Cover
Titel
Power, Faith, and Fantasy. America in the Middle East: 1776 to the Present


Autor(en)
Oren, Michael B.
Erschienen
Anzahl Seiten
672 S.
Preis
€ 18,87
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manfred Berg, Curt-Engelhorn Lehrstuhl für Amerikanische Geschichte, Historisches Seminar der Universität Heidelberg

Spätestens seit Beginn des gegenwärtigen Jahrzehnts stehen die Beziehungen zwischen den USA und der arabisch-islamischen Welt im Mittelpunkt der internationalen Politik. Entsprechend ist auch das Interesse an der Geschichte dieses überaus schwierigen Verhältnisses gewachsen. Allerdings konzentrieren sich die meisten einschlägigen Publikationen auf die unmittelbare Gegenwart oder allenfalls auf die Zeitgeschichte seit 1945. Mit dem hier zu besprechenden Werk beansprucht der amerikanisch-israelische Historiker Michael B. Oren nun, die erste Synthese vorzulegen, die den gesamten Zeitraum seit der Gründung der Vereinigten Staaten bis in die Gegenwart behandelt. In der Tat nehmen die mehr als eineinhalb Jahrhunderte von den ersten Reisen amerikanischer Abenteurer in den „Orient“ bis zum Zweiten Weltkrieg den weitaus größten Raum ein. Die Geschichte nach 1945, so der Autor, sei dagegen gut erforscht und vielfach abgehandelt worden und werde deshalb nur noch kurz und zusammenfassend dargestellt. Orens Buch wendet sich sowohl an die Geschichtswissenschaft als auch an ein allgemeines Lesepublikum. Wie der Titel des Buches anzeigt, strukturieren drei große Themen die Darstellung: die machtpolitischen und wirtschaftlichen Konflikte und Interessen, die religiösen und ideologischen Ziele der USA und die kulturellen Wahrnehmungsmuster und Stereotypen der Amerikaner. Der Autor betont, es gehe ihm nicht darum, in den aktuellen Kontroversen Partei zu ergreifen oder gar spezifische politische Vorschläge zu machen, sondern mit seinem Buch die Grundlage für ein tieferes historisches Verständnis zu schaffen.

Orens sachlich-deskriptiver Stil kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Buch sehr wohl eine unmissverständliche politische Botschaft hat, die der Autor auf der letzten Seite auch offen ausspricht. Um sich Respekt zu verschaffen und seine Vision friedlicher und fruchtbarer Beziehungen zum Mittleren Osten zu verwirklichen, müsse Amerika seine Macht klug und verantwortlich demonstrieren und seine normativen Prinzipien konsequent, aber zugleich geduldig durchsetzen (S. 604). Oren gehört also keinesfalls zu den „demokratischen Imperialisten“, die den Irakkrieg ideologisch vorzubereiten halfen, sondern plädiert für einen machtgestützten, illusionslosen Realismus, der sich von den romantischen Fantasien vom „Orient“ ebenso verabschiedet wie vom Versuch allzu aufdringlicher religiöser oder weltanschaulicher Missionierung. Für Oren haben die so genannten „Barbary Wars“, die die USA zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen die Maghrebstaaten führten, paradigmatischen Charakter. Schwäche, Nachgeben und die Zahlung von Tributen an erpresserische Piraten und Tyrannen zogen lediglich immer neue Demütigungen und höhere Forderungen nach sich, während militärische Macht und Wagemut den Amerikanern Respekt verschafften. Mit seiner Entscheidung für den Kampf – anstatt die Piraten nach dem europäischen Vorbild zu „verhätscheln“ – habe sich Amerika gegenüber sich selbst und der Welt seines nationalen Charakters versichert (S. 78). Vor allem im Zusammenhang mit der Herausforderung durch den Terrorismus seit den 1970er-Jahren bemüht der Autor immer wieder dieses historische Lehrstück, kritisiert die verschiedenen US-Administrationen aber gerade für ihren nach seiner Auffassung erratischen und illusorischen Kurs gegenüber den Terroristen und die sie stützenden Regime.

