J. Bahlcke (Hrsg.): Schlesienforschung

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Titel
Historische Schlesienforschung. Methoden, Themen und Perspektiven zwischen traditioneller Landesgeschichtsschreibung und moderner Kulturwissenschaft


Herausgeber
Bahlcke, Joachim
Reihe
Neue Forschungen zur schlesischen Geschichte 11
Erschienen
Köln 2005: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
740 S.
Preis
69,90 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Deventer, Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas Universität Leipzig (GWZO)

"Es genügt nicht, das früher Gewußte zu konservieren, sondern auch die ältere schlesische Geschichte bedarf einer fortwährenden Überprüfung, Neubewertung und Darstellung. Moderne Geschichtswissenschaft ist auch Landesgeschichte, stellt heute andere Fragen als vor fünfzig Jahren".[1] Dieses, vor nunmehr 12 Jahren von Norbert Conrads, dem Nestor der modernen historischen Schlesienforschung in Deutschland erhobene Postulat, griffen zwei seiner Schüler bei der Konzeption einer im Jahr 1998 publizierten Festschrift für ihren akademischen Lehrer auf. Darin wurde der Stand der Wissenschaft und die Perspektiven künftiger Landesgeschichtsforschung über Schlesien aufgezeigt.[2] Von daher ist es nicht ganz richtig, wenn im Klappentext der hier anzuzeigenden Neuerscheinung behauptet wird, dass hier "erstmals" ein Überblick über "die Genese und Entwicklung der historischen Schlesienforschung" gegeben werde.

Hinsichtlich des Anspruchs und der Konzeption weisen die beiden Bände allerdings deutliche Unterschiede auf. Der 1998 erschienene Sammelband bewegte sich erklärtermaßen noch im Rahmen der ,klassischen’ historischen Landesforschung und widmete sich der schlesischen Historiografie, dem Forschungsstand und den Desideraten in speziellen Sachbereichen sowie einzelnen Quellengattungen zur neueren Geschichte Schlesiens. Demgegenüber versteht Joachim Bahlcke sein Unternehmen als den Versuch, "traditionsreiche ebenso wie jüngere Forschungsgebiete, Forschungsmethoden und kulturwissenschaftliche Zugangsweisen zur historischen Region Schlesien in knappen, allgemeinverständlichen Überblicksbeiträgen darzustellen" (S. XIX). Dabei lautet die allen Artikeln zugrunde gelegte Zielvorgabe, die auch noch nach 1945 von der deutschen, polnischen und tschech(oslowak)ischen Schlesienforschung gepflegten disziplinären und nationalen Verengungen kritisch zu hinterfragen und Perspektiven zu deren Überwindung aufzuzeigen (S. XVIIIf.).

Zur Aufarbeitung der Genese, Felder, Methoden und Teildisziplinen der historischen Schlesienforschung liegt den durchschnittlich fünfundzwanzig- bis dreißigseitigen Beiträgen ein einheitliches Schema zugrunde. Nach einem einführenden historiografischen und/oder institutionengeschichtlichen Überblick über die bisherige Forschung werden in einem zweiten Teil die gewonnenen Erkenntnisse an einem konkreten Fallbeispiel vertieft. Ein dritter Abschnitt widmet sich Desideraten und Perspektiven der zukünftigen Forschung. Am Ende jedes Beitrags findet sich eine unterschiedlich ausführliche (das Spektrum reicht von zwei bis sieben Druckseiten), nach Quellen und Darstellungen getrennte Auswahlbibliografie.

Zur Orientierung für die in einzelnen historischen bzw. kulturwissenschaftlichen Teildisziplinen vergleichend arbeitenden Fachkolleg/innen seien im Folgenden die Aufsätze und deren Verfasser/innen vollständig aufgelistet: Siedlungsarchäologie (Sebastian Brather), Handschriftenkunde (Wojciech Mrozowicz), Urkundenforschung (Winfried Irgang), Druck- und Buchgeschichte (Detlef Haberland), Historiografiegeschichte (Norbert Kersken), Rechts- und Verfassungsgeschichte (Matthias Weber), Wirtschafts- und Sozialgeschichte (Arno Herzig), Religionsgeschichte (Thomas Wünsch), Ständeforschung (Joachim Bahlcke), Parlamentarismusforschung (Roland Gehrke), Parteiengeschichte (Helmut Neubach), Nationalismus- und Minderheitenforschung (Kai Struwe), Militärgeschichte (Daniel Hohrath), Adelsgeschichte (Norbert Conrads), Stadtgeschichte (Ulrich Schmilewski), Höfe- und Residenzenforschung (Andreas Rüther), Orts- und Heimatgeschichte (Wolfgang Kessler), Neue Kulturgeschichte (Walter Schmitz), Gedächtnisgeschichte (Maximilian Eiden), Mentalitäts- und Alltagsgeschichte (Karen Lambrecht), Frauen- und Geschlechtergeschichte (Mirosława Czarnecka), Schul- und Bildungsgeschichte (Christine Absmeier), Migrationsgeschichte (Alexander Schunka), Vertreibungsforschung (Christian Lotz), Volkskunde (Tobias Weger), Kunstgeschichte (Jan Harasimowicz), Architekturgeschichte (Beate Störtkuhl).

Weil eine Würdigung aller 27 Beiträge den vorgegebenen Rahmen einer Rezension sprengen und dies – was hier nicht verschwiegen werden soll – die mit allen behandelten (Teil-)Disziplinen nicht gleichermaßen vertrauten Rezensent/innen auch überfordern würde, sollen im folgenden einige grundsätzliche Überlegungen angestellt werden.

