A. Martini u.a. (Hrsg.): Un carcere, un assalto

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Titel
Un carcere, un assalto. Repressione fascista, gappismo e Resistenza a Verona


Herausgeber
Bonente, Roberto; Da Lio, Nicolò; Domenichini, Olinto; Franzinelli, Mimmo; Martini, Andrea; Melotto, Federico; Peli, Santo; Rainoldi, Valeria; Zangarini, Maurizio
Erschienen
Rom 2019: Viella
Anzahl Seiten
304 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Pascal Oswald, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

17. Juli 1944, 18 Uhr 20: Eine Lancia Artena mit sechs Sitzen hält vor dem Veroneser „Carcere degli Scalzi“. Ein elegant gekleideter Mann, Emilio Moretto, steigt aus. Der Gefängniswärter öffnet ihm sofort bereitwillig die Tür. Nach Moretto dringen weitere vier gappisti[1] in das Gefängnis ein: Aldo Petacchi, Danilo Preto, Lorenzo Fava und Vittorio Ugolini. Den ersten beiden gelingt es problemlos, im ersten Stock den inhaftierten kommunistischen Gewerkschaftler Giovanni Roveda aufzufinden. Doch als die Widerstandskämpfer nach nur fünf Minuten wieder ins Freie treten, geht ein Kugelhagel auf sie nieder. Rovedo, Fava und Moretto werden verwundet, es gelingt ihnen jedoch noch, ins Auto einzusteigen. Dieses hat Startprobleme und setzt sich erst in Bewegung, nachdem Fava, Moretto und Preto es angeschoben haben. Dabei wird auch Preto schwer verletzt. Die Lancia fährt schließlich schlingernd weg und kommt nach abenteuerlicher Fahrt vor der Klinik des dottor Casu zum Stehen.

So ging eine der spektakulären Aktionen des städtischen Widerstands im besetzten Italien vonstatten. Sie erreichte ihr Ziel, die Befreiung des bekannten kommunistischen Gewerkschaftlers, hatte aber auch den Tod zweier junger gappisti – Favas und Pretos – zur Folge. Um dieses, von Maurizio Zangarini rekonstruierte Ereignis (vgl. S. 168–175), gruppieren sich die Aufsätze eines 75 Jahre später veröffentlichten Sammelbandes, an dem sich mehrere ausgewiesene Experten beteiligt haben.[2] Die Publikation entstand mit der Unterstützung der Associazione Nazionale Perseguitati Politici Italiani Antifascisti und des Istituto Veronese per la Storia della Resistenza e dell’Età Contemporanea, das seit 2015 verstärkt die Erforschung der Geschichte Veronas während des Bienniums 1943 bis 1945 in Angriff genommen hat.[3]

Auf die Einleitung der Herausgeber folgen drei Kapitel, die insgesamt neun Beiträge enthalten: Die drei Aufsätze des ersten Teils, der den Titel „Überwachen und Strafen“ trägt, behandeln das Haft- und Repressionssystem im italienischen Faschismus. Im zweiten Teil „Einen Kerker erstürmen“ geht es um den gappismo im Allgemeinen und den Veroneser Fall im Besonderen. Der dritte Teil „Geschichte und Erinnerung eines Orts“ geht auf die architektonische Geschichte des „Scalzi“-Gefängnisses und seine heutige Bedeutung als Erinnerungsort ein. Es werden im Folgenden zwei Aufsätze näher besprochen.

In seinem langen Beitrag (S. 81–138) untersucht Olinto Domenichini vier Gruppen von Personen, die während der 600 Tage der Repubblica Sociale Italiana im „Carcere degli Scalzi“ inhaftiert waren: Erstens die sechs festgenommenen Ex-Mitglieder des faschistischen Großrats, die in der Sitzung vom 24. und 25. Juli gegen den „Duce“ gestimmt hatten; zweitens Industrielle, ex-gerarchi des „Partito Nazionale Fascista“ und hohe Funktionäre der öffentlichen Verwaltung, die sich mit dem Vorwurf konfrontiert sahen, nach dem 25. Juli allzu bereitwillig mit der neuen monarchischen Regierung unter Ministerpräsident Pietro Badoglio kooperiert zu haben; drittens Generäle und Mitglieder des italienischen Heeres, deren Verhalten nach dem Bekanntwerden des Waffenstillstands vom 8. September 1943 und dem Einmarsch der Deutschen von den Behörden von Salò überprüft wurde und von denen zwei hochrangige Offiziere erschossen wurden; und viertens inhaftierte Partisanen und Antifaschisten.

Zu Beginn seines Aufsatzes fragt sich Domenichini, warum ausgerechnet das vergleichsweise unsichere Gefängnis einer Provinzstadt zum Staatsgefängnis von Salò wurde; den Grund dafür sieht er in der Wahl der Stadt Verona als Ort des ersten Kongresses des „Partito Fascista Repubblicano“ und des Prozesses gegen die Ex-Mitglieder des Großrats, die die Faschisten auch wegen der geografischen Nähe zum Sitz der Ministerien von Salò trafen. Anhand von Abschriften der Briefe Gefangener, die im Veroneser Staatsarchiv aufbewahrt werden, zeichnet Domenichini minutiös die Haftbedingungen und deren Gedanken nach. Darunter auch diejenigen der – mit Ausnahme Tullio Cianettis – schließlich zum Tode verurteilten Ex-Mitglieder des „Gran Consiglio“, deren prominentester Vertreter Mussolinis Schwiegersohn Galeazzo Ciano war. Diese akribische Vorgehensweise lohnt sich besonders im Falle der inhaftierten Antifaschisten, denn im Zuge seiner Nachforschungen stieß Domenichini auf eine Zeugenaussage des bei der Befreiung Rovedas im Auto verbliebenen Umberto Zampieri, der zufolge dieser selbst versehentlich – und nicht der Gefängnisdirektor, wie Roveda aussagte – den als ersten aus dem Kerker heraustretenden Roveda verwundete: eine kleine Korrektur in der Geschichte der Resistenza.

