M. Stoy: Das Österreichische Institut für Geschichtsforschung 1929-1945

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Titel
Das Österreichische Institut für Geschichtsforschung 1929-1945.


Autor(en)
Stoy, Manfred
Reihe
Mitteilungen des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung, Ergänzungsbd. 50
Erschienen
München 2007: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
423 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karel Hruza, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien

Wer wie Manfred Stoy fast 25 Jahre seines Berufslebens in der zentralen Position des Archivars und Bibliothekars eines historischen Instituts verbracht hat, sammelt ein umfängliches Wissen und ist geradezu prädestiniert, eine „Hausgeschichte“ zu verfassen. Zumeist agiert er dabei aus reiner Innensicht heraus, so dass er Fundamente und Architektur seines Hauses und dessen Bewohner kaum „fundamental“ kritisieren wird. Dieser Aspekt war dem Direktor des 1854 gegründeten, als Ausbildungsstätte vor allem für historische Hilfswissenschaften und Archivkunde weithin anerkannten Wiener „Instituts für Österreichische Geschichtsforschung“ (= IÖG; von 1920-1945 „Österreichisches Institut für Geschichtsforschung“) Karl Brunner durchaus bewusst, da er in dem Vorwort des Buches schreibt, es sei „an der Zeit, […] den nötigen [!] Beitrag zu leisten zur allgemeinen differenzierten Aufarbeitung dieser Jahre und […] sich im Rahmen der denkwürdigen Traditionen des Hauses auch diesem Abschnitt seiner Geschichte zu stellen. […] Es ist, wie häufig, die Enkelgeneration, die sich an die Aufarbeitung macht; wie in einer Familie will dabei nicht so recht Distanziertheit und soll schon gar nicht Selbstgerechtigkeit aufkommen“ (S. 13f.). Und wenn Brunner schließlich „einen gewissen Respekt gegenüber den Menschen, in Geschichte und Gegenwart“ einfordert mit dem Zusatz: „Das gilt auch, wenn Historiker über ihresgleichen urteilen“ (ebd.), so sei hinzugefügt, dass das nicht nur für die Institutsmitglieder, sondern auch für all jene zu gelten hat, die unmittelbar und mittelbar mit dem Institut in Zusammenhang gebracht werden können. All diese Bemerkungen ergeben sich aus dem Umstand, dass die neue Institutsgeschichte nicht nur die faktische NS-Herrschaft 1938-1945 abdeckt, sondern auch das Wirken einiger überzeugter Nationalsozialisten am und um das Institut vor 1938.

Stoy, Institutsmitglied, bis 2003 Leiter der IÖG-Bibliothek und zuvor in derselben Position am Wiener Universitätsinstitut für Osteuropäische Geschichte beschäftigt, übernahm die Aufgabe, eine Fortsetzung und ausführliche Ergänzung der alten Institutsgeschichte Alphons Lhotskys zu erarbeiten.[1] Die grundsätzlich chronologische Darstellung ist sowohl horizontal als auch vertikal gegliedert. Im ersten Teil, so führt der Autor aus, hätten „die einzelnen Studienjahre eine gewisse Priorität, daneben gibt es aber auch thematische Kapitel. Eine rein thematische Gliederung hätte das Problem verursacht, daß viele Einzelfakten vollkommen isoliert geblieben und schwer unterzubringen gewesen wären.“ Stoy will dabei keine reine Institutionengeschichte schreiben, „sondern das Institut in seiner vielfältigen, lebendigen Gesamtheit [...] erfassen, die auch menschliche Aspekte stark berücksichtigt, wie sie sich gerade aus der Korrespondenz von Hirsch und auch aus der Oral History gut darstellen lassen.“ Um einer möglichst lebendigen Schilderung willen, kommen die Personen selbst ausführlich zu Wort: „So kann sich der Leser, selbst wenn ich zu den einzelnen Fakten Kommentare abgebe, besser eine eigene Meinung bilden, ohne das Gefühl zu bekommen, bevormundet zu werden. […] Insgesamt gesehen handelt es sich hier um keine wissenschaftliche Arbeit im engeren Sinne, ich selbst betrachte sie eher als eine Art Erzählung“. (S. 16f.)

