Cover
Titel
Monster. Zur Körperlichkeit und Medialität in modernen Horrorfilmen


Autor(en)
Meteling, Arno
Anzahl Seiten
400 S.
Preis
€ 31,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michaela Wünsch, Graduiertenkolleg Codierung von Gewalt im medialen Wandel, Humboldt-Universität zu Berlin

„Theorien sind Monster“ heißt es auf dem Klappentext eines im Merve-Verlag erschienenen Bandes von Jacques Derrida. In diesem Text bezeichnet Derrida die Angriffe auf poststrukturalistische Theorien als normale Monstrositäten [1], während sich die monströsen Monstrositäten niemals als solche zeigen. Arno Meteling untersucht dagegen in seiner Studie zum modernen Horrorfilm weniger die Monstrosität der Theorie, sondern vielmehr den theoretischen Gehalt des Monströsen. So fasst er in der Einleitung seine Dissertation wie folgt zusammen: „Verkürzt gesagt: Es geht um die Theorie und die Medien im Horrorfilm und um den Horrorfilm als theoretisches Medium“ (S. 12).

Genauer gesagt betrachtet Meteling die Psychoanalyse und die Medientheorie als analoge Projekte zum Horrorfilm, die nicht nur aus einem identischen Kanon schöpfen, „namentlich der Gothic Novel und der Literatur der deutschen Romantik“ (S. 12), sondern sich auch wechselseitig erhellen. Der Horror reflektiert seine Medialität in Figuren wie Untoten, Gespenstern und Wiedergängern und verweist auf die entfremdenden und unheimlichen Effekte von Medien wie Fernsehen, Internet und Telefon. Die Psychoanalyse wiederum hat ihre Theorie aus dem Fundus der romantischen Literatur und des Horrorfilms entwickelt, der selbst mittlerweile psychoanalytisch derartig geschult ist, dass „der Interpret sich bald nur noch an den Fäden entlang hangelt und in die Fallen hineintappt, die der Horrorfilm [...] der Theorie aufgestellt hat“ (S. 53).

Um dieser Falle zu entgehen und um eine seiner Ansicht nach simplifizierende Lesart von Horrorfilmen entlang psychoanalytischer Begriffe wie dem Abjekten, Ödipus oder dem Mütterlichen zu vermeiden, wird die Psychoanalyse im Verlauf des Buches zurückhaltend behandelt. Gothic und Romantik bilden dagegen in der Arbeit einen wichtigen Bezugspunkt. So werden fast alle Monster des Horrorfilms auf dieses literarische Genre zurückgeführt. Der Horrorfilm leiste dementsprechend eine Archivarbeit, die alte Monster in neuen Formationen und Erzählweisen auf den Markt wirft, aber auch Monster wie den Kannibalen und den Slasher als das „ ‚Neue’ im Archiv“ generiert (S. 322). Doch nicht nur motivisch zeichne sich der Horrorfilm durch Recycling und Neuordnung aus, sondern die Vermischung von Realität und Fantasie, Traum und Wirklichkeit, ästhetischem Realismus und Phantastik gehöre zu seinem Grundprogramm der Erzeugung von Unwohlsein. Film generell stelle bereits durch seine Kombination von Mise en Scène und Montage, Raum und Zeit einen Horror für die Gattungstheorie (S. 25) dar. Der Horrorfilm zeigt diese und andere Grenzüberschreitungen und Verschiebungen von Differenzen besonders deutlich, weshalb ihn das Monster als Mischwesen und Figur der Grenze und des Randgängigen (S. 325) paradigmatisch repräsentiert.

Die Einteilung der Kapitel des Buches orientiert sich zum Teil an den spezifischen Monstern des Horrorfilms, wie den Zombies, den Kannibalen und den Serial Killern, zum Teil an den Untergattungen des Horrors, wie dem Splatter- und dem Gespensterfilm. Obwohl die Studie damit quasi alle wichtigen Strömungen des Horrorfilms seit Beginn des Films abdeckt, ist sie nicht chronologisch aufgebaut, sondern greift immer wieder auf das 19. Jahrhundert und die Romantik zurück. Meteling zufolge liegt der gewichtige Beitrag der romantischen Literatur zum Horror in der Kontinuität grotesker Körperkonzepte, der Psychologisierung der Phantastik und der Selbstreferentialität.

