Cover
Titel
A Companion to Byzantine Italy.


Herausgeber
Cosentino, Salvatore
Reihe
Brill's Companions to the Byzantine World (8)
Erschienen
Anzahl Seiten
830 S.
Preis
$ 299.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Becker, Forschungsstelle „Klöster im Hochmittelalter“, Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Die in der Reihe „Brill’s Companions to the Byzantine World“ als achter Band erschienene Publikation bietet nun auch einer englischsprachigen Leserschaft einen lang ersehnten kritischen Überblick über die aktuellen Forschungen zur byzantinischen Herrschaftsperiode in Italien vom 6. bis zum 11. Jahrhundert.[1] 28 Beiträge von ausgewiesenen Spezialist:innen untersuchen auf interdisziplinäre Weise politische, institutionelle, wirtschaftliche, soziale, kulturelle und religiöse Aspekte der italienischen Regionen unter byzantinischer Herrschaft.

Gegliedert in drei Teile – 1. Gesellschaft und Institutionen („Society and Institutions“), 2. Kommunikation, Wirtschaft und Landschaft („Communications, Economy and Landscape“), 3. Kultur und Bildung („Culture and Education“) – bietet der vorliegende Band einen synthetischen Überblick über die Stellung Italiens im Rahmen der byzantinischen Hegemonie und betrachtet auch die Entwicklung der Halbinsel unmittelbar nach dieser Herrschaftsperiode. In der diesen drei Teilen vorangestellten Einleitung von Salvatore Cosentino und Enrico Zanini („Mapping the Memory of Byzantine Italy“, S. 1–25) werden nicht der Entstehungskontext und die Konzeption des Bandes behandelt, sondern der Reichtum an schriftlichen und materiellen Quellen, der das byzantinische Italien des 6.–11. Jahrhunderts auszeichnet, vorgestellt.

Die Beiträge des ersten Teiles nehmen vor allem politische, kirchliche und klösterliche Institutionen im byzantinischen Italien in den Blick und stellen dabei besonders ihre Entwicklung sowie gesellschaftlichen Verflechtungen heraus. Der Herausgeber dieses Bandes, Salvatore Cosentino, liefert direkt die ersten beiden Beiträge zu dieser Sektion: Zunächst skizziert er die politischen Geschicke und soziale Entwicklung des byzantinischen Westens von der Eroberung durch Justinian bis ins ausgehende 10./11. Jahrhundert („Politics and Society“, S. 29–67). Sein zweiter Beitrag („Ecclesiastic Life and Its Institutions“, S. 68–105) ist dem kirchlichen Leben und seinen Institutionen gewidmet, wobei vor allem die verschiedenen Aufgabenbereiche der Bischöfe und Päpste behandelt werden. Direkt daran anschließend untersucht Enrico Morini gegliedert nach geographischen Regionen die verschiedenen Formen des Mönchtums, die in Ravenna, Rom und Süditalien in der byzantinischen Herrschaftsperiode existierten („Monastic Life and Its Institutions“, S. 106–139). Der folgende Beitrag von Vivien Prigent analysiert den Aufbau des byzantinischen Verwaltungsapparates und die wachsende Macht des Militärs in Verwaltungsangelegenheiten zur Sicherung der kaiserlichen Kontrolle über die verbliebenen byzantinischen Gebiete in Süditalien („Byzantine Administration and the Army“, S. 140–168). Die letzten drei Beiträge dieser ersten Sektion sind politischen und gesellschaftlichen Konfliktzonen während und nach der byzantinischen Herrschaftsperiode in Italien gewidmet: Federico Marazzi blickt in den Norden und untersucht Byzantiner und Langobarden („Byzantines and Lombards“, S. 169–199), Annliese Nef hingegen thematisiert den Süden („Byzantium and Islam in Southern Italy“, S. 200–224). Beide Artikel stellen überzeugend heraus, welche zentrale Stellung das Mittelmeer als Kontaktzone zwischen Byzantinern und Langobarden beziehungsweise zwischen Byzanz und dem Islam einnahm, und diskutieren die nachhaltigen Konsequenzen dieser Kulturkontakte auf die Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung. Die erstaunlich schnelle Eingliederung der ehemals griechischen Gemeinschaften in Süditalien in die normannische Lokalverwaltung ist Gegenstand des letzten Beitrages dieser Sektion von Annick Peters-Custot („Greek Communities in Post-Byzantine Italy“, S. 225–251).

