Racial Capitalism: Race als Kategorie der jüngsten U.S. Sozial- und Wirtschaftsgeschichtsschreibung

Jenkins, Destin; Leroy, Justin (Hrsg.): Histories of Racial Capitalism New York, NY 2021: Columbia University Press , ISBN 978-0-231-19075-6, XX, 246 S. $ 24.00.

: Race for Profit. How Banks and the Real Estate Industry Undermined Black Homeownership. Chapel Hill, NC 2019: University of North Carolina Press , ISBN 978-1-4696-5366-2, 349 S. € 17,84.

: Franchise. The Golden Arches in Black America. New York, NY 2021: W.W. Norton & Company , ISBN 978-1-63149-870-1, 336 S. € 19,20.

: The Broken Heart of America. St. Louis and the Violent History of the United States. New York, NY 2020: Basic Books , ISBN 978-0465064267, 528 S. € 23,70.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Logemann, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Die Geschichte des Kapitalismus hat sich seit der Great Recession in den USA zu einem dynamischen Forschungsfeld entwickelt. Vom Aktienhandel als gesellschaftlichem Breitenphänomen über die Kulturgeschichte von Walmart bis hin zur Rolle von Activist Entrepreneurs in neuen sozialen Bewegungen hat die amerikanische Geschichtsschreibung ihr Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen wiederentdeckt. Spätestens seit den Black Lives Matter-Protesten und dem jüngsten Aufflammen gesellschaftlicher Debatten um racial justice in den USA kommt dabei auch der Frage nach der Verwobenheit von Marktstrukturen und rassistischer Ungleichheit eine zentrale Bedeutung zu. Es entbrannte eine intellektuelle Debatte über die Interdependenz von kapitalistischer Wirtschaftsentwicklung und Rassismus in der amerikanischen Geschichte.[1]

Unter dem Schlagwort des Racial Capitalism sind dabei jüngst zahlreiche bemerkenswerte Publikationen zu Aspekten des strukturellen Rassismus in der Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte der Vereinigten Staaten erschienen. Vier dieser Beiträge werden hier exemplarisch besprochen: der Sammelband von Destin Jenkins und Justin Leroy (Hrsg.), Histories of Capitalism, Walter Johnsons Geschichte von St. Louis, The Broken Heart of America, sowie zwei zeithistorische Studien, Keeanga-Yamahtta Taylors Race for Profit und Marcia Chatelains Franchise, die die Förderung von Wohneigentum bzw. Unternehmerschaft von African Americans in Folge der Bürgerrechtsbewegung in den Blick nehmen. Die neuen Arbeiten zu Racial Capitalism gehen dabei weit über die mittlerweile etablierte Debatte zur Bedeutung der Sklaverei für die Ursprünge des industriellen Kapitalismus im 18. und 19. Jahrhundert hinaus; sie liefern Einsichten in strukturelle Verwerfungen von Märkten und Wirtschaft der USA bis in die Gegenwart.[2]

Der programmatische Sammelband Histories of Racial Capitalism von Destin Jenkins und Justin Leroy setzt sich zum Ziel, den Begriff des Racial Capitalism konzeptionell zu schärfen und zugleich die Breite dieses Feldes sowohl in seinen transnationalen und (post)kolonialen Bezügen als auch in seiner zeitlichen Ausdehnung von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart abzustecken. Als Teil der prominenten Reihe „Studies in the History of U.S. Capitalism“ der Columbia University Press will der Band dezidiert an die eingangs erwähnte neue Kapitalismusgeschichte anknüpfen. Allerdings verweisen die Herausgeber in ihrer Einleitung zugleich auf eine deutlich ältere Forschungstradition zum Racial Capitalism, auf die sich auch die meisten Beiträger:innen des Bandes beziehen. Neben Denkern wie W.E.B. Du Bois gehört dazu insbesondere Cedric Robinson, der in seinem 1983 erschienenen Buch Black Marxism den Begriff zuerst prägte.[3] Gleichzeitig knüpfen die Herausgeber an die ebenfalls in den 1980er-Jahren etablierte und Intersektionalität betonende Critical Race Theory (CRT) an, die zuletzt mehrfach Gegenstand politischer Kontroversen war. Kaum umstritten ist die grundlegende Beobachtung der CRT, dass sich auch nach dem (weitgehenden) Ende offener rechtlicher Diskriminierung eine strukturelle Benachteiligung auf der Basis von Race und Ethnizität in vielen Bereichen des amerikanischen Rechtssystems weiterhin fortsetzt. Diese Einsicht, argumentiert der Band, lasse sich auch auf die Wirtschaft übertragen, denn auch nach dem Ende von Rassentrennung und offener Diskriminierung als Konsument:innen oder Arbeitnehmer:innen seien die ökonomischen Bedingungen von African Americans und anderen Minderheiten keineswegs gleich gewesen.