Nach zwei längeren Prologen zur Berufung Hans Hirschs nach Wien 1926 und seiner Übernahme der Institutsdirektion 1929 folgt ein drittes, nach Studienjahren unterteiltes Kapitel „Das Institut unter der Direktion Hans Hirschs 1929-1940“. Hierzu gehören auch Abschnitte zu den Institutsfinanzen, der Bibliothek, den „Mitteilungen“ (Publikationsorgan des Instituts) und zu verschiedenen Aspekten der Person Hirschs. Mit 220 Seiten sind diese drei Kapitel der umfänglichste Teil des Buches. Das vierte Kapitel „Das Institut 1940-1945“ untergliedert sich in Abschnitte zur Nachfolge Hirschs, der „Stellung des Instituts im Dritten Reich im Rahmen der Archivarsausbildung 1940-1945“, der Zeit unter der Direktion Otto Brunners 1940-1945 sowie zu den Institutsfinanzen, der Bibliothek, den „Mitteilungen“ und der Person Brunners. Im fünften Kapitel werden wertvolle Kurzbiografien der in den sieben Lehrgängen des Instituts von 1929 bis 1945 ausgebildeten und aufgenommen Institutsmitglieder vorgestellt. Im sechsten Kapitel „Beilagen“ werden drei Briefe abgebildet, es folgen Anlagen und ein Abbildungsteil mit 16 Fotografien.

Stoy versucht, das Institut in seiner Tätigkeit als Forschungs- und Ausbildungsstätte zu beschreiben und sowohl dieses als auch seine Mitglieder in ihren verwaltungsmäßigen, wissenschaftlichen und privaten Innen- und Außenbeziehungen zu erfassen, also etwa die Beziehungen zum Historischen Seminar und zur philosophischen Fakultät der Universität Wien, zur Österreichischen Akademie der Wissenschaften, zu den zuständigen Ministerien in Wien und Berlin, zu den Berufungen, der wissenschaftlichen Tätigkeit der Institutsmitglieder usw. Dies kommt der kaum befriedigend zu leistenden Darstellung eines riesigen, weit gespannten Beziehungsgeflechts gleich, ohne dass der Autor jedoch eine gezielte Netzwerkanalyse bietet. Hier wirkt sich der Umstand, dass Stoy die Institutionengeschichte mit den kurzen Biografien der einflussreichsten Institutsmitglieder miteinander vermengt, eher nachteilig aus. Es wäre – trotz der Gefahr mancher Wiederholung – wohl besser gewesen, die biografischen Angaben zu Hirsch, Brunner, Heinrich Fichtenau, Leo Santifaller und Heinz Zatschek sowie anderen Personen – ähnlich wie bei den neuen Institutsmitgliedern geschehen – in eigenen biografischen Skizzen am Buchende zu konzentrieren und dort auch ihre wissenschaftlichen Leistungen zu dokumentieren. So sind die biographischen Angaben, auch zu Hirsch und Brunner, über fast die ganze Darstellung verteilt. Leider findet sich auch kein ordnendes Resümee, in dem das ausgebreitete Material zu einer wissenschaftsgeschichtlichen Verortung des Instituts zusammengeführt wird, was es dem Leser zusätzlich erschwert, sich ein geschlossenes Bild der Institutsgeschichte zu machen.

Stoy bietet eine überaus detaillierte „Erzählung“ und hat mit großem Arbeitsaufwand etliche Verwaltungsakten, Korrespondenzen und Zeitzeugenberichte (als „Oral History“ deklariert) herangezogen. Das mündet an vielen Stellen, etwa bei der Darstellung von Berufungen oder manchen Verhandlungen mit Berliner Stellen, in eine spannende und farbige Schilderung, während sich der Erzählstrang an anderen Stellen in Sprüngen und nicht immer bedeutenden Einzelheiten verliert. So finden sich beispielsweise etliche Daten zu Reisestipendien, Lehrveranstaltungen, Finanzen usw., die in Tabellen oder einem Anhang besser aufgehoben wären, bis hin zu einer ausführlichen Auflistung der von Hirsch aufgesuchten Gasthäuser in Wien. Ebenso erschöpfend aufgezeigt wird das damalige Bemühen, in ökonomisch ungünstigen Zeiten wissenschaftliche, vor allem der Grundlagenforschung dienende Projekte wie die Monumenta Germaniae Historica, die Regesta Imperii, die Regesta Habsburgica usw. am Institut voranzutreiben, was aber nicht immer zu den erhofften Ergebnissen führte. Diese Bemühungen sind zudem mit den bedeutenden Namen des Instituts nach 1945 verbunden: mit Fichtenau und Santifaller, deren Karrieren im behandelten Zeitraum in Wien begannen.

