K. Zach u.a. (Hrsg.): Deutsche und Rumänen in der Erinnerungsliteratur

Titel
Deutsche und Rumänen in der Erinnerungsliteratur. Memorialistik als Geschichtsquelle


Herausgeber
Zach, Krista; Zach, Cornelius R.
Reihe
Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V an der LMU München
Anzahl Seiten
290 S.
Preis
€ 19,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Juliane Brandt, Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Wie in anderen postkommunistischen Ländern besteht auch in Rumänien Nachholbedarf hinsichtlich der Publikation und Auswertung von Erinnerungsliteratur. Der vorliegende Band, Ergebnis einer vom Münchener Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas und dem Iasier-Xenopol-Institut 1999 veranstalteten Tagung, versucht diese Lücke zu schließen – mit interessanten, wenn auch nicht in jeder Hinsicht befriedigenden Ergebnissen. Die sechzehn Aufsätze stellen wichtige Gattungen und Einzelquellen der Memorialistik zu Rumänien vor und erkunden ihre Aussagekraft anhand von Fallstudien. Zeitlich wird die Entwicklung von 1848 bis in die Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt. Die ausgewerteten Texte stammen von Menschen aus nahezu allen Schichten der Gesellschaft, freilich mit dem auch andernorts zu beobachtenden Schwergewicht auf den Reflexionen der Vertreter des öffentlichen Lebens, der Literatur und der Politik im regionalen und staatlichen Rahmen. Neben Analysen einzelner Quellen stehen Überblicke über die Erinnerungsliteratur verschiedener Gruppen bzw. über bisherige Aufarbeitungen memorialistischer und verwandter Quellen. Gerade wo es nicht nur um die Erinnerungen Einzelner oder die Rekonstruktion der Sichtweise relativ homogener bzw. politisch akut homogenisierter Gruppen geht, sondern um das Zusammenleben in dem multiethnischen und multikonfessionellen Kontext Rumäniens, wird aber auch deutlich, wo Quellen fehlen. Mitunter sind sie noch nicht gefunden oder erschlossen, in anderen Fällen sind sie nur für bestimmte Milieus mit besonderer Reflexionskultur oder zur Rückschau wie zur reflexiv-persönlichen Würdigung der eigenen Lage entstanden. So macht der Band auch Grenzen des Forschungsstandes und künftige Aufgaben deutlich. Mitunter illustrieren Beiträge zu verwandten Themen implizit auch die unterschiedlichen Wissenschaftskulturen und -subkulturen in Deutschland und Rumänien. Im Interesse der Zusammenarbeit vieler Autoren/innen haben die Herausgeber/in – möglicherweise aus diplomatischen Gründen – auf Eingriffe und Nachfragen auch dort verzichtet, wo diese vielleicht angebracht gewesen wären.