Der Markt war und ist eben nicht „farbenblind“, wie von liberalen Apologet:innen seit den 1970er-Jahren gerne behauptet. Jenkins und Leroy argumentieren vielmehr, dass Kapitalismus und Rassismus in der amerikanischen Geschichte untrennbar miteinander verwoben waren. Erstens trugen kapitalistische Marktdynamiken maßgeblich zur Konstruktion moderner Rassekonzepte bei. Die Kategorie Rasse half, zweitens, wirtschaftliche Ungleichheit zu legitimieren, und Märkte waren, drittens, immer wieder durch Exklusion auf der Grundlage von Race geprägt. Diese Phänomene, so der Herausgeber, zogen sich durch von den Ursprüngen des amerikanischen Kapitalismus in gewalttätiger Landnahme und in Sklavenarbeit, über die Zeit von Rassentrennung und dem Entstehen eines durch rassistische Kategorien geprägten amerikanischen Wohlfahrtsstaats bis in die neo-liberale Post-Civil-Rights-Ära.

Die einzelnen Beiträge des Bandes unterfüttern dieses Bild, wenngleich mit uneinheitlicher Prägnanz. K-Sue Park etwa beleuchtet die Anfänge der Zwangsvollstreckung von Hypotheken in kolonialen Praktiken, die zunächst nur gegenüber Native Americans (nicht aber weißen Siedler:innen) als Handhabe bei Zahlungsverzug Anwendung fand. Destin Jenkins untersucht städtische Schulden in ihrer Beziehung zum Regime der Rassentrennung der Südstaaten nach dem Bürgerkrieg, während der Beitrag von Pedro Regalado den Erfolg von Latinx Banken und Geschäftsleuten in New York seit den 1970er-Jahren anhand sich verschiebender Kategorien von Race und Whiteness erklärt. Kapitel zu indischer unfreier Arbeit im 19. Jahrhundert (Mishal Khan) oder zu kolonialen amerikanischen Arbeitsregimen auf den Philippinen und Hawaii (Allan Lumba) erweitern den Blick einer teilweise sehr U.S.-zentrischen Debatte um transnationale und koloniale Perspektiven. Gleichzeit bleiben etliche Beiträge jedoch stark theorielastig, ohne ihr Konzept empirisch zu konkretisieren – der Begriff Racial Capitalism wird hier so allumfassend, dass er ohne einen Bezug auf konkrete Märkte oder Wirtschaftsprozesse an analytischer Schärfe verliert. Bedauerlich ist auch die geringe Rezeption der bestehenden wirtschaftshistorischen Forschung, die eine quantitative Einordnung der einzelnen Befunde zum Teil erschwert. Gleichwohl gelingt es den Herausgebern und Beiträger:innen, eine große Bandbreite von Themen unter der Forschungsperspektive des Racial Capitalism zusammenzuführen und dabei das Forschungsfeld neu zu umreißen.

Methodisch stellt Walter Johnsons The Broken Heart of America eine Art Gegenentwurf zu Jenkins und Leroys konzeptionellem Band dar, wobei auch er sich explizit in die Forschung zum Racial Capitalism einordnet. Seine Geschichte von St. Louis ist eine narrative und chronologische Tiefenbohrung, die die lange Dauer und Komplexität der Verwobenheit von Race und Capitalism am Beispiel einer Stadt nacherzählen will. Johnson, ein etablierter Historiker der Sklaverei in den Südstaaten, hat seine Heimatstadt St. Louis dabei mit Bedacht als Fallbeispiel gewählt. Nach den Protesten gegen Polizeigewalt im Vorort Ferguson hatte die Black Lives Matter-Bewegung 2014 USA-weit an Bedeutung gewonnen. Johnson will zeigen, welch zentrale Rolle die Stadt in einer durch Rassismus und Gewalt geprägten Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte schon seit dem 19. Jahrhundert gespielt hat.

