J. Bacher u.a. (Hrsg.): Akteneinsicht

Cover
Titel
Akteneinsicht. Marie Jahoda in Haft


Herausgeber
Bacher, Johann; Kannonier-Finster, Waltraud; Ziegler, Meinrad
Reihe
transblick (16)
Erschienen
Innsbruck 2021: Studienverlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 26,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Edgar Forster, Departement Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Université de Fribourg

Marie Jahoda – sozialistische Kämpferin gegen den Austrofaschismus in Wien, inhaftiert und anschließend nach England ausgewiesen. Marie Jahoda – Mitverfasserin der berühmten Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“. Weder in der (österreichischen) Nachkriegspolitik noch in sozialistischen Bewegungen nach 1945 spielte Jahoda eine bedeutende Rolle, und in den Sozialwissenschaften erreichte die Marienthalstudie erst in den 1970er-Jahren überregionale Aufmerksamkeit. Jahoda hat nie ein Programm verkündet, nie eine Theorie entworfen oder ein Lebenswerk begründet. Wie erklärt sich ihr später und bis heute anhaltender Ruhm in Österreich und Deutschland? Jahoda verkörpert wie nur wenige den Typus einer unabhängigen, politisch engagierten, verantwortlichen Sozialwissenschaftlerin, die ungeachtet persönlicher Konsequenzen für Werte wie Solidarität und Gerechtigkeit eintritt. Wo sie forscht, will sie verändern, und wo sie arbeitet, mischt sie sich politisch ein.

Dass wir heute mehr über Jahodas Forschungen und ihren politischen Aktivismus wissen, verdanken wir Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler, den Herausgeber:innen einer sorgsam recherchierten und ästhetisch eindrucksvoll gestalteten Marie-Jahoda-Edition im Innsbrucker StudienVerlag. Als erster Band ist 2017 Jahodas Dissertation erschienen[1], danach die im englischen Exil entstandene Studie „Arbeitslose bei der Arbeit“[2] sowie Aufsätze und Essays.[3] „Akteneinsicht – Marie Jahoda in Haft“ ist der vierte Band der Edition. Anders als in den vorhergehenden Bänden kommt Jahoda nicht mit eigenen Texten zur Sprache, sondern „Akteneinsicht“ dokumentiert das politische Engagement von Jahoda im Austrofaschismus, ihre Inhaftierung und ihren Prozess 1936/37, die Freilassung aufgrund internationaler Interventionen und ihre erzwungene Emigration nach England 1937.

Im ersten Beitrag „Den Tatbestand leugnen, nicht aber die Gesinnung“ rekonstruieren Horst Schreiber und Meinrad Ziegler die neun Monate dauernde Haft Jahodas, den Prozess vor dem Wiener Landesgericht und die anschließende Ausbürgerung aus Österreich. Die detaillierte Darstellung dieser Zeit beruht auf zwei Quellen: Zum einen stützt sich die Aufarbeitung auf den 450 Seiten umfassenden Gerichtsakt „Strafsache Marie Jahoda-Lazarsfeld“, zum anderen auf Jahodas Texte und Lebenserinnerungen aus den 1980er- und 1990er-Jahren sowie auf Erinnerungen von Zeitgenossen. Die penibel ausgewerteten Dokumente lassen das Bild einer Aktivistin mit verblüffender Widerstandskraft entstehen. Schreiber und Ziegler verwenden den Begriff des von Jahoda in späteren Jahren untersuchten Begriff des „Nonkonformismus“[4], um ihr Verhalten in der Haft zu beschreiben. Nonkonformistisches und widerständiges Handeln werde dann wahrscheinlich, „wenn eine Person die Sache, um die es geht, so ernst nimmt, dass sie mit ihrem Handeln auch bereit ist, soziale Beziehungen oder die berufliche Stellung zu riskieren“ (S. 83).

Im zweiten Beitrag erforscht Andreas Kranebitter die Funktionsweise des Austrofaschismus. In seiner mikrosoziologischen Studie zeigt er, wie Polizei und Justiz zwischen 1934 und 1938 immer rigoroser gegen sozialistische und kommunistische Gruppen vorgehen und den Rechtsstaat aushebeln. Die austrofaschistische Politik, die politische Opposition vorbeugend zu bekämpfen, könne als „Bürgerkrieg mit anderen Mitteln“ (S. 93) interpretiert werden. Aktivistinnen wie Marie Jahoda oder Rosa Jochmann haben sich auf die Illegalität und mögliche Verhaftung vorbereitet. So nützten sie bei ihren Verteidigungsstrategien unter anderem konservative Geschlechterrollenklischees, um ihre politischen Positionen und Verbindungen zu leugnen. Die österreichische Nachkriegsgeschichte, die auch den weiteren Lebensweg Jahodas beeinflusst hat, lässt die Bedeutung dieser Kämpfe in einem besonderen und auch bitteren Licht erscheinen. Im Epilog „Über die österreichische Trägheit des Herzens“ erinnert Kranebitter an das getrübte Verhältnis zwischen den Sozialisten wie Adolf Schärf oder Oskar Helmer und den politischen Aktivist:innen aus der Zwischenkriegszeit, die nicht mehr in das Bild einer „entideologisierten Partei“ passen, wie der Widerstandskämpfer und Antifaschist Josef Hindels kritisiert hat (S. 149).