Der Bezug auf die romantische Literatur ist aber sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass die Arbeit disziplinär in der Literaturwissenschaft angesiedelt ist. So versucht Meteling auch methodisch, die Literaturwissenschaft mit der Filmanalyse zu einer „medienphilologischen Filmanalyse“ oder medienorientierten „Filmphilologie“ zu verbinden. Er folgt Joachim Paech in der Annahme, dass sich die Erzählweisen des narrativen Kinos nicht nur am Theater, sondern vor allem auch an der Literatur des 19. Jahrhunderts orientieren. [2] Dies gilt nicht nur für die Motive und den Plot, sondern auch für rhetorische Figuren, die auf den Horrorfilm übertragen werden. Dabei überzeugt die These, dass der Film die Funktion der Literatur übernommen hat, die Körper zu imaginieren. Während der Körper in der romantischen Literatur noch umso bildhafter beschrieben wurde, weil er nur noch ein Buchstabe auf dem Papier war (S. 45), unterscheidet sich die Phantastik des Körpers im Film dadurch, dass der Film den individuellen Körper nur mehr als in den Konzepten und Programmen des Films, seiner Ästhetik und Medialiät aufgehend beschreibt (S. 53). Die Verbindung von Körperlichkeit und Medialität zeigt sich im Horrorfilm als „body genre“ besonders deutlich in der taktilen Überwältigung des menschlichen Körpers in der Angst-Lust einerseits und auf der anderen Seite als buchstäbliche Zerstückelung und Wiederauferstehung des Körpers durch die Medientechnik in Figuren wie dem Zombie oder anderen untoten Gespenstern.

Die mediale Codierung wird als Zurichtung und Trainierung des menschlichen Körpers begriffen. Was Walter Benjamin bereits als Test der Schauspieler vor der Apparatur beschrieben hat [3], führt der Horrorfilm als technische Zurichtung des menschlichen Körpers durch die Medien vor. Im Slasher- oder Serienkillerfilm spitzt sich diese mediale Programmierung derart zu, dass sie zu einer völligen Entleerung der ausführenden Figur führt, die „mit jeder Bedeutung aufgeladen werden kann“ (S. 97). Meteling vergleicht den Slasher deshalb mit der aus der Literaturtheorie stammenden Trope der Prosopopöie, wobei meiner Ansicht nach an dieser Stelle die Mediendifferenz zwischen Literatur und Film nicht genügend berücksichtigt wird. Einleuchtend ist allerdings die Darstellung, wie der Horrorfilm selbst die Mediendifferenzen reflektiert, was Meteling anhand der Serial Killer-Filme und den vom Horror beeinflussten, digital produzierten Videoclips von Chris Cunningham zeigt, mit denen das Buch abschließt.

In seinem Resümee bezieht sich Meteling in seiner nachträglichen Erläuterung des titelgebenden Begriffs „Monster“ dann schließlich auch auf Derrida, der an anderer Stelle das Monstrum als das bezeichnet, was sich nur zeigt, um auf etwas anderes zu verweisen oder vor etwas zu warnen. Nach Meteling beinhaltet auch das überdeutliche Zeigen des Monströsen im Horrorfilm den Verweis auf „einen möglichen Referenzraum, ein jenseitiges Außen, als auch auf die eigene Medialität“ (S. 326). Abgeleitet von „monstrare“ bezieht er das Monströse auf das Zeigen und unabschließbare Verweisen im Horrorfilm. Einem ähnlichen Muster der Verweise folgt die Arbeit selbst: Sie referiert über eine Fülle von Horrorfilmen und enthält zahlreiche theoretische Bezugpunkte, ohne jedoch den roten Faden zu verlieren. Die Arbeit bietet daher sowohl einen guten Einstieg in das Horrorgenre als auch in eine am Begriff der Medialität orientierte Filmanalyse.

Anmerkungen:

[1] Derrida, Jacques, Einige Statements und Binsenweisheiten über Neologismen, New-Ismen, Pos-Ismen, Parasitismen und andere kleine Seismen, Berlin 1997.
[2] Paech, Joachim, Literatur und Film, Stuttgart, Weimar 1997.
[3] Benjamin, Walter, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Ein Lesebuch, Frankfurt am Main 1996, S. 313-347.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.05.2007
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension