Cover
Titel
Das Indernet. Eine rassismuskritische Internet-Ethnografie


Autor(en)
Goel, Urmila
Anzahl Seiten
448 S.
Preis
€ 34,99
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Libuše Hannah Vepřek, Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie, Ludwig-Maximilians-Universität München

Mit der vorliegenden Studie[1] präsentiert Urmila Goel das Ergebnis ihrer 17-jährigen empirischen Forschung über das „Indernet“. Die Ethnografie, mit der die Kulturanthropologin an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) habilitierte, untersucht die Entwicklung des Internetportals, das im Jahr 2000 von jungen Männern, deren Eltern aus Indien nach Deutschland migriert waren, für „Inder/innen der zweiten Generation“ in Deutschland eingerichtet wurde. Das Ziel war es, das Bild eines modernen Indiens zu zeichnen. Daher griff das Indernet positiv auf das Bild von „Computer-Inder/innen“ zurück; zugleich bildeten Rassismus- und Ausgrenzungserfahrungen den Hintergrund für die Gründung. Der Name Indernet nimmt Bezug auf die damalige diskriminierende politische Kampagne „Kinder statt Inder“ (S. 323).

Die Autorin nähert sich ihrem Forschungsfeld aus einer rassismustheoretischen Perspektive. Hierbei stützt sie sich besonders auf die Arbeiten des Erziehungswissenschaftlers Paul Mecheril zu natio-ethno-kultureller (Mehrfach-)Zugehörigkeit. Im Zentrum der Studie steht die Frage, wie Zugehörigkeit im Indernet verhandelt wird – denn die Redaktionsmitglieder wie auch die meisten Nutzenden beziehen sich auf unterschiedliche Zusammenhänge, allen voran Deutschland und Indien. Der inhaltliche Fokus liegt somit auf natio-ethno-kulturellen Selbst- wie Fremdetikettierungen. Zugleich betrachtet Goel das Indernet als soziales Netzwerk. Als eine „Ethnografie im, zum und durch das Internet“ (S. 45) stellt Goel das Indernet als virtuellen Raum methodisch ins Zentrum, von dem aus sie verschiedenen Narrativen, Netzwerken und Praxen folgt. Durch ihre Nähe zu indischen Netzwerken in Deutschland und ihre Tätigkeit im Rahmen der Deutsch-Indischen Gesellschaft e.V. konnte Goel nicht nur in Interviews auf Erfahrungen und Themen zurückgreifen (vgl. S. 65f.), sondern hatte auch Zugang zu Personen, die das Portal nicht nutzten.

Im Hauptteil des Buches analysiert Goel das Indernet aus drei Perspektiven, die sie als Mosaiksteine versteht. Während sich die ersten zwei Teile auf das Indernet in den Jahren von seiner Gründung bis 2006 und damit auf die Phase seiner größten Popularität konzentrieren, steht im dritten Mosaik die zeitliche Entwicklung bis zur Fertigstellung von Goels Buch im Zentrum.

Im ersten Mosaik beschreibt Goel das Indernet als einen Raum der Zugehörigkeit und der „imaginierten natio-ethno-kulturellen Gleichheit“ (S. 181). Mit dem Portal schafften sich natio-ethno-kulturell (Mehrfach-)Zugehörige einen Raum, der das Interesse nach Kommunikation unter „Gleichen“ bediente und Informationen über Indien sowie über Indisches in Deutschland bot. Wichtig war dabei der gemeinsame deutschsprachige Bezugsrahmen. Durch das Indernet wurde die natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit fortwährend konstruiert und ausgehandelt, sodass eine empfundene Community entstand. Die Autorin untersucht, welche Form der Gleichheit imaginiert, genormt und in den Vordergrund gerückt wurde und wie dies mit (un-)bewussten Aus- und Abgrenzungen auf natio-ethno-kultureller Ebene, aber auch in Form von Klassismus, Geschlecht und Sexualität einherging. Erfolgreich konnte die Gleichheit auch aufgrund der textbasierten Kommunikation und „Kanalreduktion“ im Internet Anfang der 2000er-Jahre imaginiert werden, indem das Medium den Ausschluss differenter Perspektiven und das Überkommen von Unterschieden erleichterte. Goel ist bewusst, dass die analytische Engführung im ersten Mosaik zum Teil die Vorstellung von Gleichheit reproduziert und zur Auslassung der Vielfalt des Indernets führt, das auch durch Indieninteressierte mit heterogenen Hintergründen gebildet wurde.

Goel setzt daher die Vielfältigkeit des Indernets im zweiten Mosaik zentral und verwendet hierfür die Metapher eines Gemeinschaftszentrums. Nun stehen das Indernet als Medium und seine unterschiedlichen Nutzungs- und Aneignungsweisen im Vordergrund. Zunächst führt Goel durch die Räume und Interaktionsangebote des Indernets Ende 2000 und deren Nutzung. Anschließend zeigt sie mithilfe einer Kategorisierung der Nutzer/innen nach deren Praxen, wie die Struktur des Indernets Parallelnutzungen erlaubte und verschiedene Bedürfnisse bediente. Zudem analysiert Goel das Portal unter den Aspekten Kommunikation und Information, denn das Indernet wollte neben Austausch und Information eine andere Repräsentation Indiens als die in der deutschen Öffentlichkeit vorherrschenden Darstellungen herstellen. Es formte eine Gegenöffentlichkeit und war gleichzeitig Orientierungspunkt für natio-ethno-kulturell (Mehrfach-)Zugehörige. Diese beiden Funktionen des Indernets führten zu dessen Neuausrichtung im Jahr 2006, die sich an eine breitere Öffentlichkeit richtete, damit aber auch weniger ein Raum für natio-ethno-kulturell Gleiche war. Schließlich beschreibt Goel die Medienrezeption des Indernets und zeigt, wie es als eine legitime Stimme der Repräsentation für Indien und Indisches in Deutschland angesehen wurde.