Im dritten Beitrag „Politisch engagiert, am Beispiel Marie Jahoda“ erörtert Christian Fleck die Bedeutung des politischen Engagements und versteht darunter, dass eine politisch aktive Person „eigene Zeit und Kraft darauf verwendet, die sie umgebende Welt aus einer bestimmten [...] Weltanschauung zu betrachten, die sich daraus ergebenden Urteile über diese Welt anderen mitteilt, sie mit ihnen diskutiert und sie überzeugen will“ (S. 168). Er skizziert die allmähliche politische Sozialisation der Schülerin Marie Jahoda im roten Wien. Sehr bald engagiert sie sich in der „Vereinigung sozialistischer Mittelschüler“, dann im „Verband sozialistischer Studenten. Sie veröffentlicht Texte und hält Reden. Auch als junge Wissenschaftlerin – sie reichte 1932 ihre Dissertation ein und arbeitete an der Studie über die Arbeitslosen von Marienthal mit – ist politisches Engagement ein wichtiger Teil ihres Lebens. Nach den Februarkämpfen 1934 und dem Verbot linker Parteien und Verbände führen Jahoda und andere ihre politischen Aktivitäten illegal weiter, und die international bekannte Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle diente auch der Tarnung ihrer politischen Arbeit.

Fleck beschreibt Jahodas politischen Aktivismus über ihre ganze Lebensspanne. Damit ist aber auch die Gefahr verbunden, Jahodas Vorkriegsjahre als Aktivistin der Revolutionären Sozialisten als Maßstab für politisches Engagement in England und den USA zu nehmen. Daraus mag auch die zwiespältige Einschätzung resultieren, dass sich Jahoda ab der Mitte ihres Lebens „in den ruhigeren Fahrwassern der Wissenschaftlerin [bewegte], was sie nicht abhielt, politisch heftig umstrittene Themen zum Gegenstand ihrer Arbeit zu wählen“ (S. 223). Auch Flecks Urteil, dass sich Jahodas Öffnung ihrer politischen Gesinnung hin zur Weltsicht einer parlamentarischen Demokratie eher „zufällig“ (aufgrund der privaten Verbindung mit dem englischen Parlamentsabgeordneten und in den 1960er-Jahren Wirtschaftsminister Austen Albu) geändert habe, scheint mir Jahodas politischen Überzeugungen und ihrer engagierten sozialwissenschaftlichen Haltung nicht völlig gerecht zu werden. Die Ernüchterung Jahodas über die Wirkung ihrer Mitarbeit in sozialistischen Zirkeln – „Ich habe die Welt nicht verändert“[5] – sollte nicht über den beständigen Kampf für politische Ideale wie Solidarität und Gerechtigkeit hinwegtäuschen.

Die Lebensgeschichte von Marie Jahoda ist auch eine gewiss nicht einfache Familiengeschichte. Daran erinnert Lotte Bailyn, die Tochter von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld, im Epilog „Erinnerungen an Wien“. Zwischen den Zeilen der knappen Notizen lässt sich etwas vom Aufwachsen im zunehmend autoritär regierten Wien und der Emigration in die USA erahnen.

Der vierte Band „Akteneinsicht“ der Marie-Jahoda-Edition gibt erstmals Einblicke in Jahodas Jahre als sozialistische Aktivistin im Kampf für eine sozialistische Revolution und gegen den Austrofaschismus. Die Beiträge basieren auf detaillierten Archivrecherchen zu den Vernehmungen und dem Prozess, aber auch zur Funktionsweise der austrofaschistischen Polizei und Justiz gegen die linke Opposition. Der Widerstand sozialistischer Gruppen bildet die Erzählperspektive und macht die Geschichte des Austrofaschismus auf eine Weise lebendig, die nach 1945 nur allzu gern und zu rasch dem Vergessen überantwortet wurde. Dass diese Zwischenkriegsjahre auch von engagierten Wissenschaftler:innen wie Marie Jahoda geprägt wurden, sollte uns heute zu denken geben. Die vier Bände der Marie-Jahoda-Edition bieten nicht nur wertvolle zeithistorische Einblicke, sondern auch reichlich Anregung für eine Reflexion heutiger Herausforderungen einer engagierten Sozialwissenschaft.

Anmerkungen:
[1] Marie Jahoda, Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850–1930. Dissertation 1932, mit einem Porträt über die Autorin von Christian Fleck, hrsg. von Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler, Innsbruck 2017.
[2] Marie Jahoda, Arbeitslose bei der Arbeit, hrsg. von Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler, Innsbruck 2019.
[3] Marie Jahoda, Aufsätze und Essays, hrsg. von Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler, Innsbruck 2019.
[4] Marie Jahoda, Konformität und Unabhängigkeit, in: Dies., Aufsätze und Essays, S. 243–275.
[5] Dies ist der Titel eines Buches: Marie Jahoda, „Ich habe die Welt nicht verändert“ – Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung, hrsg. von Steffani Engler und Brigitte Hasenjürgen, Frankfurt am Main 1997.

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Veröffentlicht am
10.03.2022
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