H. Pringsheim: Tagebücher 1935–1941

Cover
Titel
Tagebücher 1935–1941.


Autor(en)
Pringsheim, Hedwig
Herausgeber
Herbst, Cristina
Reihe
Hedwig Pringsheim (9)
Erschienen
Göttingen 2021: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
861 S., 31 Abb.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katerina Piro, Wirtschaftsgeschichte, Universität Mannheim

Nun liegt er vor, der neunte und letzte Band der Tagebücher von Hedwig Pringsheim (1855–1942) und schließt ein Editionsprojekt ab, das seit 1999 von der Thomas-Mann-Lektorin Cristina Herbst vorbereitet, betreut und bearbeitet wurde und ab 2013 in jährlichem Rhythmus im Wallstein Verlag erschienen ist. Hedwig Pringsheim bietet eine willkommene Alternative zum männlichen Blick auf die Gesellschaft, wie ihn die als „Tagebuchschreiber“ bekannt gewordenen Männer geprägt haben (so z.B. Ferdinand Beneke, Graf Kessler, Victor Klemperer oder Samuel Pepys).

Hedwig Pringsheim war keine Person des öffentlichen Lebens und ist doch nicht gänzlich unbekannt. Der Thomas-Mann-Forschung dienten die Tagebücher seiner Schwiegermutter schon lange vor ihrer Edierung als wichtige Quelle.1 Hedwig Pringsheim war jedoch mehr als nur Schwiegermutter, sie war Mäzenin, Gastgeberin und Freundin der kulturellen Elite Münchens um 1900; außerdem Tochter des „Kladderadatsch“-Herausgebers Ernst Dohm und der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. Ihre Kindheit verbrachte sie in Berlin, war dann wenige Jahre Schauspielerin am Meininger Theater und verbrachte ihr Erwachsenenleben als wohlhabende Ehefrau eines Erben und Professors in München. Im 9. Band der Edition ist Hedwig Pringsheim zu Beginn 79 Jahre alt, weshalb das Tagebuch für Forschende der Alterswissenschaft eine lohnende Quelle sein dürfte.

Der 9. Band der Edition beginnt leider 1935 und nicht 1933, was zwar aus editionstechnischer Sicht verständlich ist, aber dazu führt, dass zunächst zu Band 8 (1929–1934) gegriffen werden muss, um Zusammenhänge zu verstehen und in den Lesefluss zu kommen. Hier findet man einen von Hedwig Pringsheim beschriebenen Alltag, der stark vom Nationalsozialismus geprägt wurde, sich aber andererseits kaum von den Jahren zuvor unterschied. Stichwortartig führte sie Tagebuch über Begegnungen, Erledigungen oder Ereignisse und zwar über jeden Tag, aber nicht unbedingt an jedem Tag. So am 7. Juni 1936: „Familienleben. Dann gestern begonnenen Brief an Katja nach Budapest beendet. Karte von den „Kleinen“ aus Sanary. Spaziergang allein. Beim Thee Ehepaar Cornides mit Son Karl, netten angehme[n] Menschen, blieben lange. Abend ganz gutes Wagner-Koncert von hier.“ Ein aufwendig recherchiertes und kommentiertes Personenregister sowie die Einleitung helfen, die stets kurzen und kargen Einträge zu verstehen. Zu den häufig erwähnten Kulturveranstaltungen werden zeitgenössische Zeitungskritiken zitiert. Beim hier erwähnten „Wagner-Koncert“ handelte sich um eine Radio-Übertragung aus München, deshalb der Zusatz „von hier“. Dies entsprach einem neuen Kulturkonsumverhalten und war für das alte Ehepaar zudem komfortabel. Als im Zuge der November-Pogrome das Radio von „4 Mann von der politischen Polizei“ abgeholt wurde, konnten Pringsheims dank ihres über Jahrzehnte aufgebauten und gepflegten Münchner Netzwerks schon am folgenden Tag einen neuen „Plattenapparat“ in Betrieb nehmen (Einträge vom 12. und 13. November 1938). Es war diesem Netzwerk zu verdanken, dass sie kaum schlimmere Schikanen erlebten, denn Alfred Pringsheim galt im „Dritten Reich“ als „Jude“, seine Frau als „Mischling“ (S. 15). Entsprechende NS-Verordnungen, die Pringsheims betrafen, werden nicht nur in der Einleitung umfassend erläutert, dreizehn NS-Verordnungen, Gesetze und Proklamationen werden im Anhang in Gänze wiedergegeben (S. 581–626), was redundant erscheint, da diese an anderer Stelle gut dokumentiert und zugänglich sind; ein Verweis hätte genügt.2

