C. Westermeier u.a. (Hrsg.): Sicherheitsakteure

Cover
Titel
Sicherheitsakteure. Epochenübergreifende Perspektiven zu Praxisformen und Versicherheitlichung


Herausgeber
Westermeier, Carola; Carl, Horst
Reihe
Politiken der Sicherheit | Politics of Security
Erschienen
Baden-Baden 2018: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
360 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Marcus Böick, Institute for Advanced Studies, University College London / German Historical Institute London

Das elitäre Drama in Kopenhagen und der handfeste Alltag in Paris. Und dazwischen liegen irgendwo Marburg und Gießen. Geografisch (wie stilistisch) mag das sicher anfechtbar sein; in historisch-methodischer Hinsicht mit Blick auf die historische Sicherheitsforschung unter dem Dach des dortigen SFB 138 („Dynamiken der Sicherheit“) allerdings kaum: Zwischen diesen beiden Orten bzw. den hier ansässigen sozialwissenschaftlichen „Schulen“ entfalten sich auch die umfassenden methodisch-theoretischen Überlegungen der hessischen Forscherinnen zwischen Diskurs/Kommunikation (Kopenhagen) und Praxis/Alltag (Paris). Dementsprechend ermöglichen die sehr heterogenen Beiträge dieses Sammelbandes, so viel sei vorweggenommen, einen anregend-experimentellen Einblick in die internen Arbeits- und Diskussionsprozesse direkt an der nun ja schon seit einigen Jahren wieder intensiv diskutierten Schnittstelle zwischen Sozial- und Geschichtswissenschaften.

In diesem Buch geht es im Kern um vier Gruppen: „Gewaltakteure”, „Juristen”, „Verhandlungsakteure” und „Experten” stehen im Fokus der Betrachtungen, wie die Herausgeberinnen Carola Westermeier und Horst Carl zu Beginn herausstellen. Es soll epochenübergreifend danach gefragt werden, „wie eine gesellschaftliche Bedrohung als sicherheitsrelevant deklariert wird, welche Konsequenzen das hat und welche Rolle in diesem Prozess spezifische Akteure spielen” (S. 5). Es ist eben dieser klare Fokus auf historische Akteure der Sicherheitsproduktion, der den Beiträgen als analytischer Rahmen vorgegeben ist. Auf diese Weise soll die konkrete „Rolle von Akteuren in Prozessen der kommunikativen Zuspitzung und bei der Regelung von Sicherheitsproblemen” (S. 13) diskutiert werden. Das Verständnis von „Sicherheit” ist explizit ein konstruktivistisches, das auf Deutungen, Praktiken und Diskurse bei der „Kommunikation von Bedrohungsszenarien und Sicherheitsvorstellungen” abhebt. Vorstellungen darüber, wer auf welche Weise und in welchen Bereichen für Sicherheit sorgen soll, erscheinen dabei veränderlich wie zeitgebunden; gerade in langfristiger Perspektive werde offensichtlich, wie der (National)-Staat in der Moderne erst zum „Referenzpunkt von Sicherheitspolitik” (S. 23) geworden sei. Die vier ausgewählten Akteursgruppen hätten dabei, so argumentieren die Herausgeberinnen, eine zentrale Rolle gespielt – im wortwörtlichen Sinne, denn ihnen seien über zeitgenössische “Kompetenzzuschreibung sowie gesellschaftliche oder eigene Erwartungshaltungen in sicherheitspolitischen Kontexten” entsprechende Rollen zuerkannt worden (S. 24).

