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Titel
Die Pest. Ende eines Mythos


Autor(en)
Vasold, Manfred
Erschienen
Stuttgart 2003: Theiss Verlag
Umfang
196 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Raphael Matthias Krug, Institut für Europäische Kulturgeschichte, Universität Augsburg

Erneut befasst sich Manfred Vasold mit Seuchen[1], dieses Mal widmet er sich jedoch ausschließlich der Pest. Seine Motivation für die Arbeit ist, wie man der Einleitung entnehmen kann, „auf das weltweite Auftreten der Pest hinzuweisen“ (S. 8). Gleichzeitig moniert Vasold, dass die Seuchen in der Geschichte oft nicht die ihnen gebührende Beachtung in der Literatur gefunden hätten. Deshalb spannt er den Bogen seiner Darstellung von der Antike bis in die Gegenwart, allerdings wird dies nicht, wie man erwarten könnte, chronologisch abgehandelt.

Den Anfang bildet ein Kapitel über „Die Angst vor Pest und Tod“ (S. 13-23). Obwohl die Pest heutzutage ihren Schrecken verloren hat, gilt sie immer noch als der „Inbegriff einer tödlichen Seuche“ (S. 7). Bei der Pest handelt es sich um eine Infektionskrankheit, die als Beulen- oder Lungenpest auftreten kann. Der Infizierte stirbt aber letztendlich an einer Vergiftung, die durch den Pesterreger ausgelöst wird. An die Pest erinnern noch Festspiele wie beispielsweise die von Oberammergau. Diese reichen teilweise über den 30-jährigen Krieg bzw. die zu dieser Zeit wütende Pest zurück. Die vielen Toten zu Zeiten des 30-jährigen Krieges sind nur bedingt auf die Kriegshandlungen selbst zurückzuführen, ein Großteil der Menschen starb an der Pest. Dass sich die Seuche seinerzeit so verbreiten konnte, liegt an den umherziehenden Armeen. Durch die hohen Verluste prägte sich nach Vasold der 30-jährige Krieg als „schweres Trauma“ in die Gedächtnisse ein.

In „Erste Bemühungen um Aufklärung: Die Pest im Orient“ (S. 24-53) geht es primär um die Pest in Ägypten zur Zeit Napoleons. Die dort gemachten Pestbeobachtungen werden präziser, da zwischenzeitlich eine Verwissenschaftlichung der medizinischen Diagnose stattgefunden hat. Das Problem der Zeit liegt darin, dass die Erforschung der Übertragbarkeit keine Fortschritte macht; manche zeitgenössischen Ärzte behaupten auch, die Pest sei nicht ansteckend. Fortschritte macht die Medizin erst Ende des 19. Jahrhunderts, was Gegenstand des Kapitels „Die Enträtselung der Krankheit: Die Pest in Asien“ (S. 54-78) ist. Alexandre Yersin gelingt es 1894, das Pestbakterium zu identifizieren. Es handelt sich dabei um ein gramnegatives, unbewegliches und unbegeißeltes 1-2 Mikrometer langes und 0,5-0,7 Mikrometer breites Stäbchen. Starke Sonneneinstrahlung hält es nicht aus, sonst hat es wenig Ansprüche an seine Umgebung (S. 57). Das Pestbakterium ruft den Tod hervor, indem es „ein eiweißhaltiges Gift aus[scheidet], und es ist dieses Gift, das bei dem Wirt den Tod herbeiführt“. 1897 schickt die deutsche Regierung eine wissenschaftliche Kommission nach Indien, die die Seuche studieren soll; an ihrer Spitze steht Robert Koch. Dort wird ein Zusammenhang zwischen den Ratten und der Pest entdeckt. In Indien finden auch Laborversuche an Tieren statt, um ihre Anfälligkeit zu untersuchen. Es zeigt sich, dass manche von ihnen fast immun sind.

„Die Pest und kein Ende – Epidemien im 20. Jahrhundert“ (S. 79-94) zeigt die Pestfälle des 20. Jahrhunderts. Ausgangspunkt war wiederum Asien. Am meisten Betroffen war Indien. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts gab es jedoch auch Pestfälle in Amerika und Europa, die allerdings nicht sehr zahlreich waren. Nach dem Krieg trat die Pest noch längere Zeit in Indochina und Vietnam auf, bedingt durch die Kriegshandlungen dort. Die hier festgestellten Symptome der Pest unterschieden sich nicht von denen früherer Vorkommen.

Bereits das Alte Testament enthält Hinweise auf die Pest. Hierum geht es unter anderem in dem Kapitel „Frühe Schreckensbilder: Die Pest in Antike und Mittelalter“ (S. 95-100). Genannt wird in der Bibel die Pest des Thukydides. Aus der Geschichtsschreibung sind wir dann erstmals zuverlässig über die Pest des Justinian informiert, die vom 6.-8. Jahrhundert dauert und ganz Europa heimsucht. Begleitet waren die Seuchen scheinbar auch von Naturerscheinungen wie Erdbeben; fraglich ist, ob es sich hierbei nur um Topoi handelt. Für den Schwarzen Tod finden sich ähnliche Darstellungen.

