M. Giese (Hg.): Annales Quedlinburgenses

Titel
Die Annales Quedlinburgenses.


Hrsg. v.
Giese, Martina
Erschienen
Umfang
680 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julian Führer, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die vorliegende Neuedition der Jahrbücher von Quedlinburg ist aus einer Münchener Dissertation von 1999 hervorgegangen. In ihr beschreitet Martina Giese einerseits die bewährten Wege der Quellenkritik und Textkonstitution, geht aber an manchen Stellen über die klassischen Anforderungen einer kritischen Edition hinaus. Bereits an dieser Stelle sei gesagt, dass die mit großer Sorgfalt hergestellte Ausgabe den hohen Maßstäben der Monumenta Germaniae Historica gerecht wird.

Die Quedlinburger Annalen sind nur in einer einzigen Abschrift des 16. Jahrhunderts überliefert (Dresden, Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek, Q. 133) und wurden erstmals von Gottfried Wilhelm Leibniz 1710 im Rahmen der Scriptores rerum Brunsvicensium im Druck herausgegeben. Die bislang maßgebliche Edition ist Georg Heinrich Pertz zu verdanken und erschien 1839 im dritten Band der Scriptores-Reihe der MGH. Pertz war es, der dem Werk den heute gängigen Titel gab; in der Handschrift trägt das Werk die Überschrift „Chronicon Saxonicum Quedilnburg“. Damit ist bereits angedeutet, dass das annalistische Prinzip der Darstellung nicht durchgängig bewahrt ist. Bis zum Jahr 702 wird auf knapp 30 Druckseiten die Geschichte der Welt seit ihrer Erschaffung unter Benutzung der Chroniken des Hieronymus, Isidors von Sevilla und Bedas abgehandelt, wobei diese Passagen aus den ihrerseits verlorenen Annales Hersfeldenses und Annales Hildesheimenses maiores geschöpft sein dürften. Die Einträge ab 702 folgen dem annalistischen Prinzip, ab 913 in eigenen Formulierungen, die ab 984 zu von anderen bekannten Quellen unabhängigen Berichten werden.

Die Forschung befasste sich mit den Quedlinburger Annalen bislang vor allem in Bezug auf die Verfasserfrage und auf den Gehalt an historisch verwertbaren Informationen im Sinne etwa der Regesta Imperii. Grundlegendes hat hierbei Robert Holtzmann in einem Aufsatz von 1925 geleistet [1], von dem auch Gieses Überlegungen in der umfangreichen Einleitung ausgehen (S. 41-380). In ihrer breit angelegten und sorgfältig abwägenden Quellenstudie kommt sie zu dem Ergebnis, dass die Annalen ohne Zweifel in Quedlinburg verfasst wurden, wo sie in mehreren Phasen bis 1030 weitergeführt wurden. Die Verfasserfrage wird dahingehend präzisiert, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Verfasserin handeln dürfte (S. 57-66). Die sagenhistorischen Passagen zu Attila, Theoderich, Theuderich, Irminfrid und Iring haben wegen ihrer Bezüge, aber auch Differenzen zu solchen Berichten etwa bei Widukind von Corvey (Res gestae Saxonicae, erstes Buch) immer wieder die germanistische Seite interessiert (S. 101-121). Die sprachliche Gestaltung stand im Zentrum der früheren Forschung und wird hier rekapituliert; aufgrund stilistischer Eigenheiten spricht vieles für eine Abfassung durch eine Person, deren Sprache durch Max Manitius treffend wie folgt charakterisiert wurde: „Im großen und ganzen ist sie gesucht und schwerfällig, indem sie die einfachsten Ausdrücke vermeidet und namentlich im Periodenbau Ungeheuerliches leistet.“ [2] Wertvolle ausführliche Überlegungen widmet Giese den oben genannten schriftlichen Vorlagen (S. 139-243).

Die reichlich ein halbes Jahrtausend nach der Abfassung hergestellte, uns einzig überlieferte Handschrift enthält mehrere Lücken. Dennoch sind die Quedlinburger Annalen im Mittelalter von mehreren Autoren benutzt worden; Spuren finden sich unter anderem bei Thietmar von Merseburg, dem Chronicon Wirziburgense, der Halberstädter Bischofschronik, dem Annalista Saxo, den Annales Magdeburgenses und der Magdeburger Schöppenchronik (S. 258). Thietmar ist selbst 1018 gestorben und muss bei der Abfassung seiner Chronik über ein Exemplar verfügt haben, das mindestens die Jahresberichte von 781 bis 998 enthielt (S. 259).