Die Beiträge des ersten Abschnitts befassen sich mit „Gewaltakteuren“, die man sicher intuitiv mit diesem Forschungsfeld verbindet – Militärs und Polizisten. Horst Carl und Werner Distler heben die „Ambivalenz“ von „Gewaltanwendung“ hervor, wobei die „Kausalität von Gewalt und Sicherheit“ (S. 34) ein seit Jahrhunderten von Gelehrten diskutiertes Problem sei. Gewalt als „Handlungsressource“ sei dabei im Laufe der europäischen Neuzeit intensiver problematisiert worden, wobei das „institutionalisierte Gewaltmonopol“ des Staates das „wirkmächtigste Konzept solcher Gewaltkontrolle“ (S. 35) darstelle. Den untersuchten „Gewaltexperten“, meist „Adelige, Söldner, Berufsmilitär, Polizei“ (S. 41), sei auch in (medien-)öffentlichen Räumen eine Schlüsselrolle bei der diskursiven Dramatisierung zugefallen, die oftmals einer Ausdehnung ihrer Kompetenzen Vorschub geleistet habe. Horst Carl unterfüttert dies mit einem diachronen Vergleich von Oliver Cromwell und Napoleon Bonaparte, der auf die „ambivalente Rolle des Militärs als Sicherheitsakteur“ (S. 63) insbesondere bei der dauerhaften Etablierung von „Militärdiktaturen“ abzielt. Iwan A. Iwanov verfolgt am Beispiel Bayerns nach 1800 die Ausdifferenzierung zwischen inneren und äußeren Gewaltakteuren nach dem Ende des Ancien Regime, die zu beständigen „Dienstkonflikte[n] zwischen zivilen und militärischen Gewaltakteuren“ – sprich: herrschenden Militärs und sich formierender Polizei – geführt hätten (S. 74). Diese Ambivalenz arbeitet auch Werner Distler in seinem Beitrag über „internationales Peacebuilding“ im 20. Jahrhundert heraus, der die grundlegende Widersprüchlichkeit der „Gewalthaftigkeit“ einer gesellschaftlichen Pazifizierung durch externe Militärs am Beispiel von Bosnien-Herzegowina in den 1990er-Jahren sowie später in Afghanistan hervorhebt.

Juristen, als zweite Gruppe, beziehen ihre Machtressourcen kaum aus der Androhung von (physischer) Gewalt, sondern aus dem Recht und dessen Legitimität. Marius Reusch, Reut Yael Paz und Stefan Tebruck skizzieren die seit dem Mittelalter zunehmende Professionalisierung und Verrechtlichung von Konflikten, die nach 1648 weiter ausdifferenziert und medialisiert worden sei. Die sukzessive Entfaltung eines staatlichen Gewaltmonopols habe so, durch das Engagement akademisch gebildeter Juristen, einen „Prozess der Kriminalisierung und Entrechtlichung nichtstaatlicher Akteure und Praktiken“ (S. 107) seit dem 18. Jahrhundert vorangetrieben. Stefan Tebruck befasst sich mit Rechtsgelehrten in Oberitalien im 12. Jahrhundert und lässt dabei ihre wachsende wie ambivalente Bedeutung als „dramatisierende“ oder aber „entschärfende“ Legitimitätsstifter im Konflikt zwischen Kaiser und Städten hervortreten. Reut Yael Paz kontrastiert die „Copenhagen School“ der Sicherheitsforschung im 20. Jahrhundert mit der spanischen „Salamanca School“ von Religionsrechtsgelehrten im 16. Jahrhundert, um so die säkular-rationalistischen Grundannahmen gegenwärtiger Sicherheitstheorien zu kritisieren, die andere Ideen- und Glaubenssysteme kaum erfassen könnten. Florian Dancke und Konstantin Rometsch widmen sich transnationalen Rechtsdiskussionen im Umfeld des Völkerbundes, bei denen einige Rechtsexperten Mitte der 1930er-Jahre unter dem Eindruck des Aufstiegs faschistisch-nationalistischer Bewegungen neue Möglichkeiten einer internationalen „Terrorismusbekämpfung“ erörtert hatten.

Ob intensives Verhandeln stets einen Zugewinn an Sicherheit erbringe – dies ist Grundfrage des dritten Abschnitts. „Verhandlungsakteure“ bzw. Diplomaten, Gesandte und Politiker erscheinen zwar, so Hans-Jürgen Bömelburg, als beliebte Sujets schon der klassischen (Außen-)Politikgeschichte. Diese interessiert sich aber oft kaum für alltägliche kommunikative Praktiken des Verhandelns und Kompromissfindens, die sich im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte zunehmend ausdifferenziert hätten. Heidi Hein-Kircher geht dem mit Blick auf das (kommunikative) Handeln galizischer Abgeordnete in parlamentarischen Verhandlungen 1913/14 nach und beleuchtet so ihre widersprüchliche Rolle im Kontext massiver Nationalitätenkonflikte in Österreich-Ungarn. Christian Kleinschmidt deutet Kaufleute und Unternehmer als ökonomische „Verhandler“, die im sich seit dem späten Mittelalter etablierenden Fernhandel oftmals jenseits staatlich-hoheitlicher Sicherheitsgarantien im Modus der Selbsthilfe eigeninitiativ wie kollektiv für die Sicherheit von Personal, Waren und Gütern sorgen mussten. Mit Blick auf die Runden Tische in Polen (1989) bzw. die Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in Südafrika (1994/98) spüren Hans-Jürgen Bömelburg und Justyna A. Turkowska den dortigen „Verhandlern“ nach, die vergleichend als Schlüssel-Akteure beim „kommunikativen Abbau von vormaligen Versicherheitlichungsmechanismen“ zur Gewaltminderung im Zuge der Regimewechsel untersucht werden.

