Cover
Titel
Hungary since 1945.


Autor(en)
von Klimó, Árpád
Erschienen
Oxford 2017: Routledge
Umfang
X, 222 S.
Preis
£ 115.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim von Puttkamer, Historisches Institut, Imre Kertész Kolleg / Friedrich-Schiller-Universität Jena

Vor zehn Jahren machte Ungarn den Eindruck einer gefestigten parlamentarischen Demokratie. Das Land hatte die wirtschaftliche Talsohle durchschritten und erfüllte mit wiederholten Machtwechseln an der Wahlurne ein zentrales Stabilitätskriterium. Eine Geschichte Ungarns nach 1945 ließ sich somit als Geschichte der sozialistischen Epoche und ihrer leidlich geglückten Überwindung schreiben. In seiner Geschichte Ungarns seit 1945, 2006 bei Vandenhoeck & Ruprecht als UTB erschienen, war Árpád von Klimó dennoch vorsichtig.[1] Er betonte die tiefen sozialen Verwerfungen des vorangegangenen Jahrzehnts und zeigte sich allenfalls vorsichtig optimistisch, dass bei einer Politik sozialen Ausgleichs das tief gespaltene Land allmählich beruhigt werden könnte. Diese Hoffnung auf einen sozialen Ausgleich hat Viktor Orbán seit 2010 bedient. Die Ambivalenz gegenüber dem Westen, die Klimó seinerzeit zum Leitmotiv seines Buches gemacht hatte, hat sich seither eher noch verstärkt und wird von Orbán in steter Polemik gegen „Brüssel“ und die EU und gegen George Soros noch zusätzlich geschürt. Orbáns Bekenntnis zu einer „illiberalen“, sprich: autoritären Demokratie scheint seinem Ansehen unter seinen Wählern nicht geschadet zu haben.

Zwölf Jahre später liegt Árpád von Klimós Darstellung nun in englischer Übersetzung vor. Wie das Original ist sie thematisch gegliedert und fragt nach Ungarns Spezifik in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Die Stärke dieses Zugangs, bei dem die einzelnen Kapitel jeweils einen kompakten Überblick zur Entwicklung des politischen Systems, zur Außenpolitik, zu den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen, zur Minderheiten- und zur Kirchenpolitik bieten, bleibt somit erhalten. Ebenso bleibt die Schwäche, dass übergreifende Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bereichen bisweilen aus dem Blick geraten und dass Aspekte von Repression und Opposition etwas zu kurz kommen. Vor allem aber bietet die damalige Struktur nun die Möglichkeit, jedes dieser Kapitel um die Entwicklungen seit dem EU-Beitritt fortzuschreiben, statt einfach einen zusätzlichen chronologischen Abschnitt an das Ende zu stellen. Die Jahrzehnte des Sozialismus und der Transformation werden nun annähernd gleichgewichtig betrachtet.

Aus dieser Stärke ergeben sich teils überraschende Einsichten. Ausführlich beschreibt Árpád von Klimó im Kapitel zu den politischen Strukturen etwa den Aufstieg des „Fidesz“ zur Staatspartei. Dabei kommt er zu dem paradoxen Befund, dass Verfassungsordnung und Parteiensystem inzwischen gefestigt seien und aus dem ambivalenten Verhältnis zum Westen heraus dennoch immer wieder in Frage gestellt würden. Im Kapitel zur Außenpolitik sieht er Ungarn als loyales Mitglied der Europäischen Union, ungeachtet der Tatsache, dass Viktor Orbán immer wieder die Vision eines unabhängigeren Ungarns propagiert, so wie seinerzeit János Kádár die Spielräume eigenständiger Außenpolitik innerhalb des Ostblocks auslotete. Derartige strukturelle Kontinuitäten unter veränderten Vorzeichen lassen sich auch in der wirtschaftlichen Entwicklung aufzeigen. Bei aller Sensibilität für die tiefen wirtschaftlichen Einschnitte der 1990er-Jahre und erneut während der Finanzkrise von 2008 wendet sich von Klimó entschieden gegen die These, eine neoliberale Politik habe den ungarischen Sozialstaat zerstört. Tatsächlich lagen und liegen die ungarischen Sozialausgaben stabil im Mittelfeld der ostmitteleuropäischen Transformationsländer und ebenso stabil hinter dem deutlich höheren Niveau der reichen Nachbarn im Westen. Dem entsprechen die Angaben zu gesellschaftlicher Ungleichheit: Gut ein Zehntel der Bevölkerung fand laut einer Erhebung der Akademie der Wissenschaften aus dem Jahr 2014 als Gewinner der Transformation Anschluss an den Westen, ein Viertel wiederum sieht sich wirtschaftlich und gesellschaftlich abgehängt. Dieses Maß an Ungleichheit erklärt vieles, bewegt sich jedoch immer noch innerhalb des ostmitteleuropäischen Rahmens, wie Ungarn überhaupt in vielerlei Hinsicht als „average post-socialist Central European Country“ (S. 134) gesehen werden kann – jenseits des Politischen, und selbst das ließe sich kontrovers diskutieren.

