H. Stoecker: Afrikawissenschaften in Berlin von 1919 bis 1945

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Titel
Afrikawissenschaften in Berlin von 1919 bis 1945. Zur Geschichte und Topographie eines wissenschaftlichen Netzwerkes


Autor(en)
Stoecker, Holger
Erschienen
Stuttgart 2008: Franz Steiner Verlag
Umfang
359 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Felix Brahm, Graduiertenkolleg Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs, Universität Rostock

Holger Stoecker hat eine faszinierende Monographie zur Geschichte der Berliner Afrikawissenschaften vorgelegt. Das Buch stellt die leicht überarbeitete und ergänzte Fassung der Dissertationsschrift des Historikers und Afrikawissenschaftlers dar, die im Februar 2006 von der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin angenommen wurde.

Eine kritische Geschichtsschreibung der Afrikawissenschaften steckt nach wie vor in den Anfängen. Bislang erfolgte eine Historisierung zumeist entlang einzelner Disziplinen oder Institutionen. Eine Herangehensweise in disziplinären oder institutionellen Grenzlinien wäre jedoch für den Untersuchungszeitraum vom Ende des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, den Holger Stoecker in seiner Arbeit umspannt, problematisch. Denn zum einen, dies zeigt die Studie mit dem Fokus auf das Berliner Fallbeispiel, befand sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit Afrika erst in einer Phase der akademischen Etablierung und Verfachlichung. Zum anderen scheint gerade eine disziplinär nicht festgelegte wissenschaftliche Beschäftigung mit Afrika charakteristisch gewesen zu sein. Zwar – so die Hauptthese Stoeckers – professionalisierte und akademisierte sich das Feld der Afrikawissenschaften in der Weimarer Zeit, wozu nach Stoecker gerade der Verlust der Kolonien beitrug, da so der breite Praxisbezug wegfiel. Im Rahmen der NS-Expansionsplanung erhielt allerdings erneut eine disziplinär polyzentrische „Kolonialwissenschaft“ Aufschwung. Inwieweit gerade über die Beschäftigung mit Außereuropa disziplinäre Grenzlinien außer Kraft gesetzt wurden, und welche Folgen dies auch für andere Wissenschaftsfelder hatte, wird Gegenstand weiterer Untersuchungen sein müssen.

Eine weitere These erfährt durch die Arbeit Stoeckers wesentliche Stärkung, und zwar die Annahme, dass wir nicht allein von national geprägten Kolonial- beziehungsweise Afrikawissenschaften ausgehen können, sondern diese im Untersuchungszeitrum gleichwohl als ein europäisch-nordamerikanisches Projekt begreifen müssen. Obwohl Stoeckers Ansatz nicht komparativ angelegt ist und sich im Kern auf die Berliner Wissenschaftslandschaft bezieht, wird dies dadurch deutlich, dass er die scientific community als ein Netzwerk untersucht, indem sich die Akteure zwar durchaus national verorteten und abgrenzten, aber oftmals gleichzeitig Teil inter- und transnationaler Netzwerke wie dem International African Institute oder der Mission waren. Insgesamt tritt eine „Dopplung von professionellem und nationalem Stolz“ (S. 312) der beteiligten Wissenschaftler zu Tage.

Nach einer kurzen Einführung in die Problemstellung umreißt Holger Stoecker in Kapitel 2 die Standortspezifika des Berliner Untersuchungsraumes, institutionelle Verankerungen der scientific community und skizziert sowohl außenpolitische Rahmenbedingungen als auch wissenschaftlichen Paradigmen im Feld der Afrikawissenschaften.

