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Titel
Denken der Demokratie. Die Soziologie im atlantischen Transfer des Besatzungsregimes. Vier Abhandlungen


Autor(en)
Gerhardt, Uta
Erschienen
Stuttgart 2007: Franz Steiner Verlag
Umfang
357 S.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan-Otmar Hesse, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Die Soziologie im Nachkriegsdeutschland ist seit Jahren Gegenstand der wissenschaftshistorischen Forschung. Nicht zuletzt durch renommierte Soziologen selbst – wie Friedrich Tenbruck und Rainer Lepsius – wurde das Fach schon seit den 1980er-Jahren auf Kontinuitäten und Brüche untersucht.[1] Da Re-Migranten wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und René König in der westdeutschen Soziologie zweifellos eine zentrale Rolle spielten, galt – gleich der Politikwissenschaft – der Einfluss der amerikanischen Besatzungspolitik auf den Wiederaufbau des Faches als unbestreitbar, ebenso wie der Import amerikanischer Wissenschaftstradition. Vehement trug insbesondere Berhard Plé die These eines amerikanischen Imperialismus am Beispiel der Soziologie vor, das Fach sei durch die empiristische Praxis der amerikanischen Social Sciences nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland regelrecht ausgetauscht worden.[2] Diese Interpretation ist durch Carsten Klingemanns Forschungen zur Tradition der deutschen Sozialwissenschaften über die Zäsur 1945 hinweg relativiert worden. Er zeigte, dass keineswegs allein die abstrakt theoretische Soziologie von Arnold Gehlen und Hans Freyer als Erbmasse einer „deutschen Soziologie“ zur Verfügung stand, sondern eine stärker empirische Forschung beispielsweise am Soziographischen Institut Ludwig Neundörfers in Frankfurt oder an der Dortmunder Sozialforschungsstelle unter Wilhelm Brepohl bereits bestand.[3] An diese Debatte schließt nun Uta Gerhardts neues Buch an, das in mancher Hinsicht als die neues Material liefernde Ergänzung des zwei Jahre zuvor erschienenen Buches zur „Soziologie der Stunde Null“ angesehen werden kann.[4]

Auch im jüngsten Buch vertritt Gerhardt die These, dass in der unseligen Kontinuitätsdiskussion die Diskontinuitäten der Soziologie stark vernachlässigt würden und dass der transatlantische Wissenschaftstransfer tatsächlich etwas substanziell Neues in Westdeutschland geschaffen habe, das sie aber nicht pejorativ als „amerikanischen Imperialismus“, sondern vielmehr im positivsten Sinne als Ermöglichung der Demokratie bewertet wissen möchte. Das Buch besteht aus vier hier erstmals publizierten, aber in ihrer Entstehungsgeschichte und ihrem Argumentationszusammenhang eigenständigen Analysen der soziologischen Konzepte, die die alliierte Besatzungspolitik vorbereitet und begleitet haben.

Die spannendste der vier Analysen betrifft im dritten Teil die Survey-Forschung. Sehr schön kann Gerhardt, die in diesem Kapitel mit Alexia Arnold zusammenarbeitete, zeigen, wie die auf den Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung aufbauende, professionelle Umfrageforschung als Analyseinstrument aus der alliierten Militärverwaltung in die westdeutsche Nachkriegssoziologie eindrang und damit einen tatsächlichen Innovationsschub gegenüber den älteren sozialstatistischen Verfahren auslöste, die noch in den 1950er-Jahren vielerorts praktiziert wurden. Experten in der Militärverwaltung und im amerikanischen Geheimdienst hatten Erhebungs- und Auswertungsverfahren der amerikanischen Soziologie der 1930er- und 1940er-Jahre in Westdeutschland angewendet, beispielsweise in Vorbereitung der Währungsreform oder zur Überprüfung von regionalen Einkommensverteilungen. Die „Information Control Division“ häufte dabei ein für breiteste historische Fragestellungen interessantes Material über die Stimmung unter der deutschen Bevölkerung an, das Gerhardt und Arnold in amerikanischen und deutschen Archiven lokalisieren konnten. Im Rahmen einer Umfragestudie über die Lebensverhältnisse in Darmstadt, welche sich an der klassischen Middletown-Studie aus der amerikanischen Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre anlehnte, wurden diese Methoden in wissenschaftliches Terrain überführt und mit der Gründung des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung in Darmstadt 1949 institutionalisiert.