1. Wenn Joachim Bahlcke einleitend behauptet, dass die polnisch-deutsch-tschechische Kooperation in der Schlesienforschung mittlerweile "fast zur Selbstverständlichkeit" geworden ist (S. XVII), muss der vorliegende Sammelband von dieser angeblichen Normalität ausgenommen werden, handelt es sich doch bei den Autoren – abgesehen von drei polnischen – durchweg um deutsche Beiträger. Dass diese Unausgewogenheit nicht zwingend ist, davon zeugt eine andere, nahezu zeitgleich erschiene Aufsatzsammlung zur Kulturgeschichte Schlesiens in der Frühen Neuzeit.[3]

2. Während es den Herausgeber gefreut haben wird, dass sich alle Autor/innen an das den Artikeln vorgegebene viergliedrige Schema gehalten haben, ergeben sich daraus für die Leser/innen – besonders im Teil I – immer wieder einmal Doppelungen und Redundanzen, die durch eine gezielt darauf achtende redaktionelle Überarbeitung sicherlich hätten vermieden werden können. Bei jedem Leser, der sich mehrere Artikel hintereinander zu Gemüte führt, stellt sich angesichts der im jeweiligen ersten Teil der Aufsätze dargebotenen Fülle von Autorennamen und Werktiteln ohnehin ein leichtes Schwindelgefühl ein – so etwa, wie wenn man in einem mehrstöckigen Treppenhaus von oben in den Abgrund schaut.[4]

3. Es wäre sicherlich hilfreich gewesen, wenn die Beiträge durch häufigere Querverweise im Fließtext (und nicht versteckt in den Fußnoten) stärker untereinander vernetzt worden wären. Nur ein Beispiel: Ein Leser etwa, der sich speziell für die Mentalitäts- und Alltagsgeschichte interessiert und beim Lesen des betreffenden Artikels auf die Rolle und Bedeutung magischer Glaubensvorstellungen und Praktiken in Spätmittelalter und Früher Neuzeit hingewiesen wird (S. 516f.), kann nicht wissen, dass sich Thomas Wünsch genau diesem Phänomen in seinem Beitrag über "Religionsgeschichte" ausführlich widmet (S. 196ff.).

4. Die meisten, aber eben doch nicht alle Aufsätze können dem im Buchtitel gegebenen hohen Anspruch, die historische Schlesienforschung an die "moderne Kulturwissenschaft" heranzuführen, einlösen; solche "Ausfälle" sind bei Großunternehmen wie diesem Buchprojekt wohl auch kaum zu vermeiden. Manchmal gewinnt man schlicht den Eindruck, dass einzelne Beiträger/innen mit Fragestellungen und Methoden moderner kulturwissenschaftlicher Konzepte nicht wirklich vertraut sind. Es gibt zu denken, wenn etwa am Ende des Artikels über "Stadtgeschichte" einem im Gehalt doch recht bescheidenen Werk zur Geschichte Breslaus[5] Vorbild- und Modellcharakter zugesprochen wird (S. 402) – und dies umso mehr, als dieses Buch, das die "Biographie einer deutschen Stadt" (so der Untertitel) erzählt, noch ganz in der – laut Bahlcke eigentlich zu überwindenden – Tradition "nationaler Verengung" steht.

Diese kritischen Bemerkungen sollen und können den eigentlichen Verdienst des Buches nicht schmälern. Angesichts der Tatsache, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die wissenschaftliche Beschäftigung mit den historischen ostdeutschen Ländern für lange Zeit stark vernachlässigt wurde und zahlreiche Sujets der Geschichte Schlesiens bis heute unerforscht sind, liegt mit dem Sammelband nun erstmals ein Werk vor, das in beeindruckender thematischer und methodischer Breite weiterführende und spannende Perspektiven auf die historische Schlesienforschung eröffnet. Die dargebotene Fülle von neuen Fragehorizonten und Erkenntnisinteressen, die Aufgabenstellungen für Generationen von zukünftigen (Kultur-) Wissenschaftlern bereit hält, dürfte die Forschung zur Kulturgeschichte Schlesiens wesentlich voranbringen. Der Projektbereich Schlesische Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart, aus dessen Arbeit die Publikation hervorgegangen ist, hat damit im Jahr seines zwanzigjährigen Bestehens einmal mehr in der deutschen Forschungslandschaft seine Rolle als Schrittmacher auf diesem Gebiet unter Beweis gestellt.

Anmerkungen
[1] Conrads, Norbert, Silesiographia oder Landesbeschreibung, in: ders. (Hg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Schlesien, Berlin 1994, S. 13-36, hier S. 32.
[2] Weber, Matthias; Rabe, Carsten (Hgg.): Silesiographia. Stand und Perspektiven der historischen Schlesiensforschung. Festschrift für Norbert Conrads zum 60. Geburtstag, Würzburg 1998.
[3] Garber, Klaus (Hg.): Kulturgeschichte Schlesiens in der Frühen Neuzeit, 2 Bde., Tübingen 2005.
[4] Die umgekehrte Perspektive bietet übrigens die Umschlagabbildung, die das Treppenhaus im ehemaligen Stadtbad in Breslau (erbaut zwischen 1912 und 1914 von Max Berg) zeigt; der Grund für just diese Bildauswahl bleibt ein Geheimnis des Herausgebers.
[5] Elze, Günter: Breslau. Biographie einer deutschen Stadt, Leer 1993.

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Veröffentlicht am
30.10.2006
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