Titel
Gregor VII.. Papst zwischen Canossa und Kirchenreform


Autor(en)
Blumenthal, Uta-Renate
Erschienen
Umfang
XIII und 376 S.
Preis
DM 59,-
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martina Hartmann, Historisches Seminar der Universität Heidelberg

Innerhalb der florierenden "Gestalten"-Reihe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ist die hier vorgelegte Biographie Gregors VII. besonders zu begrüßen, denn erstaunlicherweise wurde über diesen bedeutenden mittelalterlichen Papst fast 100 Jahre keine größere deutschsprachige Monographie mehr verfasst, obwohl der große Kongress, der 1985 an Gregors Sterbeort Salerno veranstaltet wurde, die Notwendigkeit eines solchen Werkes auf dem aktuellen Stand der Forschung einmal mehr gezeigt hat [1]. 1998 legte dann H.E.J. Cowdrey eine umfangreiche, 743 Seiten umfassende Biographie in englischer Sprache vor, der Uta-Renate Blumenthal, die nach eigener Angabe mit Cowdrey in Kontakt stand, nun ihr wesentlich konziseres Buch entgegenstellt. Sie ist eine exzellente Kennerin der Epoche, da sie sowohl durch ihre kanonistischen Forschungen mit Gregor und seiner Epoche seit langem vertraut ist als auch durch ihre Synthesen über den Investiturstreit ausgewiesen [3].

Mit großer Quellen- und Literaturkenntnis und in einer klaren, schnörkellosen Sprache behandelt Frau Blumenthal in ihrer straffen Darstellung den bedeutenden Papst Gregor VII., wobei sie immer bis zu den zeitnächsten Quellen zurückgeht, sie kritisch analysiert und wiederholt alteingewurzelte Vorurteile und Fehleinschätzungen ausräumt. Auch hält sie mit ihrer Meinung zu den einzelnen Problemen nicht hinter dem Berg. Besonders prägnante Quellenstellen werden in deutscher Übersetzung im Text zitiert. Schon die Einleitung (S. 1-15) macht deutlich, welche Fülle an Spezialuntersuchungen zu diesem für die Entwicklung der Kirche zentralen Papat in den letzten Jahren erschienen ist. Das Buch ist in insgesamt neun Großkapitel eingeteilt, wobei sich das erste Kapitel unter dem Titel "Herkunft und Familie" (S. 16-63) mit der viel diskutierten Frage nach Hildebrands Herkunft (aus Sovana?) und Abstammung (aus der Adelsfamilie der Aldobrandeschi?) und seinem Aufenthalt in den frühen Lebensjahren (in Rom?) befasst. Während sie die beiden ersten Fragen mit einem klaren "Nein" beantworten kann, bleibt Frau Blumenthal nach Sichtung der Quellen und Zerstreuung alter, immer weiter tradierter Fehlinterpretationen in der dritten Frage bei einem non liquet. Dezidiert vertritt sie ihre Auffassung, dass der spätere Papst streng reformierter Kanoniker und nicht Mönch war, womit sie die von Wilhelm Martens 1891 gestellte und von Paul Scheffer-Boichorst in scharfem Ton zurückgewiesene Frage nach über 100 Jahren erneut zur Diskussion stellt. Im 2. Kapitel "Der Subdiakon" (S. 64-83) schildert die Autorin die Zeit von 1049, d.h. Hildebrands Rückkehr mit Leo IX. nach Rom, bis zum Jahr 1059, der Wahl Nikolaus II. Dass Hildebrand bei dieser Papsterhebung eine entscheidende Rolle spielte, wird aus seinen Aktivitäten und seinem Werdegang in Rom nach 1049 verständlich. Kapitel 3 (S. 94-138) behandelt seine Tätigkeit und seine Auffassungen, etwa zur vita apostolica, die ihn mit Petrus Damiani einte, oder zu den milites Christi. So macht diese Biographie klar, wie es fast selbstverständlich zur Wahl Hildebrands zum Papst im Jahre 1073 kommen musste.