St. Louis konnte in der Tat lange als das Herz eines wirtschaftlichen Amerikas gelten, das mittlerweile nicht nur als durch Deindustrialisierung „zerbrochen“ erscheint, sondern als schon seit seiner Gründung grundlegend problembehaftet. St. Louis war seit dem frühen 19. Jahrhundert Ausgangspunkt einer imperialen Landnahme im Westen, die wirtschaftliche Erschließung mit der rigorosen militärischen Unterwerfung und weitgehenden Vernichtung der Native Americans verband. Vordenker dieser Expansion wie Thomas Hart Benton zielten auf eine „weiße Besiedlung“ des Kontinents ab und auch die Stadt selbst verstand sich als eine Stadt der Weißen, die freie African Americans ebenso gewaltsam ausschloss wie andere Minderheiten. St. Louis und Missouri spielten eine Schlüsselrolle in den nationalen Konflikten um die Sklaverei, unter anderem der Missouri-Kompromiss und das berüchtigte Dred Scott-Urteil des Obersten Gerichtshofs von 1857, obgleich die Institution hier kaum eine ökonomische Bedeutung hatte. Doch selbst die Gegner:innen der Sklaverei, die „freies Land“ für weiße Siedler:innen forderten, waren, wie Johnson uns erinnert, weitgehend Anhänger:innen eines rassistisch klar hierarchisierten Amerikas.

Entsprechend stellten auch Bürgerkrieg und Emanzipation nicht die entscheidenden Einschnitte in der Geschichte des Racial Capitalism dar, als die sie lange galten. St. Louis‘ Aufstieg zu einer der führenden Industriestädte der USA geschah auf dem Fundament der Rassentrennung und eines geteilten Arbeitsmarkts. Im 20. Jahrhundert war die Geschichte der Stadt geprägt durch den Zuzug von African Americans aus dem Süden sowie durch die stadtplanerische Zementierung der Rassentrennung und das Wachstum von (lange Zeit) ausschließlich weißen Vorstädten. St. Louis wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Sinnbild des Verfalls und der Krise amerikanischer (Industrie-)Städte, nicht zuletzt durch Pruitt-Igoe, eine mit öffentlich Mitteln geförderte riesige Wohnsiedlung. Unterfinanziert und politisch vernachlässigt versank Pruitt-Igoe im Laufe der 1960er-Jahre in Gewalt und Kriminalität und wurde 1972 medienwirksam gesprengt. Es galt konservativen Kritiker:innen seither als Symbol für das vermeintliche Versagen des Sozialstaats und für Narrative von angeblichen Welfare Queens und der Krise der „schwarzen Familie“. Während Weltkonzerne wie Monsanto und McDonell-Douglas weiterhin ihre Hauptsitze in den Vororten von St. Louis hatten, war die Stadt am Ende des Jahrhunderts durch Armut, Ungleichheit und eine weitgehend verfallene Infrastruktur geprägt. Wie in den mehr als 150 Jahren zuvor war es insbesondere die Black Community der Stadt, die die Kosten neuer wirtschaftlicher Entwicklung zu tragen hatte.

