T. Großbölting u.a. (Hrsg): Kommunismus in der Krise

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Titel
Kommunismus in der Krise. Die Entstalinisierung 1956 und die Folgen


Hrsg. v.
Großbölting, Thomas; Engelmann, Roger; Wentker, Hermann
Erschienen
Göttingen 2008: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
480 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rayk Einax, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Ausgehend von dem deutlichen Weckruf, den die „Geheimrede“ Nikita S. Chruščevs auf dem 20. Parteitag der KPdSU hinterließ, werden die anschließenden Reformmaßnahmen in der UdSSR und im gesamten sowjetischen Einflussbereich Ostmittel- und Osteuropas gemeinhin als „Entstalinisierung“ bezeichnet. Doch bereits seit dem Tode Stalins 1953 hatte es bedeutende politische und wirtschaftliche Kursänderungen in der Sowjetunion gegeben, welche dem so turbulenten Jahr 1956 den Weg ebneten.[1] Dem anzuzeigenden Aufsatzband liegt der Gedanke einer komparativen Analyse der Folgeereignisse in verschiedenen Ostblockstaaten – DDR, Polen, ČSSR, Ungarn und UdSSR – zu Grunde. Die Beiträge behandeln ein breites Themenspektrum, das von den inneren Entwicklungen, internationalen Reaktionen, den Veränderungen der repressiven Strukturen, bis zu intellektuellen Diskursen und den Stabilisierungsstrategien der in die „Entstalinisierungskrise“ geratenden Regime reicht. Das militärische Eingreifen in Ungarn im November 1956 wird als vorläufiger Schlusspunkt gesehen, der drastisch den eng gesteckten Rahmen jeglichen politischen Experimentierens aufzeigte.[2]

Der Band stellt Fragen nach den Unterschieden im Bezug auf die stalinistische Epoche bzw. nach strukturellen Kontinuitäten. Die Autoren befassen sich in teilweise sehr detaillierten Studien mit den inneren Ursachen sowie den transnationalen Verschiedenheiten und Interdependenzen der Krisengeschichte(n). Bei aller Heterogenität der Forschungsgegenstände und der historischen Zugänge sind sich die Verfasser der 22 Aufsätze – darunter zwei englischsprachige – in einem weitgehend einig: Die Entstalinisierung zeigte (unfreiwillig) deutlich die Grenzen der Reformfähigkeit und -willigkeit des kommunistischen Systems auf.

Nach der ausführlichen Einleitung beginnt der erste Abschnitt mit einer von Jan Foitzik verfassten, allgemeinen Charakterisierung der Entstalinisierungskrise in den ostmitteleuropäischen Staaten.[3] Zentrale Begriffe werden hier ebenso kritisch thematisiert wie die Rezeptionsgeschichte der „Geheimrede“ innerhalb der sowjetischen Hegemonialsphäre. Die daran anschließenden Studien nehmen die Entwicklungen von 1956 in diesen Ländern näher unter die Lupe.

Der zweite thematische Block beschäftigt sich mit den über die Region hinausgehenden internationalen Zäsuren. Hervorzuheben ist hier der Beitrag von Thomas Großbölting, der sich mit der großen Relevanz und den weitreichenden Folgen der Entstalinisierung für die westeuropäische Linke – hier in erster Linie die italienische PCI, die französische PCF und die deutsche KPD – befasst.

Teil drei wirft einen Blick auf die Umbrüche im Justiz- und Strafvollzugswesen. Für Andreas Hilger sind die letztlich unzureichenden Maßnahmen in der Sowjetunion seit 1953 ein Indikator für die von vornherein beschränkte Reichweite aller Reformbemühungen. Ideologische Beteuerungen und symbolische Akte waren demnach den machttaktischen Überlegungen der Parteiführung unterlegen. Die stalinistisch tradierten Rechtsnormen jedenfalls wurden nicht grundsätzlich in Zweifel gezogen. Die Strafjustiz blieb auch nach Stalin ein Objekt der politischen Instrumentalisierung. Das Ende der Massenrepressalien bedeutete mitnichten die Blüte des Rechtsstaates. Aber auch in breiten Bevölkerungsschichten regte sich angesichts einer „tiefe[n] Verwurzelung stalinistischer Feindbilder und Handlungspraktiken in der Gesellschaft“ (S. 258) Misstrauen und Ablehnung gegenüber rückkehrenden GULag-Häftlingen. Auch wenn es das Verdienst Chruščevs war, dem Massenterror abzuschwören, stagnierte der Rehabilitierungskurs spätestens Anfang der 1960er-Jahre. „Diese Entwicklungen von Justiz und Sicherheitsapparaten wiederum stehen für die systembedingten Grenzen der Entstalinisierung und damit für die Reformresistenz des sowjetischen Herrschaftsgefüges.“ (S. 273)

