Sammelrezension: Geisteswissenschaften und NS

Weisbrod, Bernd (Hrsg.): Akademische Vergangenheitspolitik. Beiträge zur Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit. Göttingen : Wallstein Verlag  2002 ISBN 3-89244-595-8, 288 S. € 30,00.

Hausmann, Frank-Rutger (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945. München : Oldenbourg Verlag  2002 ISBN 3-486-56639-3, XXV, 373 S. € 64,80.

: Propheten des deutschen Nationalismus. Theologen, Historiker und Nationalökonomen (1848-1880). Frankfurt am Main : Campus Verlag  2001 ISBN 3-593-36731-9, 449 S. € 51,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manfred Hettling, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

In den letzten Jahren beschäftigen sich immer mehr Wissenschaften mit den Beziehungen ihres Faches und ihrer Fachvertreter zum Nationalsozialismus sowie dem Agieren der Akademiker im Dritten Reich. Institutionelle, intellektuelle und personelle Verbindungen werden ebenso untersucht wie die vielfältigen Formen der Neukonstituierung der Wissenschaftslandschaft nach 1945. In der Öffentlichkeit werden immer noch die 'investigativen' Varianten dieser Art von Wissenschaftsgeschichte am schnellsten gehört und am meisten verbreitet. Doch hat sich der intellektuelle Reiz des Auffindens brauner Vergangenheiten inzwischen ziemlich erschöpft. Wer die Illusion nicht teilt, sich von der nationalsozialistischen Vergangenheit ganz und gar säubern und aus der deutschen Geschichte aussteigen zu können, fängt an dieser Stelle mit den Fragen eigentlich erst an.

Denn völlig unabhängig vom Nationalsozialismus ist damit das prinzipielle Problem aufgeworfen, welche Verflechtungen und Bedingtheiten zwischen Wissenschaft und Politik bestehen. So leicht man sich darauf verständigen kann, weder dem naiven Trugschluss einer vermeintlich nur auf Faktizität ausgerichteten objektiven Wissenschaft noch der wissenschaftlichen Umsetzung politischer Vorgaben anzuhängen, so schwierig ist es doch, die Relation zwischen Politik und Wissenschaft im Einzelfall genauer zu bestimmen.

In der Tradition der akademischen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts war der Bezug zur politischen Gegenwart und zu politischen Werten selbstverständlich und wurde keineswegs als Widerlegung des eigenen Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit verstanden. Diese Verbindung untersucht Hedda Gramley am Beispiel der Idee der Nation und des Nationalismus. Welche Rolle kam der Nation zu in den Äußerungen von Professoren? Sie konzentriert sich auf drei Fächer (Geschichte, Theologie, Nationalökonomie) zwischen der Jahrhundertmitte und der zweiten Reichsgründung, also die Hochzeit der Nationalbewegung und die Nationalstaatsgründung. Ausgewählt hat sie Personen, die drei Kriterien erfüllen mussten. Sie mussten:
- Ordinarius sein, d.h. institutionell akzeptiert sein;
- prominent sein, d.h. einer Öffentlichkeit außerhalb des Faches an sich bekannt sein;
- national argumentieren, d.h. die Nation musste für sie einen zentralen Bezugspunkt darstellen.

Derartige Auswahlmodi sind nicht völlig stringent, es ergibt sich hieraus die Tendenz, die 'politischen Professoren' - jene, die sich öffentlich zu politischen Fragen äußern - zu privilegieren. Hieraus ergibt sich ein Sample von rund 30 Professoren, die konfessionell, regional und nach 'Schulen' hinreichend diversifiziert sind, um damit Aussagen über die Fächer insgesamt vornehmen zu können.

