R. Nicolaysen u.a. (Hrsg.): 100 Jahre Universität Hamburg

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Titel
100 Jahre Universität Hamburg. Studien zur Hamburger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte in vier Bänden. Band 1: Allgemeine Aspekte und Entwicklungen


Herausgeber
Nicolaysen, Rainer; Krause, Eckart; Zimmermann, Gunnar B.
Erschienen
Göttingen 2020: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
704 S., 54 Abb.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Jürgen Overhoff, Institut für Erziehungswissenschaft, Abt. Historische Bildungsforschung, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die gründliche Auseinandersetzung mit der bis ins Mittelalter zurückreichenden Geschichte der Universitäten hat derzeit in der Historischen Bildungsforschung eine ganz außergewöhnliche Konjunktur. So besteht seit fünf Jahren das Forschungsnetzwerk „Universitätsforschung in der Erziehungswissenschaft“, das schon viele Workshops zum Thema ausgerichtet hat.[1] Auch die bevorstehende Jahrestagung der Sektion Historische Bildungsforschung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft ist der Erforschung der Hochschulen aus bildungshistorischer Perspektive gewidmet.[2] Zudem sind in den vergangenen zehn Jahren herausragende wissenschaftliche Publikationen vorgelegt worden, in denen die Geschichte einiger bedeutender deutscher Universitäten dargestellt wurde. Diese Veröffentlichungen entstanden vor allem im Zuge der Vorbereitung wichtiger Jubiläen, zuletzt zum Beispiel anlässlich der Gedenkfeiern der jeweiligen Gründung der beiden preußischen Modellhochschulen in Berlin (1810/2010) und Bonn (1818/2018).[3]

Der soeben erschienene und hier vorgestellte erste Band der (auf insgesamt vier Bände angelegten) Studien zur Hamburger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass erneut – wie der Titel „100 Jahre Universität Hamburg“ ausweist – ein Jubiläum der äußere Anlass zur Erarbeitung des großangelegten Oeuvres war. Allerdings handelt es sich weder bei dieser Publikation noch bei den anderen im letzten Jahrzehnt entstandenen Universitätsgeschichten um Festschriften im Sinne selbstgewisser Jubelschriften, sondern um professionelle, kritische Arbeiten, die den neuesten Forschungsmethoden und zeitgemäßen Fragestellungen Rechnung tragen. Anders gewendet und in den Worten der drei Herausgeber Rainer Nicolaysen, Eckart Krause und Gunnar B. Zimmermann, die den Band als Mitarbeiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte der Universität Hamburg erstellt haben: Beim hier vorliegenden Buch geht es darum, die Hamburger Universität „als wissenschaftliches Forschungsobjekt zu untersuchen wie jedes andere auch“ (S. 9).

Diese lapidare Aufgabenstellung klingt einerseits wohltuend sachlich, andererseits handelt es sich dabei um ein allzu vornehmes Understatement. Denn die Hamburger Universität ist mitnichten eine beliebige Hochschule: Sie wurde im Jahr 1919 nach der Revolution von der nun erstmals demokratisch gewählten Bürgerschaft in einem republikanischen Deutschen Reich errichtet. Hamburgs Universität entstand in einer Aufbruchszeit, die allergrößte Hoffnungen in die demokratische Bildung setzte. Bei der Lektüre des Bandes verfolgt man gebannt, wie der Anspruch auf demokratische Bildung an der neuen Universität an Elbe und Alster im Laufe der Jahrzehnte entweder eingelöst oder mitunter auch schändlich ignoriert wurde. Dabei stellen die Herausgeber das Wohl und Wehe der Demokratiegeschichte ihrer Universität nicht plakativ als Leitmotiv der Publikation heraus. Eher kann man hier von einem sehr fein gesponnenen roten Faden sprechen, der das gesamte Buch durchwirkt. Es ist anregend, diesen Faden aufzuspüren und in all seinen Windungen und Verflechtungen zu betrachten. Da die insgesamt 23 Aufsätze des Bandes, die von 29 Autorinnen und Autoren teils in enger Zusammenarbeit verfasst wurden, immer wieder Längsschnittstudien durch alle Jahrzehnte von 1919 bis heute bieten und ausschließlich allgemeine Aspekte und Entwicklungen der Universität aufzeigen – die Geschichte der einzelnen Fachgebiete von den Geisteswissenschaften und der Theologie zu den Naturwissenschaften und der Medizin bleibt den drei (schon bald erscheinenden) Folgebänden vorbehalten – , steht hinreichend Anschauungsmaterial zur Verfügung.

