H. Pahl: Religiöse Wissenskulturen

Cover
Titel
Die Kirche im Dorf. Religiöse Wissenskulturen im gesellschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts


Autor(en)
Pahl, Henning
Reihe
Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel 18
Erschienen
Berlin 2006: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
363 S.
Preis
€ 69,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Norbert Friedrich, Fliedner-Kulturstiftung Kaiserswerth

Der Autor, heute Leiter der Erinnerungsstätte für die deutsche Freiheitsbewegung in Rastatt, hat sich in dieser historischen Dissertation aus dem Jahr 2004, die in Frankfurt am Main bei Lothar Gall entstanden ist, einem – wie er selbst zu recht in seinem Forschungsüberblick betont – bisher vernachlässigten Forschungsfeld zugewandt, der „ländlichen bzw. dörflichen Religiosität“ (S.12) und dies in „konfessionsvergleichender Perspektive“. Somit steht die Arbeit auch für einen in den letzten Jahren zu beobachtenden Trend, sich wieder verstärkt mit Fragen von Religion, Religiosität und der Bedeutung von Konfessionen zu beschäftigen. In seinem knappen Forschungsüberblick grenzt Pahl sich besonders von der These Olaf Blaschkes von einem „zweiten konfessionellen Zeitalter“ ab, welches mit unterschiedlichen Argumenten vielfach kritisiert worden ist.[1] Gerade die antagonistischen Kräfte der Konfessionalität vermag er bei seinem Untersuchungsgegenstand nicht zu entdecken.

Thema des Buches ist die Bedeutung von Religiosität und Kirchlichkeit in der dörflichen Gesellschaft während der gewaltigen Umbruchprozesse des 19. Jahrhunderts, oder – wie es der Autor beschreibt: „Ihr Anliegen ist ein Beitrag zur Erforschung der Sozial- und Kulturgeschichte der Religion in der ländlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in konfessionsvergleichender Perspektive.“ (S. 13) In Anlehnung an die Wissenssoziologie von Karl Mannheim und an die Habitus-Theorie von Pierre Bourdieu operiert Pahl in seiner Studie besonders mit dem Konstrukt der „religiösen Wissenskultur“, womit nicht so sehr der individuelle Glaubensvollzug Gegenstand der Untersuchung ist als vielmehr „die kulturelle Praxis des Umgangs mit religiösem Wissen“ (S. 18). Dieses Wissen ist ein durch verschiedene Sozialisationsinstanzen (unter anderen Familie, Kirche, Dorfgemeinschaft) weitergegebenes und Veränderungen unterworfenes „soziales Phänomen“. Auch wenn der in der gut und flüssig geschriebenen Darstellung immer wieder verwendete Begriff der „Wissenskultur“ bisweilen den Leser irritieren kann, ermöglicht dieser theoretische Zugang Pahl jedoch insgesamt, ein überzeugendes Interpretationsschema für sein Material zu präsentieren. Pahl wendet seine Fragestellung auf ein Fallbeispiel an, auf das Oberamt Esslingen in Württemberg, welches durch die Industrialisierung einen raschen und nachhaltigen Strukturwandel erlebte (dies betrifft primär die Stadt Esslingen) und welches über praktisch monokonfessionelle Dörfer verfügte, in denen sich die Veränderungen und ihre Auswirkungen auf Religion und Kirche wie in Laborbedingungen untersuchen lassen. Gleichzeitig kann die Quellenlage als günstig bezeichnet werden, wobei die kirchlichen Visitationsberichte und weitere kirchenamtliche Quellen das wichtigste Rückgrat der Arbeit darstellen.

Pahl gliedert seine Darstellung in insgesamt 6 Hauptkapitel. Zunächst schreitet er in zwei grundlegenden Kapiteln den gesellschaftlichen Wandel im 19. Jahrhundert sowie die „Religiosität und Kirchlichkeit im 19. Jahrhundert“ ab. Hier werden Grunddaten der Kirchen- und Sozialgeschichte Württembergs ebenso präsentiert wie eine eingehende sozialstatistische Analyse der Bedingungen in den Dörfern des Oberamtes Esslingen. In einem mikrohistorischen Zugriff kann Pahl gerade den inneren Ausdifferenzierungsprozess des Protestantismus verbunden mit einem Rückgang der Kirchlichkeit darstellen, der konträr verlief zu einem zunächst sich verfestigenden Katholizismus, der sich – durchaus in Parallele zur Reichsebene – in einem Prozess der „erneute[n] religiöse[n] Identitätsfindung“ (S. 71) befand. Diesen eher allgemeinen Befund unterfüttert Pahl dann mit den Ergebnissen seiner Analyse der „Wissenskommunikation“ am Beispiel der Lektüre und der Bibliotheken (Kapitel 4) sowie der pastoralen Arbeitsfelder wie dem Kindergottesdienst oder dem Vereinswesen (Kapitel 5). Die Darstellung folgt immer einem ähnlichen Aufbau. Nach einer aus der – wenn vorhanden – Sekundärliteratur gearbeiteten Problemanalyse interpretiert Pahl seine Quellen, wobei er sowohl quantitative, sozialstatistische als auch qualitative Methoden anwendet.