Gramley geht es nicht um die Frage, warum jemand national argumentiert - noch weniger darum, dass jemand national argumentiert - "sondern vielmehr warum und in welcher historischen Situation die Untersuchungsgruppe auf nationale Deutungsmuster zurückgriff und welche Rückschlüsse sich daraus auf die Interessen, Bedürfnisse und kollektiven Orientierungen der Gruppe ziehen lassen" (S. 14). Methodisch lehnt sie sich in ihrer Untersuchung an die neue, konstruktivistische Nationalismusforschung von Anderson, Gellner etwa an, die wie Weber ("Gemeinsamkeitsglauben") und andere auch schon jeden Essentialismus in Bezug auf die Nation ablehnen. Diesen Konstruktivismus verbindet sie mit modernisierungstheoretischen Überlegungen zur Funktion des Nationalismus. Ausführlich bezieht sie sich auf die Mentalitätsforschung. Wenn Nationalismus als "ideologisches System von bewussten und unbewussten Wertvorstellungen" (S. 21) untersucht werden soll, ist das plausibel. Ob der Mentalitätsbegriff hier wirklich hilfreich ist - das kann man indes auch anders sehen. Denn wenn die Mentalität "den Deutungsrahmen für den Nationalismus" bildet und sich im sozialen Handeln widerspiegelt, setzt sie mehr voraus, als sie einlösen kann. Das soziale Handeln der Professoren wird nicht umfassend untersucht; vor allem aber wird 'Mentalität' damit ein so großer Erklärungsanspruch aufgebürdet, der schwerlich einlösbar ist. Insbesondere müssten dann nicht nur Äußerungen zur Nation untersucht werden; nur dann könnte potenziell ein mentaler Deutungsrahmen ausgelotet werden, der den Wert der Nation strukturiert und seine Verwendung geprägt haben könnte.

Doch unbeschadet dieser Skepsis gegenüber dem beanspruchten theoretischen Bezugsrahmen überzeugt die Arbeit durch die detaillierte und präzise Analyse der einzelnen Texte. Es tritt klar hervor, dass die Nation als Leitidee einerseits integrierend wirkte, zugleich aber auch Binnendifferenzierungen ermöglichte. Die Nation verkörperte die Hoffnung auf Einheit - doch wie diese Einheit hergestellt werden sollte, darüber gab es sehr wohl konkurrierende Ansichten. Gramley zeigt deutlich, in welchem Maße das Christentum als einheitsstiftender Wert für die Nation angesehen wurde. Darin waren sich nicht nur die verschiedenen Fächer, nicht nur Liberale und Konservative, sondern auch Protestanten und Katholiken einig. Diese religiös-christliche Fundierung der Nation wird nach wie vor meist übersehen. In dem Maße, wie keine Integration durch die Leitidee Nation gelang, wurden Divergenzen überwölbende Figuren wie etwa das "nationale Königtum" der Hohenzollernmonarchie attraktiv. Das Kaiserreich war, könnte man deshalb sagen, nicht nur verfassungsrechtlich durch einen 'dilatorischen Herrschaftskompromiss' (Wolfgang J. Mommsen) geprägt, sondern ideell durch eine 'dilatorische nationale Einheit' bestimmt.

Die politischen Differenzen, die es zweifellos gab - man denke etwa an den Streit über die inneren Reformen, der sich an den 'Kathedersozialisten' entzündete -, wurden indes weniger als Spannung zwischen Wissenschaft und Politik wahrgenommen, denn als wissenschaftliche Konflikte. Man kann vermuten, dass eine vorwissenschaftliche Gemeinsamkeit als Bildungsbürger und Professoren hier zum Tragen kam.

Verkörperte die 'Nation' als Leitidee für Wissenschaftler im 19. Jahrhundert zwar eine immense politische Herausforderung, so wurde sie doch kaum als intellektuelle oder lebensweltliche wahrgenommen. Im Gegensatz hierzu präsentierte sich der Nationalsozialismus als eine fundamentale gesellschaftliche und politische Alternative, trat er mit dem Anspruch nicht nur der politischen, sondern auch der gesellschaftlichen und intellektuellen Revolution an. Dass dieser Anspruch bereitwillig Resonanz finden konnte, auch in Kreisen die man nicht per se als nationalsozialistisch bezeichnen mag, veranschaulicht und erklärt Otto G. Oexle in einem brillanten Aufriss.[1] Im Blick auf die Wissenschaftler wird deutlich, dass Kriegsniederlage und Staatszertrümmerung nach 1918 nicht nur eine politische Krise darstellten, sondern auch gerade deshalb zu einer fundamentalen Verunsicherung führten, weil die gewohnten Weltbilder ihre Deutungskraft verloren hatten. Oexle analysiert das, indem er die zeitgenössischen Beschreibungen einer "Krise der Wirklichkeit" und das Suchen nach "neuer Wirklichkeit" beschreibt. Die breite Akzeptanz findende Ablehnung einer rationalen Wissenschaft und die Sehnsucht nach neuer Orientierung begünstigte das Einlassen auf den Nationalsozialismus. Auch wenn nicht jeder etwa Franks "Kämpfende Wissenschaft" goutieren mochte, so verband doch die Suche nach einer neuen Wissenschaft, die Wissenschaft und Leben verbinden und nicht mehr 'intellektualistisch' sein sollte. Das Einfallstor für eine Politisierung und Instrumentalisierung der Wissenschaft war damit weit geöffnet.