Im dritten Kapitel, das den „universitären Afrikawissenschaften in Berlin 1919-1945“ gewidmet ist, wird zunächst die Geschichte des Seminars für Orientalische Sprachen (SOS) und der Weg zu dem schließlich der SS unterstellten Deutschen Auslandswissenschaftlichen Institut beleuchtet, wobei deutlich wird, dass Afrika durchgängig einen regionalen Schwerpunkt in der Lehre und Forschung bildete. Sehr verdienstvoll ist, dass Stoecker hier nicht nur in Biographien deutscher Wissenschaftler einführt, sondern mit erheblichem Aufwand Biographien, Arbeits- und Lebensbedingungen sowie wissenschaftliche und politische (durchaus unterschiedlich gelagerte) Aktivitäten der afrikanischen Dozenten am Seminar rekonstruiert. Die in der Regel sehr gut ausgebildeten Dozenten schwarzer Hautfarbe waren gegenüber allen anderen „Lehrgehilfen“ finanziell benachteiligt, was zwar auf heftige Kritik bis hin zu Gerichtsverfahren der Betroffenen stieß, aber an der diskriminierenden Situation auch über die politische Zäsur 1918/19 nichts änderte. Indes profitierten die deutschen Wissenschaftler erheblich vom Fachwissen der Dozenten afrikanischer Herkunft. Das koloniale Verhältnis blieb gewahrt und manifestierte sich überdies in der Chancenlosigkeit auf einen Aufstieg und in der Festlegung auf die Rolle als „Anschauungsobjekt“. Für die NS-Zeit wird anhand der aufgezeigten Biographien zudem die zunehmende rassistische Verfolgung und Entrechtung deutlich, wobei das persönliche Schicksal stark vom Verhältnis zum vorgesetzten deutschen Dozenten abhängen konnte. Diese interessierten sich allerdings, das wird für den gesamten Untersuchungszeitraum deutlich, kaum für das persönliche Schicksal der afrikanischen Lehrkräfte.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die afrikanistische Forschung und Lehre in Berlin trotz des Verlustes der Kolonien und auch trotz der stets geringen Hörerzahl fortgeführt, wobei der „breite kolonialrevisionistische Konsens der deutschen Nachkriegspolitik und eine fest etablierte Koloniallobby, welche die Afrikanistik in Berlin als international anerkanntes Insignum einer ‚erfolgreichen’ deutschen Kolonialpolitik unbedingt erhalten wollte“ (S. 69), anfangs die entscheidende Rolle spielte. Der Prozess der Akademisierung und Professionalisierung der Afrikanistik als „Orchideenfach“ wird am Beispiel der Schaffung des Ordinariats für Diedrich Westermann an der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität 1925 verfolgt. In der Untersuchung der Studienschwerpunkte geht Holger Stoecker detaillierter auf die „Lautforschung“ (Phonetik) ein, die in Berlin einen wichtigen Teil der afrikanistischen Forschung bildete und mit dem Institut für Lautforschung auch ein institutionelles Standbein bot. Während beider Weltkriege wurden Sprachaufnahmen mit afrikanischen Kriegsgefangenen in Deutschland beziehungsweise Frankreich durchführt. Ein bemerkenswertes Detail erscheint mir hier die in einem zitierten Bericht deutlich werdende ablehnende Haltung westafrikanischer Kriegsgefangener in Südfrankreich, den deutschen Wissenschaftlern eine von ihnen als antiquiert und antimodern empfundene „Trommelsprache“ vorzuführen. Dieses Detail offenbart die ganze Diskrepanz der Selbst- und Fremdwahrnehmungen, die europäische Festlegung auf „Rückständigkeit“ und das vorwiegende europäische wissenschaftliche Interesse an einer „Ursprünglichkeit“ Afrikas.

In Kapitel 4 sondiert Holger Stoecker nationale und internationale Förderkontexte der Berliner Afrikawissenschaften. Zunächst geht er im nationalen Rahmen auf die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft/Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bis zum Kriegsbeginn 1939 ein. Er stellt den erheblichen Einfluss der Fachausschüsse und des begutachtenden Referenten auf die Antragsverfahren heraus. Für die Afrikawissenschaften war im wesentlichen der Fachausschuss für „Anthropologie, Völkerkunde, Volkskunde, Vorgeschichte, Eingeborenensprachen“ zuständig, wobei sich in der disziplinären Zuteilung wiederum die kognitive Aufteilung der Welt in moderne und vormoderne Kulturen widerspiegelt. Völkerkundliche und linguistische Anträge bildeten einen deutlichen Schwerpunkt der Anträge mit Bezug zu Afrika. Als gängige Argumentationsstrategien der Antragsteller finden sich Hinweise auf einen Erkenntnisgewinn für das „deutsche (koloniale) Interesse“ (S. 159) sowie auf die Anstrengungen der Kolonialmächte. Studien, die sich regional auf die ehemaligen deutschen Kolonien bezogen, scheinen eher Aussicht auf eine positive Begutachtung gehabt zu haben, als Anträge mit anderen regionalen Bezugnahmen. Im zweiten Unterkapitel geht Stoecker auf das bislang wissenschaftshistorisch kaum untersuchte, 1926 mit Sitz in London gegründete International African Institute (IAI) ein. Mit einem britischen Präsidenten und je einem französischen und einem deutschen Ko-Direktor sowie der Förderung durch die Rockefeller Foundation bildet das IAI ein prägnantes Beispiel für die Internationalisierung der Afrikawissenschaften im europäisch-nordamerikanischen Raum in dieser Zeit. Besondere Bedeutung gewann das IAI in Bezug auf Berlin in Hinblick auf die (begrenzte und umkämpfte) Verbreitung des funktionalistischen Ansatzes der social anthropology und der anwendungsbezogenen Untersuchung eines „cultural change“ in Afrika. Stoecker fördert hier darüber hinaus einen äußerst interessanten, bisher unbekannten Fall zu Tage: 1932 bewarb sich erstmals ein afrikanischer Bewerber um ein Stipendium des IAI. Es handelte sich um keinen anderen als Benjamin Nnamdi Azikiwe, den späteren ersten Staatspräsidenten des unabhängigen Nigerias. Während der Executive Council des IAI zunächst entschied, dem Kandidaten ein Stipendium zu gewähren, wurde dies nach einer sich nun internen entfaltenden, prinzipiellen Debatte um die Förderung von Antragstellern aus Afrika für eine Forschung in Afrika rückgängig gemacht. Diedrich Westermann, der deutsche Ko-Direktor des IAI, leitete die Rücknahme der Entscheidung ein. Stoecker sieht das IAI hier zu Recht an einem Scheideweg, der in der Folge in Richtung der paternalistischen, kolonialen und überheblichen Mehrheitsmeinung eingeschlagen wurde.

