M. Angélil u.a. (Hrsg.): Migrant Marseille

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Titel
Migrant Marseille. Architectures of Social Segregation and Urban Inclusivity


Herausgeber
Angélil, Marc; Malterre-Barthes, Charlotte; Something Fantastic
Erschienen
Berlin 2020: Ruby Press
Anzahl Seiten
282 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Hadwiger, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner

Die französische Stadt Marseille gilt vielen als Inbegriff einer kosmopolitischen Stadt, die geprägt ist von Einflüssen aus dem Mittelmeerraum, dem Maghreb, Asien und Afrika. Die zweitgrößte Stadt Frankreichs macht zugleich als Beispiel einer verfehlten französischen Integrationspolitik häufig Schlagzeilen. Nicht ohne Grund wird Marseille immer wieder als Untersuchungsgegenstand herangezogen, wie sich Migration auf den Stadtraum auswirkt.

Zahlreiche Studien widmeten sich bereits der Rolle von Migration, postkolonialen Einflüssen oder dem Mythos von Marseille, doch nur wenige rückten bisher die Frage nach dem Verhältnis von Migration und Raum ins Zentrum ihrer Analyse. Die Untersuchung von Marc Angélil, Charlotte Bartes-Malterre und dem Kollektiv „Something Fantastic“ analysiert auf originelle Weise, welchen Einfluss Migration auf den Raum, die Architektur und das Territorium von Marseille hat. Die Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit am Stadtrand stehen im Zentrum der Arbeit.

Die Studie stellt einerseits die Frage nach der Beziehung zwischen Raum und Migration und andererseits, wie Stadtplanung und Architektur auf bestehende Probleme in der Siedlungsbebauung und in der Stadtstruktur reagieren können. In mehreren Aufsätzen wird die Klassen-trennende Stadtstruktur seit dem 19. Jahrhundert und die kurzfristig geplante Migrationspolitik von Marseille vorgestellt. In einem zweiten Teil der Studie werden Entwürfe von Studierenden der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich präsentiert, wie in dicht besiedelten Vierteln und Großwohnsiedlungen ein inklusives Zusammenleben ermöglicht werden kann. Das Buch ist eine gelungene Mischung aus historischer und soziologischer Studie, Manifest und Architekturentwürfen. Es beinhaltet Überblicksdarstellungen zur Migrations- oder Architekturgeschichte von Marseille, aber auch Interviews mit dem Stadtplaner Nicolas Mémain, Fotos von Großwohnsiedlungen und Architekturentwürfen zu verschiedenen Stadtvierteln.

Studien bis in die 2000er-Jahre sprachen von einer besonderen Art des Marseiller Kosmopolitismus, in der die lokale Identität als „Marseiller“ wichtiger als die nationale Identität sei und erfolgreich größere Unruhen und die Entstehung von Parallelgesellschaften in den Vorstädten verhindert habe.[1] Neuere Forschungen, in die sich auch die vorliegende Arbeit einreiht, hinterfragen diese Sichtweise und stellen sowohl gelungene Integrationsmöglichkeiten in Marseille als auch Parallelgesellschaften und rassistische Gewaltdelikte fest.[2] Im Unterschied zu Untersuchungen der Architekturgeschichte und der Stadtplanung, etwa von Marcel Roncayolo oder Sheila Crane, legt die Studie den Fokus nicht allein auf das historische Stadtzentrum und das Hafenviertel, sondern auf Großwohnsiedlungen und Gebäudekomplexe im Zentrum und am Stadtrand, die vor allem in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren entstanden sind.[3]

In der Einleitung zeigt Charlotte Malterre-Barthes, inwiefern Migration als Teil der Identität von Marseille präsentiert wurde. Die Vorstellungen von Marseille wandelten sich von einer rebellischen Provinzstadt im 18. Jahrhundert über eine global expandierende Hafenstadt im französischen Kolonialreich im 19. Jahrhundert bis hin zu einer von Mafia und Kriminalität geprägten Stadt ab den 1970er-Jahren. Auch wenn Malterre-Barthes die Vorstellung von friedlich zusammenlebenden Nationen in Marseille als „naiv“ (S. 21) bezeichnet, ist Immigration in Marseille für sie ein zentrales Element, um die Identität und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt heute zu verstehen.