Die erste Analyse widmet sich einem nicht minder spannenden Transfer aus der amerikanischen Sozialwissenschaft in die Besatzungspolitik: dem Begriff der „Re-Education“. Gerhard beschreibt, wie das Buch des Neuropsychologen Richard Brickner aus dem Jahr 1943 einerseits den deutschen Nationalcharakter mit der auf Einzelpersonen gemünzten Psychologie pathologisiert und andererseits die Möglichkeit entwickelt, dass innerhalb dieses kranken Volkes die vielen kranken „Persönlichkeitsteile“ durch die gesunden therapiert werden könnten, woraus sich zwingend der Gedanke der Re-Orientation ergab. Durch die Parallelisierung mit der Praxis der amerikanischen Besatzungsbehörden, Täter und (wenn man so will) schlafende Demokraten in „Black Lists“ und „White Lists“ zu unterteilen, entsteht der Eindruck, die psychologische Sozialwissenschaft habe Entnazifizierung und Re-Education konzeptionell weitgehend bestimmt. Jedenfalls wird in diesem Kapitel sehr deutlich, wie fruchtbar es ist, in der Diskussion der Kontinuitätsfrage nicht von einem unveränderlichen Popanz der „amerikanischen Soziologie“ auszugehen, der dann in Deutschland mehr oder weniger wirkungsvoll implantiert worden ist, sondern einen wechselseitigen Lernprozess zu analysieren. Beide Geschichten, die erste und die dritte, profitieren sehr stark davon, dass Gerhardt stets die Perspektive der amerikanischen Wissenschaft in ihren Analysen mitdenkt.

Demgegenüber ist der zweite Beitrag eine vergleichsweise konventionelle Institutionengeschichte der westdeutschen Soziologie, die hier allerdings mit viel archivalischem Material und in einer ansonsten selten anzutreffenden Vollständigkeit präsentiert wird. Die vierte Analsyse ist schließlich eine zeithistorische Arbeit, die das Material der aus dem Apparat der Militärverwaltung stammenden Surveys, das heißt die so gemessene Veränderung der Einstellung der Deutschen gegenüber der Demokratie beschreibt und auswertet.

Gerhardts Buch ist für alle Historiker der westdeutschen Soziologie ein unverzichtbares Standardwerk. Es füllt Lücken in der Wissenschaftsgeschichte des Faches, beispielsweise durch die Aufarbeitung der Gründungsgeschichte des Darmstädter Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung. Darüber hinaus enthält es viele anregende Gedanken über den Zusammenhang von Institutionengeschichte der Wissenschaft und Wissenschaftsgeschichte im engeren Sinne sowie zahlreiche Anstöße für weitere Forschungen. Schließlich sollten nach der Lektüre des Buches Diskussionen über die „Amerikanisierung“ der deutschen Soziologie, gleich ob von der affirmativen oder der negierenden Position aus, endgültig der Vergangenheit angehören, weil hier deutlich wird, wie sehr sich die amerikanische Soziologie selbst während des Krieges und noch in der Nachkriegszeit in einem Lern- und Veränderungsprozess befand.

Anmerkungen:
[1] König, René; Lepsius, M. Rainer (Hrsg.), Soziologie in Deutschland und Österreich 1918-1945. Köln 1981; Lüschen, Günther (Hrsg.), Die Deutsche Soziologie seit 1945 (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderheft), Köln 1979; Weyer, Johannes, Westdeutsche Soziologie 1945-1960, Berlin 1984. Vgl. auch: Bolte, Karl Martin; Neidhardt, Friedhelm (Hrsg.), Soziologie als Beruf. Erinnerungen westdeutscher Hochschulprofessoren der Nachkriegsgeneration, Baden-Baden 1998.
[2] Plé, Bernhard, Wissenschaft und säkulare Mission. “Amerikanische Sozialwissenschaft” im politischen Sendungsbewußtsein der USA und im geistigen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1990. Vgl. auch: Wagner, Peter. Sozialwissenschaften und Staat. Frankreich, Italien, Deutschland 1870-1980, Frankfurt am Main 1990.
[3] Klingemann, Carsten, Wissenschaftliches Engagement vor und nach 1945. Soziologie im Dritten Reich und in Westdeutschland, in: vom Bruch, Rüdiger; Kaderas, Brigitte (Hrsg.), Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2002, S.409-431, Klingemann, Carsten, Soziologie im Dritten Reich, Baden-Baden 1996.
[4] Gerhardt, Uta, Soziologie der Stunde Null. Zur Gesellschaftskonzeption des amerikanischen Besatzungsregimes 1944-1945/46, Frankfurt am Main 2005.

Zitation
Jan-Otmar Hesse: Rezension zu: : Denken der Demokratie. Die Soziologie im atlantischen Transfer des Besatzungsregimes. Vier Abhandlungen. Stuttgart  2007 , in: H-Soz-Kult, 29.01.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10206>.
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Veröffentlicht am
29.01.2008
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