B. Mihok (Hrsg.): Ungarn und der Holocaust

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Titel
Ungarn und der Holocaust. Kollaboration, Rettung und Trauma


Herausgeber
Mihok, Brigitte
Erschienen
Berlin 2005: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
176 S.
Preis
€ 18,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franz Horváth, University of Southampton

Der Holocaust in Ungarn wirft in der Forschung auch sechzig Jahre später eine Reihe von Fragen auf. Schließlich gelang es im Sommer 1944 der ungarischen Gendarmerie, den Großteil der jüdischen Bevölkerung (rund 437.000 Personen) binnen weniger Wochen ohne nennenswerten Widerstand seitens der christlichen Bevölkerung zu gettoisieren und zu deportieren. Die reibungslose Zusammenarbeit der ungarischen wirtschaftlichen, politischen und administrativen Führung mit den wenigen deutschen Spezialisten nach der Besetzung des Landes (März 1944) kurz vor dem absehbaren Kriegsende und das von den Ungarn vorgegebene Arbeitstempo gelten als die Besonderheit des Holocaust in Ungarn.

Der nun vorliegende Sammelband vereint die Beiträge einer Konferenz, die im Oktober 2003 in Berlin vom Zentrum für Antisemitismusforschung veranstaltet wurde. Die elf Aufsätze widmen sich unterschiedlichen Aspekten der Ereignisse von 1944. Im ersten Beitrag unternimmt Wolfgang Benz den Versuch, sich auf dem Wege von drei biografischen Erinnerungen der persönlichen Dimension des Holocausts anzunähern. Randolph L. Braham, der Doyen der Erforschung des ungarischen Holocaust, dekonstruiert in seinem Aufsatz „Rettungsaktionen: Mythos und Realität“ eine Reihe von Nachkriegserzählungen, in welchen viele Personen sich selbst (Raul Sorban, Moses Carmilly-Weinberger usw.) oder andere (etwa den Reichsverweser Miklós Horthy) zu Judenrettern stilisierten. Doch Braham geht auch auf tatsächliche Rettungsaktionen ein (Kasztner, Wallenberg und so weiter), wobei er manche Zahl als Übertreibung entlarvt.

Gleich mehrere Aufsätze beleuchten unterschiedliche Aspekte der offiziellen antijüdischen Politik Ungarns. Die antisemitischen Traditionen des Landes kommen dabei ebenso wenig zu kurz wie die aktive Mitwirkung etwa der ungarischen Gendarmerie. Krisztián Ungváry zeichnet die Vorgeschichte des Genozids nach, indem er die seit 1920 existierende antisemitische Gesetzgebung vorstellt und auf ungarische Pläne zur Lösung der angeblichen „Judenfrage“ eingeht. Dabei stellt er die Verwicklung hochrangiger ungarischer Politiker heraus, die er (nach Meinung des Rezensenten völlig zu Recht) eher als eigenständige „Treiber“ der antijüdischen Politik, denn als von Deutschen „Getriebene“ sieht. In einem gemeinsamen Beitrag skizzieren Gábor Kádár und Zoltán Vági ihre (andernorts in einem ganzen Band ausgeführten)[1] Forschungsergebnisse die ökonomische Vernichtung der ungarischen Juden. Sie erblicken darin ein für das Verständnis des ungarischen Holocausts wesentliches Motiv, denn durch die Enteignung, die Plünderung und die bezweckte (aber wegen des Kriegsverlaufs nicht mehr vollzogene) Übergabe des jüdischen Besitzes an die Ungarn sollte die christlich-ungarische Mittelschicht des Landes gemäß dem Willen der ungarischen Rechte gestärkt werden. Diesem Ziel diente unbeabsichtigt auch die Landreform von 1942, die László Csösz darstellt und in die ungarische Agrargesetzgebung einbettet. Danach war allen Juden (wer als Jude galt, bestimmte das dritte sogenannte Judengesetz von 1941) der Erwerb land- oder fortwirtschaftlichen Grundbesitzes oder Gemeindebesitzes verboten. Der enteignete Boden (über 600 000 Katastraljoch) kam jedoch nur teilweise armen Bauern zugute, eines sicher nicht unerheblichen Teils bemächtigte sich die Mittel- und sogar die Oberschicht (Beamte, Militär- und Gendarmerieoffiziere, Staatsangestellte, hochrangige Politiker und so weiter).

