Cover
Titel
Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR


Autor(en)
Decker, Gunnar
Erschienen
Berlin 2020: Aufbau Verlag
Anzahl Seiten
432 S.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Faulenbach, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

Das Buch erzählt aus einer recht subjektiven Perspektive, in die persönliche Erinnerungen des damals an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin Philosophie studierenden Verfassers eingehen, die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) von der Biermann-Ausbürgerung 1976 bis in den Herbst 1989. Einige Aktualität hat das lebendig geschriebene Buch im Kontext der Diskussion über die Ursachen für den Untergang der DDR und die Transformation ihrer Gesellschaft im vereinigten Deutschland. Im Grunde liefert Decker eine Kulturgeschichte der späten DDR, in der die Literatur bedeutender Autoren und die Arbeit einiger Künstler, Theater- und Filmleute mit der politischen Geschichte verwoben wird und in besonderer Weise durch den Dialog mit sowjetischen Autoren beeinflusst erscheint, die eine wichtige Rolle in der intellektuellen Begründung der Gorbatschow‘schen Reformpolitik spielten. Behandelt wird deren Schaffen, Denken und Tun an Hand von Werken, die teilweise aufeinander bezogen oder doch durch das gleiche Zeitklima beeinflusst sind, welche in einer assoziativen Weise, wie in einer Collage, zu Bildern zusammengefügt werden.

Dem Verfasser kommt es darauf an, einen Emanzipationsprozess in Ostdeutschland darzustellen, der lange vor 1989 eingesetzt habe. Dabei meint er nicht die Oppositionsbewegung, die sich in diesem Jahrzehnt gegen das System, abgestützt durch Teile der Evangelischen Kirche, herausgebildet hat; die Friedens- und Bürgerrechtsbewegung kommt nur am Rande vor. Im Zentrum stehen vielmehr Autoren und Künstler, die meist in enger Beziehung zur sozialistischen Ordnung standen und auf diese bezogen waren, sich jedoch seit den ausgehenden 1970er-Jahren von ihrer konkreten Realität entfremdeten. Durch die sowjetische Reformpolitik in den 1980er-Jahren erhielt diese Gruppe zunächst einigen Auftrieb, doch letztlich scheiterten sie auch mit dieser. Teilweise in Distanz zur Friedlichen Revolution stehend, konnten sie sich nicht zu einer Bejahung des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik durchringen und wurden in der Folge teilweise sprachlos. Dies erscheint Decker letztlich bedeutsamer als der vermeintliche "Siegerblick", der die Kulturschaffenden abgewertet habe – die Unterschiedlichkeit westlicher Urteile wird dabei im Hinblick auf 1989/90 ebenso unterschätzt wie die Einheitlichkeit der DDR überschätzt, sieht man davon ab, dass das Bild des SED-Staates in dieser Phase unter dem Eindruck der Revolution und der Offenlegung der Realitäten der DDR sich in West und Ost gleichermaßen verdüsterte.

Hauptanliegen dieser gut lesbaren, teilweise elegant formulierten Kulturgeschichte der letzten Jahre der DDR ist also die Darstellung eines widersprüchlichen Entwicklungsprozesses wichtiger Repräsentanten der Kultur in der DDR – von Schriftstellern, Filmemachern, Theaterregisseuren und bildenden Künstlern, zum Teil unter dem Einfluss der sowjetischen Reformpolitik Gorbatschows und diese unterstützender sowjetischer Kulturschaffenden, doch auch geprägt durch die Ausbürgerung Biermanns, durch Ausschlüsse aus dem Schriftstellerverband, die Zensurpraxis und Proteste. Genauer verfolgt das Buch den Weg und das publizistische Schaffen von Stephan Hermlin, Stefan Heym, Franz Fühmann, Christa Wolf, Christoph Hein, auch von Heiner Müller sowie Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, doch werden auch einige russische Autoren behandelt, wie Michail Bulgakow, Tschingis Aitmatow oder auch Regisseure wie Andrej Tarkowski und Tengis Abubadse und nicht zuletzt Michail Gorbatschow selbst, der damit eng an die Intelligenz herangerückt wird. Viele andere tauchen mehr am Rande auf, wobei erkennbar ist, dass der Autor durchaus Sinn für individuelle Suchbewegungen und ambivalente Haltungen hat.

