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Titel
Ruhrgebiet - Oberschlesien. Stadt Region Strukturwandel


Herausgeber
Arbeitskreis Ruhrgebiet-Oberschlesien
Erschienen
Anzahl Seiten
367 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Juliane Haubold, Centre Marc Bloch, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Kohle- und Industriereviere Ruhrgebiet und Oberschlesien verbindet nicht nur ihre industrielle Geschichte, sondern auch ein Migrationszusammenhang: Seit dem Aufstieg des Ruhrgebiets zum führenden Industriegebiet des Deutschen Reiches wanderten deutsch- wie polnischsprachige Oberschlesier ins Ruhrgebiet, um dort zu arbeiten (S. 17). Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich im Ruhrgebiet viele von den aus Polen zwangsausgesiedelten „deutschen“ Oberschlesiern sowie spätere Aussiedler aus Oberschlesien an. [1] Die strukturelle Ähnlichkeit der beiden Territorien sowie ihre historischen Verbindungen lassen es sinnvoll erscheinen, sozial-, wirtschafts- und stadthistorische Untersuchungen vergleichend zu unternehmen. Dies versuchte eine Tagung im Bergbaumuseum Zabrze/Hindenburg und in der Schlesischen Bibliothek in Katowice/Kattowitz vom 24.-26. November 2004. Die Tagung beschäftigte sich jedoch nicht nur mit der Vergangenheit der beiden Industrieregionen, sondern auch mit der Frage der Nachnutzung und Bewahrung der schwerindustriellen Anlagen und Gebäude sowie mit dem aktuellen Strukturwandel. Nun liegen die Ergebnisse in einem deutsch-polnischen Sammelband vor. Besonders hervorzuheben ist, dass alle Beiträge deutsch und polnisch abgedruckt sind, so dass die Originaltexte, bei mangelnden sprachlichen Kenntnissen aber auch die Übersetzungen gelesen werden können.

Die Aufsätze lassen sich in drei thematische Blöcke einteilen: Stadt- und Sozialgeschichte, die Debatte um die Deutung der regionalen Geschichte und die Bewahrung der Denkmale sowie der Überblick über den Stand des Strukturwandels. Im einleitenden Überblicksaufsatz arbeitet Klaus Tenfelde im Vergleich von Oberschlesien und Ruhrgebiet den Typus der montanindustriellen Stadt heraus (S. 13-26). Zum einen folgen diese in ihrer Struktur den geologischen Bedingungen, statt einer geplanten Stadt „wuchern“ die Siedlungen, zum anderen wachsen diese Städte durch Zuwanderung und natürliches Familienwachstum besonders schnell (S. 22f.). Die montanindustrielle Stadt ist daher von Brachen und Wachstumsruinen ebenso geprägt wie von großen Industrieanlagen (S. 24). Sozialhistorisch lassen sich also Parallelen erkennen, die die sehr unterschiedliche politische Geschichte der Gebiete überbrückt. Auch im personellen Zusammenhang wäre es möglich, Gemeinsamkeiten zu finden, etwa durch Studien über Unternehmer/ Bergbeamte/ Architekten, die in beiden Industrieregionen arbeiteten (S. 16). Tenfeldes Aufsatz verdeutlicht den Gewinn, den eine vergleichende Perspektive zeitigt. Leider wird das nicht in allen Aufsätzen durchgehalten.

Auch Wilhelm Busch bezieht sich in seinem Text über „Industrieplanungen 1933-1945“ (S. 271-278) auf Oberschlesien und das Ruhrgebiet, da er die Tätigkeit der Industriearchitekten Martin Kremmer und Fritz Schupp nachzeichnet, die in beiden Gebieten für Bauten verantwortlich waren. Leider bleibt Buschs Text eine Skizze, eine weitergehende nähere Betrachtung der politischen Konzeptionen der Nationalsozialisten für das Ruhrgebiet und Oberschlesien bleibt aus. Auch Thomas Parent nimmt beide Territorien in den Blick, da er über eine Ausstellung des Westfälischen Industriemuseums berichtet, die sich mit der Industriekultur in beiden Gebieten beschäftigt hatte (S. 175-185).