Nicht folgen kann der Rezensent einigen Bewertungen nationalsozialistischer Tätigkeiten und Orientierungen damaliger Institutsmitglieder. Der Grundsatz „in dubio pro reo“ wird hier allzu weit gedehnt, so dass auch eindeutig aktive Nationalsozialisten wie etwa Wilfried Krallert, Josef Pfitzner, Walter Wache, teilweise auch Paul Heigl oder Taras Borodajkewycz in den 1960er-Jahren, ein sehr mildes Urteil erfahren. Dabei bleibt auch manches „belastende“ Werk unerwähnt.[2] Aus eben diesem Grund ist auch der Abschnitt „Hans Hirsch und die Historiker an der Deutschen Prager Universität“, in dem zuvorderst auf Pfitzner eingegangen wird, wenig überzeugend, zumal hierbei wesentliche Literatur nicht rezipiert wird.[3] Wenn zur Ermordung Moritz Schlicks 1936 angeführt wird, Hirsch hätte diese als „fluchwürdiges Attentat“ bezeichnet, dann reicht der Hinweis, Schlick sei „von einem psychopathischen Studenten ermordet“ worden (S. 130), nicht aus, wenn nicht zugleich erwähnt wird, dass hinter der Tat rechtsextreme und rassistische Motive standen.

Insgesamt führt Stoy genügend Belege an, aus denen die politische Stellung des Instituts herausgeschält werden kann. So waltete Hirsch als fester Mittelpunkt eines Netzwerkes seiner Schüler und unterstützte alle in gleichem Maß. Das führte aber auch dazu, dass er wissentlich für offensichtlich nationalsozialistische Studenten, die in Österreich und der Tschechoslowakei mit Schwierigkeiten rechnen mussten, mit voller Energie eintrat und diese, wo es ging, protegierte. Dieser Haltung entsprach seine der deutsch-völkischen Ausrichtung verpflichtete Vortragstätigkeit. Dass Hirsch schließlich mit den Geistern, die auch er rief, seit dem März 1938 nicht glücklich wurde, kann sein vorangehendes Wirken nicht ungeschehen machen. Auch wird deutlich, wie erfolgreich am IÖG ausgebildete Historiker bei Berufungen im Dritten Reich waren. Und schließlich zeigt sich, dass kaum jemand am IÖG das Dritte Reich als wirklich menschenunwürdige Diktatur empfand. Aber: Es gab auch helfende Hände für politisch und „rassisch“ Verfolgte, denn oft waren die Gruppenbindungen der Lehrgänge und im Haus stärker als normative Eingriffe von außen. Zudem war die Anschlusseuphorie bald verflogen, und seit 1940/41 war es im Institut nicht mehr opportun, lautstark und politisierend als Anhänger des Regimes aufzutreten. Aufgebrochen wurde in jener Zeit die konservative Dominanz der Männer im Institut, da durch den kriegsbedingten Männermangel Frauen endlich in wichtige Positionen aufrücken durften. Wenn Stoy schließlich erwähnt, dass die Institutsbibliothek 1939 unter einem „sichtlichen Bücherschwund“ zu leiden hatte (S. 206), also (auch) ehrenwerte Institutsmitglieder Bücher stahlen, zeigt sich eine menschliche Komponente nur allzu deutlich.