Die einleitenden Ausführungen von Alexandru Zub liefern einen Überblick über die bisherige Aufarbeitung von Erinnerungsliteratur im weiteren Sinne. Er bezieht ältere Werke mit ein und setzt sich mit imagologischen Fragen zum Verhältnis von Deutschen und Rumänen auseinander (S. 15-32). Die Beiträge der Herausgeber/in sowie auch weitere kurze Aufsätze machen auf je unterschiedliche Weise die bestehenden Quellenlücken bzw. die Notwendigkeit der Suche nach weiterem Material kenntlich. Krista Zach beleuchtet Ansätze zu interkonfessionellem Dialog insbesondere in der Zwischenkriegszeit – eine Frage, die in einem Land hochaktuell ist, dessen Kirchenpolitik wohl mit der Formel von einer „dominierenden Ostkirche“ eher freundlich beschrieben ist. Ansätze zum ökumenischen Gespräch sind freilich eher in den Schriften von Vertretern/innen der Minderheitskirchen zu finden – Material aus der Ostkirche bleibt weitgehend eine Fehlstelle (S. 161-172). Cornelius R. Zach zeichnet aus einer Vielzahl von Erinnerungen ein untersetztes Bild der das gesellschaftliche Leben Rumäniens im 19. und 20. Jahrhunderts bestimmenden Korruption – die soziologische Bearbeitung dieses offenkundig ubiquitären Phänomens ist allerdings erst noch zu leisten (S. 105-120). Hildrun Glass geht dem Leben und Denken zweier interessanter Gestalten aus der zionistischen Politik in der Bukowina nach, die freilich keine bzw. nur unergiebige Erinnerungen hinterlassen haben. Diese sind „enttäuschend und summarisch, in Einzelheiten häufig ungenau und rein dem Anekdotischen verhaftet“, was die Verfasserin selbst anmerkt (S. 197-294, 202). So wäre zu fragen, ob es aus Gründen der Gruppenkultur – wie dies z.B. Harald Roth für bestimmte Phasen in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen konstatiert (S. 175-184) – Quellen mit ergiebigem Inhalt gar nicht gibt, oder ob sie erst noch zu suchen und zu erschließen sind. Catalin Turliuc rekonstruiert aus Materialien in den Open Society Archives in Budapest ein Bild vom Leben der Deutschen im sozialistischen Rumänien seit der frühen Nachkriegszeit. (Leider verschmelzen die Stimmen der vielen, die dort zu Wort kommen, von Betroffenen und Regierenden, Bespitzelten und Beobachtern/innen, in einem allgemeinen Bestand von „Archivquellen“, sofern sie nicht im Falle bereits gedruckter Quellen in den Fußnoten anhand bibliographischer Angaben erschließbar sind. Zuzustimmen ist der Feststellung, dass es ergänzend nun gälte, auch die Lage und Weltsicht anderer Minderheiten aus derartigen Quellen zu erkunden (S. 229-242).

Daneben sind im Band auch die Ergebnisse der Erschließung früher Quellen zu rumänisch-deutschen Begegnungen zu finden. So in der Auswertung einiger Briefe eines Moldauers über die 1848er Revolution durch Dumitru Ivanescu (S. 33-49), aber auch die Neulesung bekannten bzw. weitgehend schon gedruckten Materials, wie sie Lothar Maier in seinem Aufsatz zur literarischen Gesellschaft Junimea und zur politischen Kultur in Iasi in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (S. 49-60) bzw. Lucian Nastaa in seinen Überlegungen zur Erinnerungsliteratur mit Blick auf die Prägung der rumänischen Intellektuellen durch ihre Auslandsstudien vorlegen (S. 61-78). Maier führt vor, wie sich liberales Gedankengut und Judenfeindlichkeit in dem spezifischen politischen Milieu der Kulturhauptstadt der Moldau problemlos amalgamieren konnten und wie diese spezifische Kultur des Politisierens funktionierte, die auf der Einbeziehung einer sehr breiten, aber auch in eigenem Stil anzusprechenden Öffentlichkeit basierte. In den Erinnerungen wichtiger, in der Folgezeit jedoch getrennte Wege gehender Akteure, erhielt diese Welt später eine deutlich unterschiedliche Färbung. Nastasa rekonstruiert universitäre Bildungswege der Elite im Ausland und zeigt nebenher den Umfang des Besuchs deutscher Universitäten in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg auf, demgegenüber später vielfach die französische Bildung hervorgehoben wurde. Interessant ist auch, wer woher was mitnahm oder mitgenommen zu haben meinte, wozu die Fußnoten eine kleine Bibliografie liefern. Mit den Aufsätzen von Edda Binder-Iijima und Vasile Docea liegen zwei einander ergänzende Beiträge zur memorativ präsentierten Selbstdarstellung (S. 79-96) bzw. zu den Tagebüchern des rumänischen Fürsten und Königs Karls I. vor (S. 97-104). Besonders die lange nicht zugänglichen und vorerst nicht veröffentlichten Tagebücher Karls dürften für weitere Forschungen von Interesse sein.