So zeigt sich bis heute die ethnische Segregation zwischen den verarmten Stadtvierteln im Norden und dem wohlhabenderen Süden, wie die Herausgeber in einem historischen Überblick über die Wohnbaupolitik in Marseille betonen. Frankreich und insbesondere Marseille habe Immigration immer als temporäres Phänomen angesehen. Dementsprechend gering sei das kommunale Engagement für eine langfristige Integration von Migranten bis heute. Die Herausgeber zeigen dies anhand der Wohnorte auf, in denen Migranten in verschiedenen Einwanderungswellen seit dem 19. Jahrhundert in Marseille untergebracht waren. Sie stellen fest, dass seit den 1960er-Jahren die Mittelschicht in bessere Unterkünfte im Osten und Süden der Stadt zog, während im Norden der Stadt 90 Prozent der sozialen Wohnbauprojekte errichtet wurden. Dies führte zu einer „kontinuierlichen Immigration in Großwohnsiedlungen in die nördlichen Bezirke“ (S. 37) und sollte schwerwiegende Folgen für das soziale Zusammenleben in der Stadt haben. Mit dem nationalen Investitionsprogramm „Euroméditerranée“ seit 1995 wird die Altstadt saniert mit der Folge einer Gentrifizierung und der Umbildung der bisherigen Einwohnerschicht im Zentrum. Die Herausgeber beklagen die aktuelle „neoliberale Logik“ (S. 41), die eine extreme Aufspaltung zwischen dem reichen Süden und dem verarmten Norden der Stadt weiter vorantreibt.

Neuland betreten die Herausgeber mit ihrem darauffolgenden Kapitel, das sich der Geschichte und der Architektur der Großwohnsiedlungen („grands ensembles“) in Marseille widmet. Neben der Präsentation von vier früheren Großwohnsiedlungen in Marseille, unter anderem der Cité-Jardin Saint-Just (1931) und der berühmten „Unité d’Habitation“ von Le Corbusier (1952), werden insgesamt 20 Großwohnsiedlungen präsentiert, die zwischen 1950 und 1975 in Marseille entstanden. Interessant ist neben der Architektur- auch die Sozialgeschichte der Gebäude. So bewohnen die Siedlung Les Rosiers (1957) vor allem Immigranten aus den Komoren, die Siedlung La Rouvière (1971) ehemalige „Algerienfranzosen“. Zurecht weisen die Herausgeber darauf hin, dass die Großwohnsiedlungen ursprünglich die Wohnkrise in der Nachkriegszeit lösen sollten und nicht für eine „verarmte oder migrantische Bevölkerung“ (S. 50) gedacht waren. Seit den 1970er-Jahren konstatieren die Herausgeber einen Niedergang der Großwohnsiedlungen und seit den 2000er-Jahren besteht die Renovierungspolitik vor allem auf Zerstörung von einzelnen Bauten, die das Image vor Ort verbessern soll. Etwas ratlos konstatieren die Herausgeber, dass der moderne Traum der Großwohnsiedlung in der Nachkriegszeit heute nur Ghettos schaffe und die aktuelle Politik die sozialen Probleme nur scheinbar löse, indem sie die ungeliebten Großwohnsiedlungen vereinzelt zerstöre.

