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Titel
Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus


Hrsg. v.
Aly, Götz
Erschienen
Frankfurt/Main 2006: Fischer Taschenbuch Verlag
Umfang
224 S.
Preis
€ 12,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mark Spoerer, Universität Hohenheim

Der hohe Stellenwert, den die NS-Führung „Volkes Stimme“ beimaß, ist bekannt. Weder die Nationalsozialisten noch die Historiker haben jedoch zuverlässige Indikatoren finden können, anhand derer sich Zustimmung und Kritik der „Volksgenossen“ hätten ablesen lassen. Die am häufigsten verwendete Quelle sind die Lageberichte des Sicherheitsdienstes (SD), deren Vor- und Nachteile hinlänglich bekannt sind. Dies hat Historiker allerdings nicht davon abgehalten, mehr oder weniger gut begründete Thesen über den Grad der Zustimmung der Bevölkerung zum Regime und vor allem über die Wendepunkte der Stimmungslage aufzustellen. Wenn es in dieser systematisch bislang nicht erforschten Frage so etwas wie eine herrschende Meinung gibt, dann verortet sie den Höhepunkt der Zustimmung zum Regime im Sommer 1940, also nach dem schnellen Sieg über Frankreich, und den Beginn des Abschwungs mit der Niederlage von Stalingrad im Februar 1943. Der Sturz Mussolinis im Sommer 1943 und die alliierte Invasion im Westen (Juni 1944) beschleunigten den Stimmungsabschwung.

Mit ein wenig Phantasie lassen sich gleichwohl Indikatoren finden, die über die Stimmung der Deutschen Auskunft geben. Angesichts der Gleichschaltung der Medien im Dritten Reich muss man dafür allerdings ungewöhnliche Wege gehen. Ian Kershaw hat in seinem zuerst 1980 erschienenen Buch über den „Hitler-Mythos“ Todesanzeigen für gefallene Soldaten daraufhin untersucht, ob im Wortlaut der „Führer“ vorkommt. Schon 1941, so Kershaw, nahm der prozentuale Anteil der Führer-Nennungen deutlich ab. Dies wertet er als zunehmende Distanzierung der Deutschen, zumindest eines Teils von ihnen, vom Regime.[1] Einen noch ausgefalleneren Indikator haben Thomas Brechenmacher und Michael Wolffsohn in ihrem 1999 erschienenen Buch über die Verwendung deutscher Vornamen vorgestellt. Sie fanden heraus, dass Vornamen wie „Horst“ und „Uta“ vor 1933 eher selten vergeben wurden, danach jedoch geradezu boomten. Der von der NS-Propaganda als Märtyrer gefeierte Horst Wessel und die als Inbegriff germanischer Weiblichkeit verehrte Uta erschienen jungen Eltern offenbar als Vorbilder – während man vor „Adolf“ eher zurückscheute. Auch dieser Indikator ging 1941 etwas und seit 1943 stark zurück.[2]

Götz Aly, der zwei Jahre lang die Gastprofessur für interdisziplinäre Holocaustforschung am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main bekleidete, hat nun versucht, weitere geeignete Indikatoren für die Zustimmung zum Regime zu finden. Dazu setzte er die Teilnehmer eines sich über zwei Semester erstreckenden Forschungsseminars auf, wie er es nennt, „historische Demoskopie“ an. Neben den beiden genannten Indikatoren Namensgebung (1932-1944) und Wortwahl in Todesanzeigen (1940-1944) untersuchten die Studierenden Kirchenaustritte (1937-1941), das Sparverhalten (drei Indikatoren, 1938-1944) und Todesurteile des Volksgerichtshofs gegen Deutsche (1934-1944). Im Unterschied zum Vorgehen der oben genannten Forscher sind die Daten hier, soweit möglich, für Quartale ausgewertet worden, so dass eine etwas feinere Identifizierung der Wendepunkte möglich ist. In einer Synthese kombiniert Albert Müller in seinem Aufsatz die einzelnen Indikatoren zu einem Gesamt-Stimmungsindikator. Götz Aly fügt neben der Einleitung eine Schlussbetrachtung bei, in der er die Ergebnisse der Gruppe in die Forschungslandschaft einbettet.

Aly und seine Mitarbeiter kommen zu einem interessanten Hauptergebnis. Ihnen zufolge sank die Stimmung schlagartig nach dem Überfall auf Polen, was weder durch den schnellen Sieg noch den 1940 über Frankreich errungenen kompensiert werden konnte. Das Zwischenhoch Mitte 1940 verlangsamte den Stimmungsverlust, der sich dann mit Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion rapide fortsetzte. Die Niederlage von Stalingrad beschleunigte den Verfall des Grades der Zustimmung nur noch, der sich längst im freien Fall befand.