In einem knappen aber dichten Beitrag zeigt Günter Klein anhand von deutscher Weltkriegsmemorialistik, wie die deutsche Besatzung in Rumänien 1916-1918 verlief. Klein nutzt Quellen aus allen Armeerängen, die er kenntnisreich in ein militär- und sozialgeschichtlich fundiertes Gesamtbild einordnet. Nach dem schnellen und erfolgreichen Rumänienfeldzug von 1916/17 erlebte die deutsche Armee einerseits ein in ihrer Sicht rückständiges und verwahrlostes Land, andererseits aber, nach den Erfahrungen des vorigen Kriegswinters, ein Schlaraffenland. Wie die Politik von Regierung und Armeeführung Rumänien dann für die eigene Kriegsführung zu nutzen suchte, wie dies das Verhältnis zu den Einheimischen bzw. deren Reaktionen und Erleben allmählich veränderten, wird von Klein eindrücklich beschrieben (S. 145-160). Ein problematisches Gegenstück zu diesem Aufsatz ist der Text von Gheorge I. Florescu, in dem das Bild von den Deutschen in den – auf Informationen aus zweiter und dritter Hand beruhenden – „Tagebüchern“ Nicolae Iorgas von 1917/18 rekonstruiert wird. Ohne auf diesen Umstand hinzuweisen und ohne Abstand zur Quelle wird hier nacherzählt und als Beobachtung präsentiert, was Iorga niedergeschrieben hatte (S. 121-144). Instruktiv und ein kleines Lehrstück zum Funktionieren politischer Konstruktionen ist der Beitrag von Mihai-Stefan Ceausu, der die Konstruktion neuer Gruppeninteressen in der Bukowina nach 1900 durch einen vom Luegerschen Christsozialismus inspirierten Politiker analysiert. Die Quellenbasis bildet freilich die zeitgenössische Presse – in der fleißig konstruiert, aber gerade nicht erinnert wird.

Gleichsam die Nachwirkung dessen, was insbesondere Ceausu und Florescu thematisieren, untersuchen die Beiträge von Flavius Solomon und Georghe Onisoru, die Quellen zu den Jahren des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit auswerten. Solomon untersucht Berichte von Deutschen aus der Bukowina, die „Heim ins Reich“ umgesiedelt wurden. Er geht besonders auf das darin gezeichnete Bild der Kriegsereignisse und der Situation unmittelbar vor Beginn der Aktion ein. Lehrreich sind neben den alltagsgeschichtlichen Details insbesondere Beobachtungen des Einmarschs der sowjetischen Armee sowie Reflexionen von Betroffenen über die eigene Kultur bzw. Vertreter anderer Kulturen. Gestützt auf lokales Pressematerial spricht Solomon zeitgenössischen Berichten über Deutschland einen sehr hohen Einfluss auf die Formung dieses Selbst- und Fremdbildes zu (S. 205-216). Onisoru befasst sich mit der Deportation von Deutschen aus Rumänien ab 1944. Er wertet keineswegs nur, wie im Titel angekündigt, Berichte der Erinnerungsliteratur aus, die eigenartigerweise als „mündliche Zeugnisse“ eingeordnet werden (S. 219). So skizziert er zudem die Entwicklung der Zeitläufe im Kontext einer politischen Willensbildung, die nicht nur auf Unterstützung des sowjetischen Wiederaufbaus, sondern auch auf die Internierung und Isolierung der deutschen wie der ungarischen Einwohner abzielte (S. 219-228).

Die Ergebnisse der Studien werden den Leser/innen auch in ein- bis zweiseitigen Resümees in rumänischer Sprache präsentiert. Der Band enthält zudem ein ausführliches Personenregister, in dem zur Freude all derer, die den hier formulierten Fragen und Denkansätzen nachgehen wollen, auch Nennungen in den Fußnoten sorgfältig berücksichtigt wurden.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.07.2006
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