Etwas versöhnlicher blickt der Architekt Thierry Durousseau, Experte für die Architektur des 20. Jahrhunderts in Marseille, in seinem Beitrag auf die Großwohnsiedlungen. Durousseau hebt deren Ästhetik, Funktionalität und Modernität hervor. Auch hätten Architekten wie Le Corbusier oder Fernand Pouillon immer auch den mediterranen Charakter von Marseille hervorgehoben, indem sie offene Loggias und Fassaden mit Schattenmöglichkeiten geschaffen hätten. Erst mit dem Ende der Großwohnsiedlungen, das mit dem Dekret des Bauministers Guichard 1973 eingeläutet wurde, konzentrierten sich neue Architekturprojekte wieder mehr auf das Stadtzentrum. Die Präsentationen von sieben sehr unterschiedlichen Stadtbezirken (Belsunce, Noailles, Félix Pyat, Parc Kallisté, La Rouvière, La Castellane, Euroméditteranée II) stellen anschließend den Bau, die Architektur und Renovierungsbemühungen einzelner Großwohnsiedlungen vor. Anschaulich wird anhand von Stadtplänen die aktuelle Großwohnsiedlungspolitik deutlich, die vor allem in der Zerstörung von einzelnen Gebäuden besteht und die dichte Bebauung auflockern sowie eine bessere polizeiliche Überwachung in sozialen Brennpunkten ermöglichen soll.

Alternative Lösungen zur Abriss-Politik stellen Studierende der ETH Zürich anschließend am Beispiel von sechs Bauprojekten vor. So sollen in Noailles viele kleine Eigentümer statt weniger Immobilienfirmen den Besitz verwalten, im Parc Kallisté Räume des Zusammenlebens und Gärten geschaffen werden oder im neugeplanten Hafenviertel Euroméd II Job- und günstige Wohnmöglichkeiten geschaffen werden. Der „destruktiven, postindustriellen Urbanisierung“ (S. 215) in Marseille werden zuletzt inklusive, nachhaltige Ideen entgegengesetzt. Prinzipien, juristische Maßnahmen und Ideen für eine inklusive, ökologische und sozialere Stadt werden aufgeführt. So sollen Parkhäuser in Wohnflächen umgewandelt, Grünflächen geschaffen und Fußgängern mehr Flächen eingeräumt werden. In einer abschließenden Zusammenfassung appellieren die Herausgeber dafür, Urbanismus inklusiv zu denken und dabei soziale, räumliche und ökologische Faktoren gleichermaßen zu berücksichtigen.

Der Mehrwert der Studie liegt in der Auswahl des Raumes, in dem Großwohnsiedlungen und ihre Beziehung zu Migration in Marseille beleuchtet werden. Damit hebt sich die Untersuchung von bisherigen Arbeiten zur zeitgenössischen Architektur oder Migrationsgeschichte zu einzelnen Nationalitäten in Marseille ab. Gewünscht hätte man sich bisweilen mehr Informationen zur Sozialgeschichte der Siedlungen. Auch detailliertere Angaben zur Entwicklung und Größe der einzelnen ausländischen Minderheiten in Marseille wären gerade bei diesem Thema wünschenswert gewesen. Die Studie gibt insgesamt einen innovativen Einblick in die Baugeschichte und soziale Entwicklung von Großwohnsiedlungen in Marseille. Sie ist nicht nur aufgrund des Untersuchungsobjekts der Großwohnsiedlung, sondern auch mit ihren Entwürfen für eine inklusive Umgestaltung des bestehenden Baubestands eine anregende Lektüre.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Emile Témime (Hrsg.), Migrance. Histoire des migrations à Marseille, 4 Bde., Aix-en-Provence 1989–1991; Jocelyne Cesari / Alain Moreau / Alexandra Schleyer-Lindenmann, „Plus marseillais que moi tu meurs!“. Migrations, identités et territoires à Marseille, Paris 2001.
[2] Vgl. Stéphane Mourlane / Céline Regnard (Hrsg.), Les batailles de Marseille. Immigration, violences et conflits. XIXe-XXe siècles, Aix-en-Provence 2013; Pascal Blanchard / Gilles Boetsch (Hrsg.), Marseille Porte Sud, 1905–2005. Un siècle d'histoire coloniale et d'immigration, Paris 2005.
[3] Vgl. Marcel Roncayolo, Les grammaires d’une ville. Essai sur la genèse des structures urbaines à Marseille, Paris 1996; Sheila Crane, Mediterranean Crossroads. Marseille and Modern Architecture, Minneapolis 2011.

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Veröffentlicht am
08.07.2021
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