K. Pfützner: Designing for Socialist Need

Cover
Titel
Designing for Socialist Need. Industrial Design Practice in the German Democratic Republic


Autor(en)
Pfützner, Katharina
Erschienen
London 2017: Routledge
Umfang
XVII, 263 S.
Preis
£ 115.00; € 122,74
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Ludwig, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Erstmals seit dreißig Jahren gibt es wieder eine Gesamtübersicht über die Gestaltung industrieller Konsumgüter in der DDR. Nach Heinz Hirdinas noch in der DDR erschienenem Band „Gestalten für die Serie“[1] sind zwar einige sich an ein allgemeines Publikum richtende Bildbände, Kataloge und Lexika erschienen[2], zu einer neueren Gesamteinschätzung ist es jedoch bislang nicht gekommen. Das seit den 1980er-Jahren formulierte Fazit lautete: In der DDR wurde eine staatliche Designpolitik durch die Einrichtung von Hoch- und Fachschulstudiengängen in den 1950er-Jahren eingeführt, professionalisiert und schrittweise auch in die Industrie implementiert, die Industrieformgestalter waren dem Funktionalismus verpflichtet, einer Langlebigkeit der Produkte und einer Orientierung auf den Gebrauch durch möglichst viele Konsument/innen. Nicht Distinktion, sondern Nützlichkeit innerhalb der existierenden Gesellschaft stand im Fokus.

Dieser Einschätzung schließt sich auch Pfützner in ihrer Arbeit an, erweitert die bislang vor allem aus der Perspektive der Design-„Community“ formulierte Interpretation jedoch durch eine historische und eine aktuelle Perspektive. Mit Bezug auf die historiographische Analyse der DDR als einer komplexen Gesellschaft[3], die sich hinter der uniform erscheinenden Fassade einer Diktatur zeige, interessiert sie sich für Handlungsmöglichkeiten und -grenzen der Formgestalter innerhalb des planwirtschaftlichen und kulturpolitischen Systems. Zudem schlägt sie vor, das Produktdesign der DDR aus der Perspektive der aktuellen Debatte um ein „sustainable design“ neu zu betrachten. Es wird in ihrer Analyse durchweg deutlich, dass in der Nachhaltigkeit der Produktkultur ihr Interesse liegt.