Galten die Aufsätze von Ungváry, Kádár/Vági und Csösz vor allem politischen Plänen, Maßnahmen und Gesetzen, so lenkt Judit Molnár die Aufmerksamkeit auf eine eminent wichtige Tätergruppe, die „Königlich Ungarische Gendarmerie“. Ihr Beitrag gibt nicht nur einen Überblick über den Aufbau und die Funktionen dieser Organisation, deren Aufgabenbereiche sie „im Gesetzesvollzug in den ländlichen Gebieten, in der Eindämmung der Unzufriedenheit der Landbevölkerung und der Überwachung der linken und rechtsextremen politischen Agitation“ (S. 89) erblickt. Molnár untersucht vielmehr die Verwicklung der Organisation in die Gettoisierung und die Deportation der ungarischen Juden, die ohne die wichtige Rolle der ca. 20.000 darin verstrickten Gendarmen kaum so schnell hätte ablaufen können. Sie verschweigt dabei auch deren brutales Vorgehen nicht, denn viele Gendarmen folterten die eingesperrten Juden auf der Suche nach ihrem vermeintlich versteckten Besitz.

László Karsais Beitrag ragt aus den hier vorgestellten Aufsätzen insoweit hervor, als er in einigen Grundzügen den Völkermord an den ungarischen Roma darstellt. Karsai betont, dass die deutschen Besatzer an diesem Themenkomplex nicht interessiert waren: die Initiative wie auch die Durchführung der gegen die Roma gerichteten Maßnahmen ging von den Ungarn aus. Die Roma vor allem Westungarns wurden im Herbst 1944 zunächst in „Arbeitskompanien“ eingewiesen, schließlich in Ghettos und Internierungslager gesteckt und von dort in nationalsozialistische KZs deportiert. Über 10.000 Roma kamen so ums Leben. Szabolcs Szita geht schließlich in seinem Aufsatz auf die ebenfalls im Spätherbst 1944 stattgefundenen Todesmärsche ungarischer Juden ein, die von der SS zwecks Arbeitseinsatz nach Westen getrieben wurden.

In einem letzten Block befassen sich drei Autoren/in mit aktuellen Bezügen des Holocaust in Ungarn. Ferenc Erös verweist unter Heranziehung des aktuellen Forschungsstandes in der Psychologie, der Psychopathologie und der Psychoanalyse auf psychische Spätfolgen des Holocaust in der zweiten und dritten Nachfolgegeneration. András Kovács behandelt jüdische Gruppen und ihre Identitätsstrategien im post-kommunistischen Ungarn, während die Herausgeberin des Bandes, Brigitte Mihok, die ungarischen geschichtspolitischen Debatten der letzten Jahre darstellt. Sie mündeten in der Gründung mehrerer Gedenkstätten („Haus des Terrors“ 2002, „Holocaust Gedenkzentrum“ 2004 und so weiter). Kritisch setzt sich Mihok dabei mit der Ausgestaltung und Symbolik des „Haus des Terrors“ auseinander, in dem „an die Opfer des Faschismus nur unzureichend erinnert wird“ und das „die Botschaft vermittelt, dass die Gefahren und Terrorregime stets von außen kamen und die Bevölkerung immer Opfer war“ (S. 167).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Aufsätze des Bandes dem Untertitel „Kollaboration, Rettung und Trauma“ gerecht werden. Die von ausgewiesenen Fachleuten verfassten Beiträge ergänzen und reflektieren den aktuellen Stand der Holocaustforschung [2] und der Band ist daher, auch wenn er kein Gesamtbild des Holocaust bietet, jedem am Thema Interessierten zu empfehlen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Kádár, Gábor; Vági, Zoltán, Self-financing Genocide. The Gold Train, the Becher Case and the Wealth of the Hungarian Jews, Budapest 2004.
[2] Bedauerlich ist nur, dass weder Götz Aly, noch Christian Gerlach um einen Beitrag gebeten wurden, verfassten diese beiden doch zusammen den Band „Das letzte Kapitel. Realpolitik, Ideologie und der Mord an den ungarischen Juden 1944-1945, Stuttgart 2002.

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Veröffentlicht am
15.09.2006
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