Kenner:innen der US-Geschichte werden die groben Linien der Erzählung von The Broken Heart of America vertraut sein. Dennoch birgt Johnsons ungemein lesbar geschriebene Neuinterpretation amerikanischer Gesellschaftsgeschichte immer wieder überraschende sowie aufwühlende und verstörende Details und Einsichten. Wie bei Leroy und Jenkins ist sein Kapitalismusbegriff stellenweise sehr weit gedehnt bzw. ideologisch überformt. Eine zentrale Einsicht seines Buches für das Forschungsfeld liegt jedoch in der Betonung der Konstruktion rassistischer Gegensätze für die Legitimierung einer kapitalistischen Marktordnung gegenüber den weißen Arbeiterschichten. Vom Versprechen „weißer“ Siedlungsmöglichkeiten im 19. Jahrhundert über das Versprechen besserer Jobs bis hin zum Traum vom Wohneigentum in „weißen“ Vorstädten zeichnet sich das Muster eines rassistisch gefärbten (und oft gewaltsamen) Populismus, der offenbar in der Ära Trump seine Fortsetzung gefunden hat. Johnson betont zwar, dass St. Louis auch eine Stadt radikaler Gegenentwürfe zum Racial Capitalism war, etwa als Wahlheimat des deutsche Sozialisten Joseph Wedemeyer, im Generalstreik von 1877 oder in zahlreichen Arbeiter:innen- und Bürgerrechtsprotesten im 20. Jahrhundert. Auch erkennt er die selbständige Handlungsmacht von African Americans und anderen Minderheiten in der Geschichte der Stadt an. Und doch bleiben die Betroffenen letztlich ohnmächtig gegenüber den scheinbar übermächtigen strukturellen Gewalten im Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Der Kampf von African Americans um ökonomische Teilhabe steht im Zentrum der beiden Studien von Taylor und Chatelain. Diese setzen sich mit zwei der zentralen Versprechen des amerikanischen Kapitalismus im 20. Jahrhundert auseinander: der gesellschaftlichen Teilhabe durch Wohneigentum einerseits und den sozialen Aufstiegschancen durch Entrepreneurship andererseits. Seit den 1960er-Jahren verloren rechtliche Hindernisse und offene Diskriminierung zwar an Bedeutung, doch blieben Minderheiten in vieler Hinsicht ökonomisch ausgeschlossen. Die Idee eines Black Capitalism, basierend auf der Integration von African Americans durch den Markt und nicht durch den Wohlfahrtsstaat, erfreute sich insbesondere unter Präsident Nixon zu Beginn der 1970er-Jahre großer Beliebtheit, blieb aber weit hinter ihrer Zielsetzung zurück, wie Taylor und Chatelain zeigen.

Im Immobilienmarkt waren Diskriminierung und Segregation besonders ausgeprägt. Die Geschichte rassistischer Ausschlussmechanismen im Wohnungsmarkt ist ebenso wie die unrühmliche Rolle der Federal Housing Administration (FHA) in deren städtebaulicher Festschreibung wohlbekannt. Neuere Studien lenken den Blick allerdings wieder verstärkt auf die Verantwortung des privaten Immobiliensektors und auf das Zusammenspiel von Staat und Bau- und Finanzindustrie.[4] Taylors Race for Profit setzt genau an dieser Stelle an und analysiert die Fortschreibung eines strukturellen Rassismus im städtischen Wohnungsmarkt auch nach dem Fair Housing Act von 1968 und der Etablierung eines designierten Bundesministeriums für Wohnungsbau und Stadtentwicklung (HUD). Nicht zuletzt durch unzählige Bürgerrechtsproteste und gewalttätige Ausschreitungen hatten die „Urban Crisis“ sowie die katastrophalen Wohnbedingungen in den amerikanischen Innenstädten Ende der 1960er-Jahre breite politische Aufmerksamkeit erfahren. Zugleich galt jedoch der soziale Wohnungsbau wie im Beispiel des beschriebenen Pruitt-Igoe Komplexes bei vielen Zeitgenoss:innen als gescheitert. Richard Nixon hatte bei seinem Wahlsieg 1968 zudem von einer suburbanen Wählerschaft profitiert, die einer Integration der Vorstädte durch Wohnungsbau für Minderheiten feindlich gegenüberstand. Schwarze, die in die expandierenden Suburbs zogen, mussten auch um 1970 Gewalt fürchten.

