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Titel
Ethnograph des dunklen Berlin. Hans Ostwald und die "Großstadt-Dokumente" (1904-1908)


Autor(en)
Thies, Ralf
Erschienen
Köln 2006: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
352 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Jan C. Behrends, Fedor-Lynen-Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Department of History, University of Chicago

Zwischen 1904 und 1908 erschien in Berlin eine der faszinierendsten Veröffentlichungen über das Leben in modernen Metropolen. Unter der Ägide des Journalisten und Schriftstellers Hans Ostwald wurden in schneller Folge 51 Bände der Großstadtdokumente veröffentlicht, die das Dasein in Berlin und einigen anderen europäischen Städten facettenreich dokumentieren. Die Entstehung der „Großstadtdokumente“ steht im Zentrum der Studie von Ralf Thies, die man zugleich auch als eine Biographie ihres Herausgebers Hans Ostwald lesen kann.

Denn der Verfasser wählt einen biographischen Ansatz, um neues Licht auf diese lang vergessenen Schriften zur Ethnographie der Großstadt zu werfen. Er folgt dem Aufstieg seines Protagonisten aus den sprichwörtlich kleinen Verhältnissen des Berliner Nordens in die Boheme der jungen Reichshauptstadt, begleitet ihn durch Weltkrieg und Republik und schließlich in das Reich der „niederen Dämonen“. Hans Ostwalds Jugend prägten Unbeständigkeit und Neugierde: Er teilte das Leben der Unterschichten sowohl in Ostelbien als Vagabund und Landarbeiter als auch in der Großstadt. Seine eigenen Beobachtungen lieferten ihm den Stoff für seine Reportagen, die er in den Zeitungen Berlins platzieren konnte. Obwohl ihm eine höhere Bildung fehlte, gelang es Hans Ostwald innerhalb weniger Jahre, sich als sozialkritischer Journalist zu etablieren und ein Chronist des modernen Lebens mit allen seinen Widersprüchen zu werden. Sein Genre war die Sozialreportage; er nahm seine Leser mit in den „dunklen Bauch“ der Großstadt und erzählte ihnen unverblümt jene Facetten der Realität, die von Adel und Bürgertum gerne ausgeblendet wurden.

Als Herausgeber der Großstadtdokumente war Hans Ostwald zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt. Aufgrund seiner zahlreichen Kontakte konnte er einige renommierte Autoren für das Projekt gewinnen. Zu ihnen zählte etwa Magnus Hirschfeld, der für die Serie eine Studie über die Berliner Homosexuellen lieferte. Auch die Mehrheit der anderen Bücher in Ostwalds Reihe widmeten sich den damals als „dunkel“ wahrgenommenen Seiten des urbanen Lebens: Es erschienen Werke über „Dirnen“ (oder Prostituierte) und Zuhälter, Wucherer und Geisterbeschwörer, so genannte schwere Jungen und uneheliche Mütter. Populär gehalten fanden viele der Bücher ein breites Publikum.

Ralf Thies gelingt es, einen informativen Überblick über die „Großstadtdokumente“ zu vermitteln. An vielen Stellen hätte man sich jedoch gewünscht, dass einzelne Texte eingehender vorgestellt werden. Als ein Leitmotiv der Serie identifiziert Ralf Thies die Diskussion über die Amerikanisierung des Berliner Lebens, die um die Jahrhundertwende unter dem Schlagwort „Berlin ist Chicago“ geführt wurde. Chicago war seit der Weltausstellung von 1893 die Metapher für die Versprechungen und Verheerungen modernen Großstadtlebens. Während prominente Zeitgenossen wie etwa der Soziologe Werner Sombart vornehmlich die Gefahren des „Amerikanismus“ für die deutsche Gesellschaft betonten, nahmen die Autoren der Großstadtdokumente eine neutralere Position ein. Das Faszinosum Metropole beschrieben sie eher als teilnehmende Beobachter, denn als besorgte Moralisten. Damit standen sie in vielerlei Hinsicht außerhalb der antiwestlichen Strömungen deutschen Denkens. Aufgrund ihres Interesses an der Stadt und deren Unterschichten sieht der Verfasser sie als Vorläufer der Chicago School of Sociology, die wenige Jahre später begann, das wissenschaftliche Denken über die Großstadt neu zu prägen.

Nach dem Abschluss des Projekts Großstadtdokumente wandelten sich Ostwalds Interessen, seine gesellschaftlichen Ansichten und sein Verständnis der Metropole Berlin. Noch vor dem Ersten Weltkrieg versuchte er mit Hilfe konservativer Förderer, den „Verein für soziale Kolonisation“ zu etablieren, der arbeitslosen Großstädtern eine bäuerliche Existenz als Kolonist in der Neumark vermitteln sollte. Als das Projekt scheiterte, stellte er sich während des Weltkrieges zunächst in den Dienst der kaiserlichen Kriegspropaganda, nur um 1919 auf die Seite der Weimarer Republik zu wechseln und SPD-Mitglied zu werden. In den 1920er-Jahren verdiente Ostwald seinen Unterhalt mit volkstümlichen Erzählungen über das Berliner Leben. Er kann als Schöpfer des Zille-Mythos gelten und feierte mit seinen Berliner Anekdoten beachtliche Publikumserfolge. An die Stelle der Beobachtung des großstädtischen Lebens war jedoch längst dessen Romantisierung getreten. Nach 1933 wechselte Ostwald nochmals die politische Gesinnung und diente sich den Nationalsozialisten an, indem er nun mithalf, den Blut-und-Boden-Mythos der NS-Ideologie zu beschwören. Doch der Versuch, sich im Dritten Reich zu etablieren, misslang ihm. Auch der zweite Anlauf, ein ländliches Siedlungsprojekt aus der Taufe zu heben, scheiterte. Seine restlichen Lebensjahre verbrachte Ostwald damit, den von ihm geschaffenen Berlin-Mythos zu arisieren.

Ralf Thies hat eine interessante Studie über einen schillernden Berliner Schriftsteller geschrieben. Es handelt sich eher um einen Streifzug durch Ostwalds Lebenswerk als um die Studie über die Großstadtdokumente, die der Titel verspricht. Auch fehlt an vielen Stellen der Bezug zur historischen Stadtforschung. Dennoch ist ein lesenswertes Buch entstanden, das nicht nur unter bekennenden Berlinern Leserinnen und Leser finden wird. Am Ende bleiben jedoch einige Fragen offen. Auch der Verfasser scheint sich die Metamorphosen seines Protagonisten nicht recht erklären zu können. Die politischen Wechsel zwischen progressiv und konservativ, links und rechts mag man noch mit Opportunismus erklären. Auch die Suche nach Gemeinschaft jenseits der Großstadt und das Misstrauen gegenüber der anonymen Metropole spielten vermutlich eine wichtige Rolle. Wesentlich wichtiger für die Person Ostwalds wäre es allerdings zu verstehen, wie aus dem leidenschaftlichen Flaneur und Beobachter großstädtischer Zustände ein ebenso engagierter Propagandist für ländliche Kolonisation und schließlich ein Apologet der arischen Scholle wurde. Da die Quellen aus Ostwalds Umfeld keinen letzten Aufschluss über diese Verwandlung zu geben scheinen, ist es vielleicht am naheliegendsten, Hans Ostwald selbst als Produkt jener klassischen Moderne zu begreifen, die er verstehen und erklären wollte: Auf seinen Wegen durch die Berliner Geschichte wurde aus dem interessierten Außenseiter ein „Mann ohne Eigenschaften“.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.08.2007
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/