Alle Artikel bieten fundierte Informationen, sie sind gut lesbar, solide gearbeitet und wissensgesättigt, können hier aber nicht samt und sonders analysiert werden. Immerhin wird das ganze Spektrum des Hamburger Universitätskosmos des letzten Jahrhunderts abgebildet, es finden sich darin Darstellungen zur Gebäudegeschichte der Hochschule, zur Entwicklung ihrer Bibliothek, zu den wissenschaftlichen Sammlungen und Kunstschätzen sowie zur universitären Festkultur und zur Verwaltungsgeschichte. Ein ausführlicher Abschnitt ist auch dem Wandel der Geschlechtervorstellungen gewidmet. Schließlich sind die spannungsreichen Beziehungen von Stadt und Universität offengelegt. Exemplarisch lassen sich die Vorzüge des exzellenten Bandes sehr gut an drei Beiträgen zeigen, die nun näher beleuchtet werden sollen.

Einer der Herausgeber, Gunnar B. Zimmermann, lenkt mit seinem Aufsatz einen fundierten Blick auf die Studierendengeschichte der Hamburger Universität. Diese untersucht er für die Zeit von der Gründung bis ins Jahr 1994 eingehend. Er arbeitet heraus, dass sich im ersten Lebensjahrzehnt der Hochschule unter den Studierenden bereits von Anfang an republikfreundliche und erzkonservative Gruppen im Konflikt gegenüberstanden. Als zum Ende der Weimarer Republik in ganz Deutschland eine politische Radikalisierung einsetzte, wurde der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund im Jahr 1931 die stärkste studentische Gruppierung. Noch bevor Hitler an die Macht kam, hatten die Studierenden in Hamburg mehrheitlich das Ideal der Demokratie in Frage gestellt oder gar verraten – was allerdings so oder ähnlich auch für die anderen deutschen Universitäten und ihre studentischen Gruppen galt. Speziell in der ersten Phase des NS-Staates war den Hamburger Studierenden daran gelegen, bei der Umgestaltung der Universität im Sinne der neuen Staatsideologie mitzuwirken. Unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges nahm der Zuspruch ab, wobei 1944 der Lehrbetrieb ohnehin infolge der totalen Mobilisierung fast eingestellt wurde. Die Nachkriegszeit bis 1957 beschreibt Zimmermann als „konservative Restauration“ (S. 274), weshalb er als eigentliche Phase der Demokratisierung der Hamburger Studierenden die Zeit der 1960er-Jahre ausmacht, als die Universität Hamburg endlich ihr demokratisches Gründungsversprechen von 1919 zu großen Teilen einlöste.

Was das genau hieß, wird in Malte Habscheidts Aufsatz über die Abschaffung der Ordinarienuniversität ersichtlich. Hier steht das Jahr 1969 im Mittelpunkt der Darstellung. In diesem weichenstellenden Jahr wurde ein neues Hamburger Universitätsgesetz verabschiedet, das, früher als das in den anderen Bundesländern geschah, alle Universitätsmitglieder und somit auch die Studierenden an der akademischen Selbstverwaltung beteiligte, die zuvor in den Händen der Professorenschaft lag. In diesem Zusammenhang deutet Habscheidt die bundesweit stark beachtete Hamburger Protestaktion „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“ (S. 143) vom 9. November 1967 als Aufruf auch zur partizipatorisch-demokratisch geläuterten Universität, die dann einer Republik den Weg ebnete, in der Bundeskanzler Willy Brandt dazu aufrief, gesamtgesellschaftlich mehr Demokratie zu wagen.

