C. Kleinschmidt: Technik und Wirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert

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Titel
Technik und Wirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert.


Autor(en)
Kleinschmidt, Christian
Erschienen
München 2007: Oldenbourg Verlag
Umfang
201 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Wengenroth, Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte, Deutsches Museum

Dieser Band folgt der gewohnten Dreiteilung der „Enzyklopädie deutscher Geschichte“: 74 Seiten „enzyklopädischer Überblick“, 74 Seiten „Grundprobleme und Tendenzen der Forschung“, 32 Seiten „Quellen und Literatur“, sowie ein ausführliches Personen-, Orts- und Sachregister. Technik und Wirtschaft in zwei Jahrhunderten auf 74 Seiten sinnvoll zusammenzufassen und dabei „zuverlässig über den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse und der Forschung“ (S. V) zu informieren, ist eine schier unlösbare Aufgabe. Christian Kleinschmidt hat sich darum für eine „exemplarische Herangehensweise“ entschieden und in Kauf genommen, dass „trotz des Überblickscharakters […] Schwerpunkte gesetzt bzw. bestimmten Themenbereichen wie etwa der Agrar- oder Medizintechnik sowie der Kommunikationstechnik im Vergleich zu anderen Aspekten eine untergeordnete Rolle zukommt“. (S. XI) Man könnte die Liste der Weglassungen noch um einige Bereiche verlängern, so etwa um die meisten Dienstleistungsbranchen. Die heute dominierenden Sektoren der Weltwirtschaft, Tourismus, Finanzen und Gesundheit, tauchen in dieser Darstellung nicht auf.

Kleinschmidt hat sich in seiner unumgänglichen Schwerpunktsetzung für die große Industrie im klassischen Sinne entschieden: Energie, Bergbau, Stahl, Chemie und Automobilbau dominieren die Darstellung. Wir werden über die wichtigsten Etappen der großindustriellen Entwicklung einschließlich der damit eng verflochtenen Energiewirtschaft und des Eisenbahnbaus in Deutschland orientiert, wobei das Ruhrgebiet, der Schwerpunkt Kleinschmidts früherer Arbeiten, nochmals besonders gewürdigt wird. Die Kapitelüberschriften kündigen mit den Begriffen „Mechanisierung und Maschinisierung“, „Massenproduktion und Großindustrie“, „Rationalisierung und Autarkiewirtschaft“ und schließlich „Technisierung und großtechnische Systeme“ diese sehr traditionelle Auswahl bereits an.

Dagegen spielen Konsumgüterindustrien, Dienstleistungsbranchen und mittelständische Unternehmen in dieser Gesamtdarstellung nur eine geringe Rolle. Selbst der Verkehr wird eher als Infrastrukturinvestition denn in seiner Rolle als Dienstleister für Wirtschaft und Gesellschaft präsentiert. Ein wenig verwundert diese Gewichtung schon, da industrielle Beschäftigung insgesamt, von der die hier in den Vordergrund gerückte Großindustrie wiederum nur ein Teil war, in deutlich weniger als der Hälfte der untersuchten zwei Jahrhunderte dominierte, ohne je die Hälfte der Beschäftigten zu stellen. Eine Diskussion der Wirtschaftsstruktur insgesamt hätte diese Perspektive korrigieren können. Die Identifikation von Produktion mit „Großer Industrie“ ist ja gerade ein Teil der problematischen Tradition auftrumpfend nationalistischer Geschichtsschreibung, die in der Forschung glücklicherweise überwunden ist. Das kann angesichts der Schwerpunktsetzung in dieser Einführung leicht übersehen werden.

Im zweiten Teil, der den „Grundproblemen und Tendenzen der Forschung“ gewidmet ist, präsentiert Kleinschmidt 13 Themenfelder, die sich wieder sehr stark um die Geschichte großer industrieller Technik, ihrer politischen Steuerung und Förderung drehen. „Technik und Staat“, „Technik und Bildung“, „Technokratie“, „Technologietransfer“, selbst „Technikforschung und -entwicklung“ und „Technikgenese, Technikrisiken, Technikfolgen“ bewegen sich ganz überwiegend in dieser Welt. „Technikpräsentation“, Technikvisionen“ und „Technische Denkmäler“ behandeln die kulturelle Verarbeitung materieller Großtechnik und ihrer Potentiale, „Technik und Umwelt“ überwiegend ihre Probleme. Der kurze Abschnitt über „Technikkonsum“ kann dieses Bild nicht wesentlich korrigieren.