Eine letzte Gruppe stellen die „Experten“ dar. An der Schnittstelle von Theorie und Praxis gelegen, wie Carola Westermeier argumentiert, hätten sich zunehmend professionalisierte (und unabhängige) Berater bei der „Bearbeitung von Bedrohungsszenarien“ etabliert, die über Kommunikations- und Transferprozesse auf die „politischen Entscheidungsträgerinnen“ (S. 247) Einfluss zu nehmen versuchten. Verena Epp geht der Etablierung derartiger „Expertenkulturen“ bzw. „Wissensordnungen“ im Früh- und Hochmittelalter mit Blick auf beratende Bischöfe nach, die durch von ihnen generiertes „Zukunftswissen“ (S. 271) zunehmend nicht-christliche Konkurrenten zurückdrängen konnten. Einen weiten Sprung unternehmen Kai Nowak und Marc Chaouali, die Journalistinnen im 20. Jahrhundert am Beispiel des zweiten Golfkrieges im Jahr 1991 als „professionelle Welterklärer [und] zentrale Akteure in Versicherheitlichungsprozessen“ sowie „eigenmächtige Deutungselite“ und „Experten für Dramatisierung“ (S. 275) vorstellen. Eneia Dragomir beschreibt am Beispiel des marktliberalen Schweizer Ökonomen Silvio Borner, wie seit den 1970er-Jahren Ökonomen mit ihren Kosten-Kalkulationen im Modus eines „doppelten Transfers“ (von den USA bzw. Chicago nach Europa sowie vom Feld des Ökonomischen in den Bereich der äußeren Sicherheit; S. 333) versuchten, die Idee der allgemeinen Wehrpflicht sturmreif zu schießen.

Ist der vielstimmige Versuch, die sicherheitstheoretischen Spannungen zwischen Kopenhagen und Paris durch einen praktischen Fokus auf Akteure produktiv zu machen, letztlich gelungen? Für Historikerinnen können theoretische Angebote aus den Nachbardisziplinen Gerüst oder Käfig sein. Ein absicherndes Gerüst, wenn sie hilfreich sind, neue wie produktive Perspektiven auf die Vergangenheit bzw. das empirische Material aufzurichten; aber auch beengender Käfig, wenn sie das Nachdenken und Forschen allzu sehr in vorgefertigte Bahnen und etablierte Denkmuster einzwängen. Ein derart „riskantes“ Vorgehen ist, wie die Herausgeberinnen auch zum Abschluss des Buches erfrischend offen einräumen, der hier verfolgte, intradisziplinär weitgespannte Ansatz vom frühen Mittelalter bis in die jüngste Zeitgeschichte. Empfindliche Leerstellen werden dabei präventiv am Ende des Bandes bereits ausführlich benannt: der Blick auf subalterne Gruppierungen (vulgo: gender, class, race) bzw. „verunsichernde“ Gegen-Akteure; die Dynamik und Kombination von Rollenzuschreibungen; die sprachlich-semantische Dimension von Sicherheits-Kommunikationen; der Stellenwert von materiellen Objekten und Technologien der Sicherheit sowie auch die Frage der Einbettung von Sicherheitsfragen in politische (Interessen-)Konstellationen und gesellschaftliche Konflikte.

Bei so viel vorausschauender Selbstkritik bleibt einem Rezensenten eigentlich – neben einem fast schon rituellen Verweis auf einen starken Europa-Fokus – wenig übrig, als nochmals den ebenfalls von den Herausgeberinnen angesprochenen Punkt einer elementaren Grundspannung konstruktivistischer und essentialistischer Sicherheits-Konzeptionen zu unterstreichen, die sich aber letztlich kaum auflösen lässt. Letztlich erweisen sich die hier an vielfältigen wie heterogenen Beispielen diskutierten „Sicherheitsakteure“ als durchaus belastbares analytisches Gerüst, wenngleich manche theoretische Herleitung etwas zu verbaut erscheint – zu viele analytische Stangen ergeben dann doch wieder einen Käfig und verstellen den Historikerinnen möglicherweise bisweilen auch den Blick auf die eigene Empirie.