Der Schlüssel zum Erfolg lag für viele Zeitgenossen hingegen im Markt und in der Beteiligung der privaten Immobilienwirtschaft an einer substantiellen Umgestaltung der bestehenden innerstädtischen „Ghettos“. Investitionsprogramme, Steuerbegünstigungen und insbesondere staatliche Garantien für Hypothekenkredite sollten Großanleger wie die MetLife-Versicherung sowie zahlreiche Bauunternehmer und Kreditinstitute in die krisengeplagten Innenstädte locken. Als Mieter:innen ohne Wahlmöglichkeiten hatten African Americans, wie Taylor eindrücklich beschreibt, mit schlechten Wohnbedingungen und überteuerten Mieten (Black Tax) zu kämpfen. Kernziel des neuen Wohnungsbaus war daher erschwingliches Wohneigentum für Minderheiten, ein Ziel, das zunächst durchaus auch innerhalb der Bürgerrechtsbewegung auf Zustimmung stieß.

Dieses Ziel wurde jedoch selten erreicht und bis heute sind Unterschiede im Wohneigentum ein zentraler Grund für bleibende Vermögensunterschiede innerhalb der USA, dem sogenannten „racial wealth gap“.[5] Taylor beschreibt wie Banken und Immobilienunternehmen die Innenstädte zunehmend als ein profitables Geschäft entdeckenden, zumal der Staat die Risiken weitgehend übernahm. Finanzmarktinnovationen wie Mortgage-backed Securities ermöglichten zudem den Ausbau eines vermeintlich farbenblinden, innerstädtischen subprime Marktes. Sozialhilfeempfänger:innen und andere Haushalte mit geringen Einkommen wurden offensiv für Hypothekenkredite umworben. Doch die verkauften Häuser waren vielfach renovierungsbedürftig oder gar baufällig. Den neuen Eigentümer:innen fehlten oft die nötigen Mittel, um etwa Heizungsanlagen instandzuhalten, und säumigen Zahler:innen drohte die Zwangsversteigerung. Wie schon beim Verfall unterfinanzierter Sozialwohnungsprojekte sahen konservative Kommentator:innen der Zeit diese als ein weiteres Anzeichen für die vermeintliche Unfähigkeit schwarzer Familien (und insbesondere schwarzer Frauen), mit Wohnbesitz verantwortungsvoll umzugehen. African Americans kamen so zu ihrem Wohneigentum, wenn überhaupt, nur um einen sehr hohen Preis, und Taylor spricht sehr treffend von „predatory inclusion“. Bestehende ungleiche Strukturen in Immobilien- und Finanzmärkten machten diese auch im ausgehenden 20. Jahrhundert keineswegs „farbenblind“, sondern zu einem prägnanten Beispiel für die Beständigkeit des Racial Capitalism.

Chatelains Franchise erzählt eine sehr ähnliche Geschichte von „predatory inclusion“ über das Phänomen der Black Entrepreneurship seit den 1960er-Jahren. Das Buch widmet sich der verwobenen Geschichte des Fastfood-Unternehmens McDonald‘s einerseits und von African American Communities andererseits. Chatelain ist insbesondere an der wachsenden Bedeutung afro-amerikanischer (und zumeist männlicher) Franchise-Nehmer:innen interessiert, in denen sich seit den späten 1960er-Jahren die Hoffnung auf eine wachsende schwarze Mittelschicht kristallisierte. Stärker als die anderen hier besprochenen Bücher knüpft Chatelain dabei an die wirtschafts- und unternehmenshistorische Forschung an. Entgegen verbreiteten Vorurteilen hatte die afro-amerikanische Unternehmerschaft eine lange Geschichte, doch (staatliche) Diskriminierung und rassistische Gewalt beschränkten Black Entrepreneurship zumeist auf kleine Unternehmen und Nischenmärkte.[6] Dem sollten im Zuge der Bürgerrechtsbewegung gesellschaftliche Initiativen sowie staatliche Förderung für Minority Businesses, etwa durch die Small Business Administration, entgegenwirken.

Franchise trägt zur Geschichte einer amerikanischen Nachkriegskonsumgesellschaft bei, zu der sich African Americans durch Boykotte und Proteste ihren Zugang erst erkämpfen mussten. Auch McDonald‘s und andere Fastfood-Ketten unterhielten in vielen Städten der USA segregierte Restaurants, die im Laufe der 1960er-Jahre durch Sit-ins und Boykotte integriert wurden. Gleichzeitig entdeckten Großunternehmen African Americans als einen zunehmend zahlungskräftigen Markt, der insbesondere ab den 1970er-Jahren mit gezieltem „Soul Marketing“ umworben wurde.[7] Es ist auch Teil der amerikanischen Kapitalismusgeschichte des 20. Jahrhunderts, dass große Filialunternehmen für Minderheiten teilweise zugänglicher waren als der kleine Laden um die Ecke, der seine ohnehin benachteiligte Klientel häufig durch hohe Preise und minderwertige Qualität ausnutzte.[8] Als viele weiße Geschäftsleute nach den Unruhen der späten 1960er-Jahre die Innenstädte verließen, gehörte McDonald‘s zu den wenigen Unternehmen, die vor Ort blieben.