Erheblich knapper sind die Untersuchungen zu den Auseinandersetzungen zur Sozialen Frage, nicht zuletzt wohl, da sich hier – im ländlichen württembergischen Umfeld – die Konflikte anders darstellten als im preußischen Berlin oder in den schwerindustriellen Gebieten. Eine Besonderheit des württembergischen Raums, der ja auch über eine lange Tradition mit pietistischen Gruppen und Vereinigungen der Erweckungsbewegung verfügte, war der Methodismus, der sich, auch begünstigt durch das Verhalten der evangelischen Landeskirche, ausbreiten konnte. In dem Kapitel „Sekten“ findet sich so eine eingehende Analyse des Mechanismus von Abwehr und Zuwendung vor Ort.

In einem knappen abschließenden Kapitel fasst Pahl seine Ergebnisse, die er zuvor immer schon in Zwischenüberlegungen präsentiert hat, systematisch zusammen. Dabei betont er besonders die Bedeutung des ausdifferenzierten Vereinswesens. Gerade die Vereine (kirchliche und säkulare) sind für ihn zentrale Vermittlungsinstanzen, die den Wandlungsprozess hin zu einer Industriegesellschaft im Rahmen des „regionalen Kommunikations- und Wissenszusammenhangs“ (S. 307) moderieren und gestalten konnten. Dabei zeigt die mikrohistorische Untersuchung nach Pahl auch die Grenzen der herkömmlichen Theoriemodelle wie etwa der Säkularisierungsvorstellung, die der „historischen Wirklichkeit nicht gerecht werden“ (S. 310) und in diesem Sinne revidiert werden müssen. Dem Glauben ging im 19. Jahrhundert „nach und nach seine[r] soziale[n] Einbettung und Begründung“ (S. 311) verloren, die Christen waren zu einem bewussten Bekenntnis herausgefordert, auch die Institution Kirche hatte sich auf diese Individualisierung einzustellen.

Pahl betont in seiner Schlussbemerkung mit guten Gründen die Grenzen seiner Untersuchung, die noch kein „Gesamtbild der Entwicklung der religiösen Wissenskulturen in der ländlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts“ (S. 311) liefern kann. Dies schmälert nicht den Wert der Untersuchung, die gerade für die Württembergische Kirchengeschichte viele wichtige Erkenntnisse präsentiert. Sie macht zugleich auf methodischem Gebiet klar, welche Informationen ein intensives Auswerten regionaler Quellen (hier unter anderem die Visitationsberichte) liefern kann (und welche nicht). Manche Ergebnisse aber, wie etwa der überraschende Befund, dass gerade der konfessionelle Gegensatz entgegen anderslautender Forschungen auf dem Land keine Rolle gespielt habe, bedürfen noch weiterer Forschungen. Denn dies könnte u.a. auch an der monokonfessionellen Zusammensetzung der einzelnen Dorfbevölkerung gelegen haben, die manche Gegensätze lebenspraktisch zurücktreten ließen. Auch die Frage der institutionellen Veränderungen innerhalb der Kirchen, die auf anderen Ebenen stattfanden und auf dem Lande spürbar waren, muss auch auf einer hier nur am Rande behandelte Ebene der Institutionengeschichte untersucht werden. Gleiches gilt auch für die von Pahl nur am Rande behandelten theologischen Umbruchprozesse, die die ländliche Wissenskultur ebenfalls verändert haben dürften.

Trotz dieser Anfragen und trotz einiger Ungenauigkeiten bei der Darstellung der Kontexte (beim Thema Evangelische Arbeitervereine und der Frage Protestantismus und Soziale Frage), die sicher auch mit der schwierigen Forschungslage zusammenhängen, hat Hennig Pahl mit seiner Studie einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Konfessionskulturen vorgelegt. Es wäre wünschenswert, wenn weitere ähnliche Arbeiten folgen würden.

Anmerkungen:
[1] Die These wird vorgestellt und präsentiert in: Blaschke, Olaf (Hrsg.), Konfessionen im Konflikt. Deutschland zwischen 1800 und 1970. Ein zweites konfessionelles Zeitalter, Göttingen 2002; vgl. auch Kretschmann, Carsten; Pahl, Henning, Ein „Zweites konfessionelles Zeitalter“? Vom Nutzen und Nachteil einer neuen Epochensignatur, in: HZ 276 (2003), 369-392. Aus evangelischer Sicht ein alternatives Deutungsschema für das 19. Jahrhundert liefert Friedrich, Martin, Kirche im gesellschaftlichen Umbruch. Das 19. Jahrhundert, Göttingen 2006.