Im Wesentlichen geht Decker chronologisch vor. Vorangestellt ist ein Kapitel, das die Zeit der "großen Beerdigungen" in der Sowjetunion von Breschnew bis zum Amtsantritt von Gorbatschow sowie die ökonomische Entwicklung als Rahmenbedingung darstellt. Dann folgen fünf Themenkomplexe, die grob Zeitphasen zugeordnet werden: Das erste Hauptkapitel, in dem es um kritische Ortsbestimmungen geht, beginnt mit der Biermann-Ausbürgerung im November 1976, handelt über Monika Marons Roman "Flugasche", der das Problem Umweltverschmutzung in Bitterfeld aufgriff und nur im Westen erscheinen konnte. Der Abschnitt thematisiert die Suche nach der sozialistischen Nation in Geschichtswissenschaft, Kunst und Literatur und das Interesse an Luther, Friedrich II. und Bismarck, die mit den Enttäuschungen in der DDR erklärt werden. Ferner wird zeitgenössische Literatur vorgestellt, wie Günter de Bruyns "Märkische Forschungen" und Christine Wolters "Alleinseglerin", die als Ausdruck individueller Bewältigungsversuche der politisch-gesellschaftlichen Situationen gedeutet werden. Derlei literarische Texte werden als Dokumente einer beginnenden Krise interpretiert.

Den zweiten Hauptteil beginnt Decker mit den Ausschlüssen des Schriftstellerverbandes, widmet sich dann Christa Wolfs "Kassandra", die den antiken Mythos im Hinblick auf die damalige Zeit deutet, widmet sich russischer Literatur, die die Breschnew-Ära kritisch spiegelte, um dann die Hinwendung zur Romantik als subjektiven Fluchtweg in die Welt des Traums bei Wolf oder Franz Fühmann zu entdecken. Literarisches Schreiben wird – so wie die Bücher von Jurek Becker – als Suche "nach Lebensalternativen in der DDR" (S. 150) oder Christoph Heins "Der fremde Freund" und "Horns Ende“ als existentielle "Selbstvergewisserung" interpretiert: "Wir wollten endlich wissen, wie es wirklich um uns stand." (S. 152) Christa Wolfs "Was bleibt" bezeichnet der Autor als Resümee angesichts der Schwierigkeiten der Autorin mit der sozialistischen Realität der DDR und der daraus resultierenden Melancholie.

Der dritte Komplex beginnt ebenso mit einem unmittelbar politischen Geschehen, hier das Umschmieden „Von Schwertern zu Pflugscharen“, also mit der Friedensbewegung, eine der wenigen Passagen, in denen die Oppositionsbewegung bei Decker auftaucht – ein Hinweis auf die relative Distanz der "Kulturschaffenden" in der DDR zu den neuen gesellschaftlichen Bewegungskräften, auch zur Friedensbewegung, die in den 1980er-Jahren eine beachtliche Sprengkraft entfaltete. Im Zentrum dieses dritten Teils stehen freilich Gorbatschow und seine Reformpolitik. Eingehend wird auch die Biographie des neuen Generalsekretärs dargestellt und nach den spezifischen Wurzeln seiner Politik in der Kaukasusrepublik gefragt. Der Autor verschweigt nicht die Fehler, Schattenseiten und Misserfolge der Reformpolitik – die Prohibition, die Reaktion auf Tschernobyl. Und doch ist Gorbatschow für ihn Realist und Utopist zugleich, der in besonderer Weise in der Kultur Resonanz und Unterstützung mobilisieren konnte, wie an einigen Beispielen gezeigt wird. Die „Intelligenz“ habe er, so pointiert Decker, als Subjekt der neuen Politik betrachtet.

