P. Vodosek u.a. (Hrsg.): Medien in der Zeit des Kalten Krieges

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Titel
Bibliotheken, Bücher und andere Medien in der Zeit des Kalten Krieges.


Herausgeber
Vodosek, Peter; Schmitz, Wolfgang
Reihe
Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens 40
Erschienen
Wiesbaden 2005: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
216 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Stöver, Historisches Institut, Lehrstuhl Zeitgeschichte, Universität Potsdam

Der Kalte Krieg war bekanntlich eine umfassende Angelegenheit. Der Kampf der beiden unvereinbar erscheinenden Weltanschauungen mit ihren jeweils konkurrierenden Gesellschaftsentwürfen, die beide auf universaler Anwendung und globaler Gültigkeit beharrten, berührte fast alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Mit Ausnahme der atomaren Waffen, die aufgrund ihres langfristigen Zerstörungspotentials als nicht mehr einsetzbar angesehen wurden, kam auf beiden Seiten tendenziell alles Verfügbare zur Anwendung, um diesen Konflikt zu gewinnen. Gleichzeitig wurden vom Kalten Krieg direkt oder indirekt Bereiche erfasst, die auf den ersten Blick wenig mit Politik zu tun hatten. Der Kalte Krieg wurde zu einer politisch-ideologischen, ökonomischen, technologisch-wissenschaftlichen und kulturell-sozialen Auseinandersetzung, die ihre Auswirkungen bis in den Alltag zeitigte.

Insofern verwundert es nicht, dass seit Jahren intensiv die Frage nach der Rolle der Medien und damit auch der Literatur im Kalten Krieg stärker ins Blickfeld gerät. Im Jahr 2005 wurde nun zu diesem Thema der Ergebnisband einer drei Jahre zuvor vom Wolfenbütteler Arbeitskreis für Bibliotheksgeschichte veranstalteten Konferenz vorgelegt. Der von Peter Vodosek und Wolfgang Schmitz herausgegebene Band „Bibliotheken, Bücher und andere Medien in der Zeit des Kalten Krieges“ versammelt auf rund 200 Seiten die dort gehaltenen Referate. Die insgesamt zwölf, in ihrem methodischen Ansatz und in der Qualität höchst unterschiedlichen Beiträge beschäftigen sich unter anderem mit Bibliotheken (Friedhilde Krause, Louise S. Robbins) und Bibliothekaren (Alexandra Habermann), der „Deutschen Fotothek Dresden“ (Wolfgang Hesse), bibliothekarischen Besprechungsdiensten (Otto-Rudolf Rothbart), mit Archiven (Claudia-Leonore Täschner, Karlheinz Blaschke), mit Zeitungen (Eva Welsch), dem Hörfunk (Edgar Lersch) und Karikaturen (Wolfgang Marienfeld). Tatsächlich gehören viele dieser Themen, wie auch das einleitende Kapitel betont, zu den zahlreichen Desideraten, die das Forschungsgebiet Kalter Krieg nach wie vor aufzuweisen hat.

Besonders nachdrücklich sind historische Entwicklungen häufig an Bildern und Karikaturen nachzuvollziehen. Die Beiträge von Marienfeld und Hesse, die den Karikaturen des Kalten Krieges und den Überlieferungen der 1956/61 gegründeten „Deutschen Fotothek Dresden“, dem „Zentralen Institut für kulturwissenschaftliche Bilddokumente“ in der DDR nachspüren, können das anschaulich zeigen. Die Abbildungen zu Marienfelds kurzem Überblick über die Karikaturen des Kalten Krieges macht eben auch sichtbar, wie umfassend die globale Auseinandersetzung Themen erfasste, die primär kaum damit im Zusammenhang standen. Unter anderem gehörte der israelisch-palästinensische Konflikt dazu: Das geteilte Palästina wurde ab 1948 zum permanenten Konfliktherd, in dem sich unmittelbar die Fronten des Kalten Krieges spiegelten. Der Westen unterstützte Israel, der Ostblock die Palästinenser und die arabischen Staaten. Entsprechend politisch einseitig waren auch viele der Karikaturen.

In der „Deutschen Fotothek“ war das Thema Kalter Krieg zwar kein eigener Sammlungsgegenstand, wie der Beitrag Hesses deutlich macht, vielmehr spielte sie selbst als Institution eine aktive Rolle im Konflikt. „Wie das aktuelle Foto“, hieß es in einer Festlegung zu den Grundsätzen der Sammlung vom März 1982, „so ist auch das historische Bilddokument ein wichtiges Instrument in der ideologischen Auseinandersetzung mit dem Imperialismus“. (S. 177) Wie bedeutsam Bilder für die Legitimierung aktueller Politik tatsächlich waren, zeigt auch hier der Bildanhang. Man vergisst allzu schnell, wie wichtig das „richtige Foto“ im Ost-West-Bilderkampf des Kalten Krieges war. Der berühmte (und stark retuschierte) Händedruck von Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl zum sogenannten Vereinigungsparteitag der SED 1946 ist nur eines der zentralen Beispiele für die gezielte Verwendung von Fotos.

Die „Deutsche Fotothek“ ist aber auch deswegen ein interessantes Forschungsobjekt, weil sie Kontakte in den Westen unterhielt. Teilweise wurden Bilder aus dem Westen angekauft und für Interessierte im Westen reproduziert. In den Bibliotheken und Archiven der DDR herrschte dagegen ein anderer Ton. Dies macht der Beitrag Täschners über die „Öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek“ und den Kampf um die durch den Krieg in einen West- und einen Ostteil getrennten Bestände deutlich. Besonders hart traf die im Ostteil Berlins verbliebenen Büchersammlungen aber auch die rigorose „Säuberung“ der Bestände, wobei man unter anderem versuchte, den zahlreichen Wendungen der sowjetischen Außenpolitik zu folgen und nach tagesaktuellen Kriterien Bücher entfernte. Dass Säuberungen in Bibliotheken in den 1950er-Jahren nicht nur im Ostblock praktiziert wurde, sondern teilweise auch im Westen, zeigt der Beitrag von Robbins über amerikanische Büchereien in Westdeutschland. Die antikommunistische Hysterie der Frühzeit des Kalten Krieges zwischen 1947 und 1954 bewirkte vor allem in den Bibliotheken der „Amerikahäuser“, dass „kommunistischer Literatur“ aussortiert wurde. Darüber hinaus wurden in der Hochzeit der McCarthy-Jahre zahlreiche politisch Unerwünschte entlassen: 1954 verloren rund 50 Prozent der Bibliothekare/innen in den Amerikahäusern ihren Job.

Insgesamt zeigen die Beiträge des Bandes einen wichtigen Ausschnitt aus der „totalen“ Auseinandersetzung des Kalten Krieges. Man hätte sich gewünscht, dass in jenen Aufsätzen, die den ursprünglichen Vortragscharakter unverändert beibehalten haben, dennoch die notwendigen Belege in einer Fußnote geliefert werden. Auch ansonsten verzichtet der Band auf einige notwendige Ergänzungen: Eine analytisch die Einzelbeiträge einrahmende und bewertende Einleitung und Zusammenfassung, einen Personen- und/oder Sachindex, biografische Angaben zu den Autoren etc., all das sucht man vergeblich. Das ist schade, weil es den Gebrauchswert dieser Aufsatzsammlung zu einem wichtigen Thema schmälert.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.08.2006
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