Die restlichen Aufsätze beschränken sich jeweils auf Oberschlesien oder das Ruhrgebiet, so dass es den Lesern vorbehalten bleibt, Vergleiche anzustellen. Dabei entsteht, vor allem bei den Artikeln zum Strukturwandel [2], der Eindruck, dass Oberschlesien dem halbwegs erfolgreichen Industrieumbau des Ruhrgebiets nacheifert, aber – bis auf die Einrichtung der Sonderwirtschaftszonen in Katowice, Gliwice und Tychy – keinen eigenen Weg entwickelt hat (S. 301, S. 344 ). Die Instrumente bleiben wie im Ruhrgebiet Infrastrukturförderung, Technologie- und Innovationsentwicklung zur Diversifizierung der Wirtschaft sowie der Versuch, Kompetenz-Cluster zu bilden (S. 344, S. 296f., S. 301f.).

Eine ähnliches Bild ergibt sich auch beim Thema Nachnutzung der schwerindustriellen Anlagen, das von Axel Föhl für das Ruhrgebiet [3] und Eugeniusz Paduch für Oberschlesien [4] bearbeitet wurde. Auch hier scheint das Ruhrgebiet die Folie abzugeben, vor der die Situation in Oberschlesien analysiert und dargestellt wird. So ist es im Ruhrgebiet bereits gelungen, die Anlagen der für die Identität des Ruhrgebiets so bestimmenden Montanindustrie neu zu nutzen und sie als Museen, Forschungseinrichtungen oder auch Hotels und Restaurants weiter existieren zu lassen (S. 143-146). In Oberschlesien ist man sich inzwischen zwar auch der Bedeutung der Industrieanlagen für die kulturelle Identität der Region bewusst, steht aber bei der Rettung der Denkmäler erst am Anfang (S. 171). Ähnlich stellt sich die Situation in Bezug auf die Werkssiedlungen dar, die im Ruhrgebiet, so der Aufsatz von Gabriele Unverfehrt [5], bereits wieder als historisch wertvolle und zugleich attraktive Wohnmöglichkeiten genutzt werden (S. 208), während entsprechende Anlagen in Oberschlesien noch auf ihre Modernisierung und Rettung warten (S. 270).[6]

Eine Stärke des Bandes ist, dass er über den aktuellen Stand der Denkmaldebatten und den Strukturwandel in Oberschlesien und im Ruhrgebiet informiert. Gerade für Oberschlesien sind damit stadt- und siedlungsgeschichtliche Detailinformationen in deutscher Sprache zugänglich. Noch spannender sind allerdings die Texte, die Unterschiede zwischen den beiden Revieren deutlich werden lassen. So wird aus den Aufsätzen von Joanna Rostropowicz [7] und Joachim Diec [8] deutlich, dass es in der Debatte um die Erhaltung von Denkmalen nur vordergründig um die Artefakte geht, eigentlich aber zwischen den verschiedenen Bevölkerungsteilen Oberschlesiens verhandelt wird, wie die Geschichte Oberschlesiens dargestellt werden soll bzw. wie deutsche, polnische und oberschlesische Anteile der Geschichte und Kultur Oberschlesiens gewichtet werden sollen. [9] Diese Debatten hat das Ruhrgebiet, was die Zuwanderung der polnischen und oberschlesischen Arbeiter angeht, schon hinter sich. Hier ist es bereits Konsens anzuerkennen, dass die spezifische Kultur des Ruhrgebiets nicht nur von der industriellen Arbeit, sondern auch durch die Zuwanderung geprägt wurde. [10] Allerdings ist es im Ruhrgebiet die aktuelle Zuwanderung bzw. die Frage der Integration der Migrantenkinder der „dritten“ Generation, die für politischen Zündstoff sorgt. So weist Klaus Peter Strohmeier in seinem Aufsatz über Bevölkerungsrückgang, Segregation und soziale Stadterneuerung im altindustriellen Ballungsraum [11] nach, dass die zunehmende, sozial bedingte Segregation der Bevölkerung im Ruhrgebiet nicht nur sogenannte „Ausländer“ von „Inländern“ trennt, sondern auch „demokratiefreie“ Zonen schafft (S. 78).