Die Beziehung zwischen McDonald‘s und der African-American Community, die Chatelain skizziert, blieb dennoch ambivalent und konfliktreich. Das Unternehmen betrieb mehr als nur „Soul Marketing“, sondern erkannte ab den 1970er-Jahren das Engagement im sogenannten Community Outreach als effektive Marketingstrategie unter anderem mit Spenden an Schulen oder lokale Organisationen. African Americans zählten bald zu den verlässlichsten Kund:innen der Fast-Food-Kette, was die innerstädtischen Filialen finanziell attraktiv machte, doch zugleich die ohnehin strukturell bestehenden Gesundheitsprobleme dieser Bevölkerungsgruppe nur verschärfte. Das Buch zeigt zudem wie die schwarzen Franchise-Nehmer:innen in ihren jeweiligen Städten zu prominenten Aushängeschildern einer Black Capitalism-Idee stilisiert wurden, die keineswegs unumstritten war. Kritiker:innen verwiesen auf die größere Breitenwirkung, die einer ernsthaften Integration des allgemeinen Arbeitsmarkts zukommen konnte – hier blieben Minderheiten von Führungs- und Managementpositionen weiterhin meist ausgeschlossen.[9] Auch bei McDonald’s mussten sich African Americans ihren Platz als Kund:innen, als Arbeiter:innen, als Franchise-Nehmer:innen oder als Teil des Managements immer wieder erstreiten. Manche strukturellen Ungleichheiten blieben weiter bestehen, wie Chatelain in einem finalen Kapitel beobachtet, das die Klagen der National Black McDonald‘s Operators Association gegen den Konzern beleuchtet. Immer wieder setzten sich diese gegen eine Benachteiligung in der Franchise-Vergabe gerichtlich zur Wehr. Auch von den immensen Profiten, die in den innerstädtischen Filialen erwirtschaftet wurden, floss am Ende nur ein Bruchteil über Löhne oder Steuern in die unmittelbaren Nachbarschaften zurück.

Dass Unternehmen wie Nike und Burger King heute in ihren Brand Activism-Strategien den Sportler Colin Kaepernick oder die Black Lives Matter-Bewegung medienwirksam unterstützen, zeugt sicherlich von einem grundlegenden Wandel in der amerikanischen Wirtschafts- und Unternehmenskultur seit den 1960er-Jahren. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg von den Civil Rights zu den Silver Rights, also von der rechtlichen zur ökonomischen Integration, den Martin Luther King kurz vor seine Ermordung so vehement eingefordert hatte, auch heute noch keineswegs abgeschlossen ist. Arbeiten wie die von Chatelain und Taylor zeigen auf, wie stark der vermeintlich farbenblinde Markt Minderheiten strukturell benachteiligt. Hierin und in der langen historischen Kontextualisierung der bleibenden und sich zuletzt wieder verstärkenden ökonomischen Ungleichheit liegt eine große Stärke der jüngsten Literatur zum Racial Capitalism.