Für das alte Ehepaar Hedwig und Alfred Pringsheim – kurz vor den November-Pogromen feierten sie Diamantene Hochzeit (vgl. Eintrag vom 23. Oktober 1938) – waren die Jahre im braunen München eine immer größere Zumutung. Zwar mussten sie nie wirklich darben, bis zuletzt verfügten sie über drei Bedienstete und unterstützten diese, Freunde und Familienmitglieder auch finanziell. Doch der Reichtum der Familie wurde durch Sonderbesteuerungen und Enteignungen immer geringer, die wertvollen Sammlungen wurden verschenkt oder unter Wert verkauft, das herrschaftliche Anwesen in der Arcissstraße bereits 1935 zwangsverkauft, um den Münchner Führerbauten zu weichen.3 Das Tagebuch dokumentiert auch das Zaudern der Pringsheims ins Exil zu gehen, obwohl sie von den in Tokio, Brüssel, Zürich und später Amerika lebenden Kindern Katia Mann, sowie Peter und Klaus Pringsheim, zum rechtzeitigen Aufbruch aufgefordert wurden. Hedwig Pringsheims Tagebucheinträge verdeutlichen das Dilemma, in dem sich verfolgte Menschen befinden, bevor sie sich auf die Flucht begeben: alltägliche Routinen und Begegnungen lenken ab und immer gibt es noch etwas zu erledigen (Alfred Pringsheim wollte zunächst die Sammlungen und Vermögensfragen regeln, vgl. S. 18f.). Die fehlende Dringlichkeit ist in diesem Tagebucheintrag vom 28.2.1939 zu erkennen: „Von ½ 10 bis ½ 11 auf dem Polizei-Revier, ‚Kennkarten‘ abgeholt (wobei doch in die saure ‚Sara‘ beißen mußte), Fingerabdrücke, eine ganz langweilige Procedur, übrigens mit netten, höflichen Beamten.“ Die späte Flucht in die Schweiz gelang erst nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs u.a. mithilfe des „nette[n] gefällige[n] Sturmführer[s] Heß“ (Eintrag vom 27. Oktober 1939). Das Böse in Deutschland war also nicht nur banal, sondern auch höflich und nett. Band 9 der Tagebücher ist eine durchaus relevante Quelle zur NS-Gesellschaft.

Ein halbes Jahr vor ihrem Tod 1942 enden Hedwig Pringsheims Aufzeichnungen. Die letzten Einträge sind hilflos und berührend: nach dem Tod ihres Mannes veränderte sich ihr Schreibstil, der fast 60 Jahre lang immer gleichgeblieben war. Somit geben die Tagebücher Einblick in eine sich im Lebensverlauf wandelnde weibliche Schreibpraxis, ebenso wie in den schriftlich manifestierten geistigen Verfall der einst so regen, klugen und scharf-kritischen Beobachterin.

Enthalten in Band 9, wie auch in den anderen Bänden, sind diverse Register (Personen, Erläuterungen, Lektüren; allerdings fehlt leider ein Sachregister!), sowie eine zusammenfassende Einleitung der Herausgeberin Cristina Herbst (S. 15–109), die sowohl aus den Tagebüchern als auch aus den parallel geschriebenen und bereits edierten Briefen Hedwig Pringsheims an die Tochter Katia Mann schöpft, um die Lebenssituationen aller wichtiger Personen aus Familien- und Freundeskreis deskriptiv zu erläutern und auf Lücken hinzuweisen.4 Auf eine historische Einordnung wurde, über die Zusammenhänge zum NS hinaus, weitestgehend verzichtet. Die zusätzlichen Dokumente, wie Sterbeanzeigen und Testament, Fotos und Stammtafeln der weitverzweigten Familie, sind flankierend nützlich. Die hier edierten Briefe des Sohnes und Physikers Peter Pringsheim (1881–1963), vorwiegend aus der Zeit seiner Internierung in Frankreich, würden in einer eigenen Edition oder Biografie besser zur Geltung kommen (S. 657–727) als im Anhang dieses Tagebuchbandes.

Für ein besonderes Lesevergnügen sorgen die teils repetitiven und drögen Tagebucheinträge nur bedingt (die umfassende Einleitung jedoch umso mehr). Zu weit sind Hedwig Pringsheims Notizen von einem introspektiven narrativen Schreiben entfernt. Ihr Tagebuch unterstreicht jedoch, was Li Gerhalter jüngst für das Tagebuch-Genre konstatierte: „diaristisches Schreiben“, so Gerhalter, zeichne sich insbesondere durch seine „Vielfältigkeit“ aus.5 Der Quellenwert der Tagebücher ist jedenfalls groß, sowohl für die Kultur-, Alltags- und Bürgertumsforschung, für die historische Frauen- und Geschlechterforschung, sowie für die Forschung zu München im Nationalsozialismus, Holocaust- und Exilforschung oder Konsumgeschichte. Die Möglichkeit eines digitalen Zugriffs auch für quantitative Auswertungen, zum Beispiel für die Begriffsgeschichte, wäre zudem sinnvoll und sollte von Verlagen und Herausgebern von Editionen immer erwogen und angeboten werden.

Anmerkungen:
1 Bereits der Thomas-Mann-Biograph Peter de Mendelssohn bediente sich dieser Tagebücher, die sich in den Nachlässen von Golo Mann und Katia Mann befanden und nun im Thomas-Mann-Archiv in Zürich verwahrt werden (S. 11). Vgl. Peter de Mendelssohn, Der Zauberer. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann. 1875–1918, Frankfurt am Main 1975.
2 Zum Beispiel hier: http://www.ns-quellen.at (24.06.2022).
3 Alexander Krause, Arcisstraße 12. Palais Pringsheim – Führerbau – Amerika Haus – Hochschule für Musik und Theater, München 2005; Emily D. Bilski, „Nichts als Kultur“ – Die Pringsheims, München 2007 (Ausstellungskatalog); Dirk Heißerer, Die wiedergefundene Pracht. Franz von Lenbach, die Familie Pringsheim und Thomas Mann, Göttingen 2009.
4 Dirk Heißerer (Hrsg.), Hedwig Pringsheim. Mein Nachrichtendienst. Briefe an Katia Mann 1933–1941, 2 Bde., Göttingen 2013.
5 Li Gerhalter, Tagebücher als Quellen. Forschungsfelder und Sammlungen seit 1800, Göttingen 2021, S. 410.

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