Was Oexle als allgemeine Bedingung für den Erfolg schildert, die der Nationalsozialismus bei Wissenschaftlern erzielen konnte, das präsentiert Hausmann in dem von ihm herausgebenden Band im Anschluss an Oexles Überblick und der von Lothar Mertens unternommenen Darstellung der "Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft" in den ersten Jahren nach 1933 nach Fächern ausdifferenziert. Konzentriert auf elf Geisteswissenschaften (Sportwissenschaft wird auch darunter summiert) wird in den Einzelbeiträgen vorgestellt, wie sich Wissenschaften und Wissenschaftler auf den Nationalsozialismus einließen. Je nach den vorliegenden Vorarbeiten für die einzelnen Fächer fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus, nicht immer sind systematische und bilanzierende Überblicke möglich. Strikt vergleichende Analysen lassen sich erst kaum vornehmen. Die Fächer unterscheiden sich zwar in ihrer quantitativen Dimension und in ihrer universitären Etablierung, doch tritt der ubiquitäre Prozess der Ausgrenzung und Vertreibung einerseits und der Affinität, Anbiederung und Anpassung andrerseits deutlich hervor. Die 'Reinigung' von unerwünschten Personen konnte bis zu einem Drittel der Wissenschaftler aus dem Land treiben: 60 von 180 habilitierten Philosophen und fünf von 15 Psychologieprofessoren (Hans-Joachim Dahms, S. 198; Mitchell Ash, S. 238) verdeutlichen, dass einzelne Wissenschaften in erheblichem Maße betroffen waren. In der Geschichte wurden 26 Lehrstühle aus politischen und 'rassischen' Gründen neu besetzt, das waren 18 Prozent aller Lehrstühle (Jürgen Elvert, S. 112). Von den im Amt verbliebenen kooperierten etwa 40 Prozent offen mit dem Nationalsozialismus, das Verhalten von ebenfalls etwa 40 % lasse sich, so Elvert, als Arrangement bezeichnen. Für viele der kleineren Fächer fehlen derartige Überblicksangaben, einerseits steckt die Fachgeschichte der nationalsozialistischen Zeit oft noch in den Anfängen, andrerseits sind bei den kleinen Fallzahlen prozentuale Angaben begrenzt sinnvoll. Als eindeutiger 'Fachgewinner' entpuppt sich, wie leicht zu vermuten, die Ur- und Frühgeschichte. 1933 verfügte das Fach über sieben Lehrstühle, 1942 über 25 (Wolfgang Pape, S. 352). Hier findet sich eine "ausgeprägte Affinität zum Nationalsozialismus" (S. 352), ebenso scheinen Ausgrenzungen aus politischen oder rassischen Gründen keine Rolle zu spielen. Dainat weist - für die Germanistik - zu Recht darauf hin, dass es irreführend wäre, nur auf die Professorenstellen zu blicken. Denn in vielen Fächern hatten Juden, Linke und Liberale auch vor 1933 wenig Chancen, Lehrstühle zu ergattern (S. 76). Deshalb müssten Fächerüberblicke eigentlich versuchen, die wissenschaftlich Tätigen insgesamt zu erfassen, was jedoch in vielen Fällen kaum möglich sein dürfte.[2]

Zu den Verlierern zählt, etwas überraschend, die Germanistik. Wie der Autor in einem überzeugenden Beitrag darlegt, hatte der Deutschunterricht davon profitiert, dass seit der Kulturkritik des späten 19. Jahrhunderts nach und nach Nationalbildung den Neuhumanismus als Leitwert abgelöst hatte. Diese bildungspolitische Grundsatzentscheidung begünstigte die Ausbreitung der Literaturwissenschaft innerhalb der Philosophischen Fakultät, wertete den Deutschunterricht in der Schule auf - und verhinderte doch nicht die Bedeutungsverringerung des Faches nach 1933. Die Stellen an den Universitäten sanken um 20 Prozent, die Studierendenzahlen um 80 Prozent - von 5361 (1931) auf 1049 (1938).

Durch die intensive Diskussion der letzten Jahre wird immer deutlicher, dass ein Blick, der sich nur auf die Zeit von 1933 bis 1945 richtet, vereinfacht. in jüngster Zeit ist wiederholt darauf hingewiesen worden, dass nur im langen Bogen jene Veränderungsprozesse erfasst werden können, die einerseits den Nationalsozialismus möglich gemacht haben und die andrerseits zur erfolgreichen Distanzierung von ihm geführt haben.[3] Erst wenn Nazifizierung und Entnazifizierung als langfristige Umwandlungen verstanden und untersucht werden, wird die Politisierung von Wissenschaft im Nationalsozialismus hinreichend analysiert werden können.