Es ist schade, dass hier nicht die Gelegenheit genutzt wurde, auf die Forschungen zu den vielen anderen Interaktionen von „Technik und Wirtschaft“ von der Landwirtschaft über Gesundheit, Körperpflege, Medien, Mobilität, Tourismus, Finanzwirtschaft, technisierte Vergnügungen usw. hinzuweisen. Es wäre sicher auch der Ort gewesen, um auf die vielen internationalen Vergleiche mit ihrer theoretischen Verankerung in Ökonomie und Sozialwissenschaften hinzuweisen. Fundamentale Unterschiede zur Wirtschaftsstruktur der Vereinigten Staaten und der meisten unserer europäischen Nachbarn wären so erkennbar geworden und hätten die Spezifika der deutschen Situation schärfer hervortreten lassen. Zumindest ein Hinweis auf mögliche Opportunitätskosten deutscher Industrialisierungspfade wäre angebracht gewesen. Was „deutsche“ Technik und Wirtschaft ist, versteht man nur durch einen Vergleich; der kommt hier zu kurz, obwohl er eines der dominierenden Grundprobleme der internationalen Forschung zu „Technik und Wirtschaft“ in Deutschland ist.

Generell wird der analytisch oft vorbildlichen, ausländischen Forschung zur deutschen Wirtschafts- und Technikgeschichte zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Es ist unverständlich, dass im Literaturverzeichnis die international aufsehenerregenden Bücher von Autoren wie Alfred D. Chandler, Peter Hayes, Gerald D. Feldman, Michael Porter, Gary Herrigel – um nur einige zu nennen – fehlen, während sehr viel weniger bedeutende deutsche Publikationen zu regional begrenzten Detailproblemen aufgeführt werden. Das ist unnötig provinziell und verbirgt gerade Anfängern die interessantesten Debatten.

Ein weiteres Desideratum sind harte Daten statt ungefährer, nicht quantifizierter Komparative. Es ist bemerkenswert, dass eine Band über Technik und Wirtschaft ohne eine einzige Tabelle oder Grafik auskommt. Was ist mit einem Satz gemeint wie: „Bis zur Jahrhundertwende konnten nicht nur die Chemieindustrie, sondern auch andere Branchen die englische Konkurrenz überholen und den Produktions- wie Produktivitätsrückstand gegenüber der amerikanischen Industrie verringern.“ (S. 95) Wer sind diese „anderen Industrien“ und welches Gewicht hatten sie in der Gesamtwirtschaft? Der Produktions- und Produktivitätsrückstand gegenüber den USA verringerte sich in diesen Jahren nicht, er vergrößerte sich; und Großbritanniens Produktivität wurde erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg eingeholt.[1] Mag sein, dass Kleinschmidt irgendwie das Richtige gemeint hat, doch ohne die adäquate Sprache der Quantifizierung ist das nicht auszudrücken und kann vom Leser auch nicht verstanden werden.

Wer für eine knappe Übersichtsdarstellung mehr Themen berücksichtigt sehen will, muss zeigen, was dafür hätte entfallen können. So sind Denkmäler und Visionen für „Technik und Wirtschaft“ sicher entbehrlicher als internationale Vergleiche. Andererseits hätten in der enzyklopädischen Darstellung viele Details aus der Bergbau- und Hüttentechnik geopfert werden können, zumal dort manches ohnehin nicht stimmt. Das Bessemerverfahren setzte sich nicht ab Mitte der 1850er-Jahre durch (S.8), sondern erst 15 Jahre später. Beim Puddeln entstand nur in wenigen Ausnahmefällen „hochwertiger Puddelstahl“ (S. 8); in der Regel war es „Schmiedeeisen“, das keine Stahlqualitäten im Sinne des 19. Jahrhunderts hatte und darum auch nicht „Stahl“ hieß. Werkzugmaschinen waren nicht „insbesondere“ in der Eisen- und Stahlindustrie, beim Eisenbahnbau oder auf Werften und Brückenbauanstalten (S. 8-9) sondern im Maschinenbau zu finden. Beim Stranggießen wird der Stahl nicht in einen „Endlosstrang“ vergossen und das Walzen von Halbzeug übersprungen. (S. 57) Das passierte erst viele Jahrzehnte später beim Gießwalzen. Beim Stranggießen entsteht nach wie vor Halbzeug. An beleglose Synthesen müssen besonders hohe Verlässlichkeitsanforderungen gestellt werden.

Knappe Überblicksdarstellungen für ein überwiegend unkundiges Publikum sind nicht der Ort, um wissenschaftliche Auseinandersetzungen zu führen; aber auf solche hinzuweisen und die wichtigsten unter ihnen aufzuführen, gehört zu den zentralen Aufgaben. So einfach und harmlos, wie in diesem Band dargestellt, war und ist die wissenschaftliche Diskussion um das Verhältnis von Technik und Wirtschaft in Deutschland nicht.

Anmerkungen:
[1] Maddison, Angus, The World Economy, A Millennial Perspective, Paris: OECD, 2001, S. 349, 353.

Zitation
Ulrich Wengenroth: Rezension zu: : Technik und Wirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert. München  2007 , in: H-Soz-Kult, 02.03.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8523>.
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02.03.2007
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