erhalten.

Kontextuiert werden Theorie und Empirie durch ausdrucksstarke Bildserien, die als eine zusätzliche Klammer den Leser/innen auch die visuellen Veränderungen der Stadt vermitteln: Sie verzahnen die präzise und detailgenaue Fallstudie und lassen sie nicht zu einer anekdotischen Illustration verkümmern. Gleichwohl wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Fallstudie zentraler in die Gesamtdarstellung eingebettet worden wäre, um somit aus deren Material heraus Schussfolgerungen zu entwickeln. Dennoch verhilft diese – gerade vor dem Hintergrund der eingehenden Beobachtung von Gdaniec – der Arbeit zur Analyse des Formenreichtums der Stadt Moskau und ihrer sozialen Prozesse. Die Studie ist ein gelungenes Beispiel einer interdisziplinär motivierten Stadtforschungsarbeit zur Transformation der Stadt Moskau.

Anmerkungen

[1] Schlögel, Karl, Promenade in Jalta und andere Städtebilder, Frankfurt am Main 2003.
[2] Neureiche aus der Zeit der Privatisierung sowjetischen Staatseigentums, vgl.: Humphrey, Caroline, The Villas of the „new Russians“. A Sketch of Consumption and Identity in Post-Soviet Landscapes, in: Staring, Richard; van der Land, Marco u.a. (Hgg.), Focaal. Globalization/Localization. Paradoxes of Cultural Identity, 1998, S. 85-106.
[3] Vgl. z.B.: Bittner, Regina; Hackenbroich, Wilfried u.a., Transiträume – Transit Spaces, Berlin 2006; Hann, Chris; Humphrey, Caroline u.a., Introduction. Postsocialism as a Topic of Anthropological Investigation; in: Hann (Hg.), Postsocialism, London 2001, S. 1-28.
[4] Marcus, George E., Ethnography in/of the World System. The Emergence of multi-sited Ethnography, in: Marcus, George E. (Hg.), Ethnography through Thick and Thin. Princeton 1998, S. 79-104.
[5] Hannerz, Ulf, Exploring the City. Inquiries towards an Urban Anthropology, New York 1980; vgl. Auch: Lindner, Rolf, Die Kultur der Metropole, in: Humboldt-Spektrum 2 (2005), S. 22-28.
[6] Lindner, Rolf, Stadtkultur, in: Häußermann, Hartmut (Hg.), Großstadt. Soziologische Stichworte, Opladen 1998, S. 258-264; Lindner, Rolf, Der Habitus der Stadt. Ein kulturgeographischer Versuch, in: Petermanns geographische Mitteilungen 147,2 (2003), S. 46-53
[7] Berking, Helmuth, „Global Flows and Local Cultures“. Über die Rekonfiguration sozialer Räume im Globalisierungsprozess, in: Berliner Journal für Soziologie 8,3 (1998), S. 381-392
[8] Vgl. Löw, Martina, Raumsoziologie, Frankfurt am Main 2001; Massey, Doreen, Spaces of Politics, in: Massey, Doreen; Allen, John u.a. (Hgg.), Human Geography Today. Cambridge 1999, S. 279-294; Läpple, Dieter, Gesellschaftszentriertes Raumkonzept. Zur Überwindung von physikalisch-mathematischen Raumauffassungen in der Gesellschaftsanalyse, in: Wentz, Martin (Hg.), Stadt-Räume, Frankfurt am Main 1991, S. 35-46.
[9] Zukin, Sharon, Loft living. Culture and Capital in Urban Change, New Brunswick 1989.
[10] Oushakine, Serguei Alex, The Quantity of Style. Imaginary Consumption in the New Russia, in: Theory, Culture & Society 17,5 (2000), S. 97-120.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.07.2006
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/