Sind dem Leser von Stoy angeführte Briefe bekannt, zeigt sich, dass seine Paraphrasen der Quelle vielfach nicht angezeigten Zitaten gleichen. Störend ist die pejorative Verwendung einiger Pauschalbegriffe, so spricht Stoy von „Russen“ an Stellen, an denen eindeutig „Sowjetsoldaten“ oder „Sowjets“ stehen müsste (S. 286, 293, 359). Pfitzner sei nach Kriegsende „von den Tschechen hingerichtet“ (S. 225), Konrad Müller 1945 in Prag „von den Tschechen ermordet“ (S. 388) worden. Wörter wie „Führer“ und „Ostmark“ sollten zudem in Anführungszeichen stehen. Mehrere Korrekturgänge haben es offenbar nicht vermocht, der Neigung zu Satzanfängen wie „Was NN betrifft …“ oder „… anbelangt“ entgegen zu steuern sowie verloren gegangene Genitive zu rekonstruieren.

Insgesamt präsentiert Stoy eine überbordende Erzählung über die Geschicke und Wege des Instituts. Dabei bietet er zahllose neue und vielgestaltige Angaben, einen riesigen Steinbruch: „Der zeitgeschichtlichen Einordnung in größere Zusammenhänge und Diskurse steht damit reiches Material zur Verfügung“, wie Karl Brunner anmerkt (S. 13). Großen Wert besitzt das Buch darüber hinaus als sehr seltener Fall einer Institutionengeschichte, die den Biografien der involvierten Personen viel Raum widmet.

Anmerkungen:
[1] Lhotsky, Alphons, Geschichte des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 1854–1954, Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Erg.-Bd. 17, Graz/ Köln 1954.
[2] So das vulgär-antisemitische Werk des Hirsch-Schülers und Protegés: Wache, Walter, Judenfibel. Was jeder vom Weltjudentum wissen muß! Leipzig 1936. Auch das Werk des Hirsch-Schülers Pfitzner, Josef, Kaiser Karl IV., Potsdam 1938, enthält rassistische Argumentationen. Stoys wissenschaftliche und politische Bewertung Pfitzner beruht auf den apologetischen Überlieferungen Emil Franzels, besonders ausgeprägt etwa in dem von Stoy nicht beachteten Nachruf in der „Zeitschrift für Ostforschung“, Bd. 4 (1955), S. 106–108. Zu Pfitzners politischer Tätigkeit siehe zuletzt Šustek, Vojtěch, Bemühungen um die Germanisierung Prags während der NS-Okkupation. Aus den Berichten des Stellvertretenden Primators Josef Pfitzner, in: Glettler, Monika u.a. (Hrsg.). Geteilt, besetzt, beherrscht. Die Tschechoslowakei 1938–1945: Reichsgau Sudetenland, Protektorat Böhmen und Mähren, Slowakei, Essen 2004, S. 53–66.
[3] Verwiesen sei nur auf: Kolář, Pavel, Die Geschichtswissenschaft an der Deutschen Universität Prag 1882–1938: Entwicklung der Lehrkanzeln und Institutionalisierung unter zwei Regimen, in: Lemberg, Hans (Hrsg.), Universitäten in nationaler Konkurrenz. Zur Geschichte der Prager Universitäten im 19. und 20. Jahrhundert, München 2003, S. 85–114; ders., Eine Brutstätte der Volksgeschichte? Überlegungen zur Geschichte der Prager deutschen Historiographie 1918–1938 im Gesamtkontext der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft, in: Brenner, Christiane u.a. (Hrsg.), Geschichtsschreibung zu den böhmischen Ländern im 20. Jahrhundert. Wissenschaftstraditionen – Institutionen – Diskurse, München 2006, S. 109–135. Auch fehlt der wichtige Titel von dems., Fachkontroverse und institutionelles Umfeld in der Geschichtswissenschaft. Die Debatte um die Nachfolge Oswald Redlichs an der Wiener Universität 1929–1931 und die Reorientierung der historischen Hilfswissenschaften, in: Svatoš, Michal u.a. (Hrsg.), Magister noster. Sborník statí věnovaních in memoriam prof. PhDr. Janu Havránkovi, CSc. Festschrift in memoriam Prof. PhDr. Jan Havránek, CSc., Prag 2005, S. 107–124.

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09.08.2007
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