Die folgenden Großkapitel (4. Die Konzilien Gregors VII. S. 139-201; 5. Legaten S. 202-220; 6. Gregor und die kirchliche Hierarchie und 7. Klosterpolitik S. 249-281) profitieren besonders davon, dass die Autorin ihren Forschungsschwerpunkt in der Kanonistik hat, und so bietet sie dem Leser viel an Hintergrundwissen, das über die eigentliche Biographie hinausgeht, so etwa zum Legatenwesen, für deren weitere Entwicklung sie Gregors Pontifikat als besonders wichtig erachtet, auch wenn vor allem in Deutschland den Legaten nicht immer Erfolg beschieden war. Was den Jurisdiktionsprimat anbelangt, so zeigt sie eindrücklich, "wie unabhängig von der kanonistischen Überlieferung Gregor gegebenenfalls handelte" (S. 233). In der viel diskutierten Frage eines Investiturverbotes von 1075 nimmt Frau Blumenthal den vorsichtigen Standpunkt ein, dass "Gewissheit nicht zu erlangen (sei), aber ein bedingtes Investiturverbot, das nicht nur von der Trennung von den exkommunizierten Ratgebern Heinrichs abhängig war, sondern auch von Verhandlungen über die Investitur, wohl nicht völlig ausgeschlossen werden sollte" (S. 178), d.h. sie neigt gegen Rudolf Schieffer wieder eher der Auffassung der "älteren" Forschung zu. Im Kapitel 8 "Kaiser, Fürsten und andere Laien" (S. 282-326) führt sie dann gewissermaßen die Ereignisgeschichte des Pontifikats fort bis zu Gregors Scheitern in Rom und seiner Flucht mit den Normannen nach Salerno.

Im letzten Kapitel "Gregors Tod und Heiligsprechung" (S. 327-338) zeigt Frau Blumenthal zunächst, wie sich nach seinem Tod seine Ideen durchsetzen, auch wenn es 1085 in Salerno zunächst aussah, als sei er gescheitert. Sie zeigt dann, dass später zwar über Gregor geschrieben wurde bis hin zur Vita Pauls von Bernried am Anfang des 12. Jahrhundert, dass es aber keinerlei Hinweise etwa auf Wunderberichte in Salerno oder eine besondere Gregor-Verehrung gibt. Ein liturgischer Kult Gregors existierte weder in Rom noch in Salerno, er entstand interessanterweise erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als nämlich nach der Publikation antigregorianischer Quellen wie dem Liber de unitate ecclesiae conservanda, der Vita Heinrici IV und der Libri VII Benzos von Alba durch die protestantischen Humanisten wie Ulrich von Hutten von der katholischen Seite die Heiligsprechung Gregors VII. betrieben wurde, die schließlich 1609 erfolgte. Gregors (angebliches?) Grab im Dom von Salerno war einige Jahre zuvor, nämlich 1578 aufgefunden und geöffnet worden. Und hier kommt Frau Blumenthal wieder zum Anfang ihrer Biographie zurück, denn die medizinischen Befunde der Gebeine, die 1578 als die Gregors VII. geborgen und 1985 im Rahmen des großen Gregor-Kongresses in Salerno untersucht wurden, decken sich nicht mit den zeitgenössischen Beschreibungen Gregors durch Hugo von Cluny und Petrus Damiani, die ihn als klein, zierlich und von niedriger Herkunft zeichneten.

Das Buch endet mit der vorsichtigen Feststellung, dass es manchmal immer noch schwer fällt, "in Gregor mehr zu sehen als den Papst von Canossa, der Könige und Kaiser absetzte und den Staat der monarchischen Gewalt der Kirche unterordnete". Jedenfalls hat Frau Blumenthal mit ihrer umfassenden Biographie sicher viel dazu beigetragen, Gregors Bild Nuancen zu geben. Auch in manchen Detailfragen, die hier gar nicht einzeln referiert werden können, wird man sich mit diesem gut lesbaren Buch, das trotz seines maßvollen Umfanges (etwa auch im Vergleich mit Cowdrey) viel mehr an Hintergrundinformation liefert als man es von einer Biographie erwartet, künftig auseinandersetzen müssen und den abwägenden Argumentationen und Urteilen sicher oft folgen können.

[1] Die Kongressbeiträge wurden publiziert in den Studi Gregoriani 13 und 14 (1989 und 1991).
[2] H.E.J. Cowdrey, Pope Gregory VII, 1073-1085 (1998); vgl. auch die äußerst kritische Besprechung von Horst Fuhrmann, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 56 (2000) S. 708f.
[3] Uta-Renate Blumenthal, Der Investiturstreit (Urban-Taschenbücher 335, 1982) und dies., The Investiture Controversy (1988).

Zitation
Martina Hartmann: Rezension zu: : Gregor VII.. Papst zwischen Canossa und Kirchenreform. Darmstadt  2001 , in: H-Soz-Kult, 20.06.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-584>.
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Veröffentlicht am
20.06.2001
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