Der von Bernd Weisbrod herausgegebene Band zur "Akademischen Vergangenheitspolitik" konzentriert sich zwar auf die Nachkriegszeit, doch erläutert Weisbrod in seiner Einleitung präzise das Problem der Transformation von Wissenschaft. Nach 1945 ging und geht es nur vordergründig um die Frage, ob jemand in der Partei war oder braun war. Reduzierte man die Problemstellung darauf, bleibt man in einem Enthüllungsgestus stecken, der zwar noch immer Aufmerksamkeit findet - man denke an die jüngsten Beispiele wie Walter Jens oder Fritz Fischer - aber letztlich langweilig ist und intellektuell unergiebig. Lohnender ist die Frage nach jener wissenschaftlichen "Selbstmobilisierung" in einem erstaunlich offenen System des Reputationswettkampfes und der Ressourcenallokation (S. 18). Weisbrod ist hierin nur zuzustimmen. Weder die Frage nach persönlichem Opportunismus noch jene nach einem wie auch immer zu verstehenden Teufelspakt kann jene wissenschaftlichen Transformationen erhellen, die sich im Nationalsozialismus vollzogen. Weisbrod erwähnt Hans Mommsens viel zitierten Auftritt in Frankfurt 1998: in der "technokratischen Überformung des historischen Denkens", so Mommsen, "damit in der Verfügbarmachung historischer Inhalte, liegt der eigentliche Einbruch nationalsozialistischer Mentalität" (S. 18). Deshalb auch konnten sich viele Wissenschaftler den Nationalsozialismus selber zunutze machen. das Verhältnis von Wissenschaft und Nationalsozialismus war deshalb oft ein "prekäres Arrangement auf Gegenseitigkeit" (S. 21).

Das stimmt, doch ist diese Diagnose unvollständig, berücksichtigt man nicht jene "Krise der Wirklichkeit", die Otto G. Oexle im Band von Hausmann beschrieben hat. Die Krise des Historismus, die Troeltsch bereits in den 1920er-Jahren beschrieben und analysiert hat, die Auflösung des tradierten Wissenschaftsverständnisses und damit die Erosion von Wissenschaft als Sinnträger war die Bedingung für die von Hans Mommsen erwähnte technokratische Überformung. Erst durch die Krise der Wirklichkeit konnte 'Wollen' an die Stelle von Wissenschaft treten. Darin lag explizit das Angebot der "kämpfenden Wissenschaft", mit dem Krieck, Frank und viele andere das von Max Weber 1917 skizzierte Modell von "Wissenschaft als Beruf" ablehnten und Wissenschaft für politische Zwecke verfügbar machten. Blendet man diese tiefer liegende Krise der Wissenschaft aus, dann entgeht dem Blick auch, dass es nach 1945 eben nicht nur darum ging, Nazis aus der Wissenschaft zu entfernen, sondern - weit schwieriger und tiefer greifend - ein neues Fundament für Wissenschaftlichkeit zu gewinnen.

Weisbrod argumentiert - in Anlehnung an Mitchell Ash -, dass erst die "gleichzeitige Entflechtung von Wissenschaft und Wissenschaftlern aus ihren früheren kollaborativen Verhältnissen und ihre Neuverflechtung in andere politische Verhältnisse" die Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit ausgemacht habe (S. 31). Zu kurz griffen deshalb nach 1945 jene Versuche wissenschaftlicher Neubegründung, die ihr Heil in vermeintlich unpolitischer Sachlichkeit, im Ehrgefühl des einzelnen Wissenschaftlers suchten. Daraus war in den 1920er-Jahren die Krise der Wissenschaft mit entstanden. Der "Gestus des Neubeginns" (Carola Dietze, S. 90), der nach 1945 gefordert und förderlich war, bedeutete insofern mehr als nur ein neues demokratisches Mäntlein, das man sich umhängen konnte. Nur wer sich wirklich auf diesen Neubeginn einließ, konnte langfristig erfolgreich in der Wissenschaft bleiben. Jene, die sich dem versagten, wie etwa viele der alten Volkstumsforscher, überlebten zwar in vielen Fällen in Nischen, rutschten aber sukzessive aus der akademischen Öffentlichkeit an den Rand. Und umgekehrt waren jene erfolgreich wie Werner Conze, die an methodische Grundlagen der 30er-Jahre anknüpfen konnten, diese aber unter dem Stichwort der Sozialgeschichte vorsichtig adaptieren und vor allem als neu und als mit der westlichen Tradition als kompatibel darstellen konnten (Thomas Etzemüller). Dem entspricht auch, dass es sich ein Remigrant wie Helmuth Plessner zwar leisten konnte, auf den Gestus des Neuanfangs zu verzichten; denn politisch verdächtig wurde er dadurch nicht. Doch blieb er in der Wissenschaftslandschaft lange Zeit ein Außenseiter, gerade weil ihm der forsche Auftritt des Neuerers fehlte (Carola Dietze). Sein später Erfolg kann deshalb vermutlich auch als Indiz dafür genommen werden, dass sich spezifische Konstellationen der Nachkriegszeit verflüchtigt haben.