Pfützners Arbeit gliedert sich in drei Teile. Einleitend werden die gemeinsamen Ziele des sich in den 1950er-Jahren herausbildenden Berufsstandes professioneller Industriedesigner sowie die staatliche Implementierung eines Systems von Ausbildung und Einsatzgebieten in der staatlichen Industrie behandelt. Ein zweiter Abschnitt behandelt die in der dominierenden Designphilosophie entwickelten Ansätze von Funktionalität, Nachhaltigkeit und komplexen Lösungsansätzen, und in einem dritten Kapitel werden die Konfliktlinien zwischen Designern und staatlicher Politik nachgezeichnet, insbesondere die Schwierigkeiten, professionelles Design in der industriellen Produktion und im Handel durchzusetzen. Pfützner identifiziert dabei drei zeitliche Phasen: In einer ersten, bis Mitte der 1950er-Jahre reichenden, werden die Ausbildungsstätten für ein Industriedesign geschaffen und es kommt zu kulturpolitischen Auseinandersetzungen mit der SED. Anders als in der Literatur und in der Architektur kann das Diktat eines auf „nationaler Tradition“ beruhenden „sozialistischen Realismus“ hier allerdings nicht durchgesetzt werden: Die Imitation des Handwerklichen lässt sich auf eine industrielle Produktion schlichtweg nicht anwenden und der Konflikt verebbt, ohne dass die grundlegende Kritik an der als kosmopolitisch und daher westlich interpretierten funktionalen Moderne seitens der Kulturbürokratie aufgegeben worden wäre. Eine zweite Phase der Entwicklung des DDR-Industriedesigns wird durch dessen Durchsetzung in der Praxis bestimmt und betrifft die späten 1950er- und die 1960er-Jahre. Die ersten Absolventen der künstlerischen Hochschulen in Berlin-Weißensee, Weimar und Halle-Burg Giebichenstein werden beruflich tätig, aus dem staatlichen, noch kunsthandwerklich orientierten Institut für angewandte Kunst wird das (Zentral-)Institut für Formgestaltung, in dem unter anderem Musterentwürfe funktionalen Industriedesigns entwickelt werden. Ebenso integrieren erste Industriezweige Formgestaltung in die Entwicklungsarbeit an neuen Konsumgütern. Hinter allem steht die Orientierung der SED nach dem V. Parteitag 1958 auf den Nachweis der Überlegenheit des Sozialismus durch Lebensstandard. Eine dritte Phase identifiziert Pfützner für die 1970er- und 1980er-Jahre, die durch widersprüchliche Prozesse charakterisiert gewesen seien: Einerseits habe Industriedesign einen gleichsam staatlichen Charakter angenommen, indem das vormalige Institut für Formgestaltung als Amt für industrielle Formgestaltung als verpflichtende Prüfinstanz Teil des zentralen Regierungsapparats wurde und damit auch politischen Einfluss erhielt. Andererseits habe sich ein professionelles Design in der Industrie nicht durchsetzen können und sei den wirtschaftlichen Prioritätensetzungen der Honecker-Zeit unterlegen gewesen. Pfützner charakterisiert dies als Niedergangsphase, hervorgerufen durch abnehmende Innovationskraft und mangelnde Investitionsfähigkeit sowie eine handelspolitische Orientierung auf einen apostrophierten Massengeschmack.

In der Tat sind gut gestaltete Konsumgüter, und das macht Pfützner in ihrem abschließenden Kapitel deutlich, innerhalb der Warenwelt der DDR und auch des Exportprogramms selten. Die Handschrift einer funktionalen Moderne, die in den 1960er-Jahren in Publikationen deutlich geworden war, ging verloren, auch weil viele Neuentwicklungen nicht in die Produktion übernommen wurden. Man wird diesem Befund nicht widersprechen können, jedoch kann Pfützners gleichsam kulturpessimistische Sicht aus Historikerperspektive als Erklärungsansatz nicht genügen. Dies liegt zum einen an der designgeschichtlichen Perspektive, die, auch wenn die Verfasserin explizit sich nicht auf das Künstlerische des Entwurfs, sondern auf das Verhältnis zwischen Designern und Industrieproduktion konzentrieren will, doch in einem Widerspruch zwischen Idee und Umsetzung verbleibt. Pfützner integriert deshalb auch nicht realisierte Entwürfe in ihre Darstellung, widmet sich aber gleichzeitig nicht der Vielzahl von Dingen, die nicht als „Design“ im Sinne von professioneller Gestaltung gelten. Damit wirkt die Argumentation gleichsam immanent, was durch die Auswahl der Quellen noch verstärkt wird. Dies gilt sowohl für die zitierte Literatur wie auch für die benutzten Quellenbestände. Pfützner hat darüber hinaus zahlreiche Interviews mit Industriegestaltern aus der DDR geführt und teilweise in die Darstellung eingearbeitet. Da aber weder Thema noch Methodik der Interviews erläutert werden, wird deren Potential nicht deutlich.