Martina Giese vermeidet es, die Lücken in der Handschrift durch einen „Hybrid-Text“ (S. 301) aufzufüllen, sondern entscheidet sich dafür, den Volltext der „Vorlagen, Parallelquellen und Ableitungen“ (ebd.) zu präsentieren (S. 305-367). Dieses Vorgehen ist methodisch bedeutsam, umgeht es doch den Trugschluss, den früheren Text gemäß der Lachmannschen Methode vollständig rekonstruieren zu wollen. Der erhebliche Umfang dieses Abschnittes der Arbeit erschwert zwar den Zugriff auf den wahrscheinlichen Wortlaut in den verlorenen Jahresberichten, täuscht aber andererseits keine falsche Sicherheit über den Text vor und ist daher als editorische Maßnahme zu begrüßen, die die Textgestalt gegenüber der Ausgabe von Pertz deutlich verändert.

In seinen eigenständig formulierten Passagen ist das Annalenwerk nicht nur sprachlich bemerkenswert, sondern bietet auch diverse Nachrichten, die dieses Stück Geschichtsschreibung herausheben. Reichsgeschichtlich ist die besondere Wertschätzung Ottos III. zu notieren, der etwa 996 unter dem Beifall „des Volks fast ganz Europas“ (pene totius Europae populo acclamante) zum Kaiser erhoben wurde (S. 491). Die Maßnahmen Heinrichs II. werden insgesamt deutlich distanzierter bewertet, insbesondere in Bezug auf Kriege gegen Slawen und auf klösterliche Reformmaßnahmen in Fulda (a. 1013, S. 539) und Corvey (a. 1015, S. 546). Der salische König Konrad II. (1002-1024) wird ebenso wie Heinrich II. und fast noch stärker als dieser als Verwandter und Angehöriger des Königshauses angesprochen (a. 1024, S. 576f.), von einem Dynastiewechsel ist hier also keine Rede.

Viele Jahresberichte sind planmäßig abgefasst: zunächst werden die reichsgeschichtlich bedeutsamen Ereignisse berichtet, dann Neuigkeiten aus Quedlinburg selbst, bemerkenswert oft verbunden mit Berichten über Naturerscheinungen. Den Abschluss bildet oft die Zusammenschau, welche Bischöfe im Reich im vergangenen Jahr gestorben sind. Nachrufe auf Angehörige des Königshauses werden besonders ausgestaltet. Gewissermaßen den Höhepunkt des Werkes bildet der Bericht über die Weihe des Quedlinburger Kirchenbaus, der mit vielen auch baugeschichtlich relevanten Details aufwartet und besonders ausführlich gestaltet wurde (a. 1021, S. 561-566).

Mehrere Register beschließen den Band: Verzeichnis der Handschriften (S. 583f.), Stellen aus der Bibel sowie aus antiken und mittelalterlichen Werken (S. 585-593), Namensregister unter Einschluss der Einleitung (S. 595-634), Wortregister hingegen nur in Bezug auf die selbstständigen Partien der Quedlinburger Annalen (S. 635-680).

Wie sorgfältig gearbeitet wurde, lässt sich in gewisser Weise schon am Umfang der Fußnoten (1231 in der Einleitung und 1665 in der Edition selbst) erahnen. Von Druckfehlern ist das Buch praktisch frei. Das von Robert Holtzmann 1925 formulierte Desiderat [3] einer Neuedition der Quedlinburger Annalen darf nun als erfüllt gelten.

Anmerkungen:
[1] Holtzmann, Robert, Die Quedlinburger Annalen, in: Sachsen und Anhalt 1 (1925), S. 64-125.
[2] Manitius, Max, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, Bd. 2: Von der Mitte des 10. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat, München 1923, S. 277.
[3] Holtzmann (wie Anm. 1), S. 125.

Zitation
Julian Führer: Rezension zu: Giese, Martina (Hrsg.): Die Annales Quedlinburgenses. Hannover  2004 , in: H-Soz-Kult, 02.08.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6204>.
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02.08.2005
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