Einer der interessantesten Beiträge des Bandes ist Angelika Schasers Studie über die Ehrenpromotionen. Gerade hier nämlich wird ersichtlich, dass akademische Weihen niemals nur Ausweis der fachlich-wissenschaftlichen Expertise und Exzellenz sind. Immer auch berücksichtigen sie das gesellschaftliche Engagement, das die Gewürdigten für die Demokratie bezeugen. Höhepunkt in der Reihe der Verleihungen der Hamburger Ehrenpromotionen war demnach die Würdigung des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas im Jahr 1989, dessen breit rezipierte Theorie des kommunikativen Handelns der Bundesrepublik ebenfalls einen weiteren Demokratisierungsschub bescherte (vgl. S. 433). Leider ist die Ehrenpromotion von Habermas der letzte für Schasers Text einbezogene Akt. So erfährt man nicht, dass die im Jahr 2004 vorbereitete Ehrung des russischen Präsidenten Putin in letzter Minute von den universitären Verantwortlichen verhindert wurde, weil dieser Politiker eben nicht den Ansprüchen einer demokratischen Gesellschaft genügte.

Eine der größten Herausforderungen für die demokratische Bildung in der Geschichte der Universität Hamburg wird von den Herausgebern naturgemäß nur ganz kurz berührt, wenn sie auf die derzeitige Corona-Pandemie zu sprechen kommen. Eine Universität, die über mehrere Semester hinweg keine Präsenzveranstaltungen mehr zulässt und freie Zusammenkünfte in großen Gruppen im Zeichen eines Social Distancing nicht ermöglicht, kann ihrem demokratischen Bildungsauftrag nicht gerecht werden, da digitale Formate immer nur eine intelligente Ergänzung der freien Lehre sind, aber niemals ein vollwertiger Ersatz für den lebendigen Diskurs. So schreiben die Herausgeber im Schlusssatz ihrer Einführung lakonisch: „Die Pandemie mit ihren einschneidenden Folgen auch für die Universitäten markiert den Beginn des zweiten Jahrhunderts Hamburger Universitätsgeschichte.“ (S. 30) Gerne wüssten wir, wie kritisch man 2119 nach Ablauf des zweiten Hamburger Universitätsjahrhunderts auf die dann einhundert Jahre zurückliegende Coronakrise zurückblickt – und wie man deren jetzt noch nicht absehbare Folgen für Demokratie und Bildung in der Rückschau einordnet. Jetzt schon zeigt die Beschäftigung mit der Hamburger Universitätsgeschichte jedoch eindringlich auf, dass der Einsatz für die Demokratie eine dringliche Aufgabe der Hochschulen bleibt. Und dieser Fingerzeig ist das vielleicht größte Verdienst der hervorragenden Studie.

Anmerkungen:
[1] Der erste Workshop fand am 6./7. Oktober 2016 in der Berliner Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung zum Thema „Lehren und Lernen als Teil der Universitätsgeschichte“ statt.
[2] Jahrestagung der Sektion Historische Bildungsforschung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, 13.-15. September 2021, „Universitäten und Hochschulen zwischen Beharrung und Reform. Bildungshistorische Perspektiven“, Universität Kassel (anlässlich des 50. Jahrestages der Gründung der Universität Kassel).
[3] Geschichte der Universität Unter den Linden 1810–2010. Im Auftrag des Präsidenten der Universität begonnen von Rüdiger vom Bruch und Heinz-Elmar Tenorth. Hrsg. von Heinz-Elmar Tenorth. 6 Bde. Berlin 2010–2012. Die vierbändige „Geschichte der Universität Bonn“ (Göttingen 2018) hat keine Gesamtherausgeber: Bd. 1: Dominik Geppert (Hrsg.), Preußens Rhein-Universität 1818–1918, Bd. 2: ders. (Hrsg.), Forschung und Lehre im Westen Deutschlands 1918–2018, Bd. 3: Thomas Becker / Philip Rosin (Hrsg.), Die Buchwissenschaften; Bd. 4: dies. (Hrsg.), Die Natur- und Lebenswissenschaften.

Redaktion
Veröffentlicht am
26.04.2021
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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