Aly und seinem Team scheint klar zu sein, dass die Kritik vor allem bei der Methodik ansetzen wird. In der Tat, kann man Äpfel und Birnen, kann man so unterschiedliche Indikatoren wie Namenshäufigkeiten und Todesurteile zusammenfassen, wie dies Albert Müller im Synthese-Kapitel tut? Dort scheidet Müller zunächst einen – zu Recht – als wenig aussagekräftig erachteten Teilindex („VW-Sparen“) aus und verkettet die übrigen sechs, indem er für jeden Teilindex „+1“ kodiert, wenn er von einem Beobachtungszeitpunkt zum nächsten um mehr als 5 Prozent ansteigt, und „-1“, wenn er um mehr als 5 Prozent fällt. Der Teilindex „Todesurteile“ geht natürlich mit entsprechend umgekehrten Vorzeichen in den Gesamtindex ein. Ansonsten wird der Wert von Null kodiert. Diese Werte werden über die für einen Beobachtungszeitpunkt verfügbaren Teilindices addiert und durch deren Anzahl dividiert. Letztlich fließen also alle genannten Indikatoren je Beobachtungspunkt mit gleichem Gewicht in den Gesamtindex ein, während die individuellen Gewichte im Zeitablauf je nach Anzahl verfügbarer Indikatoren schwanken. Man kann dies natürlich kritisieren; mir erscheint dieses Verfahren aber im Prinzip gangbar – in jedem Falle scheint es ein transparenteres Verfahren der Einschätzung von „Volkes Stimme“ zu sein als auf anekdotische Beobachtung basierende Einschätzungen.[3]

Meines Erachtens muss die Hauptkritik vielmehr an einigen Teilindikatoren ansetzen. Einen Fremdkörper stellen sicherlich die Todesurteile gegen Deutsche dar. Geht der zunehmende Repressionsgrad gegen Deutsche wirklich mit zunehmender Unzufriedenheit (und Unbotmäßigkeit) der Bevölkerung einher? Man kann sich eine Reihe anderer Motive vorstellen, weshalb sich das Regime veranlasst sah, immer mehr Todesstrafen zu verhängen. Bei zwei anderen Indikatoren ist nicht berücksichtigt worden, dass Sättigungseffekte vorliegen dürften. Das Potential an austrittswilligen Gläubigen verringerte sich mit jedem Kirchenaustritt, so dass es naheliegend ist, dass sich nach einigen Jahren mit überdurchschnittlich vielen Austritten die Austrittsrate verlangsamte. Dasselbe Argument gilt für das „Eiserne Sparen“. Diejenigen, die das Eiserne Sparen als sinnvolle Anlage ansahen, werden ihren Vertrag früh abgeschlossen haben. In den Jahren danach hätte sich das Potential für Neuabschlüsse vermutlich in jedem Falle verringert. Insofern verbleiben neben den beiden Indikatoren, die schon von anderen Autoren ausgewertet worden sind, lediglich die Neuabschlüsse von Bausparverträgen als relativ unproblematischer Stimmungsindikator.

Die Tatsache, dass für einige Indikatoren nur jährliche, für andere dagegen halb- oder vierteljährliche Werte vorhanden sind, führt angesichts der geringen Gesamtzahl der Indikatoren zu inkonsistenten Ergebnissen. In seiner Interpretation der Ergebnisse geht Aly stets auf den vierteljährlichen Gesamtindikator ein, der ab 1937 vorliegt (S. 18, 128, 131) und ab dem dritten Quartal 1939 spektakulär fällt. Legt man dagegen den von Müller erstellten jährlichen, schon 1932 beginnenden Indikator der Interpretation zugrunde, so ergibt sich ein abweichendes Bild (S. 125). Demnach schwankte die Popularität des Regimes von 1933 bis einschließlich 1942 nur geringfügig, um erst 1943 steil nach unten abzufallen. Dieses Ergebnis würde also genau diejenigen Historiker wie etwa Hans-Ulrich Wehler bestätigen, denen Aly „methodisch unbefriedigendes“ Vorgehen vorwirft (S. 13, 133f.).

Letztlich muss daher dieses Verdikt auch Aly entgegengehalten werden, der es zudem versäumte, die Ergebnisse von Bruno Frey und seinen Mitarbeitern zu rezipieren.[4] Diese kommen aufgrund von Finanzmarktdaten zu dem Ergebnis, dass man in Schweden schon Ende 1941 und in der Schweiz im Verlaufe des Jahres 1942 am deutschen Sieg zweifelte. Dies mit der Stimmung im Reich zu kontrastieren, wäre interessant gewesen. Doch immerhin haben Aly und seine junge Forschergruppe einen vielversprechenden Anfang gewagt, der über die bisher vorgebrachten eklektischen Ansätze hinausweist. Zudem betonen die Autoren selbst immer wieder das Vorläufige ihres Vorgehens, fordern zur Weiterarbeit auf und haben deshalb ihre Daten im Anhang komplett abgedruckt – das immerhin ist vorbildlich.

Anmerkungen:
[1] Kershaw, Ian, Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Stuttgart 1999, S. 230f.
[2] Wolffsohn, Michael; Brechenmacher, Thomas, Die Deutschen und ihre Vornamen. 200 Jahre Politik und öffentliche Meinung, München 1999, S. 208-237.
[3] Ich habe allerdings nicht nachvollziehen können, weshalb der Betrag der „Summe der Indikatorenwerte“ einen Wert annehmen kann, der größer als die Summe der Indikatoren ist, die ja jeweils nur die Werte +1, 0 oder -1 annehmen können; vgl. S. 210f.
[4] Frey, Bruno S.; Kucher, Marcel, History as Reflected in Capital Markets. The Case of World War II, in: Journal of Economic History, Bd. 60 (2004), S. 468-496, hier S. 478. Frey, Bruno S.; Waldenström, Daniel, Markets work in war. World War II reflected in the Zurich and Stockholm bond markets, in: Financial History Review, Bd. 11 (2004), S. 51-67, hier S. 57-59.

Zitation
Mark Spoerer: Rezension zu: Aly, Götz (Hrsg.): Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus. Frankfurt/Main  2006 , in: H-Soz-Kult, 27.02.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8944>.
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27.02.2007
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