„Der Schwarze Tod – Die europäische Pestepidemie 1348/49“ (S. 101-123) ist die erste in Europa belegbare Pestepidemie seit der Justinianischen Pest. Bei den in den Quellen genannten früheren Pestvorkommen muss es sich um andere Krankheiten gehandelt haben. Diese hatten allerdings die Bevölkerung, beispielsweise 1339/40 schon stark dezimiert; alle Verluste dem Schwarzen Tod anzulasten erscheint Vasold nicht richtig. Seinen Weg nach Europa findet der Schwarze Tod mit dem Vorrücken der mongolischen Stämme Richtung Krim, von dort tragen italienische Kaufleute die Seuche 1348 nach Italien. Die Weiterverbreitung läuft über Frankreich und England, erreicht dann auch Deutschland. Nach Vasold kann sich eine Pestdarstellung in Deutschland nur auf die Städte beziehen, da nur für diese ausreichend Quellen vorliegen. Gleichzeitig ist allerdings zu beachten, dass es pestfreie Gebiete gab. Ein Drittel der Einwohner als Verluste für den Schwarzen Tod anzunehmen, erscheint zu hoch, man sollte sich zu dieser Zeit noch nicht alleine auf die überlieferten schriftlichen Dokumente verlassen.

„Pestzüge in Stadt und Land“ (S. 124-165) geht auf die weiteren Vorkommen der Pest nach dem Schwarzen Tod ein. Die Pest ist ab 1348 ein regelmäßig wiederkehrender Gast in Europa. Um das Problem in den Griff zu bekommen, gingen die Städte dazu über, Stadtärzte anzustellen und Pestordnungen zu erlassen. Die einzige Hoffnung für die Menschen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit blieben allerdings die Pestheiligen – ein schwacher Trost angesichts der Opfer, die die Pest über die Jahrhunderte sowohl auf dem Land, als auch in der Stadt forderte. Für das Verschwinden der Seuche aus unseren Breiten zum Ende des 18. Jahrhunderts sieht Vasold plausible Erklärungen. Es besteht wohl ein Zusammenhang zwischen der Verdrängung der Hausratte durch die Wanderratte und dem Verschwinden der Pest. Auch mag die neue Gewohnheit, Steinhäuser zu bauen, Einfluss darauf gehabt haben, ebenso wie die zunehmende Hygiene.

Im letzten Kapitel „Rätselkrankheit Pest“ (S. 166-183) werden die Ansätze der neueren Forschung behandelt. Handelte es sich beim Schwarzen Tod um Ebola? - eine Frage, die in jüngerer Vergangenheit wieder aufgekommen ist. Sie wird allerdings zu verneinen sein, da die Inkubationszeit der Pest kürzer ist. Ein weiterer Streitpunkt war lange, ob der Überträger der Ratten- oder der Menschenfloh war. Die Forschung hat über diese Frage seit den 50er-Jahren diskutiert. Zwischenzeitlich ist man sich weitgehend einig, dass auch der Menschenfloh die Pest übertragen kann – neben gut 60 weiteren Floharten, die dies vermögen.

Über die hier besprochenen Inhalte hinaus finden sich in den jeweiligen Kapiteln sehr ausführliche Schilderungen der jeweiligen Pestzüge. Dies ermöglicht es dem Leser, sich über die Verläufe der meisten Seuchenausbrüche zu informieren. Ein großer Nachteil ist allerdings, dass sich das Buch dadurch über weite Strecken wie eine Chronik liest. Für den Untertitel wäre deshalb auch eher „Eine Chronik“ in Frage gekommen als „Ende eines Mythos“. Dass eine Demythifizierung im Hinblick auf das Seuchenvorkommen des Mittelalters nicht stattfindet, ist besonders bedauernswert, weil es nur wenig aktuelle sachgerechte Literatur zum Schwarzen Tod gibt. Das Buch beschränkt sich stattdessen auf die verdienstvolle detaillierte Aufzählung der verschiedenen Pestvorkommen. Stellenweise merkt man dem Buch jedoch auch an, dass es für eine breitere Öffentlichkeit geschrieben wurde: Es werden Sachverhalte erklärt, die dem Wissenschaftler geläufig sein sollten; teilweise scheint bei der Präsentation der Fakten das Bemühen um politische Korrektheit durch. Ein weiterer Kritikpunkt ist die nach Ansicht des Rezensenten unlogische Gliederung. Es hätte sich eher angeboten, einen medizinischen Teil voranzustellen, um dann die Seuchenzüge in ihrem chronologischen Vorkommen zu beschreiben. So springt das Buch vom 19. ins 20. Jahrhundert, um dann erst an die Anfänge der Überlieferung zurückzugehen. Streckenweise wirkt das Buch mit Fakten überladen. Zu loben ist jedoch der Anmerkungsapparat und das Bemühen Vasolds, gerade für den Schwarzen Tod neue Erkenntnisse einzuarbeiten. Die in der Wissenschaft zwischenzeitlich existierenden Zweifel am pandemischen Charakter werden von Vasold einerseits präsentiert, andererseits noch durch seine Nachfragen in Archiven ergänzt.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass hier auf knappem Raum erstmals ein guter Überblick über die Pest als medizinisches und psycologisches Phänomen und ihr Vorkommen in der Geschichte geboten wird.

Anmerkung:
[1] Vasold, Manfred, Pest, Not und schwere Plagen. Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute, München 1991.

Zitation
Raphael Krug: Rezension zu: : Die Pest. Ende eines Mythos. Stuttgart  2003 , in: H-Soz-Kult, 07.04.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4097>.
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07.04.2004
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