Den vierten Teil füllen Studien zur intellektuellen Begleitmusik der Reformepoche. So verdeutlicht z.B. Guntolf Herzberg polemisch am Beispiel der DDR, dass es deren zimperlicher Intelligenz im Jahre 1956 nicht gelungen sei, „durch öffentlich akzeptierte Alternativen das politisch, wissenschaftlich und moralisch diskreditierte Modell des Stalinismus zu überwinden, weil die wenigen Alternativen zu starke Rücksicht auf den Status quo nahmen.“ (S. 370)

Der letzte Themenblock befasst sich mit dem sozialen „Zuckerbrot“ und der zeitgleich einsetzbaren „Peitsche“ in Nachwirkung auf den Schockzustand der kommunistischen Regime Ostmitteleuropas. Christian Sachse zeigt anhand der sukzessiven Ausweitung der Wehrerziehung in der DDR nur eine dieser ambivalenten Facetten.

Die eingangs angeschnittene Frage, ob Entstalinisierung als ein Modernisierungsschub für die Ostblockstaaten oder als gescheitertes Experiment zu betrachten sei, wird im Band fast unisono in der zweiten Lesart abgehandelt. Um ihr Regime wieder zu legitimieren, suchten die politischen Führungen jedoch nach 1956 Zuflucht in populär-nationalen Diskursen. Der DDR blieb da nur, eine besondere Moskau-Treue zu bekunden.

Das vorliegende Sammelwerk ist die Bilanz einer im Oktober 2006 gemeinsamen veranstalteten Konferenz des Instituts für Zeitgeschichte und der Abteilung Bildung und Forschung der Stasi-Unterlagenbehörde. Der Zeitpunkt korrespondiert nicht zufällig mit dem fünfzigjährigen Jahrestag des ungarischen Aufstands vom Herbst 1956.[4] Somit zählt auch das vorliegende Werk zu den zahlreichen zeithistorischen Würdigungen dieses turbulenten Jahres.[5] Im Band macht sich aber ein Übergewicht von DDR- bzw. Deutschlandbezogener Themen bemerkbar. Wenn man mit der angekündigten vergleichenden und transnationalen Perspektive die Subsummierung mehrerer Länderstudien zu einzelnen Abschnitten meint, kann man Versprechen wohl als eingelöst betrachten – doch bleibt festzuhalten, dass die meisten Beiträge Stückwerk und thematisch sehr auf sich beschränkt bleiben. Gleichwohl: der Leser bekommt ein umfangreiches, sachlich zuverlässiges und nützliches Kompendium in die Hände.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Foitzik, Jan, Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953-1956. Vom 17. Juni bis zum ungarischen Volksaufstand. Politische, militärische, soziale und nationale Dimensionen, Paderborn 2001; Hegedűs, András B.; Wilke, Manfred, Satelliten nach Stalins Tod. Der „Neue Kurs“ – 17. Juni 1953 in der DDR – Ungarische Revolution 1956, Berlin 2000; Das Jahr 1956 in Ostmitteleuropa, hrsg. v. Hans Henning Hahn u. Heinrich Olschowsky, Berlin 1996.
[2] Vgl. Timmermann, Heiner; Kiss, Lászlo (Hrsg.), Ungarn 1956: Reaktionen in Ost und West, Berlin 2000.
[3] Vgl. auch Foitzik, Jan, Ostmitteleuropa zwischen 1953 und 1956. Sozialer Hintergrund und politischer Kontext der Entstalinisierungskrise, in: ders., Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa (Anm. 1), S. 21-54.
[4] Zur Fülle der Literatur über den Aufstand siehe zuletzt: Dalos, György, 1956. Der Aufstand in Ungarn, München 2006; Lendvai, Paul, Der Ungarn-Aufstand 1956. Die Revolution und ihre Folgen, München 2006; Kipke, Rüdiger (Hrsg.), Ungarn 1956. Zur Geschichte einer gescheiterten Volkserhebung, Wiesbaden 2006; The 1956 Hungarian Revolution. A History in Documents, Békés, Csaba; Byrne, Malcolm; Rainer, János M. (Hrsg.), Budapest 2002; ferner Klimó, Árpad von, Ungarn seit 1945, Göttingen 2006, S. 24-41.
[5] Fink, Carole; Hadler, Frank; Schramm, Tomasz (Hrsg.), 1956. European and Global Perspectives, Leipzig 2006.

Zitation
Rayk Einax: Rezension zu: Großbölting, Thomas; Engelmann, Roger; Wentker, Hermann (Hrsg.): Kommunismus in der Krise. Die Entstalinisierung 1956 und die Folgen. Göttingen  2008 , in: H-Soz-Kult, 31.07.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10986>.
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Veröffentlicht am
31.07.2008
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