Árpád von Klimó neigt nicht zu Dramatisierungen. Nüchtern erklärt er den Aufstieg Orbáns aus dem Angebot an Sozialpolitik und Identitätsversprechen, mit dem der „Fidesz“ den Umbruch nach 1989 aufgefangen hat. Die gegenwärtige Migrationspolitik ordnet er in längere Linien ethnischer Homogenisierung und ungarischer Minderheitenpolitik ein. Hervorzuheben ist schließlich das Kapitel zur Kirchen- und Religionspolitik, Klimós ureigenem Forschungsfeld. Mit dem Sozialismus sei auch das konkurrierende Projekt der Kirchen gescheitert, eine von christlichen Werten geprägte Gesellschaft zu schaffen, so seine These. Von dieser Warte aus lässt sich die gegenwärtige Identitätspolitik nicht nur aus nationalen Motiven verstehen, sondern auch aus der konservativen Sorge darüber, dass bis 1990 konservierte kirchliche Bindungen seither massiv geschwunden sind. In der Summe sagt von Klimó der gegenwärtigen Regierung eine stabile Zukunft voraus. Wie sehr sich Ungarn unter Orbán an europäische Standards halte oder doch stärker in autoritäre Verhältnisse abdriften könnte, hänge letztlich – wie zu Horthys Zeiten – von der Stabilität und der stabilisierenden Wirkung Deutschlands ab.

Der vorliegende Band bietet somit eine gehaltvolle und kenntnisreiche Interpretation ungarischer Zeitgeschichte, die in zentralen Punkten über die ältere deutsche Vorlage hinausgeht. Übersetzung und Überarbeitung haben sich gelohnt. Dennoch können dem Autor wie dem Übersetzer abschließend einige kritische Bemerkungen nicht erspart bleiben. So zieht die englische Fassung die sowjetischen Einsatzentscheidungen vom 23./24. und vom 30./31. Oktober 1956 in einer Weise zusammen, dass die kurzfristige Bereitschaft Chruščevs, der von Imre Nagy gebildeten Koalitionsregierung eine Chance zu gehen, ins Unkenntliche verschwimmt. Eine Rede János Kádárs vom 24. Oktober hat der Übersetzer aus dem Deutschen ins Englische rückübersetzt, obwohl sie nach einer englischsprachigen Internetquelle zitiert wird (S. 22). Das Frauenwahlrecht wurde in Ungarn nicht erst 1945 eingeführt, sondern bereits in der Zwischenkriegszeit, wenngleich mit höherer Altersgrenze und höherem Bildungszensus als für Männer (S. 51). Das Todesjahr von István Bibó, eines Vordenkers der Opposition, wird wie in der deutschen Vorlage fälschlich mit 1986 angegeben (S. 193f.; Bibó starb bereits 1979). Dieser Fehler mag sich deshalb erhalten haben, weil er aus einem Zitat herrührt, das die Notwendigkeit beschreibt, einen Dialog über die Interpretation des Aufstands von 1956 mit der politischen Kontinuität kommunistischer Herrschaft in Einklang zu bringen. Nur stammt dieses Zitat eben nicht von Bibó, sondern von János Kis. Es findet sich in einer Sondernummer der Zeitschrift „Beszélő“ von 1987 zur Perspektive eines Gesellschaftsvertrags.[2] Es kann Árpád von Klimó allerdings zugutegehalten werden, dass schon sein Referenztext in diesem Punkt missverständlich formuliert. Die Substanz seines Arguments wird durch diesen Schnitzer nicht berührt. Ein anderer, lässlicher Fehler trägt sogar Erhellendes bei. Die Debatten um Ungarns Zugehörigkeit zum Westen benennt Árpád von Klimó gleich zu Beginn als roten Faden seiner Darstellung. „A red threat“, heißt es auf S. 3. In der Tat begreift Viktor Orbán das liberale, auf Menschenrechte und Emanzipation gegründete Gesellschaftsmodell bisweilen als eine dem Kommunismus nicht unähnliche „rote“ Gefahr. Zum Jahrestag der Revolution von 1956 bezeichnete er Brüssel unlängst als neue Kolonialmacht. Pointierter als durch einen schlichten Tippfehler lässt sich Viktor Orbáns nicht selten polemisches Verhältnis zum Westen also kaum ausdrücken. So findet sich in einer insgesamt ausgewogenen Darstellung, die auf politische Wertungen bewusst verzichtet, doch eine kleine politische Spitze.

Anmerkungen:
[1] Árpád von Klimó, Ungarn seit 1945, Göttingen 2006.
[2] János Kis, Tágabb összefüggések, in: Beszélő 1, 2 (1987), 21 (Sondernummer Társadalmi szerződés), nachzulesen unter http://beszelo.c3.hu/cikkek/tagabb-osszefuggesek (04.12.2018).

Zitation
Joachim von Puttkamer: Rezension zu: : Hungary since 1945. Oxford  2017 , in: H-Soz-Kult, 07.01.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29184>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.01.2019
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