Diese kritischen Einwände werden hier vor allem deshalb formuliert, um auf anhaltende Forschungsdesiderate hinzuweisen. Einerseits fehlt es immer noch an wirtschafts- und betriebsgeschichtlichen Untersuchungen, die den konkreten (Hinter-)Gründen der scheinbar erfolglosen Durchsetzung professioneller Gestaltungen von Konsumgütern nachgehen. Warum gelang dies in einigen Industriezweigen wie bei Haushaltswaren oder Kameras und in anderen nicht? Welche Bedeutung hatte die Verstaatlichung der konsumgüterorientierten Privatindustrie 1972 und welche die Auflösung der Vereinigungen Volkseigener Betriebe zugunsten von Kombinaten? Auch fehlt es an konsumgeschichtlichen Untersuchungen, die unter anderem Formen der Warenpräsentation durch Werbung, Verpackung und Angebotsumgebung sowie der Warenverfügbarkeit genauer in den Blick nehmen könnten. Offensichtliche Widersprüche zwischen den zwar zahlreich vorhandenen, immer wieder zitierten guten Gestaltungen und der ebenso oft als trist charakterisierten Warenwelt der DDR könnten dadurch transparenter werden. Auch fehlt bislang ein systematischer Blick auf die Perspektive der Konsumentinnen und Konsumenten. Anhand von Einzelfällen wurde bereits herausgearbeitet, dass bestimmte Produkte durchaus begehrt, aber nicht ausreichend verfügbar waren. Untersuchungen über Produktionsvolumen, über konkurrierende oder uniforme Produktpaletten fehlen jedoch weiterhin. Schließlich bleibt auch offen, warum der formale Einfluss des design- und industriepolitisch aktiven Amts für industrielle Formgestaltung in einem so offenkundigen Widerspruch zur Durchsetzungsfähigkeit gegenüber den Produzenten stand. Kann in diesem Zusammenhang auf Steuerungsdefizite der Regierung oder eine alltagspraktische Teilautonomie der Industriekombinate geschlossen werden? In diesen Zusammenhängen kann die Position Pfützners, dass man aus der materiellen Kultur der DDR nicht auf das Design rückschließen könne (S. 6), nicht überzeugen. Wenn mit Bezug auf die DDR ein „socially responsible design approach“ und eine „activity in the service of society“ (S. 4) als Grundhaltung der Gestalter und Gestalterinnen als eine Art Selbstauskunft hervorgehoben wird, fehlt die Gegenfrage, wie die Gesellschaft mit diesem Angebot umgegangen ist.

Zusammenfassend soll aber festgehalten werden, dass die Untersuchung von Pfützner eine hervorragende, durchweg informierte und gut lesbare Übersicht über die Entwicklung des professionellen Industriedesigns in der DDR bietet und vor allem hinsichtlich der Auffassungen der Beteiligten über ihre gesellschaftliche Rolle überzeugt. Gerade mit Blick auf die Warenwelt und Warenförmigkeit westlicher Konsumgesellschaften ist die so anders gelagerte gesellschaftliche Logik im Industriedesign der DDR nicht nur aufschlussreich, sondern auch ein Statement.

Anmerkungen:
[1] Heinz Hirdina, Gestalten für die Serie. Design in der DDR 1949-1985, Dresden 1988.
[2] Günter Höhne, Das große Lexikon. DDR-Design, Köln 2008; ders. / Erika Penti / Bebo Sher, Klassiker des DDR-Design, Berlin 2011; Deutsches Werbemuseum (Hrsg.), Spurensicherung. 40 Jahre Werbung in der DDR, Frankfurt am Main 1990; Georg Bertsch / Ernst Hedler, SED. Schönes Einheits Design, Köln 1990.
[3] Referenzwerke sind Paul Betts / Katherine Pence (Hrsg.), Socialist Modern. East German Everyday Culture and Politics, Ann Arbor 2008; Mary Fulbrook, The People´s State. East German Society from Hitler to Honecker, New Haven 2005; Konrad Jarausch, Beyond Uniformity. The Challenge of Historicizing the GDR, in: ders. (Hrsg.), Dictatorship as Experience. Towards a Socio-Cultural History of the GDR, 2. Aufl., New York 2004 (1. Aufl. 1999), S. 3–14.

Zitation
Andreas Ludwig: Rezension zu: : Designing for Socialist Need. Industrial Design Practice in the German Democratic Republic. London  2017 , in: H-Soz-Kult, 17.07.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28857>.