Santo Peli unternimmt in seinem Beitrag (S. 141–151) erstmals den Versuch, Gefängnisbefreiungen während der Jahre 1943 bis 1945 vergleichend zu untersuchen. Er identifiziert zwölf Fälle, in denen Befreiungen erfolgreich verliefen. In Belluno etwa befreiten als Deutsche verkleidete Partisanen 70 Häftlinge, ohne einen Schuss abzugeben. Aufgrund der Tatsache, dass dieser Trick wiederholt angewandt wurde, schließt Peli, dass das faschistische Kerkerpersonal nicht im Blick hatte, was in anderen Gefängnissen des besetzten Italiens geschah. Angriffspläne auf deutsche Gefängnisse wie dasjenige in der Via Tasso in Rom oder San Vittore in Mailand wurden hingegen nie realisiert. Häufig spielten bei den gelungenen Befreiungen die Direktoren der Gefängnisse als Mitwisser oder Komplizen eine Rolle. Zu Repressalien kam es nur in manchen Fällen. Meist befreiten die Partisanen nur die politischen Häftlinge, um eine klare Grenzlinie zwischen ihnen und Verbrechern zu ziehen. Peli kommt letztlich zu dem Schluss, dass sich die Befreiung Rovedas von den übrigen Gefängnisbefreiungen durch zwei Merkmale grundsätzlich unterscheidet: Erstens befreiten die gappisti hier nicht einen ihrer eigenen Kampfgefährten, sondern einen bekannten kommunistischen Gewerkschaftsführer. Diese Entscheidung traf die Spitze der kommunistischen Partei und der „Brigate Garibaldi“; aus Mailand kam der erfahrene gappista Aldo Petacchi, um die lokale Gruppe anzuführen. Zweitens handelt es sich um den einzigen Fall, in dem Todesopfer unter den Befreiern zu beklagen waren. Während zudem in Belluno die Gefängnisbefreiung der lokalen Resistenza Aufwind bescherte, markiert die Befreiung Rovedas den Schlusspunkt des Veroneser gappismo.

Die übrigen Beiträge des Sammelbandes liefern einen Überblick über das Repressionssystem des Faschismus (Mimmo Franzinelli), eine Sozialgeschichte der Veroneser Gefängnisse von 1922 bis 1945 (Nicolò Da Lio), einen Überblick über die Resistenza in Verona (Maurizio Zangarini), ein biographisches Profil der sechs an der Befreiung Rovedas beteiligten gappisti (Roberto Bonente), eine architektonische und kunsthistorische Geschichte des Orts des „Scalzi“-Gefängnisses, das ab 1810 aus einem Konvent der unbeschuhten Karmeliten (Carmelitani Scalzi) entstand (Valeria Rainoldi), und Überlegungen zum „Scalzi“-Gefängnis als Erinnerungsort (Andrea Martini) in einer Stadt, die 1991 die medaglia d’oro per la Resistenza erhielt.

Der Band liefert durch die Erschließung zahlreicher Archivalien aus dem Archiv der „Padri Carmelitani Scalzi di Verona“, dem römischen Archiv des „Ufficio Storico dello Stato Maggiore dell’Esercito“, dem Zentralstaatsarchiv, dem Archiv des Istituto Veneto per la Storia della Resistenza und den teils noch ungeordneten Beständen des Veroneser Staatsarchivs neue Erkenntnisse zur Lokalgeschichte. Er bietet zugleich jedoch auch – insbesondere in den Aufsätzen Franzinellis und Pelis – Raum für umfassendere Reflexionen zur Geschichte Italiens während des Faschismus und der Resistenza.

Anmerkungen:
[1] Von GAPGruppi d’Azione Patriottica: so hießen die ab September 1943 entstandenen und den kommunistischen Brigate Garibaldi zugehörigen Formationen des städtischen Widerstands.
[2] Vgl. etwa Mimmo Franzinelli, Tortura. Storie dell'occupazione nazista e della guerra civile (1943–45), Mailand 2018; Santo Peli, Storie di GAP. Terrorismo urbano e Resistenza, Turin 2014; Maurizio Zangarini, Storia della Resistenza veronese, 2. Aufl., Verona 2019 (1. Aufl. 2012).
[3] Sara Berger (Hrsg.), I signori del terrore. Polizia nazista e persecuzione antiebraica in Italia (1943–1945), Verona 2016, behandelt mit dem Veroneser Palazzo dell’INA (Sitz des Reichssicherheitshauptamtes) verbundene Ereignisse und Persönlichkeiten. Vgl. zudem die 2015 erschienene, mit 66 Orten versehene Karte „Verona tra guerra e Resistenza 1943–45“, http://www.ivrr.it/wp-content/uploads/2020/04/istituto-Resistenza_watermark-compresso-4.pdf (18.03.2021).

Redaktion
Veröffentlicht am
07.05.2021
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