Im dritten Mosaik steht die zeitliche Dimension im Vordergrund. Goel analysiert die spezifischen Dynamiken und Kontexte, die das Indernet in seinen Entwicklungen prägten. Dabei beschreibt die Autorin die Redaktion mit Rogers Brubaker als „ethnopolitische Unternehmer/innen“[2], die das Indernet unter anderem durch ihre aktive Netzwerkarbeit zum Erfolg bewegten und so die ethnisch definierte Gemeinschaft produzierte (vgl. S. 335). Die zunehmende Anzahl an Nutzer/innen und die fortschreitenden Entwicklungen neuer Internetstandards brachten das Indernet jedoch an seine Grenzen. Trotz Bemühen der Redaktion verlor das Indernet neben seiner technischen Funktionalität zunehmend an Attraktivität bis zur finalen Schließung. Die Neueröffnung in Form eines Blogs sowie einer Facebook-Seite und -Gruppe im Jahr 2011 bilanziert Goel nur als bedingt erfolgreich: Das veränderte Internetumfeld sowie ungenügende Ressourcen verhinderten vermutlich, dass die Möglichkeiten der sozialen Medien ausgenutzt und die alte Bedeutung des Indernets zurückgewonnen werden konnten (vgl. S. 408).

Gemeinsam geben die Mosaike einen tiefen Einblick in das Indernet und seine Vielfalt, doch Goel betont, dass zahlreiche weitere Mosaike hätten gelegt werden können. Besonders die von Goel vorgeschlagene Technikperspektive könnte eine gewinnbringende Ergänzung zur Analyse der Verflechtung des Indernets in soziomaterielle Netzwerke bringen.

Zum Schluss öffnet Goel den Blick über das Indernet hinaus. Basierend auf ihrer Forschungserfahrung gibt sie Hinweise zur ethnografischen Internetforschung, bevor sie abschließend die Akteur/innen selbst sprechen lässt: Auszüge aus deren Reaktionen auf ihr Manuskript lässt sie als Kritik für sich stehen. Es ist positiv hervorzuheben, dass auch bereits im dritten Prolog ein Gespräch mit der Redaktion über das Forschungsprojekt zu finden ist. Damit lässt die Autorin das Feld selbst Stellung beziehen, noch bevor die Forschung präsentiert wird. Dies ist nur ein Beispiel, wie Goel Gegenstimmen einbezieht. Beeindruckend ist zudem der Zeitraum, über den das Material ethnografisch erhoben wurde. So zeigt die Autorin in ihrer kritischen und reflektierten Studie empirisch fundiert, wie das Indernet gerade aufgrund seiner Verwurzelung in Deutschland, der geringen Differenzierung des Referenzrahmens Indiens und durch die natio-ethno-kulturelle Uneindeutigkeit, die die Nutzenden teilten, zu einem Raum der Zugehörigkeit werden, aber nicht bleiben konnte. Um die gesellschaftlichen Zusammenhänge besser nachvollziehen zu können, wäre es hilfreich gewesen, bereits früher etwas über die politischen Hintergründe der Indernetgründung zu erfahren. So wird erst im letzten Viertel des Buches genauer erklärt, wie der Name des Indernets gewählt wurde.

Insgesamt leistet Goel mit ihrer Ethnografie einen wichtigen Beitrag zur Methodologie und Forschungsethik für ethnografisches Arbeiten im Internet, indem sie die Entstehung und ihre Abwägungen für ihre Studie offenlegt. Genauso gewinnbringend ist das Buch in Hinblick auf die Diskussion der Positionierung im Feld. Goel legt nicht nur die eigene Verletzlichkeit offen, sondern reflektiert differenziert den Forschungsprozess und ihre persönlichen Hintergründe und Interessen, die zur Fokussierung auf bestimmte Themen führten, etwa auf die Untersuchung des Indernets als hindunationalistischer Raum (vgl. S. 34).

Das Indernet, so stellt Goel fest, war Vieles (vgl. S. 304). Genauso ist auch Goels Monografie Vieles. Mit dem vorliegenden Titel liegt eine umfangreiche Studie des Internetportals Indernet vor, die sowohl für ein Publikum mit Interesse an der Verhandlung natio-ethno-kultureller Zugehörigkeiten und rassismustheoretischer Perspektiven erkenntnisreich ist als auch als historische Studie zu Internetportalen und -praktiken Anfang der 2000er-Jahre sowie deren Veränderungen ein Publikum begeistern kann, das an sozialen Internetmedien und deren rasanten Veränderungen interessiert ist.

Anmerkungen:
[1] Die Studie ist frei zugänglich unter: https://doi.org/10.14361/9783839450093 (03.03.2021).
[2] Rogers Brubaker, Ethnicity without groups, Cambridge, Mass. 2004.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.03.2021
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/