Insgesamt ist der Tagungsband vor allem eine Fundgrube an Informationen über Städtebau und die Bewahrung der Industriedenkmale. Es fehlt jedoch eine Einleitung, die die verschiedenen Teile der Tagung stärker miteinander verknüpft und in einen Zusammenhang gebracht und erläutert hätte, was die vergleichende Perspektive als Ergebnis gebracht hat.

Anmerkungen
[1] Vgl. dazu Stefanski, Valentina Maria, Zum Prozess der Emanzipation und Integration von Außenseitern: polnische Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet, Dortmund 1984; Briesen, Detlef (Hrsg.), Migration und Integration als europäische Erfahrung am Beispiel deutscher Metropolen im 19. und 20. Jahrhundert. Die Polen im Ruhrgebiet und in Berlin, Wrocław 1996; Steinert, Johannes Dieter, Vertriebenenverbände in Nordrheinwestfalen 1945-1954, Düsseldorf 1986; Krus-Bonazza, Annette, Einwanderer im Ruhrgebiet 1945-1995, Erfurt 2000; Zigan, Gisa, Chris aus Kattowitz: Von Oberschlesien ins Ruhrgebiet, Dortmund 1995; sowie Klessmann, Christoph, Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870-1945, Göttingen 1978.
[2] Nadrowska, Monika, Entwicklungsmanagement für das oberschlesische Ballungsgebiet – ausgewählte Aspekte, S. 295-302, Goch, Stefan, Nutzen und Probleme des Einsatzes von EU-Mitteln im Strukturwandel: Beispiele aus dem Ruhrgebiet, S. 305-317, Kamiński, Zbigniew, Der Transformationsprozess der Wojewodschaft Schlesien, S. 339-345.
[3] Föhl, Axel, Die Montanindustrie im Ruhrgebiet. Geschichte und Neunutzungsbeispiele, S. 137-148.
[4] Paduch, Eugniusz, Rettung der Technikdenkmäler durch Anpassung, S. 169-174.
[5] Unverfehrt, Gabriele, Bergarbeitersiedlungen im Ruhrgebiet. Historische Entwicklung und Auswirkungen des Strukturwandels, S. 199-208.
[6] Siehe dazu die Aufsätze von Kozina, Irma, Die Entwicklung des Wohnungsbaus in Oberschlesien seit den Anfängen der Industrialisierung, S. 231-242 und von Frużyński, Adam, Entstehung und Entwicklung der Werkssiedlungen in Zabrze/Hindenburg O.S. vom 18. Jahrhundert bis 1939, S. 257-270.
[7] Rostropowicz, Joanna, Zu den Konflikten um die Wertesysteme in Oberschlesien, S. 51-60.
[8] Diec, Joachim, Das oberschlesische Ballungsgebiet als Feld des Zivilisationswandels, S. 115-135.
[9] In Oberschlesien wird diese Debatte öffentlich vor allem über die Krieger- bzw. Aufständischendenkmale geführt. Vgl. dazu Kosmala, Gerard, Rola pomników narodowych dla tożsamośći miesczkańcźów Sląska Opolskiego, in: Haubold-Stolle, Juliane; Linek, Bernard (Hrsg.), Górny Sląsk wyobrażony, Opole 2005, S. 267-288.
[10] Vgl. dazu z.B. die Beschreibung Nordrhein-Westfalens als „Einwanderungsland mit Geschichte“ auf der Internetseite des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Generationen, Familien, Frauen und Integration: http://www.integration.nrw.de/grundlagen/geschichte/index.htm#geschichte (Version vom 27.5.2007).
[11] Strohmeier, Klaus Peter, Bevölkerungsrückgang, Segregation und soziale Stadterneuerung im altindustriellen Ballungsraum, S. 61-78.