I. Fleisch: Sacerdotium - Regnum - Studium

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Titel
Sacerdotium - Regnum - Studium. Der westiberische Raum und die europäische Universitätskultur im Hochmittelalter. Prosopographische und rechtsgeschichtliche Studien


Autor(en)
Fleisch, Ingo
Erschienen
Münster 2006: LIT Verlag
Anzahl Seiten
IX, 454 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Schlelein, SFB 644 „Transformationen der Antike“, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Geschichte der hochmittelalterlichen Universitäten in den iberischen Königreichen Kastilien, León und Portugal steht im Mittelpunkt der Studie „Sacerdotium – Regnum – Studium“ von Ingo Fleisch, die aus einer Erlanger Dissertation aus dem Jahr 2003 hervorgegangen und als vierter Band der Reihe „Geschichte und Kultur der Iberischen Welt“ erschienen ist. Die Analyse der Gründungsgeschichte der Hohen Schulen von Palencia, Salamanca und Lissabon bildet das Herzstück der Untersuchung, die der Autor dezidiert prosopografisch angelegt hat. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Entwicklung in Portugal (S. 8).

Fleisch untersucht zunächst die Voraussetzungen, unter denen das studium – konkreter das gelehrte Recht – neben dem regnum und dem sacerdotium innerhalb Portugals zu einem anerkannten Teil der uns von Alexander von Roes bekannten Trias, und mehr noch: zum Mittler zwischen regnum und sacerdotium werden konnte (S. 16, 43). Fleisch verweist hierbei auf die seiner Meinung nach zentrale Bedeutung der vom Papst delegierten Rechtsprechung und der Präsenz päpstlicher Legaten in Portugal im 12. und frühen 13. Jahrhundert, die dazu geführt hätten, dass sich das römisch-kanonische Prozessrecht dort verbreiten und als Alternative neben dem königlichen Recht selbst für Laien und sogar bei rein innerweltlichen Auseinandersetzungen etablieren konnte – eine Alternative, der sich im Einzelfall auch der König unterwarf (S. 36ff.).

Parallel zu dieser Entwicklung und teils eng mit ihr verbunden waren die portugiesischen Kontakte nach Frankreich und Italien. Die Kulturbeziehungen mit Frankreich standen dabei zuerst im Zeichen des cluniazensischen Wirkens auf der Iberischen Halbinsel seit dem 11. Jahrhundert. Der französische Einfluss wurde für Portugal spätestens im 12. Jahrhundert von einer zunehmenden Ausrichtung auf Italien, insbesondere auf die Rechtsstudien in Bologna, zurückgedrängt. Beide gemeinsam sorgten aber dafür, so der plausible Befund von Fleisch, in Portugal den Boden für die Etablierung von Universitäten zu bereiten.

Dass diese Entwicklung nicht auf Portugal beschränkt war, wird deutlich, wenn der Autor den geografischen Fokus seiner Studie mit Beginn des dritten Kapitels auf Kastilien und León ausweitet. Hier widmet er sich nun den Hohen Schulen selbst: Untersucht werden die Schulen von Palencia, Salamanca und – in Form eines kurzen Seitenblicks – Calahorra. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt dabei klar auf der Untersuchung des kastilischen Palencia, und es muss als großes Verdienst dieser Arbeit angesehen werden, dass dem in der Forschung meist stiefmütterlich behandelten Palentiner Studium hier Aufmerksamkeit in der nötigen Breite zuteil wird und vor allem die Zeit vor dem sonst meist genannten Entstehungsdatum von 1208 Berücksichtigung findet, das Fleisch auf 1183 korrigiert (S. 215). Da sich die im Königreich León gelegene Universität Salamanca in der Forschung traditionell weitaus größeren Interesses erfreut, kann Ingo Fleisch bei der Darstellung seines zweiten Untersuchungsfalls den Schwerpunkt neben der Gründungsphase auf einen speziellen Aspekt legen, nämlich auf die intensiven Beziehungen der Hochschule zu Portugal spätestens seit ihrer Reformierung unter Ferdinand III.

Auf portugiesischen Boden selbst kehrt er im Anschluss mit einem eigenen – wenn auch im Vergleich mit Palencia etwas kürzerem – Kapitel zur viel späteren Gründung der Universität Lissabon (1290) zurück. Neben der Illustrierung des Gründungsvorgangs als solchem, seinen Umständen und Förderern, legt er besonderes Augenmerk auf die Rolle dieser Gründung im königlichen Herrschaftsprogramm Portugals. Die mit vielen Schwierigkeiten verbundene Universitätsgründung könnte demnach als Teil der – allerdings nicht zu Ende geführten – Reformprojekte König Dinis gelten, mit denen er unter anderem versuchte, Lissabon als Königsstadt zu stilisieren. Als generelles Fazit der gesamten Untersuchung stellt Fleisch die Bedeutung einer akademischen geprägten Elite heraus, deren interkulturelle Vernetzung die Reiche der Iberischen Halbinsel in einer Phase „bildungsgeschichtlichen Umbruch[s]“ (S. 372) an die europäische Entwicklung anband und auf diese Weise zutiefst prägte.