Der zweite Teil dieser Publikation stellt die materielle Kultur, wirtschaftliche Aktivitäten sowie die landwirtschaftliche Ressourcennutzung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Der erste Beitrag in dieser Sektion von Denis Sami behandelt anschaulich die enge Wechselwirkung zwischen überregionalen Straßen und Häfen („The Network of Interregional Roads and Harbours“, S. 255–278). Denn die Häfen nahmen durch ihre Fähigkeit, die castra von interregionalen Routen aus zu versorgen, eine wichtige Funktion im Verteidigungssystem für eine effektive Kontrolle des Territoriums ein, von der wiederrum die Erreichbarkeit der Straßen abhing. Jean-Marie Martin (†) untersucht anschließend die ländliche Wirtschaft und die landwirtschaftliche Produktion im byzantinischen Italien, wobei er besonders auf die Rolle des Staates beziehungsweise der Kirche als Großgrundbesitzer eingeht und immer wieder lohnende Vergleiche mit dem restlichen Italien und Europa im 9. bis 11. Jahrhundert zieht („Rural Economy: Organization, Exploitation and Resources“, S. 279–299). Haltbare materielle Artefakte sind Untersuchungsgegenstand der nächsten beiden Beiträge von Enrico Zanini („Non-Agricultural Items: Local Production, Importation and Redistribution“, S. 300–327) und Vivien Prigent („Mints, Coin Production and Circulation“, S. 328–359). Im folgenden Unterkapitel zu Siedlungen und Landschaften („Settlements and Landscape: Regional Morphologies“) werden in acht Beiträgen die geomorphologischen Bedingungen der verschiedenen Regionen des byzantinischen Italiens – einschließlich der Inseln Sizilien, Sardinien und Malta – abgehandelt.

Der letzte Teil widmet sich verschiedenen Aspekten aus den Bereichen Kultur, Bildung und Religion. Vera von Falkenhausen beleuchtet im ersten Beitrag die Anwendung und Entwicklung der griechischen und lateinischen Sprache in den verschiedenen Regionen des byzantinischen Italiens vom 6. bis ins 11. Jahrhundert („Greek and Latin in Byzantine Italy“, S. 541–581). Die Rolle des historischen Gedächtnisses in Schriftquellen anhand von Bischofsbiographien und Hagiographie analysiert im Folgenden Deborah Deliyannis („Bishops, Cities, and Historical Memory in Byzantine Italy“, S. 582–608). Ebenfalls auf hagiographische Zeugnisse stützt sich anschließend Mario Re („Telling the Sanctity in Byzantine Italy“, S. 609–640), die er auf narrative Muster und Erzählstrukturen in den Viten der wichtigsten byzantinischen Heiligen analysiert. Francesco D’Aiuto fragt nach den spezifisch italienisch-byzantinischen Elementen in den Frömmigkeits- und Gebetspraktiken im byzantinischen Italien, die vor allem auf personelle Kontakte sowie auf den Austausch von hagiographischen Texten, Formeln und liturgische Bräuche zurückzuführen sind („Devotion and Prayer in Byzantine Italy“, S. 641–668). Der Beitrag von Massimo Bernabò zur mittelalterlichen Kunst in Italien und Byzanz („Medieval Art in Italy and Byzantium“, S. 669–694) zeigt anschaulich anhand einzelner geographischer Regionen die vielfältigen byzantinischen Einflüsse auf die italienische Kunst zwischen 550 und 1050. Anschließend versucht Isabella Baldini die byzantinischen Elemente im öffentlichen Raum anhand von Monumentalarchitektur und Gebäudetypologien zu fassen („Conceiving Social Space in Byzantine Italy: Monumental Architecture and Buildings Typologies“, S. 695–732). Die abschließenden beiden Beiträge zu dieser Sektion behandeln die Auswirkungen der verschiedenen Kulturkontakte und interkulturellen Vermischung auf die Produktion von Büchern und literarischen Texten (Paola Degni, „Literary and Book Production in Byzantine Italy“, S. 733–759) sowie auf Rechtstexte und Rechtspraxis (Cristina Rognoni, „Legal Texts and Juridical Practice in Byzantine Italy“, S. 760–796).

Insgesamt liefert die vorliegende Publikation einen hervorragenden Überblick über die aktuelle Forschung sowie die einschlägigen Quellen zur byzantinischen Geschichte Italiens und regt zu zahlreichen weiteren Detailstudien an. Eventuell hätte bei der Konzeption des Bandes der Blickwinkel noch stärker auf die Beziehungen zur karolingisch-ottonischen Herrschaft im Reich beziehungsweise auf den Einfluss des byzantinischen Erbes auf die normannische Herrschaft in Süditalien ausgeweitet werden können, wie dies in einigen Beiträgen gewinnbringend umgesetzt wurde. Zahlreiche Karten und Abbildungen sowie ein Namens-, Orts- und Sachregister runden diesen umfangreichen Band ab, dem rege Benutzung zu wünschen ist.

Anmerkung:
[1] Siehe hierzu die bisher vierbändige, in der „Collection de l’École Française de Rome“ erschienene Reihe: Jean-Marie Martin / Annick Peters-Custot / Vivien Prigent (Hrsg.), L’heritage byzantin en Italie (VIIIe - XIIe siècle), Rome 2011–2017, die vor allem an einen italienisch- und französischsprachigen Leserkreis gerichtet ist.