Zum Teil fehlt diesem Begriff sicherlich eine gewisse analytische Tiefenschärfe und Racial Capitalism bleibt für manche Autor:innen ideologisch stark aufgeladen, wie in Teilen des Bandes von Jenkins und Leroy. Hier wird das Konzept gleichsam allumfassend und verleitet dazu, gesellschaftliche Probleme sämtlich der kapitalistischen Marktordnung zuzuschreiben. Dort hingegen, wo – wie bei Taylor oder Chatelain – auch wirtschafts- und unternehmenshistorische Perspektiven stärker integriert werden, fällt das Urteil zumeist nuancierter aus. Auch wenn Markthandeln und Rassismus in der U.S.-Geschichte nahezu unauflösbar miteinander verbunden waren und sich häufig gegenseitig bedingten, wie Johnson so meisterhaft zeigt, ist der Kapitalismus letztlich wohl nicht zwingend „rassistisch“, wie auch Nancy Fraser in ihrem eingangs zitierten Essay resümiert. Dies mindert aber nicht den heuristischen Wert des Konzepts Racial Capitalism für die Geschichtswissenschaft, das dazu beigetragen hat, Fragen nach der Verschränkung von Wirtschaft und Rassismus auch jenseits der Geschichte der Sklaverei verstärkt in den Blick zu nehmen und Verbindungslinien zwischen dem entstehenden Kapitalismus des 18. und 19. Jahrhunderts in seinen kolonialen und imperialen Ausprägungen bis hin zu liberalen Marktgesellschaften der Gegenwart zu ziehen. Man kann den Arbeiten nur wünschen, dass sie breit rezipiert werden, Anregungen für zukünftige Forschung in der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte geben sowie über die Nordamerikastudien hinaus neue Fragen nach Spielarten eines Racial Capitalism auch in der europäischen und deutschen Geschichte inspirieren.

Anmerkungen:
[1] Siehe z.B. Nancy Fraser, Is Capitalism Necessarily Racist?, Politics / Letters 15 (2019), URL: <http://quarterly.politicsslashletters.org/introduction-to-issue-15/> (28.01.2022), und Matthew Desmond, Tiya Miles, and Mehrsa Baradaran, In Order to Understand the Brutality of American Capitalism, You have to Start on the Plantation, New York Times Magazine, Aug. 14, 2019.
[2] Stellvertretend für zahlreiche Publikationen sei hier verwiesen auf die auch in Deutschland weit rezipierte Studie von Sven Beckert, Empire of Cotton. A Global History, New York 2014. Kritisch dazu Trevor Burnard / Giorgio Riello, Slavery and the New History of Capitalism, in: Journal of Global History 15 (2020), S. 225–244. Für die U.S.-Geschichte jüngst auch Justene Hill Edwards, Unfree Markets. The Slaves' Economy and the Rise of Capitalism in South Carolina, New York 2021.
[3] Cedric Robinson, Black Marxism. The Making of the Black Radical Tradition, Chapel Hill 1983; das Buch hat in jüngster Zeit mehrere Neuauflagen erlebt. Im gleichen Jahr erschien auch Manning Marable, How Capitalism Underdeveloped Black America. Problems in Race, Political Economy and Society, Boston, MA 1983.
[4] Siehe insbesondere Paige Glotzer, How the Suburbs Were Segregated. Developers and the Business of Exclusionary Housing, 1890–1960, New York 2020, für das Beispiel Baltimore. Die jüngst erschienene Dissertation von Destin Jenkins, Bonds of Inequality. Debt and the Making of the American City, Chicago 2021, behandelt die Rolle von Märkten für städtische Anleihen in der Entwicklung struktureller Ungleichheiten in der amerikanischen Stadtentwicklung am Beispiel San Franciscos.
[5] Mehrsa Baradaran, The Color of Money. Black Banks and the Racial Wealth Gap, Cambridge 2019.
[6] Grundlegend Juliet Walker, The History of Black Business in America: Capitalism, Race, Entrepreneurship, Chapel Hill 2009. Für den wichtigen Markt der Beauty Shops siehe Tiffany M. Gill, Beauty Shop Politics. African American Women's Activism in the Beauty Industry, Urbana 2010.
[7] Jason Chamber, Madison Avenue and the Color. Line African Americans in the Advertising Industry, Philadelphia 2011.
[8] Frederick Strudivant (Hrsg.), The Ghetto Marketplace, New York 1969.
[9] Vgl. Jessica Ann Levy, Black Power in the Boardroom: Corporate America, the Sullivan Priciples and the Anti-Apartheid Struggle, Enterprise & Society 21 (2020), S. 170–209. Ihr Buchmanuskript Black Power, Inc. Corporate America, Race, and Empowerment Politics in the U.S. and Africa ist derzeit bei der University of Pennsylvania Press unter Vertrag.