Angesichts des umfangreichen, für dieses Thema bislang kaum ausgewerteten Quellenmaterials betont Fleisch zu Beginn seiner Untersuchung ausdrücklich, sich auf ediertes Material beschränken zu wollen (S. 11, dass er diese Ankündigung nicht eins zu eins umsetzt, ist eher als Positivum denn als Kritikpunkt zu werten). Er bezieht sich dennoch auf ein beeindruckendes Korpus ganz unterschiedlichen Materials, von Beständen der Universitätsarchive über Konzilsakten, Totenbücher, mittelalterliche Bibliothekskataloge bis hin zur Bologneser Glossenproduktion. Gleichwohl verbleiben für einzelne Fragen notwendigerweise immer noch deutliche Überlieferungslücken. Bei dieser Ausgangslage sieht sich der Verfasser, wie er selbst wiederholt einräumt (vgl. z.B. S. 200, 207), immer wieder zu Spekulationen über seinen Untersuchungsgegenstand genötigt. Das ist als solches nicht zu monieren, ist man doch angesichts dürftiger Quellendichte gerade für das Früh- und Hochmittelalter auf bisweilen sehr weitreichende Interpretationen angewiesen. Gelegentlich nimmt der spekulative Charakter der Ausführungen aber doch Überhand, etwa wenn vermutet wird, dass „zeitweilig eine grenzüberschreitende Bedeutung“ des portugiesischen Santa Cruz de Coimbra zu „erahnen“ sei (S. 112), oder wenn angenommen wird, dass die Stadt Burgos zugleich als neues Jerusalem und als neues Aachen konzipiert war (S. 195). Hier wäre es wohl vorzuziehen gewesen, sich auf die Darstellung dessen zu beschränken, was sich tatsächlich näherliegend aus den zur Verfügung stehenden Quellen rekonstruieren läßt.

Dass die Studie auch dann noch einen deutlichen Erkenntnisgewinn dargestellt hätte, wird aus der großen Zahl der Geistlichen, Rechtsgelehrten und im Umfeld der Hohen Schulen anzusiedelnden Personen deutlich, die hier Erwähnung und – soweit das Material dies irgend zuließ – Identifizierung finden. Für den Leser, der mit der Prosopografie Portugals nicht intim vertraut ist, wäre aber hier bisweilen die Beschränkung auf eine exemplarische Behandlung ausgewählter Individuen noch ertragreicher gewesen, verliert man sich doch bisweilen in der Fülle der Namen und Lebenswege, insbesondere im ersten Kapitel der Arbeit, das die Rechtskultur im mittelalterlichen Portugal behandelt. Dieser Effekt wird noch verstärkt durch gelegentliche Begriffsungenauigkeiten, die das eigentlich durch den prosopografischen und rechtshistorischen Zugang scharf konturierte Bild beeinträchtigen, etwa wenn ohne nähere Erklärung vom „Bürgertum“ (S. 198) und der kastilischen „Hauptstadt“ (S. 188) die Rede ist oder ohne Weiteres eine „imperiale Tradition des leonesisch-kastilischen Kaisertums“ (S. 194) postuliert wird.[1]

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass die Arbeit von Ingo Fleisch eine große Forschungslücke füllt, denn deutschsprachige Literatur zu den mittelalterlichen Universitäten der Iberischen Halbinsel ist nach wie vor sehr dünn gesät; folglich nehmen die Hohen Schulen Kastiliens, Leóns und Portugals in den gängigen Überblickswerken lediglich eine Randstellung ein.[2] Umso erfreulicher ist es, dass die Studie den Blick auf diese von der Forschung vernachlässigte Frühzeit der Universitätsgeschichte lenkt, dabei die Akteure in den Mittelpunkt stellt und die Bedeutung mittelalterlichen „Kulturtransfers“ betont. Durch die hier betriebene Verbindung von Rechts- und Universitätsgeschichte dürfte die Arbeit darüber hinaus für einen weiten Kreis von Historikern beider Forschungsrichtungen von Interesse sein. Auch wenn der Rezensent nicht allen Ergebnissen der Arbeit folgen mag und sich hier und da eine präzisere Argumentation gewünscht hätte, so ist die Studie Fleischs doch in bestem Sinne anregend und macht auch deutlich, wie viel Arbeit auf diesem Feld noch bereitliegt und welch lohnende Ergebnisse die Beschäftigung mit der iberischen Universitätsgeschichte für die Zukunft verspricht.

Anmerkungen:
[1] Hegemoniale Bestrebungen im Sinne einer Vorherrschaft über die (christlichen) Königreiche der Iberischen Halbinsel gab es durchaus, die Selbsttitulierung als imperator findet sich vom 9. bis 12. Jahrhundert wiederholt in den Quellen, und der kastilisch-leonesische König Alfons VII. (1126-1157) verband mit dem Titel wohl auch deutliche imperiale Vorstellungen, blieb damit jedoch eine Ausnahme, so dass von einer klar konturierten Idee von Kaisertum nicht die Rede sein kann; vgl. detailliert Meyer, Bruno, Kastilien, die Staufer und das Imperium. Ein Jahrhundert politischer Kontakte im Zeichen des Kaisertums, Husum 2002, S. 17-24.
[2] Vgl. z.B. Rüegg, Walter (Hrsg.), Geschichte der Universität in Europa. Bd. 1: Mittelalter, München 1993. Eine Ausnahme bildet meist Salamanca.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.07.2008
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