Der Band bietet Studien, die sowohl Fachgruppen untersuchen, als auch auf Einzelpersonen - Plessner, Nohl (Kai Arne Linnemann), Heidegger (Daniel Morat) und andere - ausgerichtet sind. Daneben wird vor allem der institutionelle Umgang mit der eigenen Fachvergangenheit untersucht: für die Sprach- und Literaturwissenschaft als Disziplin (Gerhard Kaiser/Matthias Krell), für die Kaiser-Wilhelm/Max-Planck-Gesellschaft als Wissenschaftsorganisation (Carola Sachse), für die Naturwissenschaften am Beispiel der Physik (Mark Walker). Als detaillierte Analyse einer Transformation fachwissenschaftlicher Kategorien und Methoden wird der Band abgeschlossen durch einen Beitrag über den Wissenschaftswandel in der westdeutschen Psychiatrie (Svenja Goltermann).

Zweierlei ist in der Bilanz der drei Bände besonders hervorzuheben. Einerseits greift ein Blick zu kurz, der das Verhältnis von Wissenschaft und Politik auf einseitige Beeinflussungen oder Affinitäten reduzierte. Auch für das Verhältnis von Geisteswissenschaften und Nationalsozialismus wäre das zu einseitig. Sowohl die Bereitschaft vieler Bürgerlicher und Gebildeter, sich mit dem Nationalsozialismus zu verflechten, lassen sich dadurch nicht hinreichend erfassen, als auch die prinzipielle Wissenschaftsdistanz des Nationalsozialismus mit berücksichtigen. Andrerseits ist das Problem ja nicht aus der Welt, wie Wissenschaft und Politik sich zueinander verhalten, wenn sich Wissenschaft in der politischen Ordnung der Demokratie befindet. Auch dann entgeht der Wissenschaftler nicht der "Beziehung der Wirklichkeit auf Wertideen".[4] Das offen zu legen ohne sich gleichzeitig in naive Faktengläubigkeit oder in einen kulturellen Relativismus zu flüchten, bleibt eine Herausforderung.

Anmerkungen:
[1] Oexle, Otto G., "Wirklichkeit" - "Krise der Wirklichkeit" - "Neue Wirklichkeit". Deutungsmuster und Paradigmenkämpfe in der deutschen Wissenschaft vor und nach 1933, in: Hausmann, Frank-Rutger (Hg.), Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945, München 2002, S. 1-20.
[2] Umso verdienstvoller und aufschlussreicher ist der Beitrag von Hans-Joachim Dahms, der das für die Philosophie versucht.
[3] Vgl. etwa Rusinek, Bernd-A., 'Westforschungs'-Traditionen nach 1945, in: Dietz, Burkhard (Hg.), Griff nach dem Westen. Die "Westforschung" der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960), in 2 Bde., Münster 2003, S. 1141-1204; Blänkner, Reinhard, Nach der Volksgeschichte. Otto Brunners Konzept einer 'europäischen Sozialgeschichte', in: Hettling, Manfred (Hg.), Volksgeschichten in der europäischen Zwischenkriegszeit, Göttingen 2003, S. 326-66.
[4] Weber, Max, Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis (1904), in: Ders., Wissenschaftslehre, Tübingen 1988, S. 176.

Zitation
Manfred Hettling: Rezension zu: Weisbrod, Bernd (Hrsg.): Akademische Vergangenheitspolitik. Beiträge zur Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit. Göttingen  2002 / Hausmann, Frank-Rutger (Hrsg.): Die Rolle der Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933-1945. München  2002 / : Propheten des deutschen Nationalismus. Theologen, Historiker und Nationalökonomen (1848-1880). Frankfurt am Main  2001 , in: H-Soz-Kult, 06.03.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1570>.
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06.03.2004
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