Im Hinblick auf das Thema „Faith“ behandelt Oren ausführlich die missionarischen Aktivitäten amerikanischer Protestanten, die ihren Anfang in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen, aber erst ab den 1880er-Jahren größere Ausmaße erreichten. Die protestantische Mission unterlag natürlich strengen Restriktionen und fand bei der Masse der muslimischen Bevölkerung kaum Resonanz. Allerdings trugen amerikanische Schulen und Universitäten nicht unwesentlich zur Verbreitung säkular-nationalistischer Ideen unter den Eliten bei. Im Zusammenhang mit der religiösen Dimension ist besonders interessant, dass Oren die lange Tradition des evangelikalen „Restaurationsglaubens“ aufzeigt, der in letzter Zeit einige Aufmerksamkeit erregt hat, also die biblisch begründete Überzeugung, dass die Rückgabe des „Heiligen Landes“ an die Juden die Voraussetzung für die Wiederkehr Christi sei. Doch obwohl evangelikale Christen auf dieser Grundlage immer wieder für eine prozionistische und proisraelische Politik der USA eintraten, war ihr Einfluss selbst bei Präsidenten, die evangelikalen Denominationen angehörten, sehr gering. Auch Oren hat offenkundig für religiöse Israel-Schwärmerei wenig übrig, sein Plädoyer für eine enge amerikanisch-israelische Allianz gründet sich vielmehr auf die Definition gemeinsamer strategischer Interessen und demokratischer Werte.

Breiten Raum nimmt das dritte Motiv des Buches ein, die Orient-Faszination der Amerikaner, die unablässig zwischen Fantasien von nomadischer Freiheit, Exotik und geheimnisvoller Erotik aus Tausendundeiner Nacht einerseits und abgrundtiefer Verachtung für die vermeintliche Dekadenz, Brutalität und Primitivität der „Orientalen“ andererseits oszillierte. Der Islam wurde dabei zum Inbegriff des „Fremden“, ohne dass sich die amerikanischen Abenteurer, Kaufleute, Söldner, Diplomaten, Forschungsreisenden und Missionare, die das Bild des Mittleren Ostens im 19. Jahrhundert prägten, je ein tieferes Verständnis des Islam und der mittelöstlichen Kulturen erschlossen hätten. Allerdings distanziert sich Oren ausdrücklich vom Orientalismus-Paradigma Edward Saids. Die Orient-Fantasien der Amerikaner sieht er nicht als Ausdruck kolonialistischer Ideologie, sondern als ärgerliches Hindernis für eine realistische Beurteilung der amerikanischen Interessen und Optionen in der Region. Gleichwohl bleibt der Autor über weite Strecken seines Buches selbst einer recht einseitigen und bisweilen durchaus stereotypen Darstellung verhaftet. Das Bild, das er etwa von den maghrebinischen Herrschern zu Zeiten der „Barbary Wars“ zeichnet, unterscheidet sich kaum von dem der amerikanischen Militärs, die gegen die Piratenstaaten ins Feld zogen.

Überhaupt interessiert sich Oren nur wenig für die Perspektive der Osmanen, Türken, Araber und Iraner, für ihre Amerikabilder und ihre Interessen gegenüber den USA, die spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg eine immer wichtigere Rolle in der Region spielten. Das implizite Grundmotiv seiner kritischen Interpretation der US-Mittelostpolitik seit 1945 ist die notorische Undankbarkeit der arabischen Führer gegenüber der amerikanischen Unterstützung des arabischen Nationalismus gegen die europäischen Kolonialmächte und der fortgesetzten Bemühungen um eine Vermittlung im Konflikt mit Israel. Sein Fazit, dass die Amerikaner dem Mittleren Osten und seinen Bevölkerungen ganz überwiegend mit guten Absichten und Wohltätigkeit begegnet seien und historisch bedeutend mehr Nutzen als Schaden gestiftet hätten, werden die meisten amerikanischen Leser gewiss mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen (S. 603). In der arabisch-islamischen Welt wird diesem Urteil allerdings bekanntlich vehement widersprochen. Auch wenn man die gegenteilige Vorstellung, Amerika und der Westen seien für alle Probleme des Mittleren Ostens verantwortlich, nicht teilt, kann der Topos von den fehlgeleiteten guten Absichten als Hauptproblem amerikanischer Mittelostpolitik nicht überzeugen und dementiert in gewisser Hinsicht auch die realistischen Prämissen des Autors. Mehr denn je stehen die USA heute vor dem Dilemma, dass sie ihre wirtschaftlichen und strategischen Interessen in der Region notfalls mit militärischer Gewalt sichern müssen, dass ihre politisch-kulturelle Akzeptanz jedoch nirgendwo auf der Welt so gering ist und sie so gut wie keine prowestlichen und demokratisch legitimierten Bündnispartner finden. Die grandiosen Demokratisierungsvisionen der Washingtoner „Neocons“ haben sich als destruktive Machtfantasien erwiesen. Um diese Einsicht drückt sich Oren am Schluss herum und tröstet seine Leser stattdessen mit der einigermaßen voluntaristischen Hoffnung, dass die Völker der arabisch-islamischen Welt doch noch Amerikas guten Willen erkennen mögen.

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Veröffentlicht am
03.08.2007
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