Im vierten Erzählkomplex, der mit „Prometheus verlässt den Raum“ überschrieben ist, werden die Perestroika-Folgen für die späte DDR am Beispiel von Ereignissen, Publikationen und Auseinandersetzungen in "Einzelgeschichten" dargestellt: Es beginnt mit Christoph Heins Rede gegen die Zensur auf dem X. Schriftstellerkongress 1987, umfasst Christa Wolfs "Störfall", russische Publikationen und ihre politisch umstrittene Rezeption in der DDR und endet mit dem Streit um Ernst Bloch und Friedrich Nietzsche in "Sinn und Form". Aus der Sicht Deckers hat Gorbatschow bei Kulturschaffenden der DDR, die im Gegensatz zur Politik der SED-Führung standen, das utopische Denken noch einmal angeregt, das jedoch – ebenso wie die Perestroika-Politik – letztlich doch an der Wirklichkeit scheiterte.

Der fünfte Komplex nähert sich Phänomenen der DDR in der Schlussphase an. Rudolf Bahros Buch "Die Alternative", das ein radikales Reformprogramm postulierte, sowie das auf eine Erneuerung des Sozialismus zielende Projekt an der Humboldt-Universität um die Brüder Brie, Rainer Land und Dieter Segert werden angesprochen. Auch die "Umweltbibliotheken" lassen Bemühungen erkennen, die das System erneuern wollten. Als charakteristische Phänomene dieser Phase angeführt wird die zwiespältige Figur des Kulturfunktionärs Klaus Gysi, aber auch das Verhalten der Theaterregisseure Frank Castorf und Alexander Lang angesichts der realen Umwälzungen, die die überkommene Revolutionsrhetorik museal erscheinen ließen: "An radikale Umwälzungen wollte man nicht mehr glauben – blind für jene Revolution vom Herbst 1989, auf die der unerträgliche Stillstand, in dem man gefangen war, hintaumelte" (S. 320). Von den lesenswerten Geschichten, die dieses über das Ende der DDR hinausgreifende Themenfeld umfassen, zählen die im Streit über das DDR-Erbe zerbrechende Freundschaft zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf oder Walter Jankas Text "Schwierigkeiten mit der Wahrheit", der im Oktober 1989 eindrucksvoll auf den in der DDR keineswegs aufgearbeiteten Stalinismus hinwies.

Deckers Buch erzählt zwar fesselnd über die Kulturgeschichte der späten DDR, doch könnte man sich einen stärker analytischen Zugang zu dieser Geschichte vorstellen. Jedoch kann Decker überzeugend zeigen, dass wichtige Repräsentanten aus Literatur, Theater, Film und Kunst in der DDR – gerade weil sie vielfach eine besondere Beziehung zum Sozialismus hatten – zunehmend in erhebliche Schwierigkeiten mit dessen Realität gerieten, sich teilweise kritisch mit dieser auseinandersetzten, in melancholische Stimmungen gerieten, sich in Träume flüchteten, doch auch utopischen Gedanken nachhingen. Das Gesamtbild, das der Band zeichnet, bleibt freilich diffus; es entsteht beim Lesen der Eindruck weitgehenden Scheiterns an den spätsozialistischen Realitäten in der DDR, zu deren Rettung man keinen Beitrag mehr zu leisten vermochte. Die Kulturschaffenden sind überwiegend weit von einer konkreten Utopie oder einem Reformprogramm entfernt, dessen Realisierung durch das Wahlergebnis vom 18. März 1990 und den raschen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik verhindert worden wäre. Unübersehbar sind die Dilemmata, in die eine ganze Reihe von ihnen, deren kulturelles Schaffen durch die von der SED geprägte Ordnung nicht nur bedingt war, sondern auf diese irgendwie bezogen blieb, in den letzten Jahren der DDR, "zwischen den Zeiten", gerieten, als sich diese als nicht reformierbar erwies. So ist erklärbar, dass sie – soweit sie das noch erlebten – mit dem wiedervereinigten Deutschland fremdelten, zumal sie sowohl von Bürgerrechtlern als auch von Teilen der westlichen Öffentlichkeit kritisch als loyale Mitträger des SED-Systems betrachtet wurden. Das Buch kann zu einer differenzierten Sicht gegenüber allen Akteuren (zu denen allerdings auch die hier kaum thematisierten Oppositionellen aus der DDR und Beobachter aus dem Westen zählen) beitragen.

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20.04.2021
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