Im fünften Kapitel, „Die Berliner Afrikawissenschaften und das politische Umfeld“ stellt Stoecker zunächst prägnant „zwei Antworten auf die ‚koloniale Frage’“ von Berliner Wissenschaftlern in der Weimarer Republik gegenüber, und zwar den Versuch der Ehrenrettung der Kolonialwissenschaft und ihrer Verdienste um eine „Erschließung“ und „Zivilisierung“ Afrikas auf der einen Seite (Westermann) und das Aufzeigen einer Perspektive zur Dekolonisierung als zeitgemäße Aufgabe, vertreten von dem Wirtschaftswissenschaftler Moritz Julius Bonn. Nicht zuletzt durch die politische und rassistische Verfolgung, Vertreibung und Emigration wurde die hier noch durchschimmernde Pluralität von Ansätzen – allerdings durch mangelnde Kommunikationsräume zwischen den Fachgebieten und politischen Lagern bereits zuvor voneinander isoliert – in der Zeit des Nationalsozialismus, die Stoecker im Anschluss thematisiert, zerstört.

Im sechsten Kapitel, „Die Berliner Afrikawissenschaften im Zweiten Weltkrieg“, wird der kurzzeitige Aufstieg der Afrikawissenschaften zur Großforschung im Zuge der NS-Expansionspolitik dargelegt. Insgesamt wird die aktive Anpassung der wissenschaftlichen Arbeit seitens der Wissenschaftler an politische und militärische Interessenlagen deutlich, beispielsweise im kurzzeitigen Fokus auf Bevölkerungs- und „Rassefragen“ Nordafrikas. Die Aufgabe akademischer Kontrollmechanismen und die Durchsetzung des „Führerprinzips“ in forschungsfördernden Institutionen wie der Preußischen Akademie der Wissenschaften und der Notgemeinschaft/DFG stärkte einzelne anerkannte Autoritäten wie Dietrich Westermann und „Konjunkturritter“ wie den Historiker Egmont Zechlin, boten aber auch gewisse Spielräume, da Ergebnisse der Forschungsarbeiten wenig kontrolliert wurden. In der bisherigen Wissenschaftshistoriographie zur NS-Zeit wurde bisher kaum berücksichtigt, dass es sich bei der in den ersten Kriegsjahren rasch aufgezogenen Kolonialwissenschaftlichen Abteilung (KWA) des Reichsforschungsrates um eines der größten Wissenschaftsorganisationen im Nationalsozialismus mit einem immensem Mittelfluss handelte. Die erhebliche Aktivität im Rahmen der der KWA stand ganz im Zeichen der Naherwartung einer erneuten Kolonialherrschaft in Afrika. Da Forschungsreisen nach Afrika jedoch kaum möglich waren, wurden die Arbeiten hauptsächlich in heimischen Bibliotheken, Archiven und Museen durchgeführt.

Der abschließende Exkurs zu Otto Schulz-Kampfhenkel zeigt eindrücklich eine Karriere im Grenzbereich des wissenschaftlichen Feldes auf. Schulz-Kampfhenkel gelang es erfolgreich, ohne jemals wissenschaftlich zu publizieren, sich als männlicher Abenteurer und wissenschaftlicher Erforscher der „Wildnis“ Lateinamerikas und Afrikas zu präsentieren und die Exotik in Film-, Buch- oder Objektform zu verkaufen (wobei er sowohl für Museen sammelte, als auch für den Verkauf im Warenhaus). Seine fortgesetzte Karriere in der NS-Zeit legt die Möglichkeiten einer militärisch angebundenen Auslandsforschung dar und bietet ein weiteres Beispiel eines „nahtlosen Wechsel[s] vom ‚Kolonialraum’ Afrika in die von Deutschland okkupierten Gebiete Europas“ (S. 306).

Schade ist, dass jeweilige Ausblicke Stoeckers auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sehr knapp ausfallen, da sich die Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten über den politischen Zäsurpunkt 1945 aufdrängt. Wünschenswert wären nach meinem Empfinden auch deutlichere Stellungnahmen seitens des Autors gewesen. So fällt etwa eine zurückhaltende Beurteilung des Verhaltens Westermanns auf, die beispielsweise im genannten „Fall Azikiwe“ unangebracht erscheint.
Noch einmal deutlich zu betonen ist, dass die ihren Gegenstand umfassend beleuchtende Arbeit in ihrer Bedeutung für die Historiographie der Afrikawissenschaften nicht nur weit über den Berliner Rahmen herausreicht, sondern auch für die Wissenschaftsgeschichte der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus insgesamt einen wichtigen Beitrag leistet.

Zitation
Felix Brahm: Rezension zu: : Afrikawissenschaften in Berlin von 1919 bis 1945. Zur Geschichte und Topographie eines wissenschaftlichen Netzwerkes. Stuttgart  2008 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 03.04.2009, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-11582>.
Redaktion
Veröffentlicht am
03.04.2009
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