Titel
Ein Sechsstaatenbürger. Teil II/2: Als deutscher Historiker mit Böhmen verbunden


Autor(en)
Fuchs, Gerhard
Erschienen
Umfang
223 S.
Preis
€ 19,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christiane Brenner, Collegium Carolinum, München

Die Entwicklung der Osteuropaforschung in der DDR ist ein bislang kaum erschlossenes Thema. Während in den letzten Jahren, im Kontext der Auseinandersetzung mit der Geschichte des eigenen Faches, eine ganze Reihe von Sammelbänden zur westdeutschen Ost- und Osteuropaforschung und speziell auch zur historischen Tschechoslowakeiforschung erschienen ist, hat deren ostdeutsches Pendant nur sehr vereinzelt Aufmerksamkeit gefunden.

Umso wertvoller sind biografische Zeugnisse der Vertreter dieser Fachdisziplin in der DDR wie der 2007 erschienene dritte Teilband der Memoiren des Leipziger Historikers Gerhard Fuchs. [1] Fuchs blickt hier auf seine Berufsjahre seit 1953 zurück, die im Wesentlichen zusammenfallen mit dem Auf-, Um- und Ausbau des Faches Osteuropäische Geschichte an den Universitäten der DDR und mit der Abwicklung nach der Wende von 1989 enden, die von Fuchs Kollegen und Schülern kaum einer unbeschadet überstanden hat.

Fuchs Bericht ist ein sehr persönliches Zeugnis, seine Biografie mit ihren Brüchen und dem stark aus dem eigenen Erleben begründeten politischem Engagement doch zugleich für seine Generation charakteristisch: 1928 im westlichen Erzgebirge in eine deutsch-tschechische Familie hineingeboren erlebt Fuchs als Schuljunge die Nazifizierung seines Heimatortes Bleistadt (Oloví), wird zum begeisterten Hitlerjungen und im Krieg als Flakhelfer eingesetzt. Im Herbst 1946 wird die Familie nach Sachsen ausgesiedelt. Der Neubeginn in der SBZ ist überaus schwierig, doch nach verschiedenen Hilfsarbeitertätigkeiten erhält Fuchs die Möglichkeit, in Halle das Abitur nachzuholen. Diese Chance, die auf eine frühe bildungspolitische Offensive der SED zurückgeht – aus dem Volksstudenten-Programm, an dem Fuchs teilnimmt, werden nach Gründung der DDR die Arbeiter- und Bauernfakultäten – prägt seinen weiteren Werdegang und seine politische Entwicklung nachhaltig. Dank verschiedener Stipendien kann der mittellose Umsiedler studieren, nach kurzer Zeit ist er an der Hallenser Universität in zahlreiche Aufgabenfelder eingebunden. Das eigene wissenschaftliche Interesse richtet sich, nach einer Abschlussarbeit zur Reformationsgeschichte, auf die Zeitgeschichte, weil – so der junge Assistent am Lehrstuhl von Leo Stern – diese die Probleme der Gegenwart am besten erklären könne (S. 15). So ist die Wahl des Dissertationsthemas „Tschechische und Deutsche Antifaschisten in der ČSR“ dem aufrichtigen Anliegen geschuldet, ein den alten Topoi von Volkstumskampf und Unterdrückung der Deutschen entgegen-gesetztes Geschichtsbild zu schaffen.

Die Beschäftigung mit der Geschichte der Tschechoslowakei erweist sich aber in der DDR – und das ist der wissenschaftsgeschichtlich interessanteste Aspekt an Fuchs’ Erinnerungen – als durchaus schwieriges Terrain. In den frühen Jahren fehlt es schlicht an Kontakten, an institutionellen Verbindungen und Strukturen, die Studienaufenthalte und Archivbesuche im immerhin befreundeten Ausland ermöglichten. Aber auch nach der Gründung der Historikerkommission zwischen DDR und ČSR im Jahr 1955, der Einrichtung des Leipziger „Instituts für die Geschichte der europäischen Volksdemokratien“ und analoger Forschungsstellen etwa an der neu entstandenen Akademie der Wissenschaften in Prag, gestalten sich Austausch und Zusammenarbeit phasenweise sehr mühsam. Fuchs verortet die Gründe dafür „ganz oben“, also in der Politik der KPTsch und SED. Während die ersten Vorboten der Reform in der Tschechoslowakei bald „kritische und schöpferische Unruhe“ in der dortigen Geschichtswissenschaft hervorrufen (S. 73) und zu einer zunehmend offeneren Auseinandersetzung mit den stalinistischen Paradigmen führen, bewegt sich in der DDR so gut wie nichts.

Diese Auseinanderentwicklung hat für die DDR-Historiker wie auch für Fuchs persönlich empfindliche Folgen: Zum einen lässt das Interesse der Kollegen in der Tschechoslowakei an DDR-Kontakten spürbar nach. Die in der DDR festgeschriebene „nationale Grundkonzeption“ der Geschichte erscheint den tschechoslowakischen Historikern als ebenso inakzeptabel wie die intellektuelle Abschottung gegenüber dem Westen, aber auch der mangelnde Austausch mit den sozialistischen Nachbarländern.

Einen Fortschritt in diese Richtung erhofft sich Fuchs von dem geplanten mehrbändigen „Abriß der Geschichte der europäischen Volksdemokratien“, für deren Länderkapitel auch Mitarbeiter in Polen und der Tschechoslowakei gewonnen werden können. Der „Abriß“, obgleich an den neuralgischen Punkten in der Übersetzung bereits geglättet, gerät für Fuchs zum Stolperstein. Seit 1963 hatte es „an oberster Stelle“ in der DDR (S. 88) Vorbehalte gegenüber der Zusammenarbeit mit tschechischen Wissenschaftlern gegeben, der „Abriß“ scheint diese Befürchtungen nun in vollem Umfang zu bestätigen: Fuchs und seine Mitautoren werden beschuldigt, „revisionistische Positionen von tschechoslowakischen Historikern“ (S. 103) aufgenommen und die Grundthesen der DDR-Historiografie missachtet zu haben. Der Verdacht, am Leipziger Institut habe eine parteifeindliche Gruppe oder Plattform gewirkt, wird laut. Schließlich erhält Fuchs „nur“ eine Bestrafung wegen „parteifeindlichen Verhaltens“ (wird also nicht aus der SED ausgeschlossen), was neben „Bewährungseinsätzen“ eine Degradierung an der Universität und den Ausschluss aus der Historikerkommission bedeutet – und für lange Jahre keine Reise in die Tschechoslowakei.

Ereignisse der großen Politik bestimmen die Entwicklung der folgenden Jahre: Einerseits führt die militärische Niederschlagung des reformsozialistischen Experiments in der Tschechoslowakei dazu, dass die Wissenschaftskontakte mit der DDR zeitweilig praktisch eingestellt werden. Andererseits kommt es in der DDR nach dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker zur Abwendung von einer auf die DDR fixierten Geschichtsschreibung und damit sehr schnell zu einer Aufwertung des Faches „Geschichte der sozialistischen Länder Europas“. Fuchs – seit 1976 Professor – kann die Neugestaltung des Faches an seiner Universität wesentlich mitprägen. Auch in die – inzwischen personell umgestaltete – Historikerkommission kehrt er zurück. Ein gewisses Ungleichgewicht bleibt dieser Kommission jedoch zueigen: Auf Drängen der tschechoslowakischen Sektion findet nur noch alle zwei Jahre eine Konferenz der Kommission statt; und als Mitte der 1980er-Jahre in der UdSSR die Perestrojka beginnt, sind es erneut die Kollegen in der ČSSR, die rasch zu einer weitgehenden Kritik ihres Faches gelangen, während sich die Historiker der DDR vorsichtiger an den Abbau der herrschenden Dogmen machen (S. 169-178).

Das abschließende Kapitel der Memoiren von Gerhard Fuchs „In der Bundesrepublik Deutschland“ spiegelt große Enttäuschung, Desillusionierung und auch die Verletzungen wider, die die kaltschnäuzige Art, in der er und die meisten seiner Kollegen an der Universität „abgewickelt“ wurden, bei ihm hinterlassen haben. Möglicherweise ist es dieses Erlebnis, das andere belastende Situationen im Rückblick in ein vergleichsweise mildes Licht taucht: So etwa die Paranoia, mit der in der DDR auch manche der treusten Staatsdiener überwacht und aufgrund mitunter absurder Indizien als „unzuverlässig“ eingestuft wurden, wie es auch Fuchs in seiner Zeit als Referent im Staatssekretariat für Hochschulwesen in Berlin Ende der 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre geschah, oder das erwähnte Parteiverfahren, das enge Kollegen gegen ihn führten. Sicher ist dieses Urteil aber auch der grundsätzlichen Überzeugung geschuldet, dass die DDR ein lohnendes und viel zu früh verloren gegebenes Projekt war. Fuchs macht daraus, wie aus seiner skeptischen Haltung etwa zum Prager Frühling oder der neuen Bundesrepublik und ihrer Außenpolitik kein Geheimnis.

Man muss sich diesen Einschätzungen und den mitunter etwas schematischen Gegenüberstellungen von Ost und West nicht anschließen, um seine Biografie mit großem Gewinn zu lesen. Auch weil gerade in den beiden Bänden, die die Studien- und Berufsjahre schildern, so vieles enthalten ist, was droht, in Vergessenheit zu geraten, oder im Westen niemals bekannt war: Angefangen von den in den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren durchaus noch bestehenden wissenschaftlichen Kontakten zwischen Ost- und Westdeutschland über die Stimmung unter den Studenten, die den Krieg erlebt hatten und mit großem Ernst an ein „besseres Deutschland“ glaubten, und die berechtigte Irritation über den mangelnden Elitenwechsel im westlichen Deutschland bis hin zu den zahlreichen Informationen über den Alltag eines parteitreuen Wissenschaftlers in der DDR, der auch Aufgaben wie politische Überzeugungsarbeit in West-Berlin, Einsätze in der Produktion und Ordnertätigkeit bei drohenden Unruhen („Beatles fangen“ S. 99) bereit hielt.

Der stärkste Leseeindruck aber bleibt die unauflösbare Verbindung von persönlichem Erleben, politischem Engagement und wissenschaftlichem Interesse. Sie begegnet uns hier in ihrer für die DDR typischen Form – aber ist auch ein Charakteristikum der Generation der um das Jahr 1930 Geborenen, die eine große Zahl explizit politisch denkender Historiker hervorgebracht hat.

Anmerkung:
[1] Vgl. auch die ersten beiden Bände: Gerhard Fuchs, Ein Sechsstaatenbürger, Teil I: Jugend in Böhmen, Leipzig 1998, sowie Teil II/1: Erwachsen in Sachen. Neubeginn 1946-1953, Leipzig 2001.

Zitation
Christiane Brenner: Rezension zu: : Ein Sechsstaatenbürger. Teil II/2: Als deutscher Historiker mit Böhmen verbunden. Leipzig  2007 , in: H-Soz